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Daniel Cole / Reuters
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Gesellschaft

Ein Jahr nach dem Jahrhundertfeuer in Los Angeles: Lässt sich das Paradies neu bauen?

Ein Flammeninferno radierte das Wohnviertel Pacific Palisades aus. Bei einem Besuch zeigt sich, wie die Anwohner den Wiederaufbau versuchen – trotz Rauchschäden, ICE-Razzien und Versicherungskämpfen.

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Ein Jahr nach dem Jahrhundertfeuer in Los Angeles: Lässt sich das Paradies neu bauen?

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Bohrmaschinen surren, Bauarbeiter hämmern, Lastwagen brummen vorbei – auf den Strassen ist es so laut, dass Luisa Romoff mehr schreit als spricht. «Hier wird der Hauseingang sein», ruft sie und gestikuliert.

Romoff – grosse Sonnenbrille, lange braune Haare – steht auf einer Erdfläche im Nirgendwo. Mit etwas Phantasie erkennt man die einstige Garageneinfahrt der Nachbarn. «Hier war unser Wohnzimmer, aber das wird jetzt ein Spielzimmer», sagt Romoff und zeigt in das Nichts, wo vor einem Jahr noch ihr Haus stand.

31 Jahre lang lebte Romoff mit ihrem Mann im Eigenheim in den Pacific Palisades. Hier zogen sie ihre zwei Kinder gross, hier wollten sie ihren Lebensabend verbringen. Gerade hatten sie den Garten neu angelegt.

Alex Welsh

Luisa Romoff auf dem leeren Gelände, auf dem vor einem Jahr noch ihr Haus stand.

Doch am 7. Januar 2025 brach der perfekte Sturm über ihre Heimatstadt Los Angeles herein. An gleich fünf Orten fegten Feuer über die Metropolregion, begünstigt durch eine teuflische Mischung aus ungewöhnlich langer Trockenheit und Windböen von bis zu 160 Kilometern pro Stunde. Im Fall des Palisades-Feuers war der ursprüngliche Auslöser ein von Menschenhand gelegter Brand, der – für gelöscht befunden – tagelang im unterirdischen Wurzelreich geschmort hatte.

Das Ausmass der Brände war selbst für das brandgeplagte Kalifornien einzigartig. Das Palisades-Feuer allein brannte eine Fläche so gross wie Paris ab, zwölf Menschen kamen ums Leben, fast 7000 Gebäude wurden zerstört. Als das Feuer endlich gelöscht war, sprachen die Anwohner sofort vom Wiederaufbau. Doch lässt sich das Paradies überhaupt neu bauen? Und zu welchem Preis?

NZZ / sro.

Zerstörung in den Pacific Palisades

Die verbrannten Karosserien haben Schatten in den Asphalt tätowiert

Die Pacific Palisades sind ein Wohnviertel wie aus einem Hollywoodfilm – malerische Villen ragen über den Pazifik, eingebettet zwischen den Santa Monica Mountains und den Wolkenkratzern von Los Angeles’ Innenstadt. Doch am 7. Januar 2025 breitete sich hier ein Flammeninferno aus, wie es selbst lang gediente Feuerwehrleute noch nie erlebt hatten – als habe sich der Höllenschlund über dem Paradies geöffnet.

Lässt man heute, ein Jahr später, die Pazifikküste hinter sich und fährt den Sunset Boulevard hinauf, sieht man die Spuren des Brandes noch immer sofort. Die Karosserien der Autos, die die Anwohner auf ihrer Flucht vor den Feuerwalzen zurückgelassen hatten, um zu Fuss zu entkommen, haben schwarze Schatten in den Asphalt tätowiert.

Noch immer verblüfft, wie erratisch die Natur gewütet hat. In vielen Strassen klafft auf einer Seite eine grosse Leere. Russgeschwärzte Grundmauern und Kamine lassen erahnen, wo einmal Häuser standen. Gegenüber reihen sich intakte Villen aneinander wie bei einer Perlenkette.

Alex Welsh

Vom ehemaligen Einkaufsviertel in den Pacific Palisades ist wenig übrig geblieben.

Zumindest die Trümmer sind nun verschwunden. Das US Army Corps of Engineers hat über Monate hinweg eine Million Tonnen an Schutt und Asche aus den Palisades abgetragen. Sattgrünes Gras wächst bereits auf der schwarzen Erde nach.

Vereinzelt erheben sich nun neue Bauten aus dem Boden. Für rund 1200 Anschriften wurde bisher eine Neubaugenehmigung beantragt, bei etwa 400 haben die Arbeiten angefangen. In der Nachbarschaft von Luisa Romoff werden bereits Fenster in Rohbauten eingesetzt. Ein einzelnes Café hat wieder geöffnet, der lokale Spielplatz hat neue Rutschen und Schaukeln bekommen. Die Grundschule hat den Unterricht wieder aufgenommen, allerdings nur in Wohncontainern auf dem völlig abgebrannten Gelände.

