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Gesellschaft

Die Anti-Klimakleber: Während die Jungen hierzulande die Strassen blockieren, machen Stanford-Studenten mit The Gigaton etwas Konstruktives

Die einen kleben sich auf Strassen fest, die anderen wollen lieber mit Arbeit etwas für das Klima tun: Umweltjobs boomen, inzwischen sind sie auch an den amerikanischen Eliteuniversitäten hoch im Kurs.

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Die Anti-Klimakleber: Während die Jungen hierzulande die Strassen blockieren, machen Stanford-Studenten mit The Gigaton etwas Konstruktives

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Gerade noch sorgten im Netz junge Leute für Empörung, die sich zu einer lockeren Arbeitsmoral bekannten: Die sogenannten «quiet quitters» wollen nicht mehr als das Nötige leisten und ihr Leben nicht für die Arbeit aufgeben. Im Geist haben sie gekündigt.

Während die Gesellschaft einmal mehr darüber stritt, ob die junge Generation faul und verwöhnt sei oder im Hinblick auf die mentale Gesundheit das einzig vernünftige tue, hat sich unter den Arbeitnehmenden schon die nächste Bewegung formiert: jene nämlich, die nicht länger für umweltschädigende Unternehmen arbeiten wollen und aus Protest kündigen – die «climate quitters». Sie sind die Antithese zu all den Klimaaktivisten, die sich auf Strassen kleben oder mit Kartoffelstock um sich werfen. Weil sie begriffen haben, dass man mit Arbeit mehr für die Umwelt tun kann als mit Protesten oder zivilem Ungehorsam.

Aber wohin mit der eigenen Arbeitskraft, damit sie möglichst umweltverträglich zum Einsatz kommt? Das fragen sich nicht nur die «climate quitters», sondern auch drei Stanford-Studenten, die nicht den klassischen Karriereweg in die lukrative Finanzbranche oder Beratung einschlagen wollen. Stattdessen bieten Georgia Kossoff, Stella Liu und Joseff Kolman Orientierungshilfe für all jene, die ebenso auf der Suche nach einer sinnstiftenden Tätigkeit sind. Anfang 2023 gründete das Trio den Newsletter «The Gigaton» – eine Art Wikipedia für Umweltthemen und Karriereguide für Klimaschützerinnen- und schützer.

«Die Idee dazu hatten wir während unseres Wirtschaftsstudiums», schreiben die drei auf Anfrage. «Wir sahen, dass sich viele unserer Mitstudenten für Klimatechnologie interessierten, aber nicht wussten, wie sie sich selber einsetzen können.» Nun stellen sie jeden Monat klimaverträgliche Wirtschaftssektoren wie Geothermie, Recycling oder Abwasserwirtschaft vor, inklusive Potenzial und Risiken sowie der wichtigsten Unternehmen, die in diesem Bereich tätig sind.

«Unsere Vision ist, euch alle dazu zu inspirieren, die mehr als 80 000 Stunden eurer Karriere zu nutzen, um den Klimawandel aufzuhalten», schrieben sie in der ersten Ausgabe. Inzwischen erreichen die drei Tausende Studenten und Berufseinsteigerinnen vor allem in den USA und Grossbritannien, aber nicht nur dort: «The Gigaton» wird in über 80 Ländern gelesen.

Von Idealisten zu Fachkräften

Dieser Erfolg ist nicht überraschend: Sogenannte «green jobs» bieten vielversprechende Zukunftsaussichten, und Umweltberufe boomen. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) der Vereinten Nationen geht davon aus, dass die Umsetzung des Pariser Abkommens allein bis 2030 rund 18 Millionen neue Arbeitsplätze weltweit schaffen wird.

Das verändert die Branche: Als die ETH 1987 mit dem Studiengang «Umwelt- und Naturwissenschaften» quasi die erste Ausbildung zum professionellen Umweltschützer schuf, war der Bereich noch fest in der Öko-Sparte verortet und als brotlos und wirtschaftsfern belächelt. Inzwischen aber sind Themen wie Klimawandel oder nachhaltiger Umgang mit Ressourcen in der Wirtschaft angekommen; weil Regulierungen oder die Nachfrage der Konsumenten es so verlangen.

Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass heute mehr als doppelt so viele Menschen im Umweltsektor tätig sind als noch vor 20 Jahren. Sie gelten nicht länger als Weltverbesserer, sondern als hochspezialisierte und gesuchte Fachkräfte. Über 200 000 Beschäftigte arbeiteten 2022 in einem grünen Beruf, der grösste Teil im Bauwesen, aber auch in Land- und Forstwirtschaft. Inzwischen bieten fast alle Universitäten und Fachhochschulen in der Schweiz mehrere Studiengänge im Umweltbereich an.

