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Wirtschaft

Handel mit Naturschutzgebieten: Nach den CO2-Zertifikaten kommen die Biodiversity-Credits

Die Wildnis lässt sich heute mit Kameras und Drohnen vermessen. Damit wird Umweltschutz quantifizierbar und zu einem handelbaren Gut. Doch lernen die Anbieter von Biodiversitätszertifikaten aus den Fehlern des CO2-Marktes?

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Handel mit Naturschutzgebieten: Nach den CO2-Zertifikaten kommen die Biodiversity-Credits

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Der Nordwesten Simbabwes ist berühmt für seine wilde Natur: weite Landschaften mit wilden Tieren, gekrönt von den imposanten Victoria-Wasserfällen. Jetzt soll er noch wilder werden. Auf einem Landstrich, so gross wie das Tessin, entsteht ein neues Schutzgebiet. «Wir hoffen, dass vor allem gefährdete Tiere wie die Afrikanischen Wildhunde, Geparden, Leoparden, Schuppentiere und Südhornraben wieder mehr werden», sagt Jos Danckwerts, der junge Leiter des Projekts. «Bei allen Arten wollen wir zumindest den Schwund stoppen.»

Aber Danckwerts will mit dem Naturschutzprojekt noch etwas anderes: Biodiversity-Credits. «Panda Masuie» ist eines der ersten Projekte weltweit, die Tiere und Pflanzen nicht nur schützen, sondern den Schutz in Zertifikaten verbriefen und verkaufen wollen. Die Zertifikate sollen in Zahlen erfassen, wie viele Wildhunde, Leoparden oder Elefanten hinzugekommen sind oder zumindest nicht weniger wurden. Ähnlich wie CO2-Zertifikate sollen Firmen oder Organisationen diese kaufen können, um den Schutz zu finanzieren.

Deshalb wird die wilde Natur jetzt digitalisiert. «Wir werden Kamerafallen für Säugetiere, akustische Aufnahmegeräte für Vögel und Frösche und Drohnen für grosse Bäume einsetzen», sagt Danckwerts, dessen NGO Wild is Life in Harare, der Hauptstadt Simbabwes, ein Waisenheim für Elefanten betreibt. Wenn das Projekt beginnt, werden die Daten an eine britische Firma übermittelt, wo künstliche Intelligenz die Tiere zählen wird, die die Kameras und Mikrofone erfasst haben. Je mehr Tiere sie zählen, umso mehr Credits wird das Projekt erhalten.

Science-Fiction wird Wirklichkeit

Was zuvor Stoff von Science-Fiction-Romanen war (in «Der Gemeine Lumpfisch» des Autors Ned Beauman verspekuliert sich ein Ökologe mit Lumpfisch-Zertifikaten, auf deren Preise er wettet), geschieht nun in Wirklichkeit. 2022 wurde in Montreal das «Biodiversity Framework» unterzeichnet. Für die Natur soll es das werden, was das Pariser Abkommen für das Klima ist. Bis 2030 will die Uno 30 Prozent der Erde unter Naturschutz stellen. Doch das wird teuer. Um wenigstens einen Teil der jährlich nötigen 700 Milliarden Dollar aufzutreiben, setzt sie auf Biodiversity-Credits, ähnlich wie beim Klima auf CO2-Zertifikate.

«Bislang kam die Finanzierung von Biodiversität grösstenteils von Regierungen», sagt Van Hai Nguyen von der Wyss Academy for Nature an der Universität Bern. «Mit Biodiversity-Credits verfolgt man nun einen ‹Whole of society›-Ansatz: Die ganze Gesellschaft soll einbezogen werden, auch die Privatwirtschaft.»

Vor allem Firmen, die mit ihren Produkten von der Natur profitieren oder ihr stark schaden, sollen in den Naturschutz eingebunden werden. Biodiversity-Credits werden so etwas wie die Währung zum Handel mit Natur – und bestenfalls ein Vorteil für alle. Das World Economic Forum meint, dass Biodiversity-Credits «Menschen, Natur und Unternehmen zugutekommen können», und will ihr Potenzial weiter ergründen.

Punkte für Gezwitscher

Zu ergründen gibt es einiges. Allein was Biodiversität bedeutet, ist umstritten. Als Vielfalt aller Organismen und ihrer Lebensräume und Ökosysteme definiert sie die Uno. Relativ neu ist, dass sich diese Vielfalt – und ihr Zerfall – auch messen lässt. Lange hatte man wenig Zahlen zur Natur und zu ihren Arten. Satelliten überwachen Steppen und Wälder. Ihre Bilder sind so hoch aufgelöst, dass man damit sogar Elefanten zählen kann. Mit DNA-Analysen von Brunnenwasser oder Insektenfallen kann man messen, welche Tiere und Bakterien in einem Park unterwegs sind.

