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«Es ist einzig eine Frage des politischen Willens»

Thomas Vellacott, CEO von WWF Schweiz

Lebensräume

«Es ist einzig eine Frage des politischen Willens»

Der Bundesrat gewichtet den Umweltschutz als strategisch besonders wichtig. Im Interview erklärt Thomas Vellacott, CEO von WWF Schweiz, was zu tun ist.

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Im neuen Länderbericht 2022 definiert der Bundesrat, welches die Prioritäten sind, um die Agenda 2030 doch noch zu schaffen. Wie realistisch schätzen Sie seitens WWF ein, dass wir die Ziele bezüglich Klima, Biodiversität und Energie erreichen?

Thomas Vellacott: Die Ziele sind erreichbar, es muss ihnen aber angesichts der Dringlichkeit der Klima- und Biodiversitätskrise höchste Priorität eingeräumt werden. Die Umsetzung der Agenda 2030 ist einzig eine Frage des politischen Willens – die erforderlichen technischen Lösungen liegen vor. Auch seitens der Bevölkerung wird Klima- und Umweltschutz heute eine höhere Bedeutung beigemessen als je zuvor in den letzten 25 Jahren.

Was genau kann denn jede und jeder Einzelne tun?

Gut ist, wenn wir dort ansetzen, wo wir für Klima und Biodiversität am meisten herausholen können: Bei der Art, wie wir unsere Häuser heizen, wie wir uns fortbewegen, was wir essen und wie wir investieren. Und nicht zuletzt bei der Art, wie wir an der Urne abstimmen und wählen, damit die politischen Weichen endlich für eine Bewältigung der Klima- und Biodiversitätskrise gestellt werden. 

30 Prozent der Tier- und Insektenarten sind in der Schweiz vom Aussterben bedroht. Welche Auswirkungen hätte es anhand einzelner Beispiele auf das gesamte Ökosystem und welche Massnahmen müssten ergriffen werden, damit wir dies verhindern können?   Funktionierende Ökosysteme bilden die Grundlage für unser Überleben. Bergwälder schützen vor Lawinen, naturnahe Flüsse schützen vor Hochwasserkatastrophen, ein Grossteil der Landwirtschaft käme ohne natürliche Bestäubung zum Erliegen. Je mehr natürliche Lebensräume zerstört werden und je mehr Arten aussterben, umso stärker nimmt die Resilienz dieser Ökosysteme ab. umso mehr wächst auch die Gefahr, dass sie ihre überlebenswichtigen Funktionen nicht mehr wahrnehmen können. Konkrete Massnahmen zum Schutz der Ökosysteme sind die Sicherung von Lebensräumen wie zum Beispiel Auen, die Vernetzung verschiedener Lebensräume und eine Landwirtschaft mit weniger Dünger und Pestiziden.

Stichwort Landwirtschaft: Jährlich werden hierzulande fast drei Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle entlang der Wertschöpfungskette verursacht. Das sind etwa 330 Kilo pro Kopf. Bis 2030 müssen wir dies halbieren. Wie schaffen wir das am besten?

Statt mit dem Finger auf andere zu zeigen, die für das Food-Waste-Problem verantwortlich sein sollen, braucht es konsequentes Engagement entlang der ganzen Wertschöpfungskette. Es braucht freiwilliges Engagement von Landwirt:innen, Grossverteilern und Konsument:innen. Und nicht zuletzt müssen wir die richtigen gesetzlichen Rahmenbedingungen schaffen, damit die Vermeidung von Lebensmittelabfällen selbstverständlich wird.

Für Chemikalien, Abfall und Verschmutzung besteht beispielsweise noch kein internationales Gremium. Welche übergreifende Lösung schlagen Sie hier vor?

Wir tun gut daran, nicht die Hände in den Schoss zu legen und auf globale Lösungen zu warten. Stattdessen lohnt es sich, auf allen Ebenen für den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen zu handeln, ob in internationalen Gremien, nationalen Parlamenten oder lokalen Initiativen. Der Druck aus Bevölkerung und Wirtschaft leistet einen entscheidenden Beitrag dazu, dass internationale Abkommen überhaupt möglich werden. So hat die UNO beispielsweise dieses Jahr entschieden, bis in zwei Jahren ein rechtsgültiges Abkommen zum Schutz vor Plastikverschmutzung abzuschliessen. Das wäre ohne Druck kaum geschehen. 

Neben der Verschmutzung ist vor allem die enorme Last an CO2-Emissionen ein Problem. Was hält WWF von Co2-Filtersystemen, welche diese direkt aus der Luft filtern und einspeichern – hilft uns das, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren?

Technische Systeme zur Abscheidung von CO2 aus der Luft können, in Ergänzung zum Ausstieg aus fossilen Energien und der Wiederherstellung natürlicher Ökosysteme, einen Beitrag zur Bewältigung der Klimakrise leisten. Es gibt nicht die eine «richtige» Lösung, es geht vielmehr darum, rasch einen breiten Mix an Massnahmen voranzutreiben, die in der Summe die schlimmsten Auswirkungen der Klimakrise verhindern können. Ausserdem müssen wir uns bewusst sein, dass die Abscheidung und Lagerung von CO2 mit beträchtlichen Kosten verbunden sind. Diese Lösungen werden sich folglich nur durchsetzen, wenn die Kosten für deren Anwendung von den Verursachenden der CO2-Emissionen getragen werden. 

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