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Bild: Tim Mossholder

Gesellschaft

Firmen entdecken Behinderte als Arbeitskräfte – es ist höchste Zeit dafür

Bei der Beschäftigung von Menschen mit Beeinträchtigungen hat die Schweiz Nachholbedarf. Unternehmen, die sich darauf einlassen, profitieren nicht nur von einem besseren Betriebsklima. Sie entlasten auch den Staat.

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Menschen mit Beeinträchtigungen sind vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft – sollte man meinen. Tatsächlich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel bei ihrer Integration verbessert. So werden selbst Behinderte, die unter starken körperlichen oder geistigen Einschränkungen leiden, in der Schweiz nicht mehr automatisch in ein Heim abgeschoben, sondern leben beispielsweise auch in Wohngemeinschaften Tür an Tür mit anderen Haushalten.

Grosses Potenzial, das brachliegt

Anders sieht es in der Arbeitswelt aus. Die Integration Behinderter bzw. deren Inklusion, wie es auf Neudeutsch heisst, ist in der Schweiz kein Ruhmesblatt. Bedenklich mutet an, dass der Anteil der Erwerbstätigen bei Menschen mit Behinderungen unter 70 Prozent beträgt. In der Unterkategorie der Behinderten mit starken Einschränkungen sind es sogar nur knapp 40 Prozent. Zum Vergleich: Menschen ohne Behinderung sind in der Schweiz im Alter von 16 bis 64 Jahren zu knapp 84 Prozent erwerbstätig.

Natürlich gibt es Menschen, deren Beeinträchtigungen derart gravierend sind, dass sie keinerlei Erwerbstätigkeit nachgehen können. Doch dabei handelt es sich um eine Minderheit. Die meisten Behinderten in der Schweiz würden gerne arbeiten, und es ist nicht nachzuvollziehen, warum ihnen der Weg dahin oft noch verbaut ist.

Zwar gibt es eine grosse Zahl von Anbietern, die Menschen mit Einschränkungen das Arbeiten in einem geschützten Rahmen ermöglichen. Diese Betriebe, die nicht selten auf eine lange Tradition zurückblicken, sind für viele Betroffene aber nicht das richtige Umfeld. Manche Behinderte würden nämlich viel lieber «einen richtigen Job» haben und in einer Firma oder in einer Institution arbeiten, deren Belegschaft zur Hauptsache aus Nichtbehinderten besteht.

Erste Konzerne reagieren

Umso stossender ist es, wenn Personen mit Beeinträchtigungen davon berichten, wie sie bei der Arbeitssuche Absage um Absage erhalten. Dies ist in der Schweiz offenbar keine Seltenheit. Es gibt sie aber auch, Unternehmen, die Behinderten bewusst eine Chance geben. Meist sind es eher kleine, familiengeführte Betriebe, deren Patrons die Beschäftigung von Menschen mit Einschränkungen als Teil ihrer sozialen Verantwortung sehen.

Doch auch bei Grossfirmen kommt das Thema langsam an. Erfreulicherweise gibt es erste Beispiele von Konzernen, welche die Inklusion behinderter Arbeitnehmer fördern wollen. Sie haben erkannt, dass sie damit nicht nur imagemässig punkten können. Um es pathetisch zu formulieren: Wenn behinderte Kolleginnen und Kollegen stolz und freudevoll am Montagmorgen zur Arbeit erscheinen, kann das ansteckend auf die gesamte Belegschaft wirken. Kurz: Das Betriebsklima wird besser.

Freiwilligkeit anstelle von staatlichen Vorgaben

Trotzdem sollte es jedem Unternehmen unbenommen sein, ob es Behinderte einstellen will oder nicht. Freiwilligkeit ist staatlichen Vorgaben, wie sie etwa in Deutschland bestehen, vorzuziehen. Wenn eine Firma zum Schluss kommt, dass ihr zum Beispiel die Ressourcen für die Begleitung behinderter Mitarbeiter fehlen oder sie ihre Aktivitäten als zu risikoreich für Leute beispielsweise mit einer Leseschwäche einstuft, ist das zu akzeptieren.

Gleichwohl lassen sich – mit etwas Kreativität – in vielen Organisationen Tätigkeitsprofile entwickeln, die auf Personen mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit zugeschnitten sind. Dabei kann auch die Digitalisierung wertvolle Unterstützung leisten. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn auf einem Bildschirm Vorgaben für Arbeiten im Bereich der Montage möglichst einfach dargestellt werden.

In einer Zeit, in der Klagen über Knappheiten am Arbeitsmarkt immer lauter werden, dürften viele Firmen ohnehin nicht mehr darum herumkommen, sich bei der Rekrutierung flexibler zu zeigen. Höchste Zeit also, das brachliegende Potenzial von Arbeitskräften mit Behinderungen stärker zu nutzen – und so auch den Staat zu entlasten.

Dominik Feldges, «Neue Zürcher Zeitung» (29.06.2023)

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