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Nina mag Kinder und will trotzdem Karriere machen – geht das?

Bild: Ketut Subiyanto

Gesellschaft Wirtschaft

Nina mag Kinder und will trotzdem Karriere machen – geht das?

Die 29-Jährige ist hin- und hergerissen, wie viele junge Frauen in der Schweiz. Ein Beispiel einer jungen Mutter hingegen zeigt, dass beides möglich ist.

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Seit die ersten Freundinnen von Nina, 29, begannen, Babyfotos zu verschicken und über Windeln zu reden, schwirren viele Fragen durch ihren Kopf. Nina mag Kinder sehr gerne, und mit ihrem Freund, mit dem sie seit neun Jahren zusammen ist, möchte sie gemeinsam alt werden. Doch sie mag auch ihren Beruf in der Bibliothek.

Sie fragt sich: Wer würde das Mittagessen kochen? Wer bliebe zu Hause, wenn das Kind krank ist? Kann mein Partner Teilzeit arbeiten? Erhalte ich den Job als Teamleiterin, falls ich Mutter werde?

«Man kann in einer Partnerschaft noch so gleichberechtigt leben und auch gleich viel verdienen, aber am Schluss heisst es doch: Du bist das Mami, du bist die Verantwortliche», sagt Nina, die eigentlich anders heisst. Sie und ein Dutzend andere junge Frauen, die der NZZ von ihren Zweifeln erzählten, eint ein ähnliches Gefühl: Falls sie sich für Kinder entscheiden, bleibt am Ende alles an ihnen hängen – und darunter wird ihre berufliche Laufbahn leiden.

Sie sind nicht alleine. 70 Prozent der Frauen in der Schweiz befürchten, dass sich die Geburt eines Kindes negativ auf ihre Berufsaussichten auswirken würde. Das zeigt eine grossangelegte Studie des Bundesamts für Statistik aus dem Jahr 2019. Je besser ausgebildet, desto öfter äussern Frauen diese Sorge. Nina, die Germanistik und Philosophie studiert hat, sagt, sie habe viel Zeit und Energie in ihr Studium gesteckt und werde auf keinen Fall nur zu Hause bei einem Kind bleiben.

Finde den richtigen Partner

Auch Rabea Huber, 37, teilte vor mehreren Jahren noch diese Zweifel. Sie übernahm bereits mit Ende zwanzig eine Führungsposition in einem Verlag, bildete sich parallel zum Job weiter. Mit dreissig machte sie sich Sorgen. Sie fragte sich: «Finde ich einen Partner, der nachvollziehen kann, dass der Beruf für mich einen so wichtigen Stellenwert hat?»

Nun spielt ihr Sohn, zweieinhalb, mit seiner Holzeisenbahn im Wohnzimmer in einem Dorf in der Ostschweiz. Mittwoch ist ihr «Mami-Tag», die restliche Woche leitet Huber die Regionalstelle Ostschweiz von Pro Juventute. Auch ihr Mann arbeitet achtzig Prozent als Projektleiter in einem Industrieunternehmen. Sie ist mittlerweile davon überzeugt: «Es ist möglich, als Mutter weiter Karriere zu machen. Aber man muss von Anfang an einen wirklich durchdachten Plan haben.» Und auch sonst müsse viel passen: Sie sagt, es ginge nicht ohne die Grosseltern, die Kita, die Reinigungskraft, flexible Arbeitgeber, zwei gute Löhne, grossen Willen – und vor allem den richtigen Partner.

Ihrem späteren Mann sagte sie schon nach wenigen Dates: «Wenn du eine Frau suchst, die zu Hause bleibt, dann bin ich die Falsche für dich.» Ihre Kolleginnen, denen sie die Anekdote nach dem Treffen erzählte, lachten und fanden: typisch Rabea. Huber hingegen findet, die Wahl des Partners sei etwas vom Wichtigsten für Frauen, die Familie und Beruf vereinbaren wollten.

Gleichgestellt – bis das Kind da ist

Viele Paare leben gleichgestellt, bis das erste Kind kommt. Dann setzt das ein, was Forscher Retraditionalisierung nennen: Die Frau reduziert ihr Pensum oder bleibt ganz zu Hause, während der Mann weitermacht wie bis anhin. In der Schweiz arbeiten vier von fünf Müttern Teilzeit, bei den Vätern ist es nur jeder achte.

