Logo image
Stadt Zürich

Bild: Patrick Federi

Klima & Energie

«Netto null bedeutet nicht völlig null», sagt der Forscher. Zürich überprüft neuerdings, wie es seine hochgesteckten Klimaziele erreichen soll

Eine neue Messstation in luftiger Höhe soll Zürichs CO₂-Ausstoss aufzeichnen.

3

Teilen
Link kopieren LinkedIn
Hören
Logo image

«Netto null bedeutet nicht völlig null», sagt der Forscher. Zürich überprüft neuerdings, wie es seine hochgesteckten Klimaziele erreichen soll

Teilen
Link kopieren LinkedIn
Hören

4 Min.  •   • 

Zürich hat ein ehrgeiziges Ziel. Bis ins Jahr 2040 soll die Stadt klimaneutral werden. Der direkt in der Stadt verursachte CO2-Ausstoss soll also auf null sinken.

Dieser Grundsatzerklärung stimmte vor einem Jahr die Stimmbevölkerung deutlich zu.

Heute verursacht jede Zürcherin und jeder Zürcher im Schnitt 12,9 Tonnen CO2 pro Jahr. Davon sind 3,1 Tonnen direkte Emissionen, die auf dem Stadtgebiet ausgestossen werden. Das entspricht einem Flug von Zürich nach Los Angeles und zurück.

Die grösste Luftverschmutzung kommt von Emissionen im Gebäudebereich, allen voran denjenigen durch fossile Heizungen. Der andere grosse CO₂-Treiber ist der Verkehr. Fast alles davon könnte nach den Szenarien der Stadt Zürich eingespart werden.

Bis anhin stützt sich die Stadt auf Modellrechnungen, was sich künftig ändern soll. Eine Messstation auf dem höchsten der vier Hardau-Hochhäuser soll nun das Monitoring der Treibhausgase möglich machen.

Die Technik in über 110 Metern Höhe soll aufzeigen, ob sich die Emissionen wunschgemäss reduzieren. Dabei handelt es sich um ein Pilotprojekt, an dem sich neben Zürich auch München und Paris beteiligen. Betrieben wird die Station von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa), der Uni Basel, vom Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich und von internationalen Partnern.

Bis jetzt zeichnen 23 Messgeräte in der Stadt derlei Daten auf, und zwar an allerlei Standorten, ob an Verkehrsachsen oder nachgelagert in Seitengassen. Eine Station, an der die gesamten Emissionen der Stadt gemessen werden können, fehlte aber bisher.

Lukas Emmenegger von der Empa sagt: «Jede Stadt atmet CO₂ aus, diesen Abfluss wollen wir an einem bestimmten Punkt messen.» Dabei gelte: je höher, desto genauer.

Seit Juli sei die Messstation auf dem rotbraunen Hochhaus in Betrieb, aber erst nach einem Jahr würden aussagekräftige Resultate vorliegen, so die Forscher. Ihr Ziel ist es, die sogenannte Inversion darzustellen. Also einen Kreislauf, der zeigt, wie viele Emissionen in einem Jahr verursacht und später auch wieder gebunden werden.

Dafür werden Daten aller Jahreszeiten herangezogen, die Wissenschafter überprüfen sogar den Saftfluss einzelner Bäume, da die Vegetation bei der Bindung von CO2 eine entscheidende Rolle spielt.

Städte sind die Verursacher

Zumindest kann man bereits sagen, dass die Technik funktioniert. So haben die Forscher im Januar eine rund dreimal so hohe CO₂-Konzentration wie im Juli gemessen. Dies liege daran, dass im Sommer die Bäume die Luft reinigten, im Winter dagegen die Öl- und Gasheizungen stärker in Betrieb seien.

Die Wissenschafter wollen auch die verschiedenen Quellen der Luftverschmutzung bestimmen, also festhalten, was von Verkehr oder Heizungen herrührt und wie viel biogen ist und somit von der Natur selber stammt, wie Lukas Emmenegger sagt.

Weltweit weisen Forscherinnen und Forscher darauf hin, dass Städte im Kampf gegen den Klimawandel eine entscheidende Rolle spielen. Bereits heute sind die urbanen Zentren für rund zwei Drittel der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Mittlerweile lebt mehr als die Hälfte der weltweiten Bevölkerung in Städten, Tendenz steigend.

Lukas Emmenegger erklärt, dass gemessen werde, was Zürich selber auch verursache. Indirekte Emissionen von ausserhalb, etwa von anderen Ballungsräumen, würden nicht in die Messung einfliessen.

Wie soll CO₂ reduziert werden?

Netto null bedeutet, dass künftig möglichst wenig Treibhausgase ausgestossen werden. Aber auch wenn die Stadt alle Emissionen wie geplant reduzieren kann, verbleibt ein Rest von jährlich 0,9 Tonnen CO₂ pro Person. Ein Teil davon soll der Atmosphäre mit natürlichen oder technologischen Mitteln entzogen werden.

«Netto null bedeutet nicht völlig null», sagt Lukas Emmenegger. Wenn davon die Rede sei, so der Wissenschafter, blieben in der Regel zehn Prozent des Jahresmittels an Emissionen übrig, welche anschliessend kompensiert werden müssten.

Die Diskussion um das Wie der Zürcher Netto-Null-Strategie hat jedenfalls gerade erst begonnen.

So will etwa Zürichs Verkehrsministerin Simone Brander (SP) «langfristig keine Benzin- und Dieselautos mehr in der Stadt» dulden, dafür soll Zürich dank mehr Bäumen und Velowegen dem Netto-Null-Ziel näher kommen.

Auf die Show von Fliegerstaffeln sowie das Feuerwerk am Züri-Fäscht soll bereits verzichtet werden. Genauso wie auf die digitalen Werbetafeln auf öffentlichem Grund, denen künftig der Stecker gezogen wird.

Die Beispiele zeigen: Die Massnahmen, um das Ziel von Zürich als einer klimaneutralen Stadt zu erreichen, sind so mannigfaltig wie umstritten.

Zumindest die CO2-Messanlage läuft schon einmal.

Tobias Marti, «Neue Zürcher Zeitung» (03.04.2023)

Hier publiziert Sustainable Switzerland exklusiv kuratierte Inhalte aus Medien der NZZ. Abonnemente der NZZ entdecken.

Dieser Artikel erscheint unter

Werbung

Beliebte Artikel

Empfohlene Artikel für Sie

SBTi: 100 Schweizer Unternehmen für Netto-Null
Klimawandel

SBTi: 100 Schweizer Unternehmen für Netto-Null

Foto: Post
Klimawandel

Mit Wald und Wissenschaft gegen den Klimawandel

Klimaneutral
play button
Klimawandel

Was bedeutet eigentlich Klimaneutral?

Ähnliche Artikel

Co2 in der Form von Wolken
Klimawandel

Warum Technologien in der Klimadebatte wichtiger werden

Herkulesaufgabe für den Klimaschutz: Der Luft mehr CO2 zu entziehen, wäre nützlich – was aber fehlt, ist ein Patentrezept
Klimawandel

Herkulesaufgabe für den Klimaschutz: Der Luft mehr CO2 zu entziehen, wäre nützlich – was aber fehlt, ist ein Patentrezept

Wo können wir CO₂ überhaupt speichern?
Klimawandel

CO₂-Abscheidung: Energieintensiv und dennoch unverzichtbar?