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Bild: geralt / Pixabay

Gesellschaft

Der tödliche Unterschied: Warum Mann sein ein Gesundheitsrisiko ist

Männer leben im Durchschnitt vier Jahre kürzer als Frauen. Dahinter verbirgt sich mehr als die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

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Der tödliche Unterschied: Warum Mann sein ein Gesundheitsrisiko ist

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Der Mann ist in der Medizin die Norm. Medikamente werden an ihm getestet, Therapien auf ihn abgestimmt. Mit gefährlichen Folgen für die Frauen, die zu Recht fordern, dass die Medizin sich in gleichem Masse auch an ihnen orientiere.

Bemerkenswert ist, dass es trotz der Benachteiligung und Gefährdung der Frauen die Männer sind, die im Durchschnitt früher sterben. Wie kommt das? Ist die kürzere Lebensspanne der Männer biologisch bedingt? Oder liegt es am Verhalten der Männer? Oder an den gesellschaftlichen Anforderungen, die an sie gestellt werden? Oder ist die Medizin womöglich gar nicht so einseitig zuungunsten der Frauen ausgerichtet?

Wir wollen diese Erörterung mit einer Reihe positiver Meldungen beginnen: Seit 1900 hat sich die Lebenserwartung in der Schweiz nahezu verdoppelt. Der materielle Wohlstand, eine ausgewogenere Ernährung, die Fortschritte in Hygiene und Medizin sowie der höhere Bildungsgrad führten bei beiden Geschlechtern zu einer markant längeren Lebensdauer. Der Unterschied bei der Lebenserwartung zwischen den beiden Geschlechtern hat sich dabei verringert. In den 1980er Jahren betrug er zeitweise rund sieben Jahre. Heute liegt er noch bei rund vier Jahren. 2022 wurden die Frauen in der Schweiz im Durchschnitt 85,4 Jahre alt, die Männer 81,6.

Dieselbe Entwicklung zeigt sich weltweit. Frauen werden 2022 im Durchschnitt 74,4 Jahre alt, Männer 69,1. Die Kluft bei der Lebensdauer («gender gap») beträgt weltweit 5,3 Jahre.

Ein solch grosser Unterschied an Lebensjahren ist kein Zufall und deshalb erklärungsbedürftig: Weshalb also sterben Männer durchschnittlich früher als Frauen? So viel sei Witzbolden bereits verraten: Der Gang ins Kloster wäre für etliche Männer überlegenswert. Doch dazu später mehr.

Der Mann als genetisch benachteiligtes Auslaufmodell

Bis vor kurzem war noch unbestritten, was ein Mann und was eine Frau ist. Im Folgenden wollen wir uns auf die Definition des amerikanischen Evolutionspsychologen David Buss beschränken: «Aus Sicht der Evolution ist das biologische Geschlecht binär. Beim Menschen gibt es zwei und nur zwei Geschlechter, die durch die Grösse der Keimzellen definiert sind. Es gibt keine Zwischenformen.» Männer erzeugen viele kleine Spermien, Frauen stellen wenige grosse Eier bereit.

Molekularbiologisch ist der Mann tatsächlich weniger gut bestückt als die Frau. Zu dieser Erkenntnis gelangt man, wenn Catherine Gebhard, Expertin für Gendermedizin und Leiterin der präventiven Kardiologie des Berner Inselspitals, über die angeborenen Unterschiede der Geschlechter spricht.

Der gesundheitliche Unterschied liegt zu einem Teil an den Trägern unserer Erbinformationen: den X- und den Y-Chromosomen. Frauen haben von Geburt an zwei X-Chromosomen (eins von der Mutter und eins vom Vater), Männer ein X- und ein Y-Chromosom (das X stammt von der Mutter, das Y vom Vater, der durch sein Y oder X das Geschlecht bestimmt). Auf einem X-Chromosom liegen mehr als 1000 Gene. Auf dem kleineren Y nur etwa 100. «Frauen haben eine grössere biologische Vielfalt», sagt Gebhard. «Da einige Informationen zur Immunabwehr auf den X-Chromosomen liegen, nutzen Frauen das Potenzial der X-Chromosomen beider Eltern.

Erleidet ein X-Chromosom einen Gendefekt, kann das zweite X den Fehler möglicherweise ausgleichen. Durch die Alterung mehren sich die Fehler beim Ablesen der Gene. Der Körper von Frauen kann solche durch den Zugriff des zweiten X-Chromosoms häufig wettmachen. «Männern fehlt diese Art von Reserve-Depot.»

Frauen hingegen verschafft das zweite X-Chromosom bei der Immunabwehr und diversen Krankheiten wie Entzündungen oder Infektionen einen überlebenswichtigen Vorteil – wie etwa bei der Abwehr des Coronavirus zu sehen ist, an dem Männer häufig schwerer erkranken und häufiger sterben.

Die zwei X-Chromosomen schützen Frauen zudem stärker vor manchen Krebserkrankungen. Auf ihnen liegen nämlich die Tumorsuppressor-Gene, die eine unkontrollierte Teilung geschädigter Zellen unterdrücken und Krebstumore verhindern können. Das ist eine der Ursachen, warum Männer weltweit bei allen Krebsarten, die nicht die Fortpflanzungsorgane betreffen, «ein doppelt so hohes Risiko haben, daran zu erkranken», sagt Gebhard. Krebs ist in der Schweiz nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache. Bei Männern zwischen 45 und 84 Jahren ist eine Erkrankung an Krebs sogar die häufigste.

