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Co2 in der Form von Wolken

Bild: Pixabay

Klima & Energie Lebensräume

Warum Technologien in der Klimadebatte wichtiger werden

Emissionen und Temperaturen steigen weiter an. Die Ziele des Pariser Klimaabkommens werden längst nicht erreicht. Das führt auch zu Verschiebungen in der Klimadebatte, allem voran hat sich eine gewisse Technologie-Offenheit durchgesetzt.

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Die Welt hat sich bis heute um rund 1,1 Grad erwärmt. Die Folgen und Risiken durch Wetterextreme sind grösser als in der Vergangenheit angenommen. Die Erreichung der Ziele des Pariser Klimaabkommens liegt in weiter Ferne. Die Welt wird wohl schon in der kommenden Dekade die 1,5-Grad-Marke reissen. Noch steuern wir mit dem, was wir bisher umgesetzt haben, nicht einmal auf das 2-Grad-Ziel des Pariser Abkommens zu. Sogar über 3 Grad sind möglich.

Das befand der jüngste Bericht des Weltklimarats, der am Montag veröffentlicht wurde. Er ist der letzte Bericht einer Serie, die im Jahr 2018 ihren Anfang nahm. Die sechsteilige Serie liefert einen umfassenden Überblick der Forschung darüber, wie sich der Klimawandel schon heute in den Regionen der Welt bemerkbar macht, was auf uns zukommt, wenn sich die Atmosphäre weiter aufheizt, und wie Regionen gegen diese Veränderungen angehen können.

Drei Technologien, die in den vergangenen Jahren Aufwind bekommen haben

Bloss keine falschen Lösungen! Die Berichte des Weltklimarats sind immer wieder ein guter Anlass für Aktivisten, um gegen Technologien zu wettern, die sie für gefährlich oder verwerflich halten. In der Regel sind das Technologien, die Kohlenstoff abscheiden und so die weitere Nutzung von fossilen Brennstoffen oder die Atmosphäre verschmutzenden Industriezweigen möglich machen. Und dadurch die Botschaft der Aktivisten eines notwendigen – und sofortigen – Endes von Kohle, Erdöl und Erdgas verwässern.

An gewissen Technologien aber kommt man nicht mehr vorbei. Sie sind Bausteine einer Netto-Null-Wirtschaft. Sie sind notwendig, um die Temperaturziele des Pariser Klimaabkommens am Leben zu halten. Die NZZ hat sich mit drei Technologien beschäftigt, die in den vergangenen Jahren Aufwind bekommen haben.

1. CO₂ aus der Luft

Kohlendioxid muss aus der Atmosphäre entfernt werden

NZZ<em>AdinaRenner</em>CO2Filter.webp

Ohne dass der Luft permanent CO₂ entnommen wird, werden die Klimaziele des Pariser Abkommens nicht zu schaffen sein. Das wird zunehmend erkannt. Regierungen werden ihre Treibhausgasemissionen bis Mitte des Jahrhunderts nicht komplett auf null senken können. Die Landwirtschaft, die Luft- und die Schifffahrt oder auch die Zementherstellung – sie alle erzeugen Emissionen, die nicht gänzlich vermieden werden können. Die Emissionen müssen also entsprechend wettgemacht werden.

Dazu gehören natürliche und wenig kontroverse Methoden wie die Aufforstung, der Waldschutz oder die Wiedervernässung von Mooren. Bäume und Moore entziehen der Luft CO₂ und speichern es. Bei der technischen CO₂-Entnahme, über die öffentlich kontroverser debattiert wird, wird dieser Tage oft von Direct Air Capture gesprochen, einer Technik, bei der Kohlendioxid aus der Luft gefiltert wird. Das Schweizer Unternehmen Climeworks hat diese Methode bekannt gemacht, als es im Jahr 2021 die erste – und sehr kleine – Anlage dazu in Island in Betrieb genommen hat. Zur Speicherung kann das CO₂ dann in eine unterirdische Lagerstätte gepresst werden. Andere Methoden setzen auf die Verwitterung von Gestein, einen Prozess, der CO₂ bindet. Oder auf die Kombination der Biomassenverbrennung mit Techniken, die CO₂ abscheiden und lagern – die bei der Verbrennung frei werdende Energie kann dabei für die Stromproduktion genutzt werden.

