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Bild: Katie Rodriguez

Gesellschaft

Amerikanische Eliteuniversitäten bilden die künftigen Kader im Klimaschutz aus – sie setzen auf Prestige und Profit zugleich

Führende Eliteuniversitäten lenken riesige Mittel in Ausbildungsangebote zum Klimawandel. Sie wollen damit nicht nur an den Lösungen mitwirken, sondern auch im internationalen Wettkampf um die Ideen und Köpfe der Zukunft bestehen.

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Amerikanische Eliteuniversitäten bilden die künftigen Kader im Klimaschutz aus – sie setzen auf Prestige und Profit zugleich

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Die amerikanische Universität Stanford ist eine der besten und bekanntesten Universitäten der Welt. Seit September hat sie eine Institution, die sich dem Klimawandel und seiner Bekämpfung widmet: die Doerr School of Sustainability. Dafür hat sie von Geldgebern 1,6 Milliarden Dollar erhalten, die Ankündigung kam im Mai.

So viel gab es noch nie für die Gründung einer einzelnen Einrichtung, schrieb die «New York Times». Klima und Nachhaltigkeit seien die Informatik unserer Zeit, sagt etwa John Doerr, der Multimilliardär, nach dem die neue Schule in Stanford benannt ist. Bei der Entstehung der Doerr School spielten Prestige, Wirtschaftsinteressen und der Anspruch, sich einer, wenn nicht der grössten Herausforderung unserer Zeit zu stellen, eine wichtige Rolle.

Mehr als 1,6 Milliarden Dollar für eine neue Schule, die im Kampf gegen den Klimawandel unterstützt werden soll. Diese Zahl löst in Gesprächen häufig Lächeln und Kopfnicken aus. Der Betrag ist gigantisch. Das gilt auch für amerikanische Verhältnisse, wo Milliardäre gerne grosszügig spenden, um ihren Namen auf Plaketten zu sehen.

Stanford wolle mit der Doerr School of Sustainability zeigen, wie eine akademische Einrichtung die Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel und der Nachhaltigkeit neu angehen könne, sagte der Schuldirektor Arun Majumdar bei der offiziellen Eröffnung am 1. September. Sie ist die erste neue Einrichtung seit 70 Jahren. Unter einem Dach – und an einem gemeinsamen Ort auf dem Campus – werden die relevanten Fakultäten und eingesessene Ausbildungsgänge für Grundstudium, Master- und Doktor-Programme zusammengebracht und neue Ausbildungsgänge und Institute eingerichtet, etwa ein «Institut für nachhaltige Gesellschaften».

Ein Blick auf die Webseite zeigt: Kurse reichen von Environmental Behavioral Sciences and Global Environmental Policy zu den ‹klassischeren› Fächern, ob Ingenieur-, Erd- oder Geowissenschaften. Dazu kommt ein Accelerator, um politische und technische Lösungen weltweit voranzutreiben, unter anderem mit finanzieller Unterstützung. Majumdar sagte im Mai, neue Departemente müssten eingerichtet, Lehrpläne festgelegt, Studenten und Postdoktoranden eingestellt werden. Im Laufe der nächsten 10 Jahre sollen 60 neue Dozenten-Stellen dazukommen, ungefähr 100 gebe es heute schon. Dabei würden einige Lehrkörper ihre Rollen beibehalten, andere sich an neue Strukturen gewöhnen müssen. Nach Jahren des Kennenlernens würden neue Einheiten und viele Fakultätsmitglieder zum ersten Mal zusammenarbeiten, eine grosse Umstellung für alle Beteiligten, heisst es aus Stanford.

Universitäten und Philanthropen stellen sich auf den Klimawandel ein

Der Klimawandel bringt Naturwissenschaften, Technik, Wirtschaft, Recht, Sozialwissenschaften, Gesundheitsfragen und Geisteswissenschaften zusammen. Er ist Themen- und fachübergreifend, das wird in Gesprächen immer wieder unterstrichen. Akademisches Silodenken greift hier zu kurz und würde nur Fehler aus der Vergangenheit wiederholen, so Dave Reay, Professor an der Universität Edinburg in Schottland und Direktor des dortigen Climate Change Institute.

