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Herausforderung Lieferkette: Unternehmen sind verpflichtet, negative Auswirkungen auf Umwelt und Menschenrechte zu identifizieren und zu mildern. Foto: ISTOCK

Wirtschaft Partner Inhalt: Berner Fachhochschule

Die Falle des schnellen Gewinns

Nachhaltige Unternehmen agieren transparent, denken über den Tag hinaus – und sind damit erfolgreich, wie der Logistikexperte Nathan Kunz betont. Er ist Professor am Institut Sustainable Business der Berner Fachhochschule – Wirtschaft.

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Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt die Wirtschaft heute wie nie zuvor. Was zeichnet eigentlich nachhaltige Unternehmen aus?

Nathan Kunz: Nachhaltige Unternehmen wissen, dass langfristiger Erfolg nur dann möglich ist, wenn alle Dimensionen der Nachhaltigkeit berücksichtigt werden; also die finanzielle, soziale und ökologische Performance. Wichtig ist aber, dass die Unternehmen diese Dimensionen nicht nur verstehen, sondern die Nachhaltigkeit auch tagtäglich in ihren Geschäftsentscheidungen mittragen. Unternehmen, die nicht wirklich nachhaltig sind, wissen zwar auch, dass Nachhaltigkeit für die langfristige Leistung wichtig ist, aber sie stellen bei ihren Geschäftsentscheidungen nur eine Dimension in den Vordergrund: den Gewinn. Solche Unternehmen machen nur dann Schritte in Richtung Nachhaltigkeit, wenn Kunden oder Aktionäre dies verlangen. Sie neigen dazu, sich auf einfache Massnahmen zu konzentrieren, die ihre Kosten senken. Diese Unternehmen laufen eher Gefahr, Greenwashing oder Socialwashing zu betreiben.

Unternehmen arbeiten in der Regel stark vernetzt, über komplexe Lieferketten – von der Rohstoff- beschaffung bis zur Auslieferung fertiger Produkte an die Kunden. Was zeichnet eine nachhaltige Lieferkette aus?

Sie ist vor allem transparent. Das Hauptunternehmen der Lieferkette weiss jederzeit genau, was wo produziert wird, und ist sich der Arbeitsbedingungen und der Emissionen bewusst, die auf jeder Stufe der Lieferkette entstehen.

Eine solche vollständige Transparenz ist natürlich selten, aber Unternehmen mit nachhaltigen Lieferketten bemühen sich um dieses Ziel. Ausserdem zielt eine nachhaltige Lieferkette darauf ab, mit den Lieferanten zusammenzuarbeiten und die Nachhaltigkeitsleistung entlang der Wertschöpfungskette zu verbessern.

Im Gegensatz dazu wird ein Unternehmen mit einer nicht wirklich nachhaltigen Lieferkette nur versuchen, minimale Vorschriften (wenn überhaupt) zu erfüllen, wobei man sich oft nur auf die Einhaltung von Gesetzen konzentriert und sich auf fragwürdige Zertifikate und vage Aussagen der Lieferanten verlässt. Ein solches Unternehmen will sich nicht mit der Komplexität der Lieferkette befassen, weil es lieber nicht weiss, welche Probleme sich in dem komplexen Lieferantennetz verbergen.

Warum ist die Lieferkette so wichtig, wenn es darum geht, Klima und Menschenrechte zu schützen?

Die Lieferkette ist ein vielschichtiges Netz von formellen und informellen Beziehungen. Gleichzeitig führt die geografische und vertragliche Distanz zwischen dem Hauptunternehmen und seinen Lieferanten und Unterlieferanten zu einem Mangel an Transparenz. Wenn ein Zulieferer unter starkem Preisdruck steht, wenig sichtbar ist und in einem laxen rechtlichen Umfeld arbeitet, wird er versuchen, auf Kosten der Umwelt und der Arbeitnehmer zu sparen.

Nathan Kunz

«Der Preisdruck bei Nahrungsmitteln hat in vielen Ländern der Welt zu ausbeuterischen Arbeitsbedingungen geführt.»

Nathan Kunz

Berner Fachhochschule (BFH)

Welche Pflichten stehen Unternehmen hinsichtlich ihrer Lieferketten jetzt und zukünftig bevor? Die Vorschriften werden ja national und international zunehmend verschärft.

Es wird immer mehr Vorschriften zur Transparenz in der Lieferkette geben. Die EU-Richtlinie über die Sorgfaltspflichten von Unternehmen im Hinblick auf Nachhaltigkeit, kurz CSDDD, ist gerade im Europäischen Rat verabschiedet werden. Diese Sorgfaltspflicht verlangt von Unternehmen, tatsächliche oder potenzielle negative Auswirkungen auf die Menschenrechte und die Umwelt zu identifizieren und Massnahmen zu ergreifen, um deren Auswirkungen zu mildern. Es handelt sich dabei eher um eine Managementverpflichtung als um eine Nachhaltigkeitsgarantie. Vielversprechender für transparente und saubere Lieferketten sind die lokale Beschaffung von Waren bei bekannten Lieferanten und die Verkürzung der Lieferketten. Aber das ist natürlich nicht für alle Produkte möglich.

Was sind die wichtigsten Schritte, um eine nachhaltige Lieferkette, angefangen mit der Beschaffung, zu erreichen?