Mehr noch: Das nur bei Männern vorkommende Y-Chromosom erweist sich als Hypothek: Phänomene wie der Verlust von Y-Chromosom-Teilen («Mosaik») führen bei den Männern zu schnelleren Alterungsprozessen, einem erhöhten Risiko der Alzheimerkrankheit, schlechteren Prognosen bei Krebserkrankungen wie dem hochgefährlichen Hirntumor Glioblastom oder zu einem höheren Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. «Genetisch ist der Mann gegenüber der Frau bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionskrankheiten und einigen Krebserkrankungen benachteiligt», sagt Gebhard. Der Mann, biologisch betrachtet, ein Mangelwesen.

Der britische Genetiker Steve Jones ging vor 20 Jahren sogar noch weiter, als er verkündete, der Mann sei ein evolutionäres Auslaufmodell. Mit seinem Forschungsteam hatte er untersucht, wie sich der seit Jahrtausenden voranschreitende Volumen- und Substanzverlust des Y-Chromosoms auswirken könnte, und prognostizierte dem männlichen Geschlecht noch eine Überlebenszeit von 5000 Generationen. In 125 000 Jahren, so Jones, soll der Mann aus molekularbiologischen Gründen ausgerottet sein.

Die biologische Benachteiligung der Männer zeigt sich schon früh. Wie auch in anderen hochentwickelten Ländern der westlichen Welt treten in der Schweiz Totgeburten und Todesfälle im ersten Lebensjahr bei Knaben häufiger auf als bei Mädchen. Im Jahr 2022 entfielen in der Schweiz auf 1000 Lebendgeburten 4,2 Todesfälle von Buben unter einem Jahr, bei Mädchen waren es 3,3 Fälle. Der Hauptgrund liegt beim von Geburt an schwächeren Immunsystem, das empfindlicher auf Infektionskrankheiten reagiert.

Die hohe frühe Sterblichkeit ist bis heute ein Grund, weshalb die Evolution für mehr männliche Embryonen und für eine höhere Zahl an lebend geborenen Jungen sorgt. 2002 kamen in der Schweiz rund 2500 Knaben mehr als Mädchen zur Welt. Dieser Männerüberschuss von rund 3 Prozent schmilzt jedoch binnen zwei Jahrzehnten dahin: Rund 40 Prozent der Todesfälle bei den Knaben sind der Säuglingssterblichkeit geschuldet. Zwischen 2 und 15 Jahren sind die «äusserst seltenen Todesfälle» gemäss Bundesamt für Statistik vor allem Unfällen, Nervenkrankheiten und Tumoren zuzuschreiben. Bei den Jugendlichen ab 16 Jahren und den jungen Erwachsenen führen vor allem Unfälle und Suizide zu einem sehr frühen Ableben. Früh verlorene Lebensjahre wirken sich statistisch besonders stark auf die durchschnittliche Lebensdauer aus. 20 bis 25 Jahre nach der Geburt eines Knaben ist das Geschlechterverhältnis in der Schweiz ungefähr ausgeglichen, bevor sich die Schere zugunsten der Frauen öffnet.

Ob die vermehrten Todesfälle in der Pubertät auf die Genetik, die männlichen Hormone oder ein risikoreicheres Verhalten zurückzuführen sind, sagt Gebhard, sei schwierig zu bestimmen.

Die Macht und Ohnmacht des Sexualhormons Testosteron

Als gesichert gilt: Wie bei den Genen haben die Frauen einen evolutionären Vorteil bei ihrem Geschlechtshormon, dem Östrogen: «Es schützt die Gefässe und wirkt sich günstig auf die Blutfette aus. Dies bietet Schutz vor Herzinfarkten und Schlaganfällen», sagt Gebhard.

Das männliche Sexualhormon Testosteron, das Frauen ebenfalls, aber in weit geringeren Mengen produzieren, hat grundsätzlich viele positive Einflüsse auf die Gesundheit. So stärkt es etwa die Muskelmasse und den Aufbau der Knochen und erhöht den Bewegungsdrang. «Ein Zuviel an Testosteron, besonders wenn es hoch dosiert eingenommen wird, kann aber die Lebenserwartung senken», sagt Gebhard.

Ein hoher Testosteronspiegel kann zudem den Cholesterinspiegel negativ beeinflussen, zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen und die Bildung von Ablagerungen in den Arterien fördern, was zu Arteriosklerose (Cholesterineinlagerungen in der Arterienwand) führen kann. Dies wiederum erhöht das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Eine weitere potenziell negative Wirkung eines höheren Testosteronspiegels macht sich in einem bereits angesprochenen risikoreicheren Lebensstil unliebsam bemerkbar. Männer mit überdurchschnittlich hohen Testosteronwerten neigen dazu, riskante Entscheidungen zu treffen. Etwa solche, die ihre eigene Sicherheit und die ihrer Umgebung gefährden können. «Besonders bei jungen Männern führt diese erhöhte Risikobereitschaft zu einer höheren Sterblichkeitsrate, vor allem durch Unfälle. Etwa im Strassenverkehr», sagt Gebhard.

