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Eine Patientin im PET-Scanner: Krebserkrankungen sind so individuell wie die Menschen, die sie betreffen.
Eine Patientin im PET-Scanner: Krebserkrankungen sind so individuell wie die Menschen, die sie betreffen.

Eine Patientin im PET-Scanner: Krebserkrankungen sind so individuell wie die Menschen, die sie betreffen. Johnny Greig / Getty

Gesellschaft

KI macht massgeschneiderte Krebstherapien möglich

Die Präzisionsmedizin verspricht eine auf jeden Patienten zugeschnittene Behandlung. Davon war in der Klinik bisher wenig zu bemerken. Nun haben Forscher aus Zürich ein neues Verfahren entwickelt – und damit aussichtsreiche Ergebnisse erzielt.

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KI macht massgeschneiderte Krebstherapien möglich

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Es ist ein eingängiger Slogan, der für ein denkbar einfaches Ideal wirbt: Die personalisierte oder sogenannte Präzisionsmedizin will «für jeden Patienten die richtige Behandlung» finden. Allerdings hinkt die Realität dieser Vision hinterher. Zurzeit gibt es etwa in der Onkologie zwar Behandlungen, die an unterschiedliche Gruppen von Betroffenen angepasst sind. Doch individuell massgeschneiderte Therapien hat die Medizin immer noch nicht zu bieten.

Für viele Krebsbehandlungen ist bekannt, dass nur die Hälfte oder noch weniger aller Patientinnen und Patienten auf die Therapie ansprechen. Zahlreiche Betroffene nehmen also Behandlungen auf sich, ohne dass sie daraus einen Nutzen ziehen. Das lässt sich nicht vermeiden, denn wer von einer Behandlung profitiert und wer nicht, weiss die Ärzteschaft nur sehr selten schon im Voraus.

Das möchte die Forschungsgruppe um Berend Snijder von der ETH Zürich ändern. Sie hat ein auf künstlicher Intelligenz basierendes Verfahren zur Analyse von biologischen Proben von Krebsbetroffenen entwickelt – und will die Technologie nun mit einem Spin-off-Unternehmen auf den Markt bringen.

Die ersten Versuche, individuelle Unterschiede in der Wirkung von Medikamenten aufzudecken, sind schon über fünfzig Jahre alt. Doch mit den damals verfügbaren Methoden, um Zellen zu kultivieren und zu analysieren, liessen sich nur ungenaue Voraussagen treffen. Insgesamt halfen sie nicht, die Behandlungsresultate zu verbessern.

Die genomische Revolution ist ausgeblieben

Dann wurde, kurz nach der Jahrtausendwende, das gesamte menschliche Erbgut, das sogenannte Genom, entschlüsselt. In der Folge verlor die Präzisionsmedizin ihr Interesse an den Behandlungstests im Labor. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Untersuchung von genetischen Mutationen. Weil solche Veränderungen bei der Bildung von Tumoren eine grosse Rolle spielen, sah vor allem die Krebsmedizin ihre Chance kommen.

Von der genauen Kenntnis dieser Veränderungen erhoffte man sich, neue Schwachstellen zu finden – um den Krebs mit gezielten Medikamenten genau dort angreifen zu können. Tatsächlich seien in der Folge einige auf molekulare Ziele gerichtete Behandlungen entstanden, schreibt der Krebsexperte Anthony Letai in einem Fachbeitrag. Diese Ansätze hätten – etwa bei speziellen Unterarten von Lungen- und Hautkrebs – zwar zu «mehreren echten klinischen Erfolgen» geführt, doch bis heute profitiere insgesamt nur eine kleine Minderheit der Krebspatienten vom Wissen um die Fehler im Erbgut.

Die genomische Revolution ist bisher also ausgeblieben. Doch nun besinnt sich die Präzisionsmedizin wieder auf den alten Hoffnungsträger. Denn im Feld der Behandlungstests im Labor hat es deutliche Fortschritte gegeben: Die Methoden zur Züchtung von Zellen und zu deren mikroskopischer Analyse haben sich stark verbessert.

