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Hat die Klimakrise ein Geschlecht?

Bild: Nikita Teryoshin

Klima & Energie

Hat die Klimakrise ein Geschlecht?

Die Männer sind schuld am schlechten Zustand des Planeten – so lautet der Tenor des Ökofeminismus. Die Theorie ist populär. Sie verklärt Frauen zu naturnahen Wesen und verfestigt alte Stereotype.

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Frau schlägt Macho, Greta Thunberg macht’s vor. Die Klimaaktivistin hat kürzlich den Influencer Andrew Tate abgefertigt, einen notorischen Autofan und Frauenfeind. Der Mann protzte auf Twitter mit seiner Sammlung an Karossen und bat Thunberg um ihre E-Mail-Adresse; er wolle ihr eine Liste von all seinen Wagen und deren Emissionen schicken. Gewitzter als die junge Frau hätte man nicht reagieren können. Thunberg teilte mit, dass sie sich gerne aufklären lasse, und zwar unter smalldickener­[email protected], womit sie etwa sagte: kleiner Penis, grosse Klappe.

Thunbergs Tweet erheiterte die Weltöffentlichkeit. Aber war das wirklich nur eine komische Episode? Verschiedene Kommentatorinnen wollten mehr sehen in dem Twitter-Geplänkel. Was sich zwischen Tate und Thunberg abgespielt habe, war da und dort zu lesen, sei als Grundkonstellation unserer Zeit zu verstehen: Toxische Männlichkeit gefährde den Planeten, den Frauen wie Thunberg zu retten versuchten. Das Klimaproblem hätte demnach ein Geschlecht, und zwar ein eindeutig männliches.

Dass das Geschlecht einen Einfluss hat auf die CO2-Emissionen, ist nicht zu bestreiten. Tendenzen, die man im Alltag beobachtet – beim Lunch entscheiden sich Kolleginnen für den Gemüseteller, Kollegen fürs Schnitzel –, spiegeln sich in zahlreichen Studien, die Männern einen grösseren ökologischen Fussabdruck als Frauen nachweisen. In Schweden etwa hat eine Erhebung 2021 ergeben, dass Männer, die in Single-Haushalten leben, den Treibhausgasverbrauch der Single-Frauen um jährlich 16 Prozent übertreffen. Die grössten Unterschiede zeigten sich dabei nicht bei der Ernährung, sondern im Bereich der Mobilität, namentlich im Autogebrauch. Auch Strom nutzen die Geschlechter unterschiedlich, wie ETH-Forscher 2019 ermittelten: In Einpersonenhaushalten fällt der Stromkonsum der Frauen um ein Viertel tiefer aus als jener der Männer.

Androzän statt Anthropozän

Natürlich bleibt in jeder Studie auch einiges ausgeklammert (wie schlägt sich Online-Shopping in der CO2-Bilanz nieder?), manche Forscher betonen, dass die Männer in gewissen Bereichen besser abschnitten – so führen sie öfter als Frauen mit dem Velo zur Arbeit –, und zuletzt sind die Befunde auch nicht global gültig. Während nordamerikanische und europäische Studien den Frauen fast durchgehend ein höheres Umweltbewusstsein attestieren, ist in anderen Ländern, in Ungarn zum Beispiel oder in Ägypten, nichts dergleichen zu sehen. Kurz: Auch wenn fraglos Unterschiede bestehen im Verhalten der beiden Geschlechter, sind die Ansätze zu Berechnung und Vergleich der Fussabdrücke noch nicht «wirklich schlüssig», wie eine Studie 2018 bemerkte.

Die fehlende Schlüssigkeit aber hält nicht alle davon ab, aus den bestehenden Unterschieden weitreichende Schlüsse zu ziehen. Wir befänden uns heute im «Androzän», sagt etwa die Französin Sandrine Rousseau. Sie bezeichnet damit eine Epoche, die vom verheerenden Treiben der Männer (andrós = Mann) geprägt ist – und nicht vom Einfluss der Menschen als solchen, wie es der inzwischen geläufige Begriff «Anthropozän» (ánthropos = Mensch) nahelegt.

Rousseau, eine Parlamentarierin der Grünen, versteht sich als Ökofeministin und führt dabei zwei Strömungen zusammen, die seit einiger Zeit die Debatten dominieren. Kurz bevor Greta Thunberg 2018 die Klimastreiks initiierte, ist 2017 die #MeToo-Bewegung entstanden. Der Ökofeminismus denkt die beiden Themen gemeinsam: Die Zerstörung der Natur und die Unterdrückung der Frauen führt er auf dieselbe Quelle zurück – aufs Patriarchat, die rücksichtslos unterwerfende Männlichkeit.

Solche Denkansätze gab es schon in den 1980er Jahren, die verschärfte Krise verleiht ihnen heute eine neue Popularität. Um ihr Argument zu fundieren, greifen die Ökofeministinnen weit in die Geschichte aus. Schon in der Steinzeit, heisst es in einem Buch von 1986, seien Frauen als Gebärende und Nährende tief in die Kreisläufe der Natur eingebettet gewesen und hätten sich als Teil derselben erfahren. Anders die Männer. Sie seien gegen die Natur angetreten, hätten Jagd auf sie gemacht und später mit der Zucht von Pflanzen und Tieren begonnen, sich die natürliche Welt, die Mutter Erde, nach Belieben verfügbar zu machen.