Die Geschlechterforscherin und Feministin Franziska Schutzbach schreibt in ihrem Buch «Die Erschöpfung der Frauen», dass die Karriere der Männer als feststehende Konstante weder von Männern noch von Frauen wirklich infrage gestellt werde. Hingegen gelte es als selbstverständlich, dass die berufliche Laufbahn von Müttern unterbrochen werde.

Nina beobachtet in der Bibliothek, wie Frauen mit Kindern oft in Positionen arbeiteten mit weniger wichtigen und weniger dringlichen Aufgaben. «Es wird einem unterbewusst vermittelt: Du hast Kinder gewollt, also leb auch mit beruflichen Abstrichen.»

Dass Paare als Eltern in eine traditionelle Rollenverteilung schlüpfen, erlebte auch Rabea Huber – bei ihren Freundinnen. Jedes Paar hat unterschiedliche Gründe, weshalb es so für beide besser passe. Manchmal verdient der Mann besser, seine Firma fördert keine Teilzeitarbeit, der Kitaplatz ist zu teuer – und manche Mütter möchten lieber bei den Kindern bleiben. Huber versucht, solchen Entscheiden gegenüber verständnisvoll zu sein, auch wenn sie für sich selbst klar sagt: «Aus meiner Sicht ist Eigenständigkeit auch stark mit Unabhängigkeit verbunden.»

Huber lernte bereits als kleines Mädchen, dass Frauen unabhängig und eigenständig sein können. Ihre Mutter hat sie alleine grossgezogen, arbeitete, schmiss den Haushalt und nahm die siebenjährige Rabea mit an den Frauenstreik von 1991. Ihre Nonna, die bei ihnen im Haus in der Ostschweiz lebte, erzählte ihr davon, wie sie in jungen Jahren alleine von Italien in die Schweiz kam und sich als Gastarbeiterin in Textilfabriken durchschlug. «Mich beeindruckte immer, wie sie ihr Leben meisterte. Das hat mich geprägt», sagt Huber.

Die Frau soll immer verfügbar sein?

An einem Vorstellungsgespräch Anfang dreissig habe sie auf die Frage nach ihrem Familienstand direkt geantwortet: «Vielleicht habe ich in den nächsten Jahren Kinder – aber ich bin überzeugt, auch als Mutter achtzig Prozent in dieser leitenden Position zu bleiben.» Sie bekam den Job. Zwei Jahre später kam ihr Sohn zur Welt, an einem Dienstag. Bis am Freitag davor hatte sie noch gearbeitet.

Während der Schwangerschaft wurde sie oft mit Klischees konfrontiert. So bekam sie zu hören, dass sie schon noch Muttergefühle entwickeln werde und dann mehr zu Hause bleiben wolle. Was sie nervte: Ihr Mann wurde gelobt, weil er plante, einen Tag in der Woche beim Kind zu bleiben. Sie hingegen musste sich rechtfertigen.

Solche gesellschaftlichen Erwartungen bereiten Nina Sorgen, wenn sie daran denkt, dereinst eine berufstätige Mutter zu sein: «Es heisst dann: Wieso hast du überhaupt Kinder, wenn du sie immer den anderen gibst?»

Franziska Schutzbach schreibt, die Mutterliebe sei als Quelle von Fürsorge idealisiert sowie als bedingungslos konzipiert. Sie beinhalte deshalb ein Zeitkonzept, das eine dauernde Verfügbarkeit suggeriere. Gleichzeitig werde die Betreuung von Kindern nicht als «richtige» Arbeit anerkannt.

Rabea Huber fand für sich einen Umgang, um auf klischierte Fragen zu reagieren. Sie antwortete beispielsweise: «Vielleicht hat auch mein Mann so starke Papi-Gefühle und bleibt zu Hause?» Manchmal verdrehten die Leute die Augen, wenn sie das sagte.

Dass sie sich an vier Tagen pro Woche nicht selbst um ihren Sohn kümmert, findet sie nicht schlimm. «Es ist etwas vom Schönsten, wenn ich ihn von der Kita abhole, er mit dem Betreuer und anderen Kindern Verstecken spielt und ich sein Lachen schon von weitem höre.» Sie müsse ihm nicht alles selbst bieten können.