Man kann Entwässerungstechnologin werden, Gartendenkmalpfleger oder Energieberaterin, «Critical Urbanisms» studieren oder ein CAS in Umweltrecht machen. Brotlos sind diese Jobs auch nicht mehr, als Umweltingenieur verdient man bald einmal zwischen 70 000 und 100 000 Franken im Jahr. Und selbst in der hochbezahlten Finanzbranche ist die Begrünung angekommen – Stichwort nachhaltige Anlagefonds.

Wer auf der Suche ist nach solchen Jobs, findet sie auf diversen Plattformen wie zum Beispiel auf dem Stellenportal des Verbands für nachhaltiges Wirtschaften (Öbu). Eine andere Anlaufstelle ist die Jobplattform umweltprofis.ch von der Organisation der Arbeitswelt (OdA) Umwelt, die grüne Berufe fördert. Der Verein bietet auch eine gute Übersicht über die verschiedenen Berufsfelder im Umwelt- und Klimaschutz sowie mehr als 500 Ausbildungsmöglichkeiten und Weiterbildungen.

Es gibt nicht nur Greenpeace

Sind in «green jobs» nur Akademiker gefragt? Keineswegs: Immer mehr wird es auch Lehrabgänger brauchen. Jüngstes Beispiel ist die Berufslehre Solarteur/in, die ab diesem Sommer in der Schweiz neu angeboten wird. Solarteure sind dringend notwendig, um die boomenden Photovoltaikanlagen zu installieren. «Früher wurden vor allem Generalisten ausgebildet, heute werden die Ausbildungen immer spezifischer», sagt der Umweltökonom Ueli Bernhard vom unabhängigen Umweltbüro Green Jobs.

Fachwissen zu Klimawandel oder Kreislaufwirtschaft wird immer wichtiger in Jobs, die nichts mit den klassischen Öko-Berufen zu tun haben. Heute scheint allen klar zu sein, dass die Klimaziele mehr sind als komplizierte Statistiken und düstere Prognosen. Nach Bernhards Berechnungen wird es bis 2030 in der Schweiz rund 600000 Beschäftigte mit fundiertem branchenspezifischem Umweltwissen brauchen, sofern die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreicht werden sollen.

Das wird vor allem die Industrie und den Dienstleistungsbereich betreffen, den grössten Wirtschaftssektor der Schweiz. Doch auch Mechaniker für Elektrofahrzeuge werden gefragt sein, und die Verpackungsindustrie, die 2030 komplett auf rezyklierbare Materialien umstellen sollte, wird ebenfalls Personalbedarf haben. «Die Berufsbildung ist jedoch ein recht reaktives System, nicht zuletzt wegen der Konkurrenz unter den verschiedenen Akteuren. Das hilft nicht gerade beim Wandel der Berufsfelder», so Bernhard.

Die wichtigste Zielgruppe für diese Branche wären die Jugendlichen. Sie, die heute in der Berufswahl stecken, werden im Jahr 2050 mitten in ihrem Arbeitsleben stehen und mitprägen, wie wir das Ziel Netto-Null erreichen. Allerdings sind bei den Lehrlingen nach wie vor die klassischen Berufe am beliebtesten: das KV, der Gesundheitsbereich und der Detailhandel.

Die Schweizer Klimaschutzorganisation Myclimate hat 2018 deshalb das Projekt «Jobs for Future» gestartet, um Jugendlichen aufzuzeigen, wie sie sich in fast allen Tätigkeiten für Klimaschutz und Nachhaltigkeit einsetzen können. «Denn wir haben festgestellt, dass bei den Jugendlichen oft noch veraltete Bilder von grünen Berufen bestehen. Oft hören wir Aussagen wie ‹Ich will aber nicht zu Greenpeace› oder ‹Ich bin nicht so gerne draussen›», sagt Mischa Kaspar, Teamleiter Berufsbildung bei Myclimate. Dabei haben heute nur die wenigsten Umweltberufe noch etwas mit Blütenzählen oder der Umsiedlung von Fröschen zu tun. Eine klimaverträgliche Karriere geht inzwischen auch ganz bequem vom (natürlich mit erneuerbaren Energien) gekühlten Büro aus. Als Umweltinformatikerin zum Beispiel.

Patrizia Messmer, «Neue Zürcher Zeitung» (01.02.2024)

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