Das risikoreichere Verhalten kann aber auch lebensrettend wirken: «Als vor zwei Jahren ein Auto in die Limmat stürzte, sprangen mehrere Männer in den kalten Fluss, um den Lenker zu retten», sagt Gebhard. «Ermöglicht hat dieses tollkühne Verhalten wahrscheinlich eine Mischung aus hormoneller Steuerung und couragiertem Sozialverhalten. Bezeichnenderweise beschränkten sich die meisten anwesenden Frauen auf die Rolle als Zaungast.»

Während der Andropause, die salopp gesagt der Menopause der Frau entspricht, sinkt beim Mann der Testosteronspiegel (wenn auch nicht im gleichen Masse wie bei der Frau der Östrogenspiegel). Das führt zu einer Abnahme der Muskelmasse. Dafür nimmt ab der Lebensmitte das Fettgewebe zu, die körperliche Leistungsfähigkeit sinkt, das Risiko für Diabetes steigt. Um dem entgegenzuwirken, könnte dem Mann in der «Mannopause» Testosteron verschrieben werden. Die Nachteile einer solchen Low-T-Hormonersatztherapie sind aber nicht zu unterschätzen: Sie kann die Gefässe schädigen und das Herzinfarktrisiko erhöhen.

«Punkto Lebenszeit ist Mann sein, rein biologisch betrachtet, ein Nachteil», sagt Gebhard. «Die biologischen Ursachen nehmen ihm rund ein Lebensjahr.»

Drei Jahre Unterschied zu den Frauen bleiben demnach zu erklären. Sie sind offenbar stärker sozial und kulturell bedingt.

Die Männchen spielen mit dem Feuer

Im Säuglingsalter stürzten Knaben und Mädchen ähnlich häufig vom Sofa oder vom Bett hinunter, müsste man meinen. Trotzdem behandelt das Universitäts-Kinderspital Zürich (Kispi) in diesem Alter rund 10 Prozent mehr Knaben. Woran liegt das?

«Knaben haben im Allgemeinen schon von früh an einen höheren Bewegungsdrang, eine etwas schlechtere Impulskontrolle, eine leicht ungelenkere Motorik und eine schlechtere Koordinationsfähigkeit», sagt Markus Landolt, Chefpsychologe am Kispi. Aber eben nicht nur: «Das geschlechtsspezifische Verhalten ist eine komplizierte Interaktion von biologischen und gesellschaftlichen Faktoren, bei denen etwa die geschlechtsspezifische Erwartungshaltung der Mütter und Väter an das Kind mit einfliesst.» Männer sind schon als Baby blau, und später werden Jungs im Stereotyp nach wie vor eher dazu ermutigt, auf einen Baum zu klettern, als Mädchen.

Die «komplizierte Interaktion» lässt die genaue Zuschreibung einzelner Gründe schlecht zu. Das Phänomen jedoch ist eindeutig: In der Stadt Zürich verunfallen Knaben auf dem Schulweg dreimal so oft wie Mädchen. Und ein Blick in die Unfallstatistik des Kispi zeigt, dass Knaben durchs Band häufiger verarztet werden müssen als Mädchen und dass der Anteil der behandelten Knaben mit jedem Lebensjahr steigt. Beträgt dieser bei den 1- bis 2-Jährigen noch 55,1 Prozent, liegt er bei den 12- bis 17-Jährigen schon bei 61,9 Prozent.

Den grösseren Unterschied ab der Pubertät erklärt Landolt mit einem anderen Freizeitverhalten – zumindest zum Teil. Knaben betreiben mehr Kontaktsport. Sie sind dabei nicht einfach wild gewordene Rowdys: «Ab der Pubertät führen ihr grösserer Bewegungsdrang, ihre Körpergrösse und ihr Mehr an Muskelmasse zu höheren motorischen Leistungen. Sie werden im Vergleich zu Mädchen deutlich stärker und schneller. Das wirkt sich auf die Zahl und die Schwere ihrer Unfälle aus.»

Zudem sind mehr Knaben als Mädchen sogenannte «sensation seekers». Diese streben gemäss dem amerikanischen Psychologen Marvin Zuckerman nach aufregenden Erlebnissen. Sie sind daher verstärkt offen für neue Erfahrungen und zeigen ein lebhaftes Interesse an kniffligen Situationen. Sie wollen sich aktiv einbringen, Langeweile meiden sie bewusst. «Der grundsätzlich sehr positive Explorationsdrang von Knaben führt sie aber vermehrt in gefährliche Situationen im Vergleich zu Mädchen, die stärker an sozialen Themen interessiert sind», sagt Landolt. Dabei spielen Knaben wortwörtlich mit dem Feuer und anderen Gefahren – und ziehen sich Verbrennungen zu, verunfallen oder sterben früh. «In dreissig Jahren habe ich nie ein Mädchen gesehen, das ins Kispi kam, weil es einen Flammenwerfer oder eine Rakete gebastelt hatte. Aber etliche Jungs», sagt Landolt.