Die Kunst der Planung

Für Huber ist klar: Je mehr eine Frau bereits vor der Schwangerschaft einen konkreten Plan habe, desto weniger lasse sie sich vom Umfeld verunsichern.

Schon bevor sie schwanger wurde, klärte sie bei beiden Grosseltern ab, ob sie sich vorstellen könnten, ein Kind zu betreuen. Ihr Mann übernachtete bei ihr im Spital, wickelte den Sohn, nahm sich neben zwei Wochen Vaterschaftsurlaub eine weitere Woche Ferien nach der Geburt. Huber sagt, am Anfang könne die Mutter nichts besser als der Vater, für sie sei alles genauso neu. Doch sie lerne es schneller, da sie durch den Mutterschaftsurlaub viel mehr Zeit mit dem Kind verbringe. Dieser Vorsprung sei ein Nachteil, da sie dann als verantwortlich gelte.

Um dem entgegenzuwirken, wechseln sich Huber und ihr Mann konsequent ab, zum Beispiel, wenn das Kind zum Arzt muss. Falls jemand beim kranken Sohn zu Hause bleiben muss, handeln die beiden aus, wer an diesem Tag wann die wichtigeren Termine bei der Arbeit hat.

Sie versuchen auch, den Haushalt gleichmässig aufzuteilen. Hier achtet Huber auf den sogenannten «mental load»: Damit ist eine ständig ratternde Liste im Kopf vieler Frauen gemeint, mit deren Hilfe sie den Familienalltag am Laufen halten. Franziska Schutzbach schreibt, Frauen hätten den Überblick über Arzttermine, Geburtstage und passende Winterkleider, sie sähen die schmutzigen Küchentücher, die Pflanzen, die leere Senftube. Vielen Frauen sei nicht bewusst, dass sie neben der körperlichen Hausarbeit zusätzlich dauernd mentale und emotionale Arbeit leisteten.

Selbst wenn Paare die Arbeit scheinbar gemeinsam aufteilen, hat – so Schutzbach – oft die Frau schon Vorarbeit geleistet: Wenn der Vater das Kind zum Treffpunkt eines Ausflugs bringt, hat die Mutter zuvor abgeklärt, ob es Gummistiefel braucht, das Kind im Schwimmkurs abgemeldet, ein Sandwich belegt, die Rückfahrt organisiert. Diese unsichtbaren Mikroschritte würden zur Erschöpfung von Frauen beitragen, schreibt Schutzbach.

Nina spricht manchmal mit ihrem Partner über den «mental load», über all diese Fragen im Kopf, auch wenn sie das schwierig findet: «Wie erkläre ich es jemandem, ohne dass es dauernd wie ein Vorwurf klingt?» Rabea Huber und ihr Mann setzen sich manchmal hin und listen auf einem Blatt Papier auf, wer was erledigt und wer woran denkt. «Unsere Aufteilung funktioniert – aber es ist anstrengend, alles unter einen Hut zu bringen», sagt sie.

Huber findet, es brauche mehr Mittagstische, bezahlbare Betreuung und gesellschaftliche Strukturen, die auf arbeitende Eltern ausgerichtet seien. Deshalb hat sie bei Pro Juventute ein Angebot aufgebaut, das Eltern von Babys und Kleinkindern auch abends ausserhalb von Bürozeiten Beratung via Telefon und Chat anbietet. Huber sagt, Veränderungen fingen im Kleinen an.

Zu kurz kommt vor allem die Zeit, die sie nur für sich selbst hat. Sie geht regelmässig über den Mittag mit ihrem Pferd reiten, ab und zu trifft sie abends Freundinnen. Und manchmal wird auch ihr alles zu viel. Dann fragt sie sich: «Wie kriege ich das hin?» In solchen Momenten sagt sie sich, dass sie auch als Mutter nicht allwissend sein müsse.

Ob sich Nina wie Rabea Huber für ein Kind entscheiden wird, lässt sie noch offen. Doch sie ist überzeugt: «Es kommt eine neue Generation von Männern, die nicht nur Zaungäste sein wollen in der Kindererziehung.» Einen solchen Mann hat Rabea Huber bereits an ihrer Seite.

Karin A. Wenger, «Neue Zürcher Zeitung» (10.06.2022)

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