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Warum gehen wir nicht raus? Die Schule der Zukunft findet unter freiem Himmel statt

Die Green School auf Bali: Wächst hier die nächste Öko-Elite an? Zu den Abgängerinnen der Schule zählt Isabel Wijsen, die als Greta Thunberg Asiens gilt. Bild: PD

Gesellschaft

Warum gehen wir nicht raus? Die Schule der Zukunft findet unter freiem Himmel statt

Frontalunterricht im Klassenraum war gestern. In Bali, in Dänemark, aber auch an einer Schule im Fricktal wird die Bildung nach draussen verlegt. Denn dort wird besser gelernt.

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Das Dach des Klassenzimmers ist der Himmel, der Pausenplatz der Dschungel. Im Physikunterricht bauen die Schüler Velos aus Bambus. Grammatik büffeln sie in der Hängematte. Im eigenen Gewächshaus wachsen Lebensmittel, die auf einem Herd gekocht werden, der mit Spänen aus einer lokalen Plantage befeuert wird. Glaubt man den zahllosen Artikeln und Reportagen, die über die Green School in Bali erschienen sind, macht diese Schule alles richtig, um den nächsten Generationen einen nachhaltigen Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen mit auf den Weg zu geben, Hochschulanschluss inklusive.

Gegründet wurde die Green School im Jahr 2008 vom kanadischen Schmuckunternehmer John Hardy und seiner Frau Cynthia, die in den achtziger Jahren nach Bali kamen. Als die Kinder das schulpflichtige Alter erreichten, waren dem Paar die öffentlichen Schulen zu reaktionär und die internationalen zu elitär. Also beschloss es, seine eigene Schule zu gründen.

Mit einem guten Startkapital, einem ökologischen Versprechen und den Lehren Rudolf Steiners, die sie in den Dschungel trugen. Heute gibt es drei Ableger: in Neuseeland, Südafrika und Mexiko. Sie sind privat geführt und kosten die Eltern rund 15'000 Franken pro Studienjahr.

Besucht man die Homepage, staunt man. Tolle Sache, die Ausrichtung am Kindsbedürfnis, die Befreiung aus starren Lehrplanstrukturen, der Unterricht im Freien, das angewandte Lernen, aber auch die Sensibilisierung für Umweltfragen, die in den kommenden Jahrzehnten immer drängender werden dürften: Klimaerwärmung, Überbevölkerung, Ressourcenknappheit, Artensterben. Beim Klicken durch die Fotogalerie bemerke ich – typisch Mitteleuropäer – erst auf den zweiten Blick, dass die meisten Kinder weiss sind.

Exportprodukt Nachhaltigkeit

Eine Schule auf Bali, die mehrheitlich von europäischen, australischen oder amerikanischen Kindern besucht wird? Grund dafür sind die für balinesische Verhältnisse unerschwinglichen Gebühren, die sich fast nur Expats leisten können. Für Einheimische bleibt die Schule eine Utopie.

Ein Artikel in der «New York Times» bringt es auf den Punkt: «Was früher die Internate am Genfersee für die internationale Elite waren, ist heute die Green School in Bali.» Der Autor beschreibt die Eltern als «ranke Yoga-Mütter», die mit dem Latte-to-go-Becher in der Hand ihre Kinder vor dem Campus abladen. Man will nicht wissen, aus welchen SUV sie klettern. Nach Abschluss der Schule werden die meisten zurück in ihre Heimat fliegen; im Idealfall als vorbildliche junge Menschen, die Gutes tun. Nachhaltigkeit als Exportprodukt!

Aber brauchen wir dieses Ausfuhrgut überhaupt? Und ist das indonesische Versuchslabor auf andere Länder übertragbar, zum Beispiel auf eine öffentliche Schule in der Schweiz?

Googelt man die Stichworte «Lehrplan», «Schule» und «Ökologie», stösst man hierzulande schnell auf den Namen Regula Kyburz-Graber. Die Biologin ist emeritierte Professorin für Gymnasialpädagogik an der Universität Zürich und eine Pionierin der sogenannten «Umweltbildung». Sogar der Begriff stammt von ihr, weil sie sich stets gegen das Unwort «Umwelterziehung» stemmte. Da schwinge der moralische ­Zeigefinger mit, sagt sie am Telefon. Und mit Moral lässt sich kein Umdenken erzwingen.

Was sie am Modell der Green School Bali positiv bewerte, sei der ganzheitliche Unterricht, der von einer ganzen Schule getragen werden müsse, damit Umweltbildung ­funktioniere: weg von der Atomisierung des Stundenplans in Fächer und Lektionen, hin zu langfristigen Themenblöcken, die das Spektrum des Lehrplans widerspiegeln; von Mathe und Sprache bis zum technischen Gestalten oder Sachunterricht.

«Der Whole School Approach ist der richtige Weg, um etwas zu bewirken, und zwar von der Primar- bis in die Mittelschule», sagt Kyburz-Graber. «Doch wenn davon nur eine aus­gewählte Klientel profitiert, wie etwa in Bali, dann findet keine gesellschaftliche Trans­formation statt. Von daher eignet sich die Green School kaum als gutes Beispiel für eine öffentliche Schule.»