Die Gesellschaft ist traditionell an risikoreichen Männern interessiert

«Das risikoreichere Verhalten soll oft erklären, weshalb Männer früher sterben», sagt der mittlerweile pensionierte Medizinhistoriker Martin Dinges, der beim Institut für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart angestellt war. Nur leben nicht alle Männer gleich risikoreich. Sondern insbesondere jüngere Männer nach der Pubertät und vor der Paarbildung. Gesellschaftlich sei dies durchaus erwünscht, sagt Dinges.

Die Knaben und jungen Männer lernen dadurch, sich von den Eltern zu lösen. Sie erproben die eigene Leistungsfähigkeit, tragen Konkurrenzsituationen aus und finden zu Kooperationsformen mit anderen Männern. «Durch das grössere Risikoverhalten üben junge Männer traditionelle Muster von Männlichkeit ein. Diese sollen sie seit Jahrhunderten fit machen für zwei gesellschaftliche Aufgaben: für die körperlich schwersten, gefährlichsten und gesundheitsschädigendsten Berufe. Und für den Einsatz im Militär.» Der risikoreiche Mann ist für Dinges denn auch ein Mann, der seine gesellschaftliche Verantwortung ernst nimmt, und nicht von vornherein ein Blödian.

Besuch in der «Männersprechstunde»

Wenn Männer Manuela Birrer im Gefässzentrum des Kantonsspitals Baden aufsuchen, dann häufig, weil sie bei sexuellen Erregungen Schwierigkeiten bekunden. Sie vermuten als Auslöser Müdigkeit oder erhöhten Stress. «Oft verbirgt sich dahinter aber ein ernsthafteres Problem», sagt die Gefässspezialistin, die seit rund fünf Jahren als eine der Ersten eine «Männersprechstunde» in der Schweiz führt und für die Betreuung ihrer männlichen Patienten eng mit anderen Spezialisten zusammenarbeitet. «Erektile Dysfunktionen sind zu rund 40 Prozent auf verengte Blutgefässe zurückzuführen und gelten als ein frühes Symptom für ein erhöhtes Risiko eines Herzinfarkts, Hirnschlags» oder anderer Gefahren.

Ein genereller Herz-Check ab 50 könnte das Risiko von Herzinfarkten oder Hirnschlägen möglicherweise senken. Ob die Mehrzahl der Männer damit tatsächlich erreicht werden kann, ist fraglich. Gesundheitsvorsorge ist nichts, dem Männer allzu viel Beachtung schenken. Ausser sportlichen Aktivitäten, die dem Herz-Kreislauf-System grundsätzlich guttun und erwiesenermassen Darmkrebs und anderen Erkrankungen vorbeugen.

Die Mehrzahl der Männer verfügt in der Schweiz über keinen Hausarzt. «Nur jeder zweite Mann sucht regelmässig den Arzt oder die Ärztin auf. Jeder dritte sogar gar nicht. Und nur jeder zehnte geht zur Krebsvorsorge», sagt Birrer. «Männer sehen auch bei gesundheitlichen Anzeichen noch lange keinen Grund, einen Arzt zu konsultieren.» Viele kämen erst, wenn sich ein Problem akut bemerkbar mache.

Die Ärztin stellt bei vielen Männern «eine Art Ersatzteilmentalität» fest. Erst wenn «etwas zu Schaden gekommen» sei, suchten sie einen Arzt auf und hofften, «man kann es reparieren». Den Mann deshalb als «Ignoranten» oder gar als «Versorgungsmuffel» zu bezeichnen, der sich nicht um sich kümmert, greift aber zu kurz.

Der Mann hat gelernt, ohne Arzt auszukommen

Der männliche Habitus gründet in einem geschlechtsspezifisch erlernten Verhaltensmuster und hat durchaus etwas Erwünschtes und Vernünftiges. Sich selbst zu helfen zu wissen, anderen nicht zur Last zu fallen, in einem Moment der Schwäche unaufgeregt zu bleiben, sind Qualitäten, die von einer Partnerin oder einem Arbeitgeber gewünscht werden.

Männerbiografien kommen lange ohne Arzt aus. Den ersten und letzten Arzt sehen viele auf lange Zeit hinaus bei der militärischen Aushebung. Es sei denn, sie verletzen sich beim Sport. Bis ins vierte, fünfte Lebensjahrzehnt gibt es gesundheitlich für die meisten Männer wenig Gründe, einen Arzt zu konsultieren. Manuela Birrer sieht deshalb die Gesellschaft vermehrt in einer Verantwortung: «Kaum ein Jugendlicher erfährt etwas über sein erhöhtes Hodenkrebsrisiko. Mädchen hingegen wird schon früh nahegelegt, sich um die Verhütung und die Vorsorge durch eine HPV-Impfung zu kümmern.»

Für jede junge Frau ist der Arztbesuch irgendwann ab der Geschlechtsreife regelmässige Praxis. Sei es für die Verhütung, später für die Schwangerschaftsvorsorge, wegen Wechseljahrbeschwerden oder für die Krebsvorsorge.

