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Nationalrätin Regine Sauter (FDP). Bild: zvg

Gesellschaft

«Gerade im Spitalbereich haben wir zu viel Staat»

Die Stossrichtung ist klar: Das Gesundheitssystem muss effizienter, nachhaltiger und digitaler werden. Nationalrätin Regine Sauter (FDP) setzt auf mehr Wettbewerb und die Förderung neuer Modelle. Ausserdem sei es an der Zeit, die Belange der Frauen stärker in den Fokus zu rücken, auch in der Medizin.

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Sie fordern weniger Staat und mehr Effizienz im Gesundheitswesen. Was läuft derzeit alles schief? Regine Sauter: Ich möchte gerne mit dem Positiven beginnen und festhalten, dass wir ein hervorragendes Gesundheitswesen in der Schweiz haben. Umfragen bestätigen die hohe Qualität des Schweizer Systems. Die Frage ist: Was müssen wir tun, um dieses hohe Qualitätsniveau halten, aber auch die Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens gewährleisten zu können? Dafür muss man dort ansetzen, wo das System ineffizient ist. Zu viel Regulierung, also Staat, verhindert eine zielführende Entwicklung.

Wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf? Wenn wir von Ineffizienzen sprechen: Viel mehr Behandlungen müssten ambulant erfolgen und nicht stationär. Da haben wir heute einfach die falschen Anreize und die falschen Finanzierungsstrukturen. Was Regulierungen betrifft: Das Krankenversicherungsgesetz wurde in den vergangenen Jahren unzählige Male revidiert. Für Spitäler, Ärztinnen und Ärzte sowie alle Leistungserbringer bedeutet dies in den meisten Fällen mehr administrativen Aufwand.

Greift der Staat hier aus Ihrer Sicht zu sehr ein? Ja, gerade im Spitalbereich haben wir heute statt Wettbewerb, wie es eigentlich gedacht war, zu viel Staat. Die öffentliche Hand ist oft Eigentümerin, Finanziererin und Planerin von Spitalangeboten; vielfach besteht darüber auch zu wenig Transparenz, oder die öffentlichen Subventionen greifen relativ willkürlich. Dies führt zu ungleich langen Spiessen.

Was muss sich denn ändern? Die Gesundheitsversorgung muss überdacht werden. Wir sind heute an vielen Orten zu kleinräumig organisiert. Stattdessen sollte man zu grösseren Versorgungsräumen übergehen und partnerschaftliche Modelle aufbauen. Das sogenannte Hub-and-Spoke-Modell zum Beispiel sieht ein Spitalzentrum pro Region vor, mit kleineren Gesundheitszentren in den Aussenbereichen. Auch auf diese Weise haben wir eine sichere Versorgung für die Bevölkerung, aber eine effizientere.

Sie setzen sich stark für Innovationen und digitale Technologien im Gesundheitswesen ein, Stichwort elektronische Patientendossiers. Welche Anwendungsbereiche und Vorteile sehen Sie dafür? Ein Vorteil ist bestimmt, dass bei mehreren behandelnden Ärztinnen und Ärzten alle den gleichen Wissensstand über den aktuellen Zustand der Patientinnen und Patienten haben. Das dient der Patientensicherheit, es können aber auch Doppelspurigkeiten vermieden werden, was wiederum Kosten spart. Letztlich dient es aber auch der Entlastung der Ärztinnen und Ärzte, weil sie auf einen Blick alle nötigen Informationen haben. Somit kann der administrative Aufwand reduziert werden. Dort sehe ich auch Sparpotenzial.

Warum wurde das E-Dossier bisher noch nicht grossflächig umgesetzt? Die heutige Version entspricht den genannten Anforderungen noch überhaupt nicht. Zudem ist ein grosser Widerstand von Seiten der Ärzteschaft zu spüren. Es geht letztlich um eine Investition, die mit Kosten verbunden ist, zudem scheut man die Transparenz oder bezweifelt den Nutzen. Ärztinnen und Ärzte sind heute auch nicht verpflichtet, mit einem E-Dossier zu arbeiten. Man hat damals im Gesetz darauf verzichtet. Mit anderen Worten, es nützt einem Patienten nichts, ein E-Dossier zu haben, wenn sein Arzt dann nicht damit arbeitet. Damit die E Dossiers vermehrt zum Einsatz kommen, muss deren Nutzen klar ausgewiesen werden und allen Beteiligten etwas bringen. Es ist wie bei anderen technologischen Neuerungen: Sie muss breit getragen sein und alle mitnehmen.

Quelle: Statista

Quelle: Statista

Was macht die Politik, um die Einführung von E-Dossiers zu beschleunigen? Wir haben im Parlament in der letzten Session einen Kredit bewilligt, der Anreize schaffen soll, dass mehr Patientendossiers eröffnet werden. Pro eröffnetem Patientendossier gibt es einen Beitrag des Bundes und des Kantons. Es ist ein Anreiz, um die Hürden der Anfangsinvestition etwas tiefer zu setzen. Die heutige Lösung überzeugt jedoch noch nicht, das hat auch der Bundesrat erkannt, der nun eine Überarbeitung vorschlägt.

Sie setzen sich speziell für die Bedürfnisse von Frauen im Gesundheitssystem ein, Stichwort Femtech. Was ist damit gemeint? Die Bedürfnisse der Frauen im Bereich der Gesundheitsversorgung sind andere als jene der Männer. Dem hat man bis jetzt zu wenig Beachtung geschenkt, unter anderem in der Diagnostik. So können Frauen ganz andere Symptome aufweisen als Männer bei derselben Krankheit. Bei einem Herzinfarkt zum Beispiel sind die Symptome je nach Geschlecht unterschiedlich. Das kann dazu führen, dass das Krankheitsbild bei einer Frau nicht sofort erkannt wird.

Das Problem beginnt bereits in der Ausbildung der Ärztinnen und Ärzte? Ja, es wird in der Lehre zu wenig auf die Unterschiede der Geschlechter in der Medizin eingegangen. Das hat man erkannt, indem man zum Beispiel in Zürich jetzt einen Lehrstuhl für Gendermedizin eingerichtet hat, was eine sehr gute Sache ist. Aber nicht nur in der Lehre, sondern auch in der Forschung wird noch zu wenig in den Fokus genommen, dass zum Beispiel neu entwickelte Medikamente bei Männern und Frauen unterschiedlich wirken können.

Worauf muss sonst noch der Fokus gelegt werden? Auf die Innovations