Schön und gut, aber zu komplex?

Als 1972 der Club of Rome in seinem Bericht zur «Lage der Menschheit» die Folgen des ungebremsten Wirtschaftswachstums aufzeigte, unterrichtete Kyburz-Graber an einer Mittelschule. Sie war alarmiert und beschloss, das Thema Umweltschutz in den Unterricht zu integrieren. Ihre Kollegen («damals nur Männer») meinten, die Idee sei schön und gut, aber zu komplex für die Mittelschule. «Ich nahm mir vor, das Gegenteil zu beweisen.» 1978 schrieb sie eine ­vielbeachtete Dissertation über «Ökologie im Unterricht».

In den folgenden Jahrzehnten ist viel passiert, auch dank Regula Kyburz-Graber. Das Thema Ökologie ist heute unter der Leitidee «Bildung für nachhaltige Entwicklung» (BNE) im Lehrplan 21 verankert. Dort heisst es etwas vage: «Die Schülerinnen und Schüler setzen sich mit der Bedeutung von natürlichen Ressourcen und deren Begrenztheit auseinander. Sie befassen sich mit technischen und naturwissenschaftlichen Entwicklungen und denken über deren Einfluss auf Mensch und Umwelt nach.»

Noch fehlt es an Studien, die zeigen, wie sich das neue Kompetenzgebiet BNE im Schulalltag niederschlägt. Ein paar Anrufe bei befreundeten Lehrerinnen und Lehrern zeigen: Das Interesse besteht, auch ein Bewusstsein dafür, dass angesichts der ökologischen Herausforderungen die Schulen in der Pflicht stehen. Aber die Umsetzung der Lernziele scheitert oft daran, dass viele das Gefühl haben, ohnehin schon für alles verantwortlich zu sein.

Andere, die den Wortlaut in Sachen BNE beim Wort nehmen, sehen sich als Einzelkämpferinnen. Corinne Masur unterrichtet in Solothurn auf der Sekundarstufe 1 und sagt: «Der Lehrplan 21 bietet viele Möglichkeiten, Umweltthemen zu behandeln. Es gibt auch gute Weiterbildungsangebote. Aber verbindlich sind sie nicht. Es hängt vom Engagement der einzelnen Lehrperson oder der Schule ab, ob diese wahrgenommen werden oder nicht.»

Vorbild Dänemark: Draussen unterrichten

Rolf Jucker kennt das Problem. Der Bildungsexperte ist Leiter der Stiftung Silviva, dem Schweizer Kompetenzzentrum für Lernen in und mit der Natur. Er beschäftigt sich seit fast zwanzig Jahren mit der Frage, wie Ökologie und nachhaltiges Lernen in den Schulalltag integriert werden können.

Die Lösung liegt für ihn vor der Tür: Silviva hilft Lehrerinnen und Lehrern, noch lieber ganzen Schulgemeinden, einen Teil des Unterrichts nach draussen zu verlegen. Dabei lohne es sich, statt nach Bali einen Blick nach Skandinavien zu werfen, sagt Jucker. In Dänemark unterrichten bis zu 35 Prozent aller öffentlichen Schulen etwa einen Tag pro Woche im Freien.

«Die Lernforschung zeigt, dass sich die Naturerfahrung positiv auf das akademische Lernen, die Kreativität, Gesundheit sowie die soziale Interaktion auswirkt. Schon ein Vormittag pro Woche zeigt Wirkung.» Wo das strukturell nicht möglich sei, bringe es bereits etwas, den Mathematikunterricht ab und zu in den Stadtpark zu verlegen. Das sei niederschwellig und kostengünstig. Ein geschärftes Bewusstsein für die Umwelt bekommen die Schüler auf diese Weise quasi gratis mitgeliefert.

Einmal die Woche raus? Das scheint keine unüberwindbare Hürde zu sein, dem Fernziel einer Schweizer Green School näher zu kommen. Trotzdem hat sich in der Schweiz noch nicht einmal ein halbes Dutzend Schulgemeinden dazu entschlossen, dem Draus­senunterricht eine Chance zu geben.

Warum so wenige? «Weil viele Schulen und Lehrpersonen nicht wissen, wie sie ihren Handlungsspielraum, den ihnen der Lehrplan 21 ermöglicht, nutzen sollen», sagt Rolf Jucker. «Oft besteht das grösste Hindernis darin, dass man gar nicht erst versucht, sich auf eine Veränderung einzulassen.»

Bali? Dänemark? Fricktal!

Eine Schule, die es versucht, liegt im aargauischen Fricktal, umgeben von Feldern, hügeligen Wiesen und Mischwald. Zeihen ist ein Postkartendorf mit 1200 Einwohnern, einem «Rössli», einem «Ochsen», einem Volg und einer Kirche. Als ich an einem frühen Januarmorgen aus dem Postauto steige und die Treppe hinauf zur Primarschulanlage laufe, liegt die Temperatur bei minus drei Grad.

