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Europa vergeht die Lust auf illegale Erdbeeren aus Spanien

Photo by Natasha Skov on Unsplash

Produktion & Konsum

Europa vergeht die Lust auf illegale Erdbeeren aus Spanien

Europäische Lebensmittelkonzerne fordern die Stilllegung illegaler Anbauflächen im Naturschutzgebiet Doñana. Auch die grossen Schweizer Detailhändler verlangen mehr Nachhaltigkeit.

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Seit Jahrzehnten versorgt die andalusische Provinz Huelva den europäischen Markt mit grossen roten Erdbeeren, sie läuten traditionell das Ende des Winters ein. Huelva gilt als der Obstgarten Europas, hier gedeihen unter Plastikzelten auch Himbeeren und Blaubeeren. 80 Prozent der Ernte gehen in den Export und bieten den Landwirten ein gutes Auskommen.

Doch das Millionengeschäft ist in Verruf geraten. Europas Verbraucher beginnen sich um die Nachhaltigkeit des Anbaus der Früchte in dieser Provinz, die als der grösste Erdbeerproduzent der Welt gilt, Sorgen zu machen.

Nationalpark trocknet aus

Grund dafür ist der Plan der andalusischen Regionalregierung, 1900 Hektaren illegaler Erdbeerfelder jetzt zu legalisieren. Sie werden gespeist aus Brunnen, die den Grundwasserspiegel des spanischen Nationalparks und Unesco-Weltnaturerbes Coto de Doñana in den vergangenen Jahren kontinuierlich haben absinken lassen.

Das Feuchtgebiet an der südspanischen Atlantikküste spielt eine wichtige Rolle, denn es ist ein Refugium von Millionen von Zugvögeln, die aus Nordeuropa kommen, um hier zu überwintern. Doch der 1969 gegründete Nationalpark ist in den letzten Jahren nicht nur aufgrund extrem geringer Niederschläge von Austrocknung bedroht. Die illegalen Erdbeerfelder und Brunnen – die Umweltorganisation WWF spricht von mehr als tausend – in seiner unmittelbaren Nachbarschaft steuern ihren Teil dazu bei, um den Prozess zu beschleunigen.

In einem Schreiben an den andalusischen Regionalpräsidenten Juan Manuel Moreno fordern nun 23 grosse europäische Lebensmittelkonzerne, unter ihnen die Schweizer Migros, die geplante Legalisierung von 1900 Hektaren zu stoppen. «Wir sind besorgt, dass die vorgeschlagene Änderung nicht nur die Nachhaltigkeit unserer Lieferkette gefährdet, sondern auch eine Gefahr für die Doñana bedeutet», heisst es in dem gemeinsamen Schreiben, das vom WWF initiiert und veröffentlicht wurde.

Den Protestbrief unterschrieben haben neben der Migros auch Discounter wie Aldi und Lidl sowie die Lebensmittelkette Edeka oder die britische Tesco. Die Migros beziehe bereits seit zwanzig Jahren Erdbeeren aus der Doñana, so ein Konzernsprecher. «Ein kompletter Rückzug aus der Region würde das Problem aber nicht lösen und in unserem Fall nur unsere langjährigen Partner vor Ort bestrafen. Diese Partner setzen die geforderten Standards der Migros konsequent um.»

Auch die EU-Kommission zeigt sich mittlerweile besorgt um die unkontrollierte Wasserentnahme in und um Doñana. Dabei hatte sie selbst den letzten Flächennutzungsplan für die Anbaufelder vor der Doñana aus dem Jahr 2014 gutgeheissen. Seinerzeit wurden 9000 Hektaren für den Beerenanbau genehmigt. Allerdings erhielten die 1900 Hektaren, um die es jetzt geht, schon damals keine Lizenz.

Die spanische Regierung ist sich der Problematik ebenfalls bewusst. «Es gibt in der Doñana einfach nicht genügend Wasser für alle», so Spaniens Umweltministerin Teresa Ribera. Schon lange haben Erdbeeren aus Spanien einen schlechten Ruf. In den sozialen Netzwerken kritisiert man sie wegen ihres ausserordentlich hohen Wasserverbrauchs von 300 Litern pro Kilogramm. Hinzu kommen die prekären Arbeitsbedingungen für die Pflückerinnen und Pflücker, die für einen Stundenlohn von umgerechnet 8 Franken arbeiten.

Die Botschaft der mächtigen Supermarktketten hat die Landwirte und Lokalpolitiker in Huelva alarmiert. So fuhr Rocío del Mar Castellano, die Bürgermeisterin von Almonte – mit 25 000 Einwohnern der grösste Ort vor den Toren von Doñana –, höchstpersönlich nach Sevilla, um die Regionalregierung umzustimmen: «Der Plan gefährdet unsere Landwirte und schadet ihnen.» Es gehe darum, schleunigst eine Balance zwischen den wirtschaftlichen Interessen und dem Naturschutz zu finden, so die Politikerin – wohlwissend, dass in ihrer Region ökologische Belange noch nie eine nennenswerte Beachtung fanden.

Andalusische Landesregierung schaltet auf stur

In Almonte leben zwei Drittel der Erdbeerbauern von Huelva, die nun um ihre Zukunft fürchten, wenn die Verträge mit den Abnehmern in Europa gekündigt werden.

Bei der konservativen Regionalregierung zeigt man keinerlei Einsicht und will den sogenannten «Erdbeerplan» in Kürze mit Unterstützung der rechtsliberalen Bürgerpartei Ciudadanos und der ultrarechten Vox bewilligen lassen. Da nützt es auch nicht, dass bereits mehr als tausend Wissenschafter einen Aufruf unterschrieben haben, die Doñana nicht weiter ihres Wassers zu berauben. Der Druck auf den Naturpark sei alarmierend, so die Forscher. Der Klimawandel und das Abzweigen des Grundwassers für die Landwirtschaft bildeten den «perfekten Sturm».

Ihr Aufruf verhallte ungehört. In Andalusien soll noch vor Jahresende ein neues Parlament gewählt werden, da will sich Ministerpräsident Moreno als starker Mann präsentieren, der nicht vor Umweltschützern einknickt. Andalusiens Sozialisten geben auch keine gute Figur ab. Mit Blick auf die Wahlen wollen sie sich bei der anstehenden Abstimmung nur enthalten, obwohl sie von der Zentrale in Madrid aufgefordert wurden, dagegen zu votieren.

Ute Müller, Madrid, «Neue Zürcher Zeitung» (04.04.2022)

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