Agenten der Naturproduktion
Das «Nature-Factory Manifesto» ruft die Wirtschaft zur aktiven Förderung von nachhaltigem ökonomischen Wachstum und zur natürlichen Gestaltung urbaner Räume auf.
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Bild: Nicola Colella / zvg
Das «Nature-Factory Manifesto» ruft die Wirtschaft zur aktiven Förderung von nachhaltigem ökonomischen Wachstum und zur natürlichen Gestaltung urbaner Räume auf.
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4 Min. • • Andreas Kipar*, LAND
Die Klimakrise interessiert sich nicht für globale Debatten und Konflikten. Der Januar 2025 war weltweit der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Jahr für Jahr erleben wir das vermehrte Auftreten von Überschwemmungen, Dürren, Hitzewellen, grossflächigen Bränden. Diese Ereignisse wie auch die Reduzierung der Artenvielfalt und das Ansteigen des Meeresspiegels sind dabei, unsere Gesellschaften in erheblichem Mass zu destabilisieren. Und zugleich melden sich immer wieder Stimmen zu Wort, die aufbauend in die Zukunft blicken. Sicher: Die Klimakrise ist gar nicht mehr zu verhindern, wie uns die Wissenschaft lehrt. Gerade deshalb geht es heute und in Zukunft darum, ihre Spitzen zu brechen und mit ihr leben zu lernen – mit Ökosystemdienstleistungen nach Vorgabe der UN-Ziele (SDGs) für nachhaltige Entwicklung. Und die Wirtschaft kann und muss dabei ihren Beitrag leisten.
Natur als Kapital
Nur langsam setzt sich das Bewusstsein durch, dass Natur selbst eine Kapitalform neben dem ökonomischen, humanen und sozialen Kapital bildet und zugleich deren Grundlage ist. Ohne Natur ist kein nachhaltiges Produzieren, freies Arbeiten und gesundes Zusammenleben möglich. Ohne sie lässt sich weder Lebensqualität noch ökonomischer Reichtum garantieren. Nach einer Untersuchung der Europäischen Zentralbank aus dem Jahr 2024 sind von den 4,2 Millionen produzierenden Unternehmen in Europa 72 Prozent von funktionierenden Ökosystemdienstleistungen abhängig und würden langfristig in signifikante wirtschaftliche Schwierigkeiten rutschen, wenn die Zerstörungstrends andauern. Auch 30 Prozent der Investitionen von Versicherern sind betroffen.
Ein Manifest als Vision für Integration von Natur in urbanen Räumen
Einen entscheidenden Raum bilden die Städte und ihr urbanes Umfeld. Den katastrophalen Rückgang von Vielfalt in der Natur will das Konzept der «Nature-Positive Cities» nicht nur zum Stillstand (netto null) bringen, sondern nach und nach durch Steigerung von Biodiversität in urbanen Räumen «naturpositiv» gleichsam umdrehen. Territoriale und urbane Landschaften, Makroregionen über nationalen Grenzen hinaus müssen also in den Mittelpunkt der Klimaresilienz rücken und zeigen, dass Fortschritte möglich sind - auch angesichts politischer Rückschläge.
Zur aktiven Förderung von nachhaltigem ökonomischen Wachstum und der natürlichen Gestaltung urbaner Räume ruft deshalb das «Nature-Factory Manifesto» auf, in dem sich zwei in ihren Feldern führende Akteure zusammen gefunden haben: Porsche Consulting, die strategische Managementberatung der renommierten Automobilmarke unter der Geschäftsführung von Josef Nierling und mein eigenes internationales Beratungsunternehmen LAND für urbane und rurale Planungen. Unsere Arbeit als Planer und Designer versetzt uns in eine Schlüsselrolle: Wir müssen den Wandel beflügeln, ermöglichen und durchsetzen. Das Manifest, das eine zukunftsweisende Vision für die Integration von Natur und Nachhaltigkeit in städtische und industrielle Landschaften skizziert, wurde Ende Januar in Davos auf dem World Economic Forum 2025 vorgestellt.
Fünf Punkte für einen Paradigmenwechsel
LAND hat das «Nature-Factory Manifesto» in dem Bewusstsein erarbeitet, durch fünf Punkte einen Paradigmenwechsel im Design-Denken herbeizuführen: Das Manifest…
Deutlich wird so, dass der Reichtum eines Unternehmens nicht mehr auf schnellem Gewinn basiert, sondern auf nachhaltiger Wertsteigerung nach einer langfristig geplanten Perspektive. Die Natur ist die neue Säule der wirtschaftlichen Entwicklung von Städten und Unternehmen: Weg vom Wachstum hin zu spürbarer und messbarer Entwicklung. Es ist an der Zeit, nach neuen Zielen und neuen Regeln für die Naturwertbilanzierung zu handeln, die über die lokale Planungszeit hinausgehen.
Mit naturfreundlichen Strategien und Entscheidungen, die auf diesen Grundsätzen beruhen, können wir Städten, Unternehmen und Planern einen Leitfaden und Praxiswissen an die Hand geben, um der Klimakrise mit konkreten, messbaren Massnahmen zu begegnen. Dabei geht es darum, Menschen, die bislang der ökologischen Transformation unwissend, unbeteiligt bis sogar feindlich gegenüberstehen, auf diesem Weg mitzunehmen. Und parallel darum, die «Entscheider» in Politik und Verbänden unter Druck zu setzen. Dafür brauchen wir Bündnispartner in allen Lagern. Aber vor allem in der Wirtschaft sind Unternehmen gefragt, die gleichsam als «Agenten der Naturproduktion» die urbane Entwicklung durch Naturreichtum unterstützen, neue Impulse geben und in öffentlich-privaten Partnerschaften biologische Vielfalt, Nachhaltigkeit und die Wiederherstellung von Ökosystemen fördern.
*Andreas Kipar, Landschaftsarchitekt und Stadtplaner, ist Geschäftsführender Gesellschafter des Beratungs- und Planungsunternehmen LAND (Mailand) mit Niederlassungen in Düsseldorf, Lugano, Montreal, Riad und Wien.
Deklaration: Dieser Inhalt wurde von LAND im Rahmen der Partnerschaft mit Sustainable Switzerland selbst erstellt.
Dieser Artikel behandelt folgende SDGs
Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.
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