Herausforderungen und Risiken gibt es viele. Noch werden pro Jahr der Atmosphäre erst um die 2 Gigatonnen COCO₂2 entnommen, meist durch Bäume und andere Pflanzen. Doppelt so viel sei bis 2050 notwendig, um die 1,5 Grad nicht zu überschreiten, sagen Forscher. Wälder und Moore allein reichen dafür nicht aus. Doch viele technische Methoden sind heute noch in der Testphase und nicht industriell verwendbar. Gleichzeitig sind sie teuer und verbrauchen sehr viel Energie. Auch manche klimafreundliche Methoden der Landnutzung haben heikle Nebenwirkungen.

Angesichts der Dringlichkeit, Emissionen in einem begrenzten Zeitraum tatsächlich zu reduzieren, wächst jedoch die Nachfrage nach der CO₂-Entnahme. Es bewegt sich etwas im Markt, Innovationen nehmen zu. Auch beginnen sich die Regierungen langsam zu bewegen. So beschloss die EU im Jahr 2020 ein neues Klimaziel für 2030, das auch auf die Entnahme von CO₂ setzt. Seit Herbst arbeitet Brüssel an einem System, das sicherstellen soll, dass die Entnahme und Speicherung von Kohlenstoff wirklich stattfindet – ob nun durch technische Massnahmen oder Moore, Bäume und andere Pflanzen. Das soll auch neue Anreize dafür schaffen, mehr CO₂ zu speichern.

Zunehmend wird eine politische Debatte über die natürlichen und die technischen Methoden zur CO₂-Entnahme geführt – ebenso wie über die Risiken, die damit einhergehen. Und das ist wichtig. Lange haben Aktivisten gegen diese Technologien Stimmung gemacht, angetrieben von der Angst, dass diese von den notwendigen Emissionsminderungen ablenken würden.

Diese Angst konnte man auch diese Woche wieder aus den Reaktionen von NGO herauslesen. Die Sorge ist nicht ganz unbegründet. Die Entnahme von Kohlendioxid ist zwar eine notwendige Ergänzung zur Emissionsminderung, aber kein Ersatz, der es ermöglichen würde, unbekümmert weiterhin fossile Brennstoffe zu nutzen. Dass dabei Regierungen erdölfördernder Länder wie Saudiarabien im Rahmen der IPCC-Verhandlungen immer wieder auf die prominente Erwähnung solcher Technologien bestehen, verstärkt den Argwohn vieler Aktivisten gegenüber diesen Methoden. Die Frage, in welchem Masse die CO₂-Entnahme womöglich doch ein Ablenkungsmanöver ist, wird die Diskussionen der kommenden Jahre sicher mitbestimmen.

2. Kohlenstoff in den Untergrund

Regierungen suchen neue Endlager für CO₂

NZZ<em>AdinaRenner</em>CO2unterErde.webp

Auch Technologien zum Auffangen von CO₂ und zu seiner Speicherung (Carbon-Capture-and-Storage-Technologien, kurz: CCS) werden zunehmend als notwendiger Baustein einer Netto-Null-Wirtschaft gesehen. Lange wurden sie von Aktivisten rhetorisch bekämpft. Heute steht fest: Sie werden eine zentrale Rolle spielen müssen bei der Aufgabe, die Emissionen der Industrie zu reduzieren – vor allem bei der Zementherstellung. Das lässt sich auch im jüngsten IPCC-Bericht nachlesen. CO₂ soll mithilfe von CCS-Technologien abgeschieden, verflüssigt und in riesige unterirdische Lager gepumpt werden.

Schon vor Monaten hat Brüssel öffentlich zugegeben, dass ohne CCS die Klimaziele bis 2050 nicht zu erreichen seien. Dieses Jahr soll eine EU-eigene CCS-Strategie vorgestellt werden, es soll mehr Geld und Förderung geben.

Längst hat die Suche nach möglichen CO₂-Endlagern begonnen. Länder wie Norwegen und Dänemark entwickeln schon heute neue kommerzielle Angebote, um CO₂ aus europäischen Ländern via Schiffe oder Pipelines einzuführen und in den Tiefen der Nordsee zu speichern. Anfang März wurde in Dänemark das erste solche Projekt in der EU lanciert. So soll Kohlenstoff aus einer Chemiefabrik in Belgien abgeschieden und auf Schiffen nach Dänemark verfrachtet werden. Bald soll auch CO₂ aus Deutschland gelagert werden.

Noch stossen CCS-Technologien auf viele Hindernisse – seien es technische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche. So hätten sich CCS in der Zement- und der Chemikalienproduktion noch nicht breit durchgesetzt, befand der IPCC-Bericht. Die Technologien sind noch sehr teuer. Und während es zwar rein technisch gesehen genügend geologische Speicherkapazität für Kohlendioxid gebe, wie für das 1,5-Grad-Ziel notwendig wäre, gebe es wohl auf regionaler Ebene Hindernisse.

