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Das Rennen um Netto-Null

Patrick Herhold ist Managing Director und Partner am Center for Climate and Sustainability von BCG. Foto: PD

Klima & Energie Wirtschaft Partner Inhalt: Boston Consulting Group (BCG)

Das Rennen um Netto-Null

Die Klimakrise ermöglicht einer ganzen Generation von Führungskräften enorme Chancen. Diese Wirtschaftstransformation ruft nach Beschleunigung – und neuen Leadern.

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Dass Krisen immer auch Chancen bedeuten, ist eine ökonomische und gesellschaftliche Binsenwahrheit, die aber wohl noch nie so zutreffend war wie heute. Durch die notwendigen Anpassungen, die der politisch unbestrittene Klimaschutz erfordert, steht die Welt vor der grössten friedlichen Transformation in der Geschichte der Menschheit. Einer ganzen Generation von Führungskräften eröffnen sich damit einmalige Chancen – gleichzeitig bedroht der Wandel das etablierte Geschäftsmodell von Unternehmen. Eine enorme Herausforderung.

Tatsächlich ist der Abschied von der fossilen Wirtschaft gewissermassen ein Rennen, dessen Geschwindigkeit viele CEOs und Manager unterschätzen oder noch gar nicht wahrnehmen. In der Studie «Winning the Race to Net Zero», die das World Economic Forum (WEF) in Zusammenarbeit mit der Boston Consulting Group (BCG) erstellt hat, wird deutlich, dass viele Unternehmen vom Ausmass des Wandels überrascht und überfordert sind. Das illustriert auch die Abbildung zu Kapazitäts- und Kostenprojektionen in Bezug auf Photovoltaik, Windkraft und Batterien. Oft würden technologische Prozesse zu konservativ eingeschätzt, heisst es in der Studie: «So sind die Prognosen für die Kapazität der Photovoltaik zwischen 2002 und 2020 um den Faktor 36 gestiegen, während die prognostizierten Stückkosten um den Faktor drei gesunken sind. Diese Dynamik des sich gegenseitig verstärkenden technologischen Fortschritts und der Kostensenkung, die in vielen Ländern durch regulatorische Anreize vorangetrieben und unterstützt wird, ist auch bei anderen kohlenstoffarmen Technologien zu beobachten», heisst es in dem Report.

Das Beispiel veranschaulicht, wie rapide sich das geschäftliche Umfeld durch die breite Notwendigkeit, klimaschädliche Emissionen zu reduzieren, verändern wird. «Wir befinden uns in einem Jahrzehnt, in dem schnell geliefert werden muss. Die Vorteile des Handelns liegen auf der Hand, und die Kosten der Untätigkeit stellen eine Bedrohung für die gesamte Menschheit dar», sagt Patrick Herhold, Managing Director und Partner am Center for Climate and Sustainability von BCG. Der weltweite Klimaschutz gewinne an Dynamik, und Regierungen und Unternehmen setzten sich Ziele, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären, ist Herhold überzeugt. Dieser sich beschleunigende Klimaschutz-Umstieg werde traditionelle Geschäftsmodelle infrage stellen, aber gleichzeitig Chancen für Vorreiter schaffen.

Nachfrage schiesst in die Höhe

Für Jens Burchardt, Managing Director & Partner bei BCG in Berlin, geht es heute darum, die Weichen für die Fahrt in eine Zukunft zu stellen, die gar nicht so weit entfernt ist: «Die politischen, unternehmerischen und privaten Netto-Null-Ambitionen wachsen schnell. Dies wird die Nachfrage nach umweltfreundlichen Technologien und Ressourcen deutlich schneller steigern, als es die meisten Unternehmen derzeit erwarten. Die Nachfrage nach allem, was von erneuerbaren Energien über Elektrofahrzeuge bis hin zu Wasserstoff und recycelten und nicht-fossilen Materialien reicht, wird in die Höhe schiessen, ebenso wie die Nachfrage nach den zugrundeliegenden Rohstoffen. Märkte wie jene für nachhaltige Flugkraftstoffe, in denen die Hersteller noch vor drei bis vier Jahren Schwierigkeiten hatten, Investoren zu gewinnen, sind plötzlich unterversorgt. Es ist gut, auf einem knappen Markt zu sein. Unternehmen, die in der Lage sind, nachhaltige Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, sollten diese, überspitzt gesagt, schon gestern auf den Markt bringen.»