Erschwerend wirkt für Männer, dass Gesundheits-, Hygiene- und Ernährungsthemen gesellschaftlich traditionell weiblich verortet waren – und über die Kernfamilie hinaus häufig bis zur Verwitwung heute noch sind: Die Mutter geht mit den Kindern zum Doktor in die Jahreskontrolle, sie verarztet nach Stürzen Schürfungen, sie ersetzt das aufgebrauchte Haarwaschmittel, kauft einem Jungen sein erstes Deo, sie kocht häufiger und schaut dabei im Idealfall für eine ausgewogene Ernährung oder spricht am Mittagstisch aus ästhetischen Gründen über Diäten. «Die Erziehung hat zur Folge, dass die Gesundheitskompetenz auch in Paarbeziehungen oft bei der Frau liegt», sagt Birrer, «und dass sich selbst die modernen Männer in den mittleren Lebensjahren häufig erst zum Arzt aufmachen, wenn ihre Partnerinnen sie dazu auffordern.»

In jüngeren Generationen scheint sich dieses Verhalten aufzuweichen – dank der Sexualaufklärung, Aids-Kampagnen, David Beckham, dem metrosexuellen Mann, neuen Arbeitszeitmodellen, der LGBTQ-Bewegung und dem Feminismus.

Die medizinische Kompetenz wurde Frauen zugewiesen

Die Frau als Trägerin der medizinischen Kompetenz hat historische Wurzeln, die bis in die Aufklärung reichen. Seitdem gilt die Frau als das naturnahe, schwache und kranke Wesen, während der Mann angeblich vernunftgesteuert, stark und gesund ist. «Dieses Geschlechterbild führte zu einem grösseren Interesse der Medizin am weiblichen Körper», sagt der Medizinhistoriker Martin Dinges. «Während in den vergangenen 400 Jahren Arztpraxen von beiden Geschlechtern gleichermassen aufgesucht wurden, gab es zwischen 1850 und 1860 einen Wendepunkt – egal ob in der Schweiz, in Deutschland oder Kanada. Seither sind es stets mehr Frauen, nämlich 60 zu 40 Prozent.»

Die Frau sei im Gegensatz zum Mann früh «medikalisiert» worden, sagt Dinges. Zunächst, um die Säuglingssterblichkeit zu senken. Dann um 1900 durch die Stillberatung und die Angebote zur nachgeburtlichen Hygiene. «Seither zielt fast die gesamte Hygienepropaganda auf Frauen ab. Erst mit der Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten in den 1920er Jahren kamen neben den Prostituierten auch die männlichen Freier – allerdings nachrangig – in den Blick», sagt Dinges.

Bis heute sind Gesundheitskampagnen für Frauen sichtbarer als solche für Männer. Kampagnen gegen Brustkrebs etwa sind vielen ein Begriff, solche für Prostatakrebs nicht. Und dies, obschon der Prostatakrebs in der Schweiz mit 1400 Todesfällen bei 7400 Erkrankten ebenso lebensbedrohlich ist wie Brustkrebs bei den Frauen mit 1400 Todesfällen und 6500 Erkrankten.

Die wichtigsten Ursachen des frühen Ablebens

Fehlt die Partnerin, etwa nach einer Trennung oder durch Verwitwung, sind Männer gesundheitlich besonders verletzbar. «Nie ist ein Männerschnupfen so lebensgefährlich wie während der Abwesenheit einer Frau», sagt Manuela Birrer von der «Männersprechstunde» des Kantonsspitals Baden und meint das nur halbwegs als Scherz.

Da der Weg zu einem Arzt für mehr als die Hälfte aller Männer in der Schweiz ein ungeübter ist, gehen sie ihn nicht gerne oder gar nicht. Selbst dann, wenn sie der Verdacht plagt, dass etwas mit ihnen nicht stimmen könnte. Sie vermeiden ärztliche Konsultationen aus Angst, dass bei ihnen etwas Schlimmes entdeckt werden könnte.

Der Lebensstil als wichtiger Faktor

Welche Gründe führen denn nun aber hauptsächlich zu einem verfrühten Tod bei den Männern? «Was das Leben der Männer am häufigsten verkürzt, ist ihr Lebensstil», sagt Birrer. Männer rauchen häufiger, sie konsumieren mehr Alkohol und andere Drogen, verhalten sich gewalttätiger, sind risikofreudiger im Sport und im Strassenverkehr. Sie ernähren sich weniger ausgewogen, ungesünder, und leiden deshalb häufiger an Übergewicht. Sie setzen sich erhöhtem Stress aus. Und schlafen zu wenig. Zudem gelingen ihnen Suizidversuche häufiger als den Frauen (die dreimal so häufig versuchen, sich das Leben zu nehmen), weil die Männer brachialer vorgehen.

«Die Frage ist, warum wir Männer mit einem ungesunden Lebensstil schlecht erreichen», sagt Birrer.

2001 schuf das Bundesamt für Gesundheit (BAG) eine Stelle für Gender-Health. Um die Chancengleichheit zu erhöhen, wurden zahlreiche geschlechtsspezifische Grundlagen erarbeitet. Die meisten Präventionsprogramme richteten sich an die Gesamtbevölkerung. Einzelne Programme oder Aktionen, etwa zu Ernährung, Bewegung, Alkohol oder HIV/Aids spezifisch auch an Männer. So unterstützt sie Präventionsprojekte in den Kantonen und Gemeinden und entwickelte einen Leitfaden, um Männer über 65 mit ihren spezifischen Bedürfnissen richtig anzusprechen und abzuholen.