Die Neuigkeiten zu Stanfords Vorstoss schwappten schnell über den Atlantik. «Ich freue mich darüber. Aber natürlich bedeutet es Wettbewerb», sagt Alyssa Gilbert vom Grantham Institute for Climate Change am Imperial College London im Gespräch. Gilbert ist beim Institut als Direktorin für Politik angestellt und verknüpft in ihrer Rolle Forschung mit politischen Entscheidungsträgern und Unternehmen. Das Grantham Institute widmet sich seit 2007 dem Thema mit einem interdisziplinären Ansatz.

Damals spendeten Jeremy und Hannelore Grantham 12 Millionen Pfund für die Gründung. Es war «die grösste private Finanzierung, die im Vereinigten Königreich für den Klimawandel bereitgestellt wurde», hiess es damals in der Pressemitteilung.

Die Beweggründe für die Finanzierung eines solchen Instituts haben sich in den vergangenen 15 Jahren so gut wie nicht geändert – das sagt viel über die schleppende Geschwindigkeit der Klimapolitik in der vergangenen Dekade aus. «Der Klimawandel ist das wichtigste Problem, dem wir in den nächsten fünfzig Jahren gegenüberstehen», hiess es damals. Technologien müssten entwickelt werden, und es müsse auf die öffentliche Debatte eingewirkt werden.

Millionen werden zu Milliarden

Dass wir jetzt nicht über Millionen, sondern Milliarden Dollar sprächen, zeige zweierlei, sagt Alyssa Gilbert im Gespräch. Zum einen hätten Hochschulen erkannt, dass sie eine wichtige Rolle bei der Klima-Thematik spielten – und spielen müssten. Diese Erkenntnis kommt nicht von ungefähr. Der Druck durch Studenten und Lehrkörper wächst, im Kampf gegen den Klimawandel aktiv(er) zu werden, und nicht nur, indem etwa an Lösungen geforscht wird. Als Teil der globalen Desinvestitions-Bewegung wollen Studenten, dass Universitäten nicht mehr in fossile Energieunternehmen investieren oder sie durch Forschung unterstützen. Sie fordern auch das Ende von Sponsorship und Spendengeldern durch Kohle-, Erdöl- und Erdgasunternehmen. Sogar die Eröffnung der Doerr School wurde von solchen Kontroversen überschattet.

Geldgeber, so Gilbert, wollen nicht nur eine der grossen globalen Herausforderungen in Angriff nehmen, sondern dabei auch mit einer renommierten Universität verbunden sein. «Das bringt Prestige und Einfluss – und sagt uns etwas über die veränderte öffentliche Stimmung».

Der Multimilliardär und Venture-Capital-Investor John Doerr und seine Frau allein gaben 1,1 Milliarden Dollar an Stanford. Doerr hat sein Vermögen, das sich laut «New York Times» auf rund 11 Milliarden Dollar beläuft, mit Investitionen in Technologieunternehmen wie Slack, Google und Amazon gemacht.

Seit einigen Jahren treibt ihn immer mehr die Frage um, wie der fortschreitende Klimawandel einzudämmen sei. Wie Bill Gates, ein weiterer amerikanischer Milliardär, hat auch er ein Buch über seine Lösungsvorschläge geschrieben. Das Geld könnte sicherlich in anderen Bereichen schneller Ergebnisse erzielen, warf ihm erst vor wenigen Wochen ein Journalist der «New York Times» auf einer Konferenz spielerisch vor.

Der Klimawandel braucht Lösungen und Arbeiter

Doerrs Antwort sagt viel darüber aus, wie sich Top-Universitäten auf den Klimawandel einstellen – und warum. So sei Stanford mit einem Plan auf ihn zugekommen. Eine interne Befragung von Lehrern und Studenten habe das folgende Stimmungsbild ergeben: Die Universitäten des 21. Jahrhunderts lassen uns im Stich.