Die vielen neuen Daten verändern den Naturschutz, strategisch und ökonomisch. «Im Naturschutz wurden bislang viele Emotionen verkauft, im Stil von: arme Tiere mit grossen Augen, die wir retten müssen», sagt Martin Schaefer, Leiter der Umweltorganisation Jocotoco, die in Ecuador Schutzgebiete betreibt. «Der Naturschutz-Szene fehlt aber die Datengrundlage, um zu verstehen, wie man Naturschutz besser gestalten und effektiver machen kann, auch um zeigen zu können, was wie viele Dollars bewirken.»

Schaefer hatte letztes Jahr mit der Universität Würzburg eine Studie veröffentlicht, die zeigte, dass künstliche Intelligenz Vögel so zuverlässig erkennt wie Experten. 43 Mikrofone hatten sie dafür in ihren Regenwaldgebieten installiert. «Solche Systeme können wir skalieren», schwärmt Schaefer. «Landbesitzer müssen nicht mehr Doktoranden werden, die Frösche zählen», meint er. Noch dazu können die Mikrofone Bedrohungen wie Gewehrschüsse oder Kettensägen erkennen.

Wie Danckwerts in Simbabwe hofft auch Schaefer in Ecuador, diese Daten in Biodiversity-Credits zu verwandeln und die Zertifikate zu verkaufen. Früher finanzierte sich seine NGO über Spenden, heute vor allem über Naturschutz-Dienstleistungen wie Aufforstungen oder Ausrottungen invasiver Arten. Schaefer hofft, künftig 30 bis 40 Prozent seiner Kosten mit Biodiversity-Credits decken zu können.

Je nach Standard – einige Dutzend versuchen sich derzeit am Markt zu etablieren – müsste er seine Schutzgebiete mit ähnlichen Gebieten vergleichen oder ein Szenario für seine eigenen Gebiete definieren, das ohne Schutz eintreten würde. Entwickeln sie sich besser, also nimmt beispielsweise die Anzahl verschiedener Vogelarten mehr zu als im Vergleichsgebiet, erhält er Biodiversity-Credits.

Politischer Druck

Nur, wer soll die kaufen? Schaefer schweben Unternehmen vor, deren Lieferketten die Natur stark belasten, die aber von einem positiven Markenimage leben. Luxusmodelabels etwa, die viel Leder verarbeiten. «Ihre Marke wird angreifbar», so Schaefer. Indem sie Naturschutzprojekte unterstützen, können Unternehmen den Schaden, den sie andernorts anrichten, zwar nicht 1:1 kompensieren, wie das bei CO2-Zertifikaten der Fall sein soll. Aber anders als bei Spenden hätten sie zumindest eine Beglaubigung, dass sie Vögel in Ecuador tatsächlich geschützt haben.

Gänzlich freiwillig könnte dieses Engagement bald nicht mehr sein. Vor allem Brüssel und die Briten erhöhen mit neuen Naturschutzgesetzen den Druck auf die Wirtschaft. Die EU verlangt fortan, dass zunächst grosse Unternehmen über ihre Auswirkungen auf die Natur berichten müssen und Produkte keine Entwaldung mehr verursachen dürfen. Schweizer Unternehmen sind davon betroffen, wenn sie in die EU exportieren.

«Unternehmen müssen jetzt Beweise dafür liefern, dass ihre Produkte keine Entwaldung verursacht oder Wälder beschädigt haben», sagt Nguyen von der Wyss Academy, die plant, mit Schweizer Schokoladenherstellern Konzepte dafür zu entwickeln. «Sie müssen ihre Rohstoffe in Länder wie Ghana, Vietnam oder Peru zurückverfolgen und sicherstellen, dass die Kakaobohnen nicht auf einem kürzlich gerodeten Waldgebiet angepflanzt wurden», sagt Nguyen.

Mit Biodiversity-Credits könnten sie noch weiter gehen. Pflanzt der Lieferant weitere Baumarten auf den Kakaoplantagen, die nur einen Nutzen für die Biodiversität haben, könnte er mit den Bohnen auch Biodiversity-Credits mitliefern.