Das schaffe eine neue Ausgangslage, argumentiert Letai. Tatsächlich gewinnt die Analyse von Patientenzellen in der personalisierten Medizin zusehends an Bedeutung. Wie eine kürzlich veröffentlichte Übersicht darlegt, erforschen allein im Krebsbereich gegenwärtig achtzehn klinische Studien verschiedene Ansätze.

Ein Algorithmus, der die Form von Zellen erkennt

Besonders weit fortgeschritten ist der Ansatz, den das Team um Berend Snijder schon seit zehn Jahren entwickelt. Snijder nennt das Verfahren Pharmakoskopie: ein Kunstwort, das die beiden Begriffe Pharmazeutika, also Wirkstoffe, und Mikroskopie verbindet. «Wir schauen uns unter dem Mikroskop an, was Medikamente machen», sagt der Systembiologe. Doch das «wir» stimmt genaugenommen nicht mehr ganz: Heute werden die Mikroskopie-Bilder automatisiert ausgewertet.

Das war nicht immer so. Zuerst musste das Team eigenhändig Millionen von Zellen auf den Bildern vermessen und in maschinenlesbarer Sprache beschriften. «Damit haben wir sehr viel Zeit verbracht», sagt Snijder. So haben die Forschenden einem Algorithmus beigebracht, die Form und die Grösse von Zellen zu erkennen. Heute kann der Algorithmus von selbst zum Beispiel gesunde von entarteten Zellen unterscheiden – und für jede einzelne Zelle messen, wie stark ihr eine Behandlung zusetzt.

Die Nützlichkeit ihres Ansatzes haben die Forschenden zuerst bei Patientinnen und Patienten mit aggressiven Formen von Blutkrebs unter Beweis gestellt. In Blutproben von wenigen Millilitern stecken Millionen von Zellen. Deshalb genügen winzige Tröpfchen von Blut, um zu messen, wie empfindlich die Zellen auf Medikamente reagieren. Die Tröpfchen verteilt das Team um Snijder auf Hunderte von kleinen Vertiefungen in Plastikbehältern. So kann es rasch eine Vielzahl von Behandlungen miteinander vergleichen.

Dann gilt es, die Zellen mit biochemischen Methoden zu färben – und die Plastikbehälter in eine Maschine zu schieben, die von jeder Vertiefung ein hochaufgelöstes Mikroskopie-Bild aufnimmt. «Zellen abzutöten, ist einfach: Dafür genügt eigentlich ein bisschen Seife», sagt Snijder. «Aber wir suchen Substanzen, die vor allem Krebszellen zerstören – und dabei die gesunden Zellen möglichst intakt lassen.» Der Algorithmus untersucht für jede erkrankte Person Tausende von Bildern. Am Schluss erstellt er eine Rangliste von Medikamenten: An der Spitze stehen die Wirkstoffe, die wesentlich mehr Krebszellen als gesunde Zellen abtöten.

B. Snijder / ETH Zürich

Aus Abertausenden von Bildern von gefärbten Zellen (hier von einem Hirntumor) liest der Algorithmus heraus, welche Behandlung besonders gut funktionieren könnte.

Nach spezifischer Wirksamkeit sortierte Rangliste

Die Rangliste sieht für jeden Menschen anders aus. Deshalb unterscheiden sich die Behandlungsempfehlungen von Patient zu Patient. Bei einigen von ihnen führte die vorgeschlagene Therapie zu spektakulären Erfolgen. Damit hatte niemand gerechnet, denn alle Teilnehmenden der Studie hatten schon mehrere Behandlungen hinter sich – und dementsprechend nur noch düstere Aussichten.

Dann haben Snijder und sein Team die Pharmakoskopie auch auf Proben von Patientinnen und Patienten mit einem tödlichen Hirntumor, einem sogenannten Glioblastom, angewandt. Dadurch haben sie unter anderem herausgefunden, dass Antidepressiva überraschenderweise auch starke antitumorale Wirkungen aufweisen.