Erstens sollten die Unternehmen ihre Zulieferer auch anhand von Nachhaltigkeitskriterien auswählen und bewerten und nicht nur nach Preis oder Qualität. Damit bekommen die Lieferanten einen Anreiz, sich ernsthaft mit dem Thema Nachhaltigkeit zu befassen und es als Unterscheidungsmerkmal zu nutzen.

Zweitens sollten Unternehmen mit Konkurrenten gemeinsame Nachhaltigkeitsstandards für ihre Lieferanten festlegen. Sogenannte Multistakeholder-Initiativen sind ideale Instrumente, um einen ganzen Sektor zu mehr Nachhaltigkeit zu bewegen, und wurden bereits bei Agrarrohstoffen wie Holz, Kakao oder Kaffee eingesetzt.

Drittens sollte ein Unternehmen seine Zulieferer entwickeln und ihnen helfen, sich in Richtung Nachhaltigkeit zu bewegen. Dies erfordert einige Investitionen und gegenseitiges Vertrauen, hat aber das Potenzial, langfristige Beziehungen zwischen Lieferanten und Unternehmen zu schaffen – eine Art Win-win-Situation für alle Beteiligten.

Werden Schweizer Firmen bereits nach den Prinzipien und Regeln einer nachhaltigen, verantwortungsvollen Unternehmensführung geleitet?

Es ist schwierig, allgemeine Aussagen zu treffen. Ich denke aber, dass traditionelle Schweizer Familienunternehmen bereits viele der Nachhaltigkeitsprinzipien leben. Diese Unternehmen wissen, dass sie eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft haben, indem sie zum Beispiel Mitarbeitende mit einem Handicap einstellen, mit lokalen Kleinunternehmen zusammenarbeiten oder den Einsatz von Chemikalien vermeiden, die die Umwelt schädigen würden. In den letzten Jahrzehnten sind aber viele Unternehmen in die Falle des kurzfristigen Gewinnstrebens getappt, um ihre Aktionäre zufriedenzustellen, und dabei sind viele dieser Nachhaltigkeitsprinzipien verloren gegangen.

Ein anderes Forschungsgebiet, mit dem Sie sich befassen, sind «Humanitarian Logistics». Was ist darunter zu verstehen?

Dieser Bereich befasst sich mit der Logistik und dem Lieferkettenmanagement bei der Unterstützung von humanitären Einsätzen. Ziel ist es, Leben zu retten und das Leid der betroffenen Bevölkerung zu lindern. Kurz gesagt, es umfasst alle logistischen Aktivitäten, die von humanitären Organisationen wie dem Internationalen Roten Kreuz, Ärzte ohne Grenzen oder dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) durchgeführt werden.

Was sind die grössten Herausforderungen?

Die humanitäre Logistik unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der kommerziellen Logistik, denn die Nachfrage ist unvorhersehbar, und die Reaktion muss in einem Notfall sofort erfolgen, um so viele Menschenleben wie möglich zu retten. Derzeit konzentriert sich die humanitäre Logistik mehr und mehr auf die Nachhaltigkeit, denn die Hilfsmassnahmen sollten die Umwelt nicht schädigen. Zum Beispiel ist die Lieferung von Wasserflaschen per Hubschrauber nicht gut für die Umwelt. Stattdessen sind tragbare Wasserfilteranlagen eine viel nachhaltigere Option.

Sie beschäftigen sich auch mit dem Thema «Modern Slavery». Wie viele Menschen weltweit sind davon betroffen?

Dies ist mein zweiter Schwerpunkt, den ich hauptsächlich in globalen landwirtschaftlichen Lieferketten erforsche. Der Preisdruck bei Nahrungsmitteln hat in vielen Ländern der Welt zu ausbeuterischen Arbeitsbedingungen geführt. Derzeit arbeiten 50 Millionen Menschen weltweit unter Bedingungen der modernen Sklaverei. Oft sind undokumentierte Migranten von diesem Problem am meisten betroffen.

Was sind die grössten Herausforderungen bei Ihrer Forschung im Bereich Humanitarian Logistics und Nachhaltigkeit?

Es ist oft schwierig, die Finanzierung für Forschungen im humanitären Bereich zu finden. Da die meisten dieser Probleme weit weg von der Schweiz auftreten, sind Unternehmen oder Institutionen weniger geneigt, diese Art von Forschungsprojekten zu finanzieren. Kürzlich habe ich mit einer Nichtregierungsorganisation an einem Vorschlag für ein Projekt gearbeitet, das Probleme mit Medika- mentenvorräten in 188 000 Gesundheitszentren in einem grossen Entwicklungsland beheben könnte. Die typischen Finanzierungsmechanismen für die Forschungsförderung in der Schweiz decken diese Art von Projekten jedoch nicht ab, weil sie hier nicht vorkommen. Es ist frustrierend, zu sehen, dass ein Projekt mit einer so grossen potenziellen Wirkung aufgrund fehlender Finanzierung nicht durchgeführt werden kann. Meine Hoffnung ist es, Stiftungen oder Finanzierungsinstrumente zu finden, die solch wirkungsvolle Forschung finanzieren könnten.

Foto: BFH

Nathan Kunz Berner Fachhochschule (BFH)

Deklaration: Dieser Inhalt wurde vom Sustainable Switzerland Editorial Team im Auftrag der BFH erstellt.

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