Die Romoffs sind noch nicht so weit: Bei ihnen wird der Bau erst im Frühling losgehen, an Weihnachten 2027 hoffen sie dann wieder an ihrer alten Adresse einzuziehen. Bis dahin wohnen sie in einer Mietwohnung im benachbarten Santa Monica.

Schnelles Tempo beim Wiederaufbau

Der Wiederaufbau in den Pacific Palisades geschehe verhältnismässig schnell, sagt Jennifer Gray Thompson von der Organisation After the Fire; diese hilft seit 2017 Gemeinden im ganzen Land nach Flächenbränden. «Wir sehen mehr Häuser in den Palisades als jemals zuvor nach einem Brand. Das Bautempo hier ist enorm hoch.» Doch bis das Viertel wieder komplett stehe, dürfte es bis zu sechs Jahre dauern, schätzt sie. Komplett bedeute dabei aber nicht, dass alle Häuser wieder stünden – sondern dass bis zu 85 Prozent wiederaufgebaut seien.

Nicht jeder will den Neubau wagen. Vor vielen Grundstücken stehen Maklerschilder. Patty Cohen hat ihr Haus bereits verkauft. In der 669 Haverford Avenue stand ihr Traumhaus, 36 Jahre lang lebte sie hier mit ihrem Mann und ihren Kindern. Nun erinnert einzig noch der mit dreckigem Wasser gefüllte Pool an das Leben, das sie hier geführt hatten. Monatelang hatten Cohen und ihr Mann überlegt, ob sie den Wiederaufbau wagen sollten. Ihr Alter – 72 und 74 Jahre – spielte bei der Entscheidung eine grosse Rolle. «Wir wollten nicht fünf bis sieben Jahre inmitten einer Grossbaustelle leben, bis das ganze Viertel wieder aufgebaut ist», sagt Cohen am Telefon. Seit dem Brand wohnt sie weiter südlich, in Venice Beach, wo sie nun ein neues Eigenheim sucht.

Alex Welsh

An der Adresse 669 Haverford Avenue lebte Patty Cohen 36 Jahre lang, nun ist nur noch der Pool übrig.

Auch die Politik der Regierung in Washington hat in Cohens Entscheid hineingespielt. Die Preise für Baumaterialien und Haushaltsgeräte sind durch die Importzölle in die Höhe geschossen. Und nach den Razzien von ICE in Los Angeles im Sommer blieben ausländische Arbeiter den Baustellen in den Palisades fern. Viele Anwohner befürchten, dass es zu wenige Bauarbeiter geben wird, um die Tausende von Häusern schnell hochzuziehen.

Zudem traut Cohen der Stadtverwaltung nicht zu, die Infrastruktur so zu modernisieren, dass vergleichbare Flächenbrände künftig vermieden werden könnten: also etwa Stromleitungen unterirdisch zu verlegen oder das Jahrzehnte alte Netzwerk von Wasserleitungen zu modernisieren. Auch ist Cohen, wie so viele Anwohner, verärgert über die Lokalpolitiker: Sie hätten die Evakuierungsrouten schlecht geplant, die Anwohner nicht hinreichend gewarnt, zu wenig Feuerwehrleute bereitgestellt. «Die Stadt war nicht vorbereitet für ein solches Grossfeuer», so erzürnt sich Cohen im Gespräch.

Die Wut richtet sich speziell gegen die Bürgermeisterin Karen Bass. Viele nehmen sie als überfordert wahr. Doch auch von Washington sind viele «Palisidians» enttäuscht: Entgegen den anfänglichen Beteuerungen hat die Regierung bisher keinen Dollar an Katastrophenhilfe gezahlt.

Alex Welsh

Ein Jahr nach dem Jahrhundertfeuer entstehen nun wieder die ersten Häuser in den Pacific Palisades.

Rauchschäden plagen die Anwohner, deren Häuser die Flammen verschonten

Nicht nur von den Politikern äussern sich die Anwohner im Gespräch enttäuscht, sondern auch von den Versicherungen. Als sich die Rauchschwaden Mitte Januar gelegt hatten, jubelten zunächst jene, deren Häuser von den Flammen verschont geblieben waren – so wie Kathrin und Felix Werner.

Stundenlang hatte Felix Werner die Flammen mit Gartenschläuchen von seinem Haus und dem der Nachbarn fernzuhalten versucht, bis ihn die Feuerwehr aufforderte, sich in Sicherheit zu bringen. Der Kampf gegen die Flammen hat sich ausgezahlt: Die beiden Häuser sind die einzigen an ihrem Hang, die das Feuer unversehrt überlebt haben.

