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Mithilfe ihres dreieckigen «Segels» driftet die Segelqualle vom Wind angetrieben an der Meeresoberfläche – und macht oft auf südeuropäischen Stränden halt.

Mithilfe ihres dreieckigen «Segels» driftet die Segelqualle vom Wind angetrieben an der Meeresoberfläche – und macht oft auf südeuropäischen Stränden halt. Bild: Steve Trewhella / Imago

Lebensräume

Blaue Strände auf Mallorca: Ein Sturm schwemmt massenhaft Segelquallen an

Segelquallen sind für Menschen harmlos – aber sie stinken. Und es gibt wegen des Klimawandels immer mehr davon. Wissenschafter rätseln, ob es sich überhaupt um einzelne Lebewesen handelt.

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Blaue Strände auf Mallorca: Ein Sturm schwemmt massenhaft Segelquallen an

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  • Segelquallen werden massenhaft an die Strände von Mallorca gespült, was zu einem unangenehmen Geruch führt.
  • Die Quallen treten vermehrt in der Mittelmeerregion auf, wo das Wasser wegen des Klimawandels immer wärmer wird.
  • Blauen Stränden dürften Touristen an Stränden in Europa daher immer häufiger begegnen.

Am vergangenen Wochenende ist ein Sturm über Mallorca gezogen. Die Wellen schwemmten am Samstag massenhaft blaue Segelquallen an den Strand von Port de Soller, im Westen der Insel. Einen Tag später lagen auch am Strand von Port d’Andratx im Südwesten Tausende Quallen. Laut einem Bericht der «Mallorca-Zeitung» («MZ») war Anfang März schon der Strand von Cala Millor im Osten Mallorcas vom gleichen Phänomen betroffen gewesen.

Für Menschen sind die Segelquallen harmlos. Der Meeresbiologe Josep María Gili sagte der Zeitung: «Keine Sorge, in drei bis vier Tagen sind die Quallen wieder weg. Darum kümmert sich die Natur.» Einige mallorquinische Gemeinden verbieten es, die toten Quallen abzutransportieren. Die blauen Kadaver dienen Seevögeln und anderen Lebewesen als wichtige Nahrungsquelle am Strand. Doch wenn sie verwesen, stinken die Quallen schwer erträglich.

Kilometerlange Schwärme

Es ist nicht das erste Mal, dass Mallorcas Strände aufgrund der Segelquallen blau schimmern. Regelmässig werden die auch als Sankt-Peters-Schifflein bekannten Tiere im Frühjahr an die Inselstrände geschwemmt. Laut Medienberichten liegen die Quallen dieser Tage auch auf Stränden in Sardinien und Ibiza.

Die Quallen können sich nicht aktiv fortbewegen. Sie driften mithilfe ihres filigranen, fast durchsichtigen «Segels» vom Wind angetrieben auf dem Wasser. Sie schwimmen in grossen Kolonien an der Meeresoberfläche. Die Art lebt laut einem Bericht der Deutschen Stiftung Meeresschutz weltweit vorwiegend in tropischen, warmen bis gemässigten Meeren. Im Atlantik wurden schon kilometerlange Schwärme beobachtet.

Es ist laut der Stiftung umstritten, ob die Qualle ein einzelnes Tier oder eine Polypenkolonie ist, also eine sogenannte Staatsqualle. Eine Staatsqualle besteht aus vielen spezialisierten, miteinander verbundenen Individuen, die zusammen als ein Lebewesen agieren. Bei einer Staatsqualle übernimmt jede Einheit eine spezifische Funktion – Fortbewegung, Nahrungsaufnahme, Verdauung oder Fortpflanzung. Eine bekannte Staatsqualle ist etwa die giftige Portugiesische Galeere.

Es könnte sich bei der Segelqualle aber auch um einen einzelnen komplex ausdifferenzierten Polypen handeln, leuchtend blau. Woher kommt die Farbe?

Die Quallen schwimmen in Schwärmen, am liebsten in warmen Meeren. Wie hier bei Bonifacio, Korsika. Bild: Reinhold Ra / Imago

Filigranes Luft-Segelboot

Die Färbung der Quallen stammt laut der Deutschen Stiftung Meeresschutz von mit der Beute aufgenommenen und verarbeiteten Carotinoid-Pigmenten. Segelquallen ernähren sich überwiegend von kleinen planktonischen Organismen wie Wasserflöhen oder Fischeiern. Die blaue Farbe dient den Tieren als natürlicher Sonnenschutz.

Der Körper von Velella velella, wie die Qualle wissenschaftlich bezeichnet wird (nach «velum» für Segel), ist wie ein Luft-Segelboot aufgebaut. Das Segel steht auf dem rund vier Zentimeter langen, elliptischen «Floss» der Qualle. Dieses besteht aus einem «Gerüst» und luftgefüllten Kammern, umhüllt von weichem Gewebe. Zur Abwehr ragen an den Rändern des «Flosses» kleine, giftige Polypen hervor, auf der Unterseite hat die Qualle Fresspolypen für die Nahrungsaufnahme.

Elliptisches Floss mit Segel: Die Präsenz der Segelqualle ist ein Indikator für klimatische Veränderungen. Bild: Nacho Doce / Reuters

Der Feind schwimmt auf Schleimblasen

Abgesehen vom blauen Schimmer, mit dem die Qualle die Touristen begeistert, oder vom Gestank, mit dem sie sie fernhält, erfüllt Velella velella eine wichtige ökologische Funktion. Das hat eine Gruppe von Forscherinnen und Forschern um Bruno Morello herausgefunden, Professor an der Universität von Bologna.

Die Segelqualle ist laut der Studie aus dem Jahr 2023 eine wichtige Nahrungsquelle etwa für eine Schneckenart. Diese hält sich oft in der Nähe der Quallen auf und treibt, auf Schleimblasen schwimmend, mit den Quallen mit – und frisst diese. Auch grössere Meerestiere wie Fische verspeisen Velella Velella.

Für die Studie wurden im Frühjahr 2016 und 2017 genetische Analysen der Segelqualle und der Schnecke an zehn Standorten in Italien, im Ligurischen und im Tyrrhenischen Meer, durchgeführt.

Vermehrtes Auftreten wegen Klimawandel

Segelquallen gelten laut den Forschern zudem als Indikator für Veränderungen aufgrund des Klimawandels: Je wärmer das Wasser, desto stärker verbreiten sie sich. Und sie weisen auf veränderte Strömungen hin, wenn sie an die Küsten geschwemmt werden.

Darum treten die Quallenkolonien vermehrt in der Mittelmeerregion auf, wo das Wasser wegen des Klimawandels immer wärmer wird. Auch die Überfischung der natürlichen Fressfeinde könnte eine Rolle spielen, da sie das ökologische Gleichgewicht zugunsten der Quallen verschiebt. Hinzu kommt die Verschmutzung der Meere, etwa durch Dünger. Dieser reichert das Ökosystem mit Nährstoffen an, wodurch etwa mehr Plankton entsteht, das die Quallen wiederum fressen.

Blauen Stränden und faulem Duft dürften Touristen an Stränden in Europa daher immer häufiger begegnen.

Carlo Mariani, «Neue Zürcher Zeitung» (01.04.2025)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

14 - Leben unter Wasser

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Andrea Rinaldo
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