Wochenfokus - Editorial Team

Diversität: Mehr Vielfalt für mehr Qualität?

Stellen Sie sich einen Raum vor, in welchem gerade eine wichtige Entscheidung getroffen wird. Tausende Leben sind davon betroffen. In der Mitte steht ein Tisch. Wer sitzt um diesen herum?

«Fehlende Diversität ist gleichbedeutend mit Monokultur und Inzucht», also kein nachhaltiger Zustand, findet Esther-Mirjam de Boer. Bild: PD

25. Juli 2022

Zu oft in der Vergangenheit waren sich die Menschen, welche diese Entscheidungen trafen, gegenseitig sehr ähnlich. Sie besuchten dieselben Schulen, genossen denselben Lebensstandard, wuchsen mit denselben Privilegien auf und bewegten sich in denselben Kreisen. Meist waren sie auch noch gleich alt - und männlich. Gemeinsam verfügten sie über einen sehr homogenen Erfahrungsschatz. Wie soll also diese Gruppe Menschen umfassende, ganzheitliche Entscheidungen für verschiedene Anspruchsgruppen treffen können?

Mangel an Vielfalt

Diversität bedeutet auf Latein "Vielfältigkeit", damit wird Heterogenität, Unterschiedlichkeit und Verschiedenheit gemeint. Viele sehen den Begriff als Synonym der Gleichstellung von Geschlechtern. Das stimmt zwar insofern, dass das Geschlecht als soziales Konstrukt angeschaut wird und Mann und Frau gesellschaftlich anders wahrgenommen werden. Diese Grenzen verschwimmen jedoch zunehmend. Führten vor zwanzig Jahren kaum Frauen ein Unternehmen, sind 30 Prozent weibliche Verwaltungsräte und 20 Prozent Frauenanteil in Geschäftsleitungen von börsennotierten Unternehmen gar gesetzlich gefordert . Möglich machte es die letztjährige Aktienrechtsrevision. Der "Diversity Report Schweiz 2021" analysierte daraufhin 231 Unternehmen sowie 7’656 Schweizer Aktiengesellschaften. Das Fazit: Es bleibt noch einiges zu tun. 36 Prozent aller Firmen haben noch rein männlich besetzte Verwaltungsräte und rund 60 Prozent keine einzige Frau in der Geschäftsleitung.

Dafür findet die Erheberin der Studie, Esther-Mirjam de Boer, klare Worte: «In der Natur fällt die Antwort eindeutig aus. Hier ist fehlende Diversität gleichbedeutend mit Monokultur und Inzucht – und die ist kein nachhaltiger Zustand. Denn dass die Ausgrenzung von fremdem Erbgut mittel- bis langfristig schwach, kurzlebig und schwachsinnig macht, ist bekannt», erläutert sie.

Inklusion von allen und allem

Doch nicht nur Frauen werden zu häufig ausgeschlossen. Wie sieht es auf C-Level Stufe aus bezüglich Vielfalt der Werdegänge, kulturellen Backgrounds oder etwa körperlichen Abilitäten? Damit ist gemeint: Wie viele Menschen entscheiden mit, welche soziologisch, körperlich oder geistig ganz unterschiedlich sind? Und ganz grundsätzlich: Wie schafft man es überhaupt, auf C-Level Stufe zu gelangen, wenn man so anders ist?

Neben der Diversitätsdiskussion wird auch die Nachfrage nach Inklusion stets lauter. Natürlich - unser integratives Schulsystem bringt bald viele junge Menschen mit Handicap auf den Markt, die nach geeigneten Jobs suchen. Damit diese Anschluss finden, braucht es eine Umstrukturierung des Arbeitsmarkts. Professor Doktor Bert Rürup forscht in diesem Bereich. Sein Prädikat: «Der Arbeitsmarkt wird sich im nächsten Jahr in fast allen Branchen positiv entwickeln. Die besten Aussichten haben Arbeitskräfte im Öffentlichen Dienst sowie im Bereich Erziehung, Gesundheit, Handel, Verkehr und Gastgewerbe. Die Erfahrung lehrt allerdings, dass sich der Markt für Menschen mit Behinderung sowohl im Abschwung als auch im Aufschwung langsamer als für Menschen ohne Behinderung entwickelt.» Es braucht also aktive Förderung. Weitere Einblicke zum Thema Inklusion folgen im Verlaufe der Woche.

Wir befinden uns in einer prekären Lage

Durch die selbstverschuldete Klimaerwärmung der vergangenen 200 Jahren haben wir zwar mehr Wohlstand geschaffen denn je, gleichzeitig vertiefte sich die Kluft zwischen arm und reich massiv. Das wollen die 17 Sustainable Development Goals bekämpfen. Ziel eins etwa strebt "keine Armut" mehr an, Ziel fünf verfolgt die "Geschlechtergleichheit" und Ziel zehn möchte "weniger Ungleichheit zwischen den Ländern".

Ist das überhaupt machbar? Erst, wenn alle einen Platz zum Mitentscheiden erhalten - vom diversen Management-Team zu Vertreter von Produzenten, Konsumenten und Betroffenen. Ob hierfür die gesetzlichen Grundlagen erst geschaffen werden müssen oder wir auf die Empathie von Entscheidungsträgern pochen können, wird sich noch zeigen. Anstatt Angst zu haben, dass einem der eigene Sitz am Tisch weggenommen wird, sollte man sich stattdessen damit beschäftigen, den Tisch zu vergrössern. Nur gemeinsam schaffen wir eine nachhaltige Zukunft.

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