Die «Männergesundheit» ist ein relativ junges Gebiet, Erfolge in der Statistik zeigen sich teilweise erst Jahrzehnte später. Dass sich die Lebenserwartungskurven seit den 1990er Jahren angleichen, hat vor allem drei Gründe. Erstens: Die Männer trinken weniger risikoreich, weil ihr Gesundheitsbewusstsein stieg und sich die Arbeitswelt weiter hin zu Bürojobs verlagerte.

Zweitens: Die Männer rauchen weniger, weil sie aus dem öffentlichen Raum ausgegrenzt wurden.

Drittens: Die Frauen rauchen deutlich mehr, was ihre Lebenserwartung nicht gleich schnell wie vorhin ansteigen, sondern sogar sinken lässt. «Die meisten Frauen rauchen, um ihren Appetit zu zügeln und schlank zu sein», sagt Dinges.

Die Entdeckung der Männergesundheit als Konsumgut

Das Thema «Männergesundheit» schwappte erst in den 1980er Jahren von den USA nach Europa. In Amerika entstanden Publikumsmagazine wie «Men’s Health», welche die Männergesundheit stark als Konsumgut anpriesen. Martin Dinges: «Die Gesundheit wurde zum Mittel zum Zweck: Sie lässt sich erkaufen oder erarbeiten, wie die in den Magazinen vorgestellten Hanteln für den perfekten Waschbrettbauch.» Die Gesundheit sollte gemäss dem damaligen (und heutigen) Zeitgeist zur eigenen Zufriedenheit beitragen, aber auch die Chancen bei den Frauen und auf eine Karriere erhöhen. Gleichzeitig entwickelte sich durch den Feminismus eine Abwendung von den überlieferten Geschlechterbildern.

Etwa vom Bild der sogenannten «hegemonialen Männlichkeit», einem Rollenverständnis mit besonders verheerender Wirkung, wie Dinges sagt. Ein Männlichkeitsbild, das im 19. Jahrhundert geprägt wurde und auf harte, schmerzunempfindliche, wehrfähige Jungen setzte. Ein Bild, als logische Folge der allgemeinen Wehrpflicht, die schon in der Verfassung der Helvetischen Republik von 1798 als «nationale Wehrpflicht» und später in der ersten Bundesverfassung von 1848 bestimmt wurde. «Solche Leitbilder förderten, dass Knaben gefährlicher spielten, pubertierende männliche Jugendliche sich risikoreicher verhielten, mehr Tabak und harte Alkoholika konsumierten und sich gegenseitig viel häufiger verletzten», sagt Dinges. «Schwäche, Krankheit, zum Arzt gehen galten als weiblich, zumindest aber als unmännlich.» Das über rund acht Generationen tradierte Bild eines Mannes, der weder Schmerz noch Krankheitsanzeichen zeigt, zeitigt bis heute seine Wirkung.

«Männer wurden weniger gesundheitsbewusst gemacht»

Etwa in der nach wie vor einseitigen leistungsorientierten Arbeitsaufteilung zwischen den Geschlechtern, die in der Schweiz ähnlich ausfallen dürfte wie in Deutschland. Dort arbeiten 90 Prozent der Männer Vollzeit, während 90 Prozent der Teilzeitstellen von Frauen besetzt werden. Die Männer machten in Deutschland doppelt so viele Überstunden wie die Frauen, sagt Dinges. «Nun sagt natürlich jede Feministin, das liege daran, dass die Frauen zu Hause noch den Laden zusammenhalten müssten. Und dass sich der Mann darauf verlasse, dass die Frau den Haushalt schmeisse, zu den Kindern schaue, koche und Teilzeit arbeite. Das ist sicher richtig. Aber wenn man sich dann die Herz-Kreislauf-Studien anschaut, sieht man, dass fünf bis sechs Überstunden pro Woche bei den Männern zu einer höheren Übersterblichkeit führen und dass Männlichkeitsbilder aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäss sind.»

Mannsein ist für Dinges also keine Krankheit, wie das «Der Spiegel» vor 20 Jahren in einer Titelgeschichte zuspitzte. «Vielmehr wurden Männer in den letzten 150 Jahren weniger langlebig und gesundheitsbewusst gemacht als Frauen.» Der Vorteil an einem erlernten Geschlechterbild sei, sagt der Historiker Dinges, dass man auch ein neues mit anderen Verhaltensmustern lernen könne.

Ein gutes Leben muss nicht alles sogleich verwerten

Für den Pflegewissenschafter Frank Luck von der Katholischen Hochschule Freiburg im Breisgau, der im Bereich Gender-Studies an der Universität Basel promovierte, bedeutet ein gesundheitsförderndes Geschlechterbild mitunter, dass auch Knaben ideologiefrei lernen: «Dein Körper gehört dir. Schau gut zu ihm. Und frag dich: Was tut mir wirklich gut? Was setzt mich nicht unter Druck?»

