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Klima & Energie

Hitzetauglich? Paris bei 50 Grad

In der französischen Hauptstadt wächst die Sorge, dass man für die Auswirkungen des Klimawandels nicht gut genug gerüstet ist. Schon in wenigen Wochen erwartet Paris Millionen Menschen zu den Olympischen Sommerspielen.

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25 Juni 2032, acht Uhr früh. Zeit für die Nachrichten. «Seit zehn Tagen liegt Paris unter einer nie dagewesenen Hitzeglocke. Der Wetterdienst hat schon 44,7 Grad gemessen, aber es kommt schlimmer. Wir erwarten Höchstwerte um 50 Grad», sagt eine Sprecherin.

Die fiktive TV-Sendung ist Teil des Krisenszenarios «Paris bei 50 Grad». So heiss wird es in der französischen Hauptstadt noch nicht. Der bisherige Rekord beträgt 42,6 Grad. Aber auch das ist unerträglich. Die Fachzeitschrift The Lancet Planetary Health hat ein Negativ-Ranking veröffentlicht, wonach Paris bei Hitzewellen die tödlichste Stadt in Europa ist. Die Frage drängt: Wie sehr und wie schnell muss sich Paris verändern, um auch im Sommer bewohnbar zu bleiben?

Um Antworten zu finden, hat das Rathaus im vergangenen Oktober erstmalig eine Katastrophenübung Hitze abgehalten. Pénélope Komitès, beigeordnete Bürgermeisterin für Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit der Stadt, will den Pariserinnen und Parisern zeigen, «dass wir uns vorbereiten und Lösungen suchen, damit die Menschen auch in Extremsituationen möglichst normal leben können». Vormittags wurde durchgespielt, wie Lehrer ihre Schüler in einer Tiefgarage unterrichten, wo es kühl bleibt. «Die Anwohner sollen mit solchen Szenarien vertraut und zu Akteuren gemacht werden.»

Handeln sollen auch die Wohnungseigentümer. Deshalb gibt es das städtische Förderprogramm «Öko-Renovieren wir Paris». «Wir rechnen damit, dass es in Paris so heiss werden wird wie im spanischen Sevilla, mit Temperaturen bis zu 50 Grad, spätestens im Jahr 2030. Die Stadt muss sich darauf einstellen», sagt Dan Lert, beigeordneter Bürgermeister für ökologischen Wandel und den Klimaplan.

Schlecht isolierte Dächer

Ein Grossteil der Wärme, die eine Stadt im Sommer speichert, kommt von den Dächern. In Paris sind fast 80 Prozent aller Gebäude mit Zink und Schiefer bedeckt. Und die wenigsten sind isoliert.

Die graue Dachlandschaft mit den vielen Mansarden ist den strikten Stilvorgaben des Stadtplaners George Eugène Haussman zu verdanken, der Paris vor 170 Jahren modernisierte. Für die flachen Abschnitte ist Zinkblech das beste Material. Die steilen Abschnitte sind traditionell mit Schiefer gedeckt. Neues Zinkbleck ist hell und reflektiert etwa 50 Prozent der Sonneneinstrahlung. Es erhitzt sich zwar schnell, kühlt aber auch rasch wieder ab – vorausgesetzt, das Dach ist gut isoliert und belüftet.

Ein Fünftel aller Gebäude in Paris wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut. Viele sind noch schlechter isoliert als die Gebäude im Haussmann-Stil. Ob alt oder neu: Eine Million Privat-Wohnungen in Paris sind Teil einer Wohneigentümergemeinschaft. Derzeit werden pro Jahr etwa 2000 Privatwohnungen saniert. Das Ziel sind 40 000 – der Weg ist also noch weit. Das ehrgeizige Klimaziel der Stadt lautet: Der Energieverbrauch aller Wohnungen soll halbiert werden.