Doch nur auf den ersten Blick. Wenn Flammen Möbel, Haushaltsreiniger und Autobatterien verschlingen, ergibt das eine enorm toxische Rauchmischung, die grossflächig Luft und Boden verseucht. In den verschonten Häusern setzt sie sich in Teppichböden, Möbeln und Wandisolierungen fest wie ein unsichtbarer Feind.

Langzeitstudien zu den Gesundheitsfolgen nach städtischen Flächenbränden gibt es bis jetzt nicht, dafür sind sie ein zu neues Phänomen. Experten ziehen Vergleiche zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und den Krebserkrankungen, die bei Feuerwehrleuten und Reinigungskräften erst Jahre später auftraten.

Tests zeigten, dass auch das Haus der Werners gefährlich hohe Bleikonzentrationen aufwies. Was das bedeutet, erklären sie bei einer Führung durch ihr Haus: Sie rissen Fensterrahmen und Badezimmerfliesen heraus, in allen Zimmern zogen sie eine zweite, etwas niedrigere Decke ein, versiegelten die alten Holzböden und setzten neue obendrauf. Während der Arbeiten habe sie sich bisweilen gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, das Haus wäre abgebrannt, sagt die 57-Jährige. Auch jetzt, nach monatelanger Arbeit, nagt eine Frage im Hinterkopf: Haben wir wirklich alle Rauchschäden behoben?

Von der Terrasse der Werners erstreckt sich ein Panoramablick über die Pazifikküste, in den Wintermonaten können sie den Sonnenaufgang wie auch -untergang sehen. Es ist eine Aussicht, für die Anwohner der Palisades Millionen Dollar zahlen. Doch seit einem Jahr blicken die Werner auch auf Hügel voller verkohlter Häuser. Der Anblick dürfte noch Jahre anhalten.

Alex Welsh

Kathrin und Felix Werner blicken von ihrer Terrasse auf den Pazifik, aber auch über die völlig zerstörten Nachbarhäuser.

Und abends, wenn die Sonne untergegangen ist und nur noch die Nebelschwaden des Pazifik über den Baustellen liegen, fühlt man sich in den Palisades wie am Filmset für einen Gruselstreifen.

Hinzu kommen Ausgaben von Hunderttausenden Dollar, die die Werners vorstrecken mussten. Noch hat die Versicherung nichts für den Rauchschaden gezahlt. Es ist ein Problem, mit dem viele Anwohner der Palisades zu kämpfen haben: Nicht alle waren gegen Rauchschäden versichert.

Und selbst bei denen mit Schutz weigern sich manche Versicherungen, allzu gründlich nach Giftstoffen in der Wohnung zu suchen – aus Angst vor teuren Reinigungskosten. Die Anwohner können in solchen Fällen gegen die Versicherung klagen oder einfach zurück ins Haus ziehen oder die Test- und Reinigungskosten selbst zahlen.

Die Versicherungsfrage prägt auch den Wiederaufbau: Unter welchen Bedingungen können die Anwohner ihre Anwesen künftig überhaupt noch versichern? Derzeit laufen die Verhandlungen zwischen Versicherungen und Behörden. Im Raum stehen neue Wohnauflagen wie eine «zone zero» – also dass im Umkreis von neunzig Zentimetern um ein Gebäude herum nichts Brennbares, also keine Pflanzen, keine Holzzäune, stehen darf. Gemäss einer Untersuchung brannten nur 9 Prozent der Häuser vor einem Jahr ab, die eine «zone zero» errichtet hatten.

Alex Welsh

Noch immer sind weite Teile der Pacific Palisades komplett zerstört.

Trotz allem Enthusiasmus und Aktivismus in «Pali», wie die Anwohner ihr Viertel liebevoll nennen, drängt sich auch ein Gedanke auf. Was, wenn die Flammen wiederkommen? Brände gehören zu dieser Region seit Jahrhunderten wie der Strand, die Palmen – und die Santa-Ana-Winde, die sie begünstigen. Sollte man überhaupt wiederaufbauen?

Doch solche Grundsatzfragen will in den Pacific Palisades niemand hören. Zu malerisch ist die Landschaft, zu gross ist der Wohnungsmangel in Kalifornien. Und so ist auch der Wiederaufbau zu einem festen Bestandteil des Lebenszyklus geworden.

Marie-Astrid Langer (Text), Alex Welsh (Bilder), «Neue Zürcher Zeitung» (07.01.2026)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

3 - Gesundheit und Wohlergehen
11 - Nachhaltige Städte und Gemeinde
13 - Massnahmen zum Klimaschutz

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