Luck rät dazu, Gesundheit nicht als Leistungsausweis zu verstehen. «Man braucht nicht Sport zu treiben, um als dynamisch oder attraktiv gelesen zu werden», sagt er, «sondern, weil es einem körperlich und seelisch guttut.»

Was es dazu benötige, sei im Sportverein, in der Familie, bei der Arbeit oder in der medizinischen Sprechstunde ein vertrauensvolles Gegenüber, das sich Zeit nehme, zuhöre und Männer in ihren Lebenssituationen differenziert wahrnehme.» Dazu brauche es entsprechend ausgebildetes, gendersensibles Gesundheitsfachpersonal. «Denn wer spricht heute drei bis sechs Monate nach der Geburt einen Vater auf die postpartale Depression an?», fragt Luck.

Die entscheidende Frage aber müsse jeder Mensch sich selbst stellen: «Was bedeutet ein gutes Leben für mich?»

Das klösterliche Leben erhöht die Lebensdauer der Männer

Als ihn seine Tochter und sein Sohn fragten, was er beruflich genau mache, überlegte sich Marc Luy eine kindergerechte Antwort. Er holte dazu ein altes Foto hervor, auf dem die Urgrosseltern seiner Kinder zu sehen waren: Der Urgrossvater Johann, den sie nicht kennenlernten, weil er schon lange vor ihrer Geburt mit 69 Jahren starb. Und die Urgrossmutter Anneliese, die den Kindern vom gemeinsamen Spielen und Vorlesen von Geschichten noch gut vertraut war, bis auch sie mit 98 von ihnen ging. «Ich versuche in meiner Arbeit herauszufinden, was eure Uroma gemacht hat, dass sie so viel länger lebte als euer Uropa», sagte Luy. Seine Kinder guckten auf das Foto, und dann sagte sein Sohn ganz selbstverständlich: «Sie ist halt nicht früher gestorben.»

«Er benannte damit tatsächlich einen wichtigen Punkt», sagt der Bevölkerungswissenschafter Marc Luy in Wien. «Die entscheidende Frage bezüglich der Lebenserwartung lautet tatsächlich: Wie vermeidet man es, zu früh zu sterben?»

Seit knapp 30 Jahren sucht Luy nach den Einflussfaktoren. Wichtige Hinweise fand er in rund zwanzig Klöstern in Süddeutschland und Österreich, wo die Ordensleute untereinander einen ähnlichen Lebensstil pflegen, sich im Verhalten und in ihren beruflichen Tätigkeiten kaum unterscheiden.

Für die Berechnung der Lebenserwartung der Nonnen und Mönche bediente sich Luy der klösterlichen Professbücher, in denen zum Teil seit Jahrhunderten alle Ordensmitglieder mit ihren Lebensdaten erfasst werden: Geburtsdatum, Eintrittsdatum und gegebenenfalls Austritts- oder Sterbedatum. Zudem konnte er in den Klosterarchiven viele zusätzliche Details sammeln zum beruflichen Werdegang, zu den Krankheitsgeschichten sowie den Todesursachen der Ordensleute. Diese Daten stellten sich für den Demografen als wahren Fundus heraus. «Ich kam mir vor wie ein Archäologe, der beim Graben plötzlich einen unermesslichen Schatz in Händen hält», sagt er.

Die Auswertung der Daten von mehr als 15 000 Ordensleuten ergab, dass die Nonnen ungefähr genauso alt werden wie die Frauen ausserhalb der Klostermauern. Aufhorchen lassen Luys Erkenntnisse bei den Männern: «Die Lebenserwartung der Mönche liegt um bis zu fünf Jahre über derjenigen der männlichen Gesamtbevölkerung.» Sie reicht fast an diejenige der Frauen heran, sie liegt nur ein Jahr darunter.

«Aus zahlreichen Forschungen wissen wir, dass es einen Faktor gibt, der für die Lebenserwartung eine zentrale Rolle spielt: das Rauchen. Und tatsächlich rauchen Ordensleute weniger als die Gesamtbevölkerung. Das erklärt aber nicht alles.» Die Mönche starben nämlich insgesamt weniger häufig an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und an Krebs als ihre weltlichen Geschlechtsgenossen. Zudem fiel das Sterberisiko durch klassische gesundheitsgefährdende Männerberufe wie Bauarbeiter weg.

Eine Gruppe von Mönchen profitierte am meisten vom klösterlichen Leben: diejenigen mit einer geringen Bildung. «Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss zeigen in allen mir bekannten Studien eine geringere Lebenserwartung im Vergleich zu Menschen mit höherer Bildung. Eine interessante soziologische Theorie erklärt dies damit, dass Personen mit geringerem sozioökonomischem Status weniger Zugang zu Ressourcen wie Wissen, Geld, Einfluss, Prestige und vorteilhaften Netzwerken haben, weshalb sie mit Gesundheitsrisiken schlechter umgehen und ihre Gesundheit weniger gut schützen können.» Im Kloster sind diese Ressourcen gleichmässig verteilt. Die Ordensleute ernähren sich gleich, leben in identischen Wohnverhältnissen, haben den gleichen Zugang zu medizinischer Versorgung und können ausserdem im gleichen Mass über ihre Zeit verfügen. «Das Klosterleben nivelliert die Unterschiede, die draussen zwischen verschiedenen Bildungs- und Einkommensschichten zu unterschiedlich langen Leben führen», sagt Luy.