Urbane Wälder zur Abkühlung

2023 hat der Stadtrat auch das Projekt eines neuen Flächennutzungsplans verabschiedet, den er «bioklimatisch» nennt. Das heisst: Bei jedem Bauvorhaben sollen auch kühle Inseln entstehen, Zufluchtsorte. Und weil Bäume bekanntlich das beste Mittel gegen Hitze sind, soll Paris um 300 Hektar grüner werden. Doch die Suche nach freien Flächen ist mühsam. Zunächst werden vor allem Schulhöfe, Plätze und Strassen entsiegelt und bestehende Parkanlagen erweitert.

Oberbürgermeisterin Anne Hidalgo will in ihrer Amtszeit 170 000 Bäume pflanzen. Einige davon sollen zu «forêts urbaines» heranwachsen. Der erste «urbane Wald» wurde gerade auf einem Platz im Montparnasse-Viertel gepflanzt. Wo früher nackter Asphalt war, wachsen jetzt 470 Bäume in der Erde, dicht an dicht. «Im diesem Wäldchen mit seiner kleinen Lichtung wird es vier Grad kühler sein als ausserhalb», verspricht Hidalgo.

Tangui Le Dantec, Dozent für Umwelttechnik und angewandte Ökologie an einer Pariser Hochschule, ist skeptisch. «Das komplexe Ökosystem Wald funktioniert nicht auf Befehl. Die Bäume haben viel zu wenig Erdreich pro Wurzel, sie werden verkümmern. Und mit dem komplexen Ökosystem eines Walds, seiner vielfältigen Fauna und Flora, hat die Anlage rein gar nichts gemein.»

Szenarien durchgespielt

Zurück zur echten Krisenübung mit ihrer fiktiven TV-Sendung. «Die Hitzewelle hält Paris seit zehn Tagen gefangen, heute haben wir 50 Grad verzeichnet», sagt die Sprecherin. «Es gab Stromausfälle. Die Reparaturen können aber erst gegen Abend ausgeführt werden, weil die Gesundheit der Arbeiter geschützt werden muss.»

Am Nachmittag wurden zwei (weitere) Szenarien durchgespielt. Ein Altersheim benötigt dringend zusätzliches Hilfspersonal, aber eine wichtige S-Bahn-Verbindung ist ausgefallen. Der Krisenstab ruft die Polizei an. Sie soll Sanitäter des Roten Kreuzes von ihren Wohnorten ins Altersheim transportieren. Zwei Grundschulklassen suchen unterdessen in einem Tunnel der ehemaligen Eisenbahnringlinie Zuflucht. Schon vor dem Eingang ist die Luft deutlich kühler. Innen steigt sie nicht über 20 Grad.

Zufluchtsorte für Hitzetage

Alexandre Florentin lässt sich kein Detail entgehen. Der 38-Jährige sitzt als Mitglied der Öko-Splitter-Partei Les Ecologistes im Stadtrat von Paris. Im vergangenen Jahr konnte er durchboxen, dass Anne Hidalgo eine parteiübergreifende Kommission «Paris bei 50 Grad» ins Leben rief, die er selbst geleitet hat.

Der Ingenieur begrüsst die Katastrophenübung, äussert aber auch Kritik: «Bei 43 Grad Hitze ist zu erwarten, dass in Paris viele Klimaanlagen ausfallen. Eine solche Panne kam nicht vor. » Seine Kommission hat in Erfahrung gebracht, dass zumindest in einem Pariser Krankenhaus das Kühlsystem nur bis zur Temperatur von 43 Grad arbeitet. Eine so starke Hitze wurde aber 2019 schon fast erreicht.

Die Ergebnisse der Katastrophenübung sollen in einen neuen Krisenplan einfliessen. Eine Aufgabe aber hat höchste Dringlichkeit: Die Stadt will eine Liste erstellen mit allen Örtlichkeiten, die als Zufluchts- und Frischeräume geeignet sind. Denn die Sorge wächst, dass es im Juli und August unerträglich heiss werden könnte. Genau dann, wenn Paris die Olympischen Spiele austrägt und 15 Millionen Besucherinnen und Besucher erwartet werden.

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