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Bild: Northern Lights

Das CO2-Terminal im norwegischen Öygarden soll noch im laufenden Jahr den Betrieb aufnehmen. Bild: Northern Lights

Wirtschaft

Millionen Tonnen CO2 aus der Schweiz sollen in Norwegen unter dem Meeresboden eingelagert werden

Um die Klimaziele zu erreichen, spannt die Schweiz mit Norwegen zusammen. Angestrebt wird ein Abkommen, das dem Export und der Speicherung des Treibhausgases in der Nordsee Schub verleiht.

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Millionen Tonnen CO2 aus der Schweiz sollen in Norwegen unter dem Meeresboden eingelagert werden

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Bis ins Jahr 2050 muss die Schweiz klimaneutral werden und darf damit unter dem Strich keine Treibhausgase mehr freisetzen. Schon jetzt steht jedoch fest, dass es nicht gelingen wird, den Ausstoss von Kohlendioxid vollständig zu eliminieren. So werden in der Zementindustrie, der Abfallverwertung und der Landwirtschaft Emissionen auch langfristig kaum zu vermeiden sein. Auf etwa 12 Millionen Tonnen CO2 schätzt der Bund ihren Umfang – was rund einem Viertel des jährlichen Ausstosses von Treibhausgasen in der Schweiz entspricht.

Was also tun, um das Netto-Null-Ziel trotzdem zu erreichen? Seit Anfang Jahr erlaubt es der Bundesrat, dass CO2 aus der Schweiz im Meeresgrund im Ausland eingelagert wird. «Carbon capture and storage» (CCS) heisst die Technologie, die das möglich machen soll. Gemeint ist damit, dass CO2 an der Quelle – also etwa am Kamin einer Kehrichtverbrennungsanlage – abgeschieden, später in flüssiges Gas umgewandelt und dann ins Ausland transportiert wird. Dort wird es dann in den Meeresboden gepresst.

Noch steckt die Technologie in den Kinderschuhen. Doch will der Bundesrat bei der Entfernung und Lagerung von Klimagasen vorwärtsmachen. Vor wenigen Tagen hat Energieminister Albert Rösti mit seinem norwegischen Amtskollegen Terje Aasland eine Absichtserklärung unterzeichnet, die eine engere Zusammenarbeit der beiden Länder bei der CO2-Speicherung vorsieht. Man wolle nicht zuletzt bei den Pionieraktivitäten zusammenspannen, erklärten die beiden Minister am Mittwoch via Videobotschaft an einem Branchenanlass im Zürcher Kongresshaus.

Die beiden Länder wollen ein bilaterales Abkommen abschliessen, das der Schweiz den Weg ebnet, dereinst in grossem Stil CO2 im Meeresgrund vor der norwegischen Küste einzulagern. «Das Speicherpotenzial in der Schweiz ist begrenzt», sagt Robin Poell, Sprecher des Bundesamtes für Umwelt, «deshalb sind wir auf internationale Partnerschaften angewiesen.» Beabsichtigt sei, dass die Schweiz mit dem Abkommen die rechtliche Grundlage für den Export von CO2 aus der Schweiz nach Norwegen schaffe. Damit werde nicht zuletzt die Investitionssicherheit erhöht.

CO2-Speicher statt Ölförderung

Kein anderes Land in Europa treibt den Aufbau einer CO2-Speicherinfrastruktur so entschieden voran wie Norwegen. Bereits Anfang 2025 eröffnet dort ein Konsortium, an dem die Energieunternehmen Equinor, Shell und Total beteiligt sind, eine erste grosse Speicherstätte namens Northern Lights. Dafür genutzt werden unter anderem erschöpfte Öl- und Gaslagerstätten sowie grundwasserführende Gesteinsschichten unter dem Meer. Norwegens Regierung will damit für dessen Industrie ein neues Geschäftsfeld erschliessen angesichts versiegender Ölquellen in der Nordsee.

Die Rechnung könnte aufgehen. Die Speicherkapazitäten von Northern Lights sind bereits vergeben. Das Vorhaben soll indes bloss der Startpunkt sein auf dem Weg, die CO2-Speicherung als kommerziellen Markt zu etablieren: Bereits hat Norwegen sechs Lizenzen vergeben für die Schaffung solcher Speichervorhaben, die ausländischen Unternehmen offenstehen soll, weitere Lizenzen will die Regierung im laufenden Jahr vergeben. Der Industrie winkt ein grosses Geschäft: Bis 2030 sollen europaweit nach den Plänen der EU mindestens 50 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr gespeichert werden – das ist so viel, wie Schweden in einem Jahr an Klimagasen in die Luft ausstösst.