Wie aktuell festzustellen ist, schliesst sich inzwischen das Fenster für Unternehmen, die die Vorteile eines «First Movers» nutzen möchten. Viele Firmen arbeiten bereits intensiv an ihrer Netto-Null-Strategie, was ihnen in absehbarer Zukunft Wettbewerbsvorteile verschaffen wird – beispielsweise manche Anbieter in der Automobilindustrie sowie deren Zulieferer. Viele dieser Unternehmen haben sich auch ehrgeizige Ziele für ihre gesamte Lieferkette gesetzt, welche das Tempo des Wandels beschleunigen werden.

Die Dynamik des Klimaschutzes hat exponentiell zugenommen. Ende 2020 haben mehr als 9600 Unternehmen weltweit der internationalen Non-Profit-Organisation CDP (ehemals Carbon Disclosure Project) gegenüber ihre Emissionsdaten offengelegt. Davon hatten bereits rund 3000 Unternehmen Ziele zur Reduzierung von Emissionen festgelegt. 2017 waren es noch weniger als 900. Die Absicht ist klar: Unternehmen, die im Bereich des Klimaschutzes führend sind, können sich dadurch wirksame Vorteile erarbeiten und haben zeitgleich einen enormen Einfluss auf Konkurrenten, Lieferketten und Endkunden. Sie verändern das Rennen, führen es gleichzeitig an und zwingen andere, ihnen zu folgen.

Vorteile der Netto-Null-Strategie

Aber welche Strategie im Netto-Null-Wettbewerb ist die richtige? Welche Chancen eröffnet die Dekarbonisierung und wie machen CEO sich diese zunutze? Eine Lehrmeinung oder gesicherte Erkenntnisse über die richtige, erfolgsversprechende Strategie gibt es noch nicht, aber es gibt die bisherigen Erfahrungen der Führungskräfte, die ihre traditionellen Geschäftsmodelle in Frage gestellt haben und ihre Betriebe, ihre Strategien, ihr Geschäftsportfolio und ihre Organisation bereits erfolgreich umgestalten.

Dabei zeigt sich, dass Unternehmen, die beim Klimaschutz führend sind, attraktiver werden für Talente. Ihre Wachstumsraten sind grösser, und durch die Senkung des CO2-Ausstosses sinken auch die Kosten. Hinzu kommt: Wer den Regulatoren voraus ist, vermindert sein unternehmerisches Risiko. So zeigt eine BCG-Analyse für den CO2-Ausgleichsmechanismus der EU in fünf emissionsintensiven Branchen, dass die Emissionskosten bis 2030 zwar die Gewinnspannen in allen Sektoren schmälern würden, Unternehmen, die frühzeitig dekarbonisieren, jedoch um 2 bis 12 Prozentpunkte höhere EBIT-Margen (vor Zinsen und Steuern) erreichen als Konkurrenten, welche die Umstellung verzögern.

Die Untersuchung der Boston Consulting Group zeigen ausserdem, dass Klima-Leader mehr Wachstum für ihre Aktionäre schaffen. Eine Analyse von Anfang 2021 hat deutlich gemacht, dass die führenden Unternehmen des Energiesektors, darunter Enel, Iberdrola, Neste, NextEra Energy und Ørsted, von 2017 bis 2020 jährliche Aktionärsrenditen in der Grössenordnung von 30 Prozent erzielten – ein vergleichbares Niveau wie bei den Technologieunternehmen Amazon, Apple, Facebook oder Google. Und im «Value Creators Report 2021» von BCG ergab eine Finanzanalyse der Bewertungsmultiplikatoren im US-Industriesektor, dass die Emissionsintensität mittlerweile der zweitwichtigste Faktor für die Unternehmensbewertung ist.

Ein Klimaschutz-Businessmodell beginnt damit, die Emissionen des Unternehmens abzuschätzen, das Risiko der Klimafrage zu kalkulieren, ein Netto-Null-Geschäftsmodell zu definieren und sich schliesslich ehrgeizige Ziele zu setzen. Aber um in diesem Wettbewerb vorne mit dabei zu sein, ist nur eine Frage wirklich wichtig: Was ist das Beste, was mein Unternehmen tun kann? Ein Ziel, das heute in der Branche Standards setzt, muss nicht zwingend auch morgen noch ambitioniert sein. Es sei denn, es ist wirklich ehrgeizig und entwickelt sich ständig weiter, wenn sich die Umstände ändern und die Technologien fortschreiten. Führungskräfte, die dies verstehen, können ihre Branche wirklich verändern. Genau solche Leader braucht die Wirtschaft jetzt, um die Transformation voranzutreiben.

Deklaration: Dieser Inhalt wurde vom Sustainable Switzerland Editorial Team im Auftrag von BCG erstellt

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