Grossbritannien ist diesen Schritt in anderer Form schon gegangen. Das Land hat gerade ein Gesetz verabschiedet, dass 110 Prozent des Schadens, der durch den Bau von Häusern oder Strassen an der Biodiversität entsteht, andernorts wieder aufgebaut werden müssen, etwa durch Umweltorganisationen oder Bauern.

Schlechtes Vorbild

Noch ist der Markt für Biodiversity-Credits klein. Entwickelt er sich wie sein grosses Vorbild, der CO2-Kompensations-Markt, könnte es ein Milliardenmarkt werden. Dort hatten über die letzten Jahre Unternehmen wie Nestlé, Gucci, Disney oder Volkswagen freiwillig Millionen Franken in den Schutz von Wäldern investiert, um CO2-Zertifikate zu erhalten, mit denen sie Produkte «klimaneutral» rechnen konnten. Doch ausgerechnet dieser Markt steckt in einer tiefen Vertrauenskrise.

Vor allem Waldschutzprojekte hatten Millionen wertlose CO2-Zertifikate generiert, weil sie Wälder zu schützen versprachen, die nicht wirklich oder nicht in dem Masse gefährdet waren, wie die Projekte behaupteten. In der Schweiz und weltweit sorgte ein Projekt für Schlagzeilen, das gleich östlich des geplanten Biodiversitätsprojekts in Simbabwe liegt, an den Ufern des Kariba-Sees, der das Wasser für die Victoria-Wasserfälle liefert: das Kariba-Projekt der Zürcher Firma South Pole.

Kariba versprach, ein Waldgebiet, so gross wie Graubünden, vor der kompletten Zerstörung zu schützen, obwohl die Entwaldung in der Gegend relativ gering war. Bauern sollte nachhaltiges Gärtnern, Bienenzucht oder Feuerlöschen beigebracht werden. Doch Recherchen von SRF, der «Zeit» und internationalen Medien zeigten, dass dies nur punktuell geschah.

Ähnliches könnte auch auf dem Biodiversitätsmarkt passieren. Da ist zum Beispiel der Standard der schottischen NGO Plan Vivo, der das Biodiversitätsprojekt in Simbabwe zertifizieren soll. Er gilt als vielversprechend. So verzichtet er etwa auf Vergleichsgebiete, weil es «schwierig oder unmöglich» zu verifizieren sei, dass diese wirklich vergleichbar seien, schreibt Plan Vivo. Stattdessen erhalten Projekte «Wiederherstellungszertifikate», wenn sie zusätzlich Biodiversität aufbauen, und eine beschränkte Anzahl «Schutzzertifikate», wenn auf ihrem Gebiet die Biodiversität nicht verlorengeht. Ob ein Projektgebiet aber tatsächlich gefährdet ist, die Schutzzertifikate also verdient hat, bleibt letztlich nur den angeheuerten Prüfern überlassen.

«Beim CO2-Markt liess man den Markt spielen und hielt den Staat klein», sagt Nguyen. «Aber das hat nicht gut funktioniert. Käufer und Verkäufer haben selbst ausgehandelt, wie viel CO2 ein Projekt reduziert, oft ohne viel zu tun für tatsächliche Reduktionen oder Probleme vor Ort anzugehen.» Möglich, aber derzeit noch hypothetisch wäre, dass auch bei den Berechnungen der Biodiversitätsprojekte der Staat mit am Tisch sitzt, so wie er das heute teilweise auf dem CO2-Markt macht.

Dass sich die schlechte Presse der CO2-Zertifikate auf die Biodiversity-Credits auswirkt, ist auch Danckwerts’ Sorge. Dabei unterscheidet ihn manches vom benachbarten Kariba-Projekt. Er und seine Familie sind seit Jahrzehnten schon in Simbabwe im Elefantenschutz aktiv. Die Zahl der Käufer der Zertifikate will das Projekt klein halten und diese auf solche beschränken, die es auch sonst mit Naturschutz ernst meinen.

«Es ist auch wichtig zu betonen, dass der Grossteil der Einnahmen – 60 Prozent – aus dem Verkauf von Biodiversity-Credits direkt an die Gemeinden fliessen wird, sowohl als Einkommen als auch durch Infrastrukturprojekte», sagt Danckwerts. Schliesslich ist der Nordwesten Simbabwes nicht einfach nur wilde Natur. Hier leben auch viele Menschen.

Tin Fischer, «Neue Zürcher Zeitung» (14.04.2024)

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