In den letzten Jahren haben die Forschenden den Einsatzbereich ihrer automatisierten Bildanalyse auch auf die Untersuchung von Gewebeproben von Darm-, Haut-, Eierstock- und Lungenkrebs ausgeweitet. Weitere Studien sind in Planung. Noch stehen die Resultate aus, doch: «Bisher konnten wir in allen Fällen zeigen, dass unser Ansatz technisch machbar ist», sagt Snijder.

Vergleich mit der eigenen Krankheitsgeschichte

Allerdings ist die regulatorische Landschaft nicht auf den personalisierten Ansatz ausgerichtet. Um für die klinischen Studien eine Genehmigung zu bekommen – und sie also durchführen zu können –, betreibt das Team um Snijder einen enormen Aufwand.

Grundsätzlich ist die klinische Forschung auf den Vergleich von Behandlungen ausgelegt, die für alle Patienten gleich sind. Typischerweise beantwortet sie Fragen wie etwa, ob Therapie A der Therapie B überlegen sei. In den Studien zur Pharmakoskopie hingegen kommen mehrere Dutzend verschiedene Substanzen zum Einsatz, und das bei jeder Patientin und jedem Patienten in einer anderen Kombination. Wie lassen sich in diesem Durcheinander überhaupt sinnvolle Vergleiche anstellen?

Auf mindestens zwei Arten, meint Snijder. In den ersten Studien zum Blutkrebs hat seine Forschungsgruppe die Krankheitsgeschichte jedes Patienten und jeder Patientin als Kontrollvergleich verwendet. Das Ziel der Pharmakoskopie lag darin, eine Behandlung zu empfehlen, die die Erkrankung länger in Schach zu halten vermag als die Behandlung, die der Patient oder die Patientin zuvor erhalten hatte.

Ein besonders hochgestecktes Ziel, denn zu erwarten ist eigentlich das Umgekehrte, weil sich der Krebs mit der Zeit und mit jeder neuen Therapie weiterentwickelt. «Er wird immer widerstandsfähiger, während die Patienten zusehends gebrechlicher werden», sagt Snijder.

In ihrer neuen Blutkrebs-Studie haben sich die Forschenden für ein anderes Design entschieden: Der Zufall entscheidet, ob ein Patient eine Chemotherapie nach Gutdünken seines ihn behandelnden Arztes erhält, was standardmässig auch ausserhalb der Studie passieren würde. Oder ob der Arzt eine Blutprobe an Snijder und sein Team schickt, bevor er die Behandlung beginnt.

Kommerzieller Test ohne Behandlungsempfehlungen

Im Labor testen die Forschenden nur Medikamente, die für die Behandlung von Blutkrebs bereits zugelassen sind. Dadurch schränkt das Team um Snijder zwar das Potenzial der Pharmakoskopie ein, doch nur so erhielt es die Studie bewilligt.

Auch bei dem Spin-off namens Prevision Medicine, das die Forschenden kürzlich gegründet haben, mussten sie sich anpassen. «Wir haben eine schlichtere, schnellere und billigere Version der Technologie entwickelt», sagt der CEO Philip Zimmermann. Für einige tausend Franken können Krebsbetroffene privat ihre Proben analysieren lassen – und erhalten innert dreier Tage einen Bericht.

Das Angebot erzeugt weltweit Interesse. Das sehen Snijder und Zimmermann daran, dass ständig neue Proben zu ihnen gelangen – auch aus weit entfernten Ländern. Der Bericht, den das Spin-off erstellt, führt zwar die Rangliste der Medikamente auf, aber: «Nur zu Forschungszwecken», sagt Zimmermann. «Wir verzichten bewusst auf Behandlungsempfehlungen, denn die Pharmakoskopie ist noch nicht als diagnostisches Verfahren zugelassen.»

Das Beispiel dieser KI-gestützten Methodik macht einerseits klar: Mit einer individualisierten Behandlung kann man vielen Krebspatienten helfen. Andererseits zeigt das Beispiel aber auch auf: Noch sind viele Herausforderungen zu bewältigen, bevor sich die Präzisionsmedizin breit durchsetzen kann.

Ori Schipper, «Neue Zürcher Zeitung» (06.12.2025)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

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