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Mixed race twins in diapers laying on bed
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Bild: Imago

Gesellschaft

Startups verschieben die Grenzen der Fort­pflanzungs­medizin. Ihr neuestes Ziel: genetisch veränderte Babys

Unterstützt durch Milliardäre aus dem Silicon Valley planen gleich mehrere US-Firmen, die DNA menschlicher Embryonen zu manipulieren. Sie wollen Krankheiten ausmerzen – und die Intelligenz kommender Generationen verbessern.

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Startups verschieben die Grenzen der Fort­pflanzungs­medizin. Ihr neuestes Ziel: genetisch veränderte Babys

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Sie galt als Wunderkind der amerikanischen Biotech-Szene. Cathy Tie brach mit 18 Jahren ihr Studium ab, um eine Firma für Gentests zu gründen. Ein 100 000-Dollar-Stipendium des Milliardärs Peter Thiel machte es möglich. Mehrere Startups folgten. Zuletzt eines, das genveränderte Haustiere entwickelt – darunter Kaninchen, die in der Nacht leuchten.

Heute, zehn Jahre nach ihrer ersten Firmengründung, hat Tie weitaus Grösseres vor: «Ich möchte das gesamte medizinische System verändern. Es ist extrem veraltet und dient den Patientinnen und Patienten nicht», sagt sie. Die in China geborene Kanadierin erklärt im Video-Call ihre Vision: «Wir sollten Krankheiten behandeln, bevor jemand geboren wird.»

Mit ihrem neusten Unternehmen Manhattan Genomics will Tie die Gene menschlicher Embryonen verändern, um sie vor Krankheiten zu bewahren. Dabei soll das Gen-Editierungs-Tool Crispr zum Einsatz kommen. Mit demselben Verfahren erzeugte der chinesische Forscher He Jiankui bereits vor acht Jahren die ersten Designer-Babys. Seine Experimente versetzten die Welt in Aufruhr: He setzte die Kinder einem grossen Risiko aus und informierte die Eltern unzureichend. Embryonen mit Crispr zu manipulieren, war seither tabu.

Nun sei es an der Zeit, solche Forschung wieder in Angriff zu nehmen, glaubt Tie. Und damit ist sie nicht alleine: Mindestens zwei weitere amerikanische Startups verfolgen sehr ähnliche Pläne. Unterstützt werden sie von Tech-Milliardären aus dem Silicon Valley. Investoren, Fortschrittsgläubige und Pronatalisten, die in der sinkenden Geburtenrate eine Bedrohung für die Menschheit sehen, sind euphorisiert. Andere, unter ihnen Wissenschafter und Ethiker, betrachten die Absichten der Firmen mit Sorge.

Ursprünglich nannte Tie ihre in New York angesiedelte Firma das Manhattan Project – wie das US-Atombombenprogramm in den 1940er Jahren. Mitgründerin des Startups ist die Genetikerin Eriona Hysolli, die zuvor die biologische Forschung bei Colossal Biosciences leitete. Bei jener Firma, die ausgestorbene Tierarten wieder zum Leben erwecken will und erst kürzlich mit der angeblichen Wiederauferstehung des Schattenwolfs für Schlagzeilen sorgte.

Die beiden Frauen scheinen weiter zu sein als ihre Konkurrenz: Sie haben bereits erste Mitarbeiter angestellt. Und sie können auf das Wissen erfahrener Forscher zurückgreifen. Als Berater wirken der renommierte New Yorker Reproduktionsmediziner Norbert Gleicher, ein Datenwissenschafter sowie zwei Primatenforscher der Oregon Health and Science University.

Hochzeit mit dem Schöpfer der Designer-Babys

Für einigen Wirbel sorgte die Liebesbeziehung, die Cathy Tie im vergangenen Frühling publik machte: Sie heiratete ausgerechnet He Jiankui, den Schöpfer der chinesischen Designer-Babys. Zuvor sass der Biophysiker wegen «illegaler medizinischer Praktiken» eine dreijährige Gefängnisstrafe in China ab, weil er die Gene von Embryonen mit Crispr verändert hatte, um sie immun gegen HIV zu machen. Wie es den drei so entstandenen Kindern heute geht, ist unklar. Seit seiner Freilassung versucht He als Forscher wieder Fuss zu fassen.

Inzwischen sind die beiden aber nicht mehr zusammen, und Tie beteuert in Interviews immer wieder, dass He auch nichts mit Manhattan Genomics zu tun habe.

Im April 2025 heirateten Cathy Tie und He Jiankui in China. Bereits Ende Juli waren sie aber nicht mehr zusammen. Bild: PD

Was Tie ebenfalls stets betont – und niemand bestreitet: Crispr hat gewaltiges Potenzial. Greift das Tool früh in die DNA eines Embryos ein, wie das Manhattan Genomics plant, sind die Veränderungen später in allen Zellen seines Körpers enthalten. Dazu gehören auch die Zellen der Keimbahn, die Spermien und Eizellen. Das Entfernen einer schädlichen Mutation würde nicht nur das Individuum, sondern auch zukünftige Generationen vor der Krankheit bewahren.

Mit ihrer Firma möchte Tie zunächst schwere Krankheiten angehen, die auf einem einzelnen Gen beruhen. «Davon gibt es sehr viele», sagt sie und nennt Beispiele: zystische Fibrose, Chorea Huntington, Bluterkrankungen wie Sichelzellanämie und erbliche Krebsarten.

Doch die Keimbahn-Editierung ist derzeit fast überall verboten. Nicht nur in europäischen Ländern, auch in den USA oder in China. «Völlig zu Recht», wie der Crispr-Forscher Jacob Corn von der ETH Zürich sagt. «Es gibt noch keine Studie, die zeigt, dass die Methode sicher ist.» Stattdessen belegen Experimente, dass die Crispr-Behandlung von Embryonen zu sogenannten Off-Target-Effekten führen kann: ungewollte Veränderungen, die nicht das Ziel-Gen, sondern andere DNA-Abschnitte betreffen.

Auch bei den chinesischen Designer-Babys sind solche Schäden aufgetreten. Das hat der amerikanische Crispr-Forscher Kiran Musunuru festgestellt, der Zugang zu den Versuchsdaten von He Jiankui hatte. Laut Musunuru erhöhen die Off-Target-Effekte wahrscheinlich das Krebsrisiko der Gen-editierten Kinder.

Erste Therapien, die auf Crispr beruhen

Für Eingriffe in die Keimbahn sei die Wissenschaft noch nicht bereit, sagt Corn. Die Gen-Editierung spezifischer Körperzellen hat aber bereits Einzug in die klinische Praxis gefunden.

So ist seit 2023 eine auf Crispr basierende Therapie für Jugendliche und Erwachsene mit Sichelzellanämie zugelassen. Und im vergangenen Jahr kam eine noch neuere Methode, das Base-Editing, bei einem Kleinkind mit einer Stoffwechselstörung zum Einsatz: Die massgeschneiderte Behandlung korrigierte die DNA in den Leberzellen. Diese Genveränderungen werden nicht an die nächste Generation weitergegeben.

Solche auf Körperzellen fokussierte Therapien liessen sich auch für viele andere Krankheiten entwickeln, so Corn überzeugt. «Darauf sollte sich die Forschung nun konzentrieren, weniger auf die Keimbahn-Editierung.»

Zudem gibt es bereits heute Optionen für Eltern, die Krankheitsgene in sich tragen. Nutzen sie bei der künstlichen Befruchtung die Präimplantationsdiagnostik, können sie von mehreren Embryonen jene auswählen, die ein intaktes Gen haben. Nur in seltenen Fällen, etwa wenn zu wenige Embryonen vorhanden sind, ist dies nicht möglich.

Gerade hier will Cathy Tie den Eltern zur Seite stehen. «Paare, die eine künstliche Befruchtung versuchen, sind typischerweise eher älter», sagt sie. «Oft haben sie nicht viele Embryonen zur Auswahl.»

Tie findet, die Forschung an der Keimbahn-Editierung sei zu stark eingeschränkt. «Wir wollen zeigen, dass die Methode dank neueren Entwicklungen sicherer geworden ist», sagt sie. Dafür plant ihre Firma vorerst Experimente mit Mäusen, Primaten und menschlichen Zellen. «Hoffentlich können wir die Aufsichtsbehörden dazu bewegen, mehr Forschung in diesem Bereich zuzulassen.» Angesichts der deregulierenden Haltung der Trump-Regierung ist ein solcher Schritt in den nächsten Jahren durchaus möglich.

Langfristig plant Manhattan Genomics eine klinische Anwendung ihres Verfahrens, wie der Reproduktionsmediziner Norbert Gleicher bestätigt, der im wissenschaftlichen Beirat der Firma sitzt. Die gesamte Forschung soll in den USA und in transparenter Weise erfolgen. «Mir wurde versichert, dass keine Versuche im Ausland geplant sind und bereits Kontakt mit den amerikanischen Behörden besteht», sagt er.

Versuche in Ländern mit lascherer Regulation

Die beiden anderen Startups, die Keimbahn-Editierungen in Angriff nehmen wollen, weichen für ihre Experimente dagegen womöglich in Länder mit lascherer Regulation aus. Laut dem «Wall Street Journal» planen Preventive sowie Bootstrap Bio Versuche in Honduras oder in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Der Gründer von Preventive ist der Molekularbiologe Lucas Harrington. Er promovierte im Labor von Jennifer Doudna, die 2020 für ihre bahnbrechende Arbeit zu Crispr den Nobelpreis erhielt. Finanziell unterstützt wird sein Startup von Brian Armstrong, dem CEO der Krypto-Börse Coinbase, sowie vom Ehemann des Open-AI-Chefs Sam Altman. Gründer und CEO von Bootstrap Bio ist der junge Unternehmer Chase Denecke. Von seiner Firma ist wenig bekannt, die Finanzierung legt er nicht offen. Das tut übrigens auch Manhattan Genomics nicht.

Lucas Harrington gründete mit der Nobelpreisträgerin Jennifer Doudna bereits die Firma Mammoth Biosciences, die diagnostische Tests auf Basis von Crispr entwickelt. Bild: PD

Manchen Wissenschaftern ist es nicht geheuer, dass private Unternehmen ausgerechnet den heiklen Forschungsbereich der Gen-Editierung vorantreiben möchten. So sorgt sich etwa die Bioethikerin Kelly Ormond von der ETH Zürich, dass die Versuche abseits des akademischen Umfelds nicht gut genug reguliert sind. «Im Unterschied zu den Universitäten in den USA, die über eigene Ethikkommissionen verfügen, steht es diesen Firmen frei, sich auf weniger strenge Richtlinien zu berufen», erklärt sie.

Andere wiederum finden es problematisch, dass die Firmen ins Ausland ausweichen wollen. Dieser Schritt in Kombination mit der amerikanischen Unternehmerkultur könnte das Vorgehen der Startups auf gefährliche Weise beschleunigen.

In der Tech-Szene gilt die Parole «Move fast and break things» (bewege dich schnell, und mach Dinge kaputt): Neuerungen werden zügig veröffentlicht, auch wenn sie noch fehlerhaft sind. «Das funktioniert vielleicht bei der Entwicklung eines Smartphones, aber nicht bei Babys», sagt Jacob Corn.

Die weitreichendsten Pläne hat Bootstrap Bio. Während die anderen beiden Firmen allein Krankheiten verhindern wollen, ist auf der Website des kalifornischen Startups zu lesen, sein Ziel sei, «möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Gene für sich (und ihre Nachkommen) selbst auszuwählen.» Die Firma will anbieten, auch bei Grösse oder Intelligenz genetisch einzugreifen.

Damit nähme der Mensch seine Evolution selbst in die Hand. Der Philosoph Jonathan Anomaly, Vordenker der Pronatalisten im Silicon Valley, nannte das zunächst «liberale Eugenik», inzwischen bevorzugt er den Ausdruck «genetische Verbesserung».

Die aufkommende Bewegung der Pronatalisten in den USA nutzt schon jetzt Biotech-Tools, damit die aus ihrer Sicht bestmöglichen Babys geboren werden. Firmen wie Nucleus oder Heliospect Genomics bieten genetische Screenings der Embryonen an, die für eine künstliche Befruchtung infrage kommen.

Die Eltern können dann zum Beispiel ein Kind mit braunen Haaren, blauen Augen, überdurchschnittlicher Intelligenz und geringem Risiko für Brustkrebs auswählen. So jedenfalls lautet das Versprechen. Wie gut die Voraussagen für die oft auf vielen Genen beruhenden Merkmale tatsächlich sind, ist umstritten. Schon Hunderte Kinder sollen auf diese Weise auf die Welt gekommen sein, unter ihnen auch eines von Elon Musk.

Kritiker fürchten eine neue Eugenik

Der direkte Eingriff ins Genom, wie ihn Tie und ihre Konkurrenten planen, scheint da der nächste logische Schritt zu sein. Kritiker fürchten eine neue Eugenik – eine Welt, in der sich die Reichen höhere Intelligenz und bessere Gesundheit erkaufen können.

Unter anderem aufgrund solcher Ängste forderten im vergangenen Jahr gleich mehrere wissenschaftliche Gesellschaften ein zehnjähriges Moratorium für Keimbahn-Editierungen. Vielen Forschern geht das aber deutlich zu weit. So auch Jacob Corn: «Ich bin kein Fan von starren Moratorien, die über lange Zeiträume laufen. Ein solches Vorgehen ergibt keinen Sinn», sagt er.

Regulierung müsse auf Basis von Fakten geschehen. Jetzt sei die Genom-Editierung noch nicht sicher genug, in einigen Jahren vielleicht aber schon. «Und dann müssen wir als Gesellschaft entscheiden, ob und in welchen Fällen wir sie anwenden wollen.»

Was Corn am Aufkommen der neuen Startups daher trotz seinen Bedenken schätzt: Sie sorgen schon jetzt für eine wichtige öffentliche Debatte.

Martin Amrein, «NZZ am Sonntag» (15.02.2026)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

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