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Zukunftsvision des Pariser Architekturbüros PCA-Stream: Champs-Élysées als «aussergewöhnlicher Lebensraum».
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Zukunftsvision des Pariser Architekturbüros PCA-Stream: Champs-Élysées als «aussergewöhnlicher Lebensraum». RENDERING: PCA-STREAM

Gesellschaft Partner Inhalt: One Planet Lab

Im Zickzackkurs zur Transformation

Wer Nachhaltigkeit als linearen Fortschrittsprozess versteht, wird zwangsläufig enttäuscht. Doch das sollte uns nicht vom Weg abbringen.

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Im Zickzackkurs zur Transformation

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Seit wann verläuft Geschichte linear? Das war noch nie so – wie jede Histo- rikerin und jeder Historiker weiss. Und doch erwarten wir genau das, wenn es um Nachhaltigkeit geht: stetigen Fort- schritt, ohne Rückschritt, ohne Umwege.Seit wann verläuft Geschichte linear? Das war noch nie so – wie jede Histo- rikerin und jeder Historiker weiss. Und doch erwarten wir genau das, wenn es um Nachhaltigkeit geht: stetigen Fort- schritt, ohne Rückschritt, ohne Umwege.

Wir wollen Veränderung, aber nur, wenn sie ohne Querelen verläuft. Nach- haltigkeit soll die Welt retten, ohne unse- ren Alltag zu stören. Doch wer glaubt, die ökologische Transformation verlaufe reibungslos, hat die Geschichte sozialer Umbrüche nicht verstanden. Denn auch wenn Transformation Technik braucht, ist sie vor allem eines: ein grosser ge- sellschaftlicher Anpassungsprozess. Und dieser verlangt nach sozialen Innovatio- nen – und nach Debatten, die nicht im- mer harmonisch verlaufen.

Falsche Erwartungen

Die gegenwärtige Ernüchterung ange- sichts der unübersichtlichen Weltlage ist daher kein Zufall, sondern Folge fal- scher Erwartungen und Annahmen.

Erstens sind Gesellschaften viel- schichtige Systeme. Man kann nicht an X drehen und erwarten, dass Y heraus- kommt. Transformation ist komplex, be- sonders in hoch spezialisierten Gesell- schaften wie der unseren. Dies anzu- erkennen, ist eine grundlegende Einsicht.

Zweitens beruhen demokratische Gesellschaften auf Auseinandersetzung. Wer definiert, was die «richtige» Nach- haltigkeitstransformation ist? Der Ver- weis auf die Wissenschaft greift hier zu kurz. Gewiss liefert die (Natur-)Wissen- schaft Fakten – etwa, dass Netto-Null als Zielbild gesetzt ist. Doch über den Weg dorthin entscheidet keine Formel, son- dern die demokratische Debatte. Sie ist anstrengend, aber notwendig.

Drittens folgt menschliches Verhal- ten selten reiner Vernunft. Erkenntnis führt nicht automatisch zu Handlung. Wissen ist Voraussetzung, doch neue In- frastrukturen und persönliche Erfahrun- gen sind ebenso entscheidend. Was bedeutet das für die derzeit sichtbaren – vermeintlichen oder tat- sächlichen – Rückschritte in der Nach- haltigkeitspolitik?

«Transformation ist kein Sprint, sondern ein Dauerlauf – mit Richtungswechseln und Pausen.»

Leonard Creutzburg

Co-Leiter One Planet Lab

Was bedeutet das für die derzeit sichtbaren – vermeintlichen oder tat- sächlichen – Rückschritte in der Nach- haltigkeitspolitik?

Erstens muss die ökologische Trans- formation ganzheitlich gedacht werden. Jede lokale oder persönliche Anpas- sung ist Teil des grösseren Ganzen; je- des kleine Projekt trägt zum Mosaik bei.

s kleine Projekt trägt zum Mosaik bei. Zweitens ist die demokratische Streitkultur kein «Kulturkampf», son- dern Ausdruck funktionierender Demokratie. Dieses inflationär genutzte Unwort verschleiert, dass Demokratie von Debatte lebt – allerdings auf der Basis gemeinsamer Tatsachen. Über die Klimaerhitzung kann nur gesprochen wenn, wenn ihre Existenz anerkannt wird. Und das ist, entgegen manchen Schlagzeilen, der Fall: In der Schweiz sehen 70 bis 80 Prozent der Bevölke- rung die Klimakrise als ernst zu neh- mende Bedrohung an.

Drittens braucht Wandel Zeit. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier; An- passungen erfordern Übung und so- ziale Einbettung – im Freundeskreis, im Quartier, in der Nachbarschaft.

Am Beispiel der Verkehrspolitik lässt sich das gut illustrieren. Viele Städte wol- len den öffentlichen Raum sicherer und lebenswerter gestalten – mehr Freiheit für die Mehrheit. Dazu braucht es weni- ger Autos. Solche Prozesse sind langwie- rig und umstritten: Wer darf wann noch wohin fahren? Welche Ausnahmen gel- ten? Doch Erfahrungen zeigen: Nach Pilotphasen bleiben autofreie Strassen fast überall bestehen. Weil die Men- schen merken, dass das Leben in einem grüneren, ruhigeren und sichereren Um- feld angenehmer ist – und sich ihre Ge- wohnheiten anpassen. Solche Erfahrun- gen sind entscheidend: Sie übersetzen abstrakte Nachhaltigkeitsziele in kon- krete Lebensqualität. So wird Transfor- mation erfahr- und erlebbar – und damit politisch tragfähig.

Das grosse Ziel

Was folgt daraus? Transformation ist kein Sprint, sondern ein Dauerlauf – mit Um- wegen, Pausen und Richtungswechseln. Entscheidend ist, dass wir uns weiterbe- wegen, Schritt für Schritt – Rückschläge gehören dazu. Und manchmal kann es plötzlich sehr schnell gehen: Sozialer Wandel verläuft eben nicht linear, son- dern kann zuweilen auch Sprünge nach vorn machen.

Ob nun Donald Trump im Weissen Haus sitzt oder nicht: Der Weg bleibt derselbe. Zukunft entsteht im Zickzack. Das grosse Ziel müssen wir dabei stets im Blick behalten: wieder innerhalb der planetaren Grenzen zu agieren – denn nur so kann unsere Gesellschaft lang- fristig bestehen. In diesem Sinne: Lau- fen wir weiter!

Der Autor ist Verantwortlicher für neue Wirt- schaftsmodelle und Zukunftsfragen beim WWF Schweiz.

Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

11 - Nachhaltige Städte und Gemeinde

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