Bild: Northern Lights

Eine Illustration des geplanten Speichers. Bild: Northern Lights

Auf Speicher in der Nordsee muss die Schweiz zurückgreifen, weil das Potenzial im Inland noch kaum abgeschätzt wurde. Zwar wollen Bund und ETH in den nächsten Jahren in einem alten Bohrloch der Nagra im zürcherischen Trüllikon testen, in welchem Ausmass CO2 in der Schweiz gelagert werden könnte. Doch schätzt der Bund, dass geologische Speicher frühestens in 15 bis 20 Jahren zur Verfügung stehen werden.

«Ob es genügend geeignete Speicherstätten im Inland gibt und ob sich diese erschliessen lassen, wurde in der Vergangenheit nur unzureichend erkundet», sagt Cyril Brunner vom Institut für Atmosphäre und Klima an der ETH Zürich. Auch fehle hierzulande das Know-how für die Technologie, bei der CO2 Hunderte Meter tief in den Untergrund injiziert wird. «Der Schweiz bleibt darum nichts anderes übrig, als einstweilen auf den Export von CO2 zu setzen», sagt der Klimawissenschafter. Weil dafür länderübergreifende Regulatorien und Qualitätskriterien fehlten, ergebe es Sinn, dass die Schweiz mit bilateralen Verträgen für Planungssicherheit sorge.

Deutschland plant Pipelinesystem

Hinzu kommt die logistische Herausforderung. Das Flüssiggas muss in Containern per Bahn und Schiff an den Lagerstandort befördert werden – was sehr aufwendig ist. So zeigt sich, dass die Kosten für den Transport derzeit stärker ins Gewicht fallen als die Speicherung. Ändern würde sich dies erst, wenn das CO2 via Pipelines an die Nordsee gelangen kann. Dabei könnte etwa eine Leitung von Karlsruhe in Baden-Württemberg nach Basel gelegt werden, um eidgenössisches CO2 aufzunehmen. In Deutschland gibt es Pläne für die Schaffung einer solchen Infrastruktur. Doch noch stehen die Gespräche für den Aufbau eines Pipeline-Netzes erst am Anfang.

Angesichts der grossen Unsicherheiten scheuen sich private Unternehmen aus energieintensiven Branchen noch, in Anlagen zu investieren, mit denen das CO2 abgeschieden werden kann. Bislang lanciert wurden bloss Pionieranlagen, die zum überwiegenden Teil durch Mittel der öffentlichen Hand finanziert wurden. Ein Beispiel dafür ist das Zementwerk Brevik. Ab nächstem Jahr soll dort erstmals klimaverträglicher Zement hergestellt werden. Mit der neuen Anlage, für die zu 80 Prozent der norwegische Staat aufkam, können jährlich 400 000 Tonnen CO2 abgeschieden und unter dem Meeresboden entsorgt werden.

In der Schweiz ist die Industrie noch nicht so weit. «Für die klimaneutrale Zementproduktion müssten die Kosten wohl an die Endkunden weitergegeben werden», sagt Stefan Vannoni, Direktor des Branchenverbands Cemsuisse. Selbst wenn die Kosten für den Transport und die Speicherung sänken, würde sich der Preis für Zement damit wohl etwa verdoppeln.

Ohne eine Unterstützung durch den Staat beim CO2-Transport sowie bei der Bereitstellung von klimaneutraler Energie wäre dies laut Vannoni für die Zementhersteller kaum zu verkraften. Dies nicht zuletzt auch, weil die Schweiz sich davor scheue, einen Grenzausgleich einzuführen, welcher die heimischen Unternehmen vor Konkurrenten schütze, die keinen Klimaschutzvorgaben unterliegen.

Bereits Pionierprojekte lanciert haben in der Schweiz derweil Betriebe der öffentlichen Hand. So investiert die Stadt Zürich 35 Millionen Franken in eine Anlage, die das CO2 einfängt, das bei der Verbrennung von Klärschlamm entsteht. Die eine Hälfte davon soll in Recyclingbeton gebunden, die andere Hälfte in eine Speicherstätte in der Nordsee eingebracht werden.

Die Anlage im Werdhölzli soll indes bloss die Vorstufe sein für deutlich grössere Projekte. So plant die Stadt Zürich auch bei der Kehrichtverbrennungsanlage Hagenholz CO2 abzuscheiden. Ebenso will die Kehrichtverbrennungsanlage Linth im Kanton Glarus bis 2030 eine Abscheideanlage für mindestens 100 000 Tonnen CO2 pro Jahr in Betrieb nehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Gas dereinst unter dem Meeresboden der Nordsee verbunkert wird, ist in den letzten Tagen gewachsen.

David Vonplon, «Neue Zürcher Zeitung» (24.05.2024)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

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