Zurück an Land werden sie diese Schicht für Schicht analysieren. Zum einen gilt es, das Alter der Ablagerungen zu bestimmen. Dafür nutzen sie etwa Radiokarbondatierung und die Ausrichtung mineralischer Partikel am früheren Erdmagnetfeld. Gemäss vorläufigen Messungen sind die Sedimentproben bis zu 2 Millionen Jahre alt und reichen damit weit ins Pleistozän zurück – eine Epoche mit wechselnden Kalt- und Warmzeiten.
Zum anderen möchten die Wissenschafter herausfinden, welche Folgen die Klimaveränderungen seinerzeit in der Arktis hatten. Das ist beispielsweise anhand von Biomarker-Molekülen möglich, die von Eisalgen produziert werden. Sie sollen Hinweise auf die damalige Ausdehnung des Meereises liefern.
Die Kalkschalen winziger Lebewesen spiegeln das Klima
Adele Westgard von der Universität Tromsö interessiert sich für eine Gruppe von Organismen, die in allen Ozeanen vorkommen, an der Oberfläche wie am Meeresgrund. Am Vormittag hat sie mit ihrer Kollegin das Planktonnetz in die Tiefe hinabgelassen. Nun liegt der Fang im Labor unterm Mikroskop. Mit einem feinen Pinsel pickt die Geochemikerin Dutzende Einzeller mit Kalkgehäusen aus der Probe: Foraminiferen, klein wie Sandkörner.
Die Mikroorganismen bilden Kalkschalen aus dem sie umgebenden Meerwasser, die im Sediment erhalten bleiben. Westgard untersucht anhand von lebenden Foraminiferen, wie Temperatur, Salzgehalt und Säuregrad die chemische Zusammensetzung der Gehäuse beeinflussen. «Denn Letztere spiegelt die herrschenden Umweltbedingungen wider», erklärt sie. Indem sie fossile Schalen aus den Kernproben analysiert und mit den Daten lebender Exemplare vergleicht, kann sie so etwa die einstige Wassertemperatur bestimmen. «Auf ein halbes Grad genau.»
Wann der Arktische Ozean sich letztmals so stark aufheizte, dass dort alles Meereis schmolz, ist unklar. Womöglich geschah dies in der Eem-Warmzeit, vor 130 000 bis 115 000 Jahren. Damals war die Arktis im Sommer bis zu fünf Grad wärmer als heute. Es gab offenes Wasser nördlich von Grönland, der Eisschild der Insel ging stark zurück, und grosse Mengen Süsswasser bremsten die atlantische Umwälzzirkulation. Ein ähnliches Szenario könnte laut Klimamodellen in naher Zukunft erneut eintreten.
Eindeutige Belege für einen eisfreien Nordpol fehlen jedoch. «Bis jetzt gibt es vor allem Proben aus der Eisrandzone», so Jochen Knies. Diese deuteten darauf hin, dass die Arktis in jüngeren Warmzeiten der Erdgeschichte im Winter immer von Meereis bedeckt war. «Aber wir können nicht sagen, ob es im Sommer je völlig verschwand.» Das macht die Sedimentkerne der aktuellen Expedition so wertvoll, sie sollen diese Lücke schliessen. Zwar wurden bereits Kerne in der Zentralarktis gesammelt. Doch frühere Studien kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen, wie alt die Sedimente sind.