Denselben Unterwerfungsprozess machen andere Ökofeministinnen in der Zeit der wissenschaftlichen Revolution ab dem 16. Jahrhundert aus: Den technischen Fortschritt, das rationale Wissen hätten die Männer damals verwendet, um die Natur zu beherrschen und mit ihr auch die Frauen, denn das Weibliche wurde stets als naturnah begriffen. Am ausgeprägtesten hat man sich die Ausbeutung dann in der Ära der fossilen Energien vorzustellen. Das Aufbohren der Erde, das Eindringen in ihre Eingeweide erinnert laut einigen Ökofeministinnen nicht zufällig an Vergewaltigungen. Das von «Petro-Maskulinität» geprägte Ölzeitalter sehen sie als rundum brutale Periode, die es jetzt endlich zu beenden gelte.

Am zielführendsten wäre es wahrscheinlich, die Män­ner abzuschaffen. Da dies aber schwer zu bewerkstelligen wäre, wollen die Ökofeministinnen nur das Patriarchat ausrotten und dadurch «über das Androzän hinaus»gelangen – so verspricht es Sandrine Rousseau im Titel ihres jüngsten Buches.

Die Schwäche wird zur Stärke

Rückblicke in die Steinzeit sind in aller Regel reine Spekulationen, und über die «Petro-Ära» gäbe es einiges zu sagen, was die Vorstellung von der allumfassenden Unterwerfung infrage stellte. Schliesslich war die Zeit der immer allgemeiner verfügbaren Energie auch jene der immer stärker voranschreitenden Gleichberechtigung; von egalitären Gesellschaften, wie sie uns heute normal erscheinen, konnte man vor der Neuzeit nur träumen.

Ganz abgesehen aber von solchen historischen Unstimmigkeiten hat die ökofeministische Theorie ein grundlegendes Problem: Sie schreibt Geschlechterrollen fest und verfestigt exakt die Stereotype, die man doch eigentlich überwinden möchte. Anders als in den 1980er Jahren behauptet heute zwar kaum noch jemand, dass es biologische Gegebenheiten seien, die die Frauen zu naturliebenden Wesen machten. Vielmehr führe die Sozialisierung, die Erziehung, dazu, dass sich Frauen stärker um ihre Umwelt kümmerten. Doch im Endeffekt macht die Begründung keinen Unterschied – heute wie damals erscheinen Frauen als Menschen, die über eine spezielle Nähe zur Natur verfügen.

Nur wird die Naturnähe, aus der die Männer seit der Antike auf die geistige Schwäche der Frauen schlossen, jetzt zur Stärke umgedeutet: Durch ihr sorgendes, umweltbewusstes Verhalten werden die Frauen zu den Retterinnen in der Krise.

Wenn Umweltbewusstsein auf diese Weise geschlechtlich konnotiert wird, zieht das ein weiteres Problem nach sich. Denn je stärker das «Grüne» als weiblich erscheint, desto weniger wollen sich Männer damit identifizieren. Dazu kann man wieder diverse Studien konsultieren: Offenbar scheuen manche männlichen Konsumenten tatsächlich davor zurück, Bio-Esswaren zu kaufen und sie in Stofftaschen nach Hause zu tragen, weil diese Verhaltensweisen als weiblich gälten.

Das mag lächerlich klingen. Es animiert aber Marketingstrategen dazu, die Rollenbilder weiter zu zementieren. Um Männer zu erreichen, wird jetzt nämlich empfohlen, ihnen energiesparende Produkte als «Kampfmittel» gegen den Klimawandel anzupreisen oder in der Werbung an ihre Helden- und Beschützerinstinkte zu appellieren. Ein Elektro-BMW etwa stiess bei Probanden als «Protection Model» auf weit grösseres Interesse als unter seinem neutralen Seriennamen «i3».

Einen solchen Wagen können sich freilich nur wenige Menschen leisten, sie mögen männlich, weiblich oder nonbinär sein: Einer der Faktoren, welche die Grösse des ökologischen Fussabdrucks am entscheidendsten prägen, ist das Einkommen, über das die Personen verfügen. Natürlich, auch Alter, Hautfarbe und Ethnie spielen eine Rolle – in Studien wurde das bereits erhoben, und man kann davon ausgehen, dass der Einfluss von Religion und sexueller Orientierung ebenfalls untersuchenswert wäre. Aber was soll es bringen, die Leute immer weiter auseinanderzudividieren und sie als Vielzahl verschiedener Typen zu begreifen? Vielleicht wäre das Gegenteil nützlich. Vielleicht wäre es sinnvoll, die Menschen vor dem Klimaproblem zu einen und darauf zu pochen, der Krise mit dem zu begegnen, was alle Menschen gleichermassen besitzen: die Gabe zum vernünftigen Denken.

Claudia Mäder, Spezialbund «2050» der «NZZ am Sonntag» (28.01.2023) Hier publiziert Sustainable Switzerland exklusiv kuratierte Inhalte aus Medien der NZZ. Abonnemente der NZZ entdecken.

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

13 - Massnahmen zum Klimaschutz

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