In Deutschland etwa wurden CCS lange ausgeschlossen. In der Gesellschaft ist die Skepsis gegenüber der Idee, im Untergrund Kohlenstoff zu speichern, recht gross. In den vergangenen Monaten aber hat sich die politische Debatte weiterentwickelt. Die Gesetzgebung zur CO₂-Speicherung soll überarbeitet werden. Noch wird darauf gesetzt, CO₂ auszulagern und woanders, fernab der eigenen Wähler, im Meeresboden verschwinden zu lassen.

Die Diskussion darüber, wo in Zukunft CO₂ gespeichert werden kann und welche Länder in welchen Ausmass Zugriff haben werden, wird in den kommenden Jahren zunehmen. NGO wie die deutsche Nabu passen ihre Positionen schon an. Die Gruppe unterstützt inzwischen CCS für die Zementindustrie. Das unterstreicht, was auch in Gesprächen mit Forschern deutlich wird: Im Ringen um die Umsetzung des Netto-Null-Ziels bis 2050 wird die Debatte über mögliche Lösungsoptionen notgedrungen zielgerichteter, disziplinierter, unideologischer.

3. Ein Schirm gegen die Sonne

Technische Eingriffe für kühlere Luft

NZZ<em>AdinaRenner</em>Sonnenschirm.webp

Was geschieht eigentlich, wenn das 1,5-Grad-Limit überschritten wird? Diese Frage ist der Auslöser einer kontrovers geführten Debatte – nämlich darüber, ob das Klima künftig künstlich gesteuert werden sollte. Zum Beispiel, um die Temperatur wieder unter das 1,5-Grad-Limit zu senken.

Die Rede ist dabei vor allem von technischen Eingriffen. Man kann zum Beispiel in den oberen Schichten der Atmosphäre Schwefeldioxidpartikel versprühen – und so einen künstlichen Sonnenschirm schaffen, der zur Abkühlung der Luft führt. Diese Idee fällt unter den Begriff des sogenannten Solar-Radiation-Managements. Lange war das ein Tabu. Zunehmend wird es aber angetastet. Nicht nur von Forschern, sondern auch von politischen Akteuren.

Das hat seinen Grund. Denn während die Minderung von Emissionen von der Kooperation aller Länder abhängt – was den internationalen Klimaschutz ja auch so träge macht –, könnten beispielsweise einzelne Regierungen aus eigenem Antrieb zu technischen Eingriffen ins Klimasystem greifen, um die Temperatur künstlich zu senken. Das Herumwerkeln am Klima würde jedoch auch andere Weltregionen betreffen, mit bislang noch unabsehbaren Folgen. Ein Experiment eines kleinen amerikanischen Startups in den vergangenen Monaten, erst über Mexiko und jetzt in Nevada, macht deutlich, dass einige schon heute bereit sind, Luftschlösser Realität werden zu lassen. Die Wellen, die das Experiment geschlagen hat, führten in Mexiko auch dazu, dass ein Verbot dieser Eingriffe gefordert wird.

Experten treibt insbesondere die Frage der internationalen Kooperation um: Ist es möglich, unkontrollierte Eingriffe entgegenzuwirken und internationale Regeln zu entwickeln? Die Tatsache, dass einige Länder schon angefangen hätten, über die künstliche Steuerung nachzudenken, zeige, wie dringend es sei, sich mit den Anwendungsmöglichkeiten und Risiken auseinanderzusetzen, sagt der ehemalige hochrangige Uno-Beamte Janos Pasztor.

Unter der Leitung von Pascal Lamy, dem ehemaligen französischen Chef der Welthandelsorganisation, beschäftigt sich ein Konsortium internationaler Führungspersonen im Rahmen der in Paris angesiedelten Climate Overshoot Commission schon mit dem Thema. Das Forschungsprogramm der EU schreibt derweilen ein mit 3 Millionen Euro dotiertes Projekt aus, um die Bedingungen und Risiken der Feldforschung über solche Eingriffe zu ergründen. Schon jetzt erhitzt die Debatte die Gemüter von Forschern. Mit steigenden Temperaturen, höheren Risiken und grösseren Schäden wird sie wohl noch weiter in den Vordergrund rücken.

Kalina Oroschakoff & Adina Renner, «Neue Zürcher Zeitung» (16.04.2022)

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