Daniel Jeseneg erwartet mich im Lehrerzimmer. Seit 2019 ist er Schulleiter von rund hundert Kindern und dreizehn Lehrpersonen. Die Schule wird integrativ und jahrgangsgemischt geführt, seit August 2020 verbringen alle Klassen einen halben Tag pro Woche im Freien. Das Motto: «Wir lernen überall!»

Unterstützt werden Jeseneg und sein Team von der Silviva-Stiftung, von Experten des Naturamas und des Juraparks Aargau. Denn so einfach es klinge, den Unterricht für vier Stunden nach draussen zu verlegen, so komplex gestaltet sich die Umsetzung. «Die Crux besteht darin, das Korsett des Stundenplans aufzubrechen und gleichzeitig die Fächertafel des Lehrplans einzuhalten», sagt Jeseneg. Das sei organisatorisch aufwändig. Aber auch personell eine Herausforderung.

Um im Rahmen der vom Kanton zugeteilten Personalressourcen zu bleiben, hat er sich entschlossen, die Pensen der Klassenlehrerinnen leicht zu senken und dafür eine Naturpädagogin einzustellen, die Klassen begleitet und für die Vernetzung mit Förstern, Jägern, Landwirten oder Biologen zuständig ist.

«Was wir hier machen, ist das Gesamtwerk von vielen Akteuren», sagt Jeseneg. Dazu gehörten die Schulbehörde, die Lehrerschaft, aber auch Eltern und Fachexperten. Gabriela Beyeler ist Klassenlehrerin an der Mittelstufe. Sie sagt, dass es anfänglich Eltern gab, die befürchteten, dass das Lernen im Freien und bei jeder Witterung nicht allen Kindern entspreche. «Das Argument verstehe ich. Aber umgekehrt ist es so, dass auch der Unterricht im Klassenzimmer nicht allen Kindern gleichermassen entspricht.»

Wie immer treffen sich die Schülerinnen und Schüler der vierten bis sechsten Klasse in der Pingponghalle. Danach geht es hinauf zum Waldplatz. Alle Kinder, mit denen ich rede, finden den Draussenunterricht «super» oder «cool» oder «mega». Nur wenn es regnet, hält sich die Begeisterung in Grenzen. Im Freiluftklassenzimmer steht ein kreisrundes Riesensofa. Es besteht aus einem raffinierten Geflecht aus Ästen und ist gross genug, dass alle vierzig Kinder darauf Platz haben.

Die Januarsonne bricht wie bestellt durch die Stämme, als Daniel Jeseneg in die Runde ruft: «Wer macht Feuer?» Vier Mädchen melden sich. Dann wird das Thema umrissen, das die erste Hälfte des Vormittags bestimmt: Material sammeln, das man nach der Znünipause zum Dorfbach bringen will, um Modelle von Unterschlupfplätzen für die Feuersalamander zu bauen.

Seit einem halben Jahr beschäftigen sich die Kinder der Mittelstufe mit einer gefährdeten Amphibie: Im vergangenen Sommer hatten die Schüler auf einer Quartierstrasse fast zwanzig tote Salamander gezählt, die von Autos überfahren wurden. Aus der Betroffenheit entstanden Fragen, aus den Fragen Ideen und Themenblöcke für den Unterricht. Expertinnen wurden mit einbezogen, Lösungsstrategien erarbeitet.

«Der Feuersalamander eignet sich hervorragend, um ihn in alle möglichen Fächer einfliessen zu lassen: in NMG, (Natur, Mensch, Gesellschaft), Bewegung und Sport, ins Bildnerische Gestalten oder in den Deutschunterricht.» Und die Stunden im Freien förderten nicht nur die Achtsamkeit gegenüber der Umwelt, sondern stärkten auch die Sozialkompetenz der Schülerschaft.

Später, als wir Pfännchen mit Raclettescheiben ins Lagerfeuer halten, frage ich Daniel Jeseneg, ob er das Schulzimmer am liebsten abschaffen würde. «Nein. Aber ich behaupte, dass ein geschlossener Raum, in dem Kinder im 45-Minuten-Takt mit Stoff abgefüllt werden, nicht mehr zeitgemäss ist.»

Der Lehrer betrachtet die ideale Schule als eine Lernlandschaft, die aus verschiedenen Innen- und Aussenräumen besteht, ­verteilt in einem Stadtquartier oder einem Dorf. «Warum nicht einmal den Unterricht in eine Schreinerei verlegen? Oder auf einen Bauernhof?»

In fünf Jahren werde ich Zeihen erneut einen Besuch abstatten (Bali liegt leider nicht am Weg). Vielleicht gestalten die Kinder bis dahin aktiv die Umweltpolitik ihrer Gemein­de mit. Und das Postauto, das mich von Brugg dorthin bringt, fährt mit Strom. Die erste Teilstrecke mit einem Elektrobus wurde im Kanton Aargau bereits im letztem Sommer in Betrieb genommen. Was zeigt: Utopien sind realisierbar.

Frank Heer, «NZZ am Sonntag» (12.02.2022)

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