Forschungspapiere veröffentlichen, forschen, lehren – all das sei wichtig, sagte Doerr. Aber es gehe heute eben auch darum, Einfluss zu nehmen und Wirkung zu entfalten, sprich: Lösungen für das Klimaproblem zu finden. Im Interview nannte er dies «einen ‹impact› haben». Und in dieser Hinsicht könne Stanford sehr viel vorweisen. Tausende von Unternehmen sind laut Doerr schon von Studenten und Absolventen gegründet worden: «Wir brauchen die gleiche Art von Ökosystem für das Klimaproblem. Wir brauchen Innovation rund um unsere grossartigen Universitäten.»

Dave Reay sagt, man könne in Grundlagenforschung investieren, «aber um das wirkungsvoll umzusetzen, muss man einen Schritt weiter gehen». Dazu gehöre nicht nur die Entwicklung neuer Technologien, sondern auch, «ob sie gut eingesetzt werden, ob Menschen geschult und qualifiziert sind». Absolventen sollten in der Lage sein, mit einem Unternehmen, der Weltbank oder einem Klimawissenschafter verständlich zu sprechen.

Alyssa Gilbert erklärt es so: «Es wird technische Fähigkeiten brauchen, um Emissionen zu reduzieren und sich an die steigenden Temperaturen anzupassen, beispielsweise im Gebäudesektor.» Gebäude besser zu isolieren und energiesparende Applikationen einzubauen, mache es auch nötig, dass Bauleiter, Hausverwalter und Hausbesitzer diese Systeme verstünden.

Der Klimawandel wird die Arbeitswelt und den Arbeitsmarkt zunehmend prägen. Im vergangenen Jahr warnte der Generaldirektor der Internationalen Arbeitsagentur, Guy Ryder, davor, dass neue Arbeitsplätze entstehen und andere verschwinden würden, vor allem in Entwicklungsländern.

Es geht um die Entwicklung von Batterien, Technologien zur Kohlenstoffabscheidung, klimafreundliche Energie- und Transportinfrastruktur und neue technische Erfindungen. Zunehmend werden Leute gesucht, die Städte gegen Hitzewellen, Stürme und Überschwemmungen wappnen können. Es braucht Experten, die das Gesundheitswesen auf mögliche Bedrohungen durch den künftigen Klimawandel vorbereiten oder sicherstellen können, dass im Übergang zu den erneuerbaren Energien benachteiligte Gemeinschaften nicht im Stich gelassen werden.

Schon heute ziehen viele junge Menschen Jobs vor, die zumindest einen möglichst geringen Fussabdruck auf der Erde hinterlassen. Ob bei Stahlunternehmen wie Salzgitter oder Finanzdienstleistern wie Axa – immer wieder heisst es, Bewerber wollten wissen, ob das Unternehmen an Lösungen zum Klimawandel mitwirke. Globale Firmen wie Google haben Posten wie den «Chief Sustainability Officer» eingeführt, Banken wie HSBC schaffen Positionen, um Klimastrategien zu entwickeln.

Ein ehemaliger Student, der für den Artikel nicht namentlich genannt werden wollte, erzählt, dass er nach seinem Architekturstudium noch einmal zur ETH in Zürich zurückkehrte, um einen Master in Science, Technology und Policy zu machen. Der Kurs befasse sich mit dem Problem, «dass es nicht genug Leute gibt, die das technische Wissen haben» und in die Richtung Umsetzung von klimapolitischen Zielen gehen könnten.

Er wolle nun auf der regulatorischen Ebene Einfluss nehmen. Da habe er einen grösseren Hebel, um Nachhaltigkeit beim Bauen zu fördern. Während seines Architekturstudiums, das er 2008 begonnen hatte, habe Nachhaltigkeit noch eine untergeordnete Rolle gespielt. Auch als Architekt sei die Erfahrung in der Praxis ernüchternd gewesen.

Der Klimawandel wird auch für Universitäten zur Wettbewerbsfrage

Für Universitäten ist die Frage, wer die besten Köpfe und Hände der Zukunft ausbildet, nicht nur ein Glaubwürdigkeits-, sondern auch ein Wettbewerbsthema. Es reiche nicht mehr aus, hier und da Kurse zu Klimawandel oder Nachhaltigkeit anzubieten, um Studenten zu gewinnen. «Es ist ein potenziell existenzielles Risiko für das Geschäftsmodell einer Universität», sagt Reay.

Wenige Wochen nachdem Stanford die Gründung seiner Doerr School verkündet hatte, gab Harvard im Juni bekannt, von dem Ehepaar Salata 200 Millionen Dollar erhalten zu haben. Auch Jean Salata kommt aus der Finanzbranche. Das Salata Institute, das Ende Oktober seinen ersten Anlass ausrichtet, werde eine Universitäts-übergreifende Ausbildung im Bereich Klima und Umwelt ermöglichen, so die Mitteilung.

James Stock, der das Institut leitet, sagte schon letztes Jahr, dass die Nachfrage nach solchen Ausbildungsangeboten steigen werde. Neue Berufe würden gerade erst entstehen. «Einige unserer Partnereinrichtungen gründen Schulen für Klima und Nachhaltigkeit. Wir müssen erfolgreich um diese Studenten konkurrieren können. Sie werden die Führungskräfte von morgen sein.» Ohne die entsprechenden Ingenieure, Risikokapitalgeber, Forschungsuniversitäten und politischen Entscheidungsträger würde es wohl nur sehr schwer gelingen, bis zum Jahr 2050 die Treibhausgasemissionen auf netto null zu reduzieren, gab er zu bedenken.

Um Mitstreiter und Wettbewerber zu finden, muss man jedoch nicht nur gegen Westen schauen. Auch andere Regionen in der Welt arbeiten daran, Forschungszentren aufzubauen und regionale Talente anzuziehen, so Alyssa Gilbert. Ein Beispiel sind die Vereinigten Arabischen Emirate. Im kommenden Jahr werden die UAE auch die Uno-Klimakonferenz ausrichten.

Auch Detlef Günther, Vizepräsident Forschung an der ETH Zürich, sagt, dass Nachhaltigkeit bei vielen Studiengängen im Zentrum stehe. «Es ist aber auch so, dass bei der Entwicklung der Lehrinhalte heute in allen Fachrichtungen darauf geachtet wird, dass das Thema Nachhaltigkeit einfliesst und interdisziplinär gearbeitet wird.»

Die ETH arbeite an vielen Fronten daran, die Erreichung der Klimaziele zu unterstützen – unter anderem indem sie den eigenen ökologischen Fussabdruck reduziere. Das eigene Verhalten der Hochschule wird von Studierenden dieser Tage durchaus auch kritisch verfolgt.

Firmengründer suchen nach Lösungen

Gleichzeitig zeige die Entwicklung von ETH Spin-offs deutlich, dass viele Jungfirmen den Klimawandel bekämpfen wollten. Günther verweist auf die Vorbildwirkung von Climeworks, das aus der ETH-Forschung hervorgegangene, mittlerweile weltweit bekannte Tech-Unternehmen, das in Island CO2 aus der Luft absondert.

Die Neugründung in Stanford bringe zusätzliche Aufmerksamkeit, sagt Günther. «Das ist wichtig. Europa braucht sich aber nicht zu verstecken, auch wenn so grossen Summen bis jetzt noch fehlen.» Es werde ausgezeichnet geforscht und interdisziplinär zusammengearbeitet.

In der deutschen Startup-Szene wird indessen leicht frustriert, wenn nicht sehnsüchtig nach Amerika geschaut.

«Die Amis legen vor. Ich wünschte, wir könnten das kopieren», sagt Tobias Lechtenfeld. Mit seinem Unternehmen 1.5° Ventures hilft er in Deutschland Startups aufzubauen, die beispielsweise daran arbeiten, klimafreundlicheren Beton herzustellen.

Er sagt, auch die Kultur stehe im Weg. Anstatt auf die Idee zu kommen, Familienstiftungen anzufragen, hänge man in Deutschland immer «am öffentlichen Tropf». Von vornherein sollte darüber nachgedacht werden, Ideen und Technik mit Entrepreneurs zu verbinden. «In Stanford werden Technik und Business in einem Atemzug gedacht. Das bringt auch viel Geld.»

Kalina Oroschakoff, «Neue Zürcher Zeitung» (04.11.2022)

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