Um eine Idee davon zu bekommen, ob es vielleicht eine besonders wichtige Ursache für die hohe Lebenserwartung der Ordensmänner geben könnte, reichten die Daten aus den Professbüchern nicht aus. Deshalb fragte Luy direkt in den Klöstern nach. Überraschenderweise erhielt er dort von jedem Gesprächspartner dieselbe Antwort. Die Ordensmänner waren sich sicher: Es liegt vor allem am geregelten Tagesablauf. «Die Mönche wissen: Jeden Tag wird zur selben Zeit aufgestanden, gebetet, gefrühstückt, danach gearbeitet, dann wieder gebetet und so weiter. Alle Ordensleute erleben es als sehr entlastend, im Verlauf eines Tages nicht ständig überlegen zu müssen, was zu machen sei, und nicht gezwungen zu sein, permanent neu zu planen», sagt Luy.

Am zweithäufigsten erwähnten die Mönche, dass sie keinen Bruch in ihrer Biografie durch die Pensionierung erleiden. «Soziologische Studien haben gezeigt, dass sich Männer überwiegend über ihre Arbeit definieren. Fällt dieser identitätsstiftende Faktor plötzlich weg, geraten viele in eine orientierungslose Zeit, die belastend ist und ihnen gesundheitlich zusetzen kann.» Bei Ordensleuten fällt diese vulnerable Phase weg. Sie bleiben auch im Seniorenalter bei ihrer Tätigkeit und behalten ihr Leben lang eine Funktion innerhalb des Klosters und Anerkennung.

Luy fasst die von den Ordensleuten meistgenannten Punkte zusammen: «Im Kloster fällt viel Stress weg, dem Männer in der Gesellschaft traditionell häufig ausgesetzt sind.»

Es kommt hinzu, dass in einem Kloster immer jemand da ist, wenn Hilfe benötigt wird. Etwa nach einem Sturz, Schlaganfall oder Herzinfarkt. «Dies ist ein wichtiger Grund dafür, dass in der weltlichen Bevölkerung alleinstehende Personen eine geringere Lebenserwartung haben als solche in Partnerschaften. «Verheiratete Männer ernähren sich in der Regel auch ausgewogener und verfügen über mehr soziale Kontakte. All das führt zu einem längeren und gesünderen Leben. Und obwohl die Ordensmänner alle unverheiratet sind, profitieren sie durch das Ordensleben von denselben gesundheitlichen Schutzfaktoren wie die verheirateten Männer der Allgemeinbevölkerung.»

Selbstverantwortung durch Risikovermeidung

Welche Rückschlüsse lässt die «Klosterstudie» nun für Männer ausserhalb des Klosters zu? «Den Schlüssel zum langen Leben gibt es nicht», sagt Luy. «Das Geheimnis eines langen und gesunden Lebens liegt letztlich im teils glücklichen und teils bewussten Vermeiden von Sterbe- und Krankheitsrisiken. Was mein Sohn vor einigen Jahren gesagt hat, stimmt tatsächlich. Wenn man lange leben möchte, dann darf man halt nicht früher sterben. Dazu nützt es vor allem, Schädliches zu unterlassen, wie Rauchen, übermässigen Alkoholkonsum, körperliche Inaktivität, ungesunde Ernährung und Stress.»

Man könne, sagt Luy, ein Leben lang Salat essen, und wenn man Pech habe, erkranke man trotzdem an Darmkrebs. Oder mehrmals pro Woche den Kreislauf durch Sport anregen und trotzdem an einem Herzversagen sterben. Oder sein Leben lang Nichtraucher bleiben und Lungenkrebs bekommen. «Sinnvoller dünkt mich, Selbstverantwortung zu übernehmen durch die Vermeidung von Risiken.»

Stress mit der richtigen Frage vermeiden

Um möglichst stressarm und gesund zu leben, hat sich Luy für seinen Alltag einen Lebensstil angeeignet, der – ohne dass er dies beabsichtigt hätte – typische Elemente des Klosterlebens beinhaltet. Er raucht nicht, trinkt so gut wie nie Alkohol und rhythmisiert seine Tage und Wochen bewusst lange im Voraus. Dazu blockt er freie Zeit und schaut auf Ausgewogenheit seines Kräftehaushaltes. («Mein Beruf ermöglicht es mir glücklicherweise, meine Zeit recht frei planen zu können. Leider hat nicht jeder Mensch diese Möglichkeiten.») Er liest keine Mails vor 11 Uhr. («In 99 Prozent der Mails geht es um etwas, was jemand anders von mir will.») Und er hat sich angewöhnt, täglich zu meditieren («was auf den Geist wohl eine ähnlich beruhigende Wirkung hat wie die Gebete der Ordensleute»). Vor allem aber beherzigt er das eine: «Ich versuche, das Wichtige vom Dringenden zu unterscheiden.»

Peter Ackermann, «Neue Zürcher Zeitung» (22.01.2024)

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Gesundheit

Spermakrise: Wie Chemikalien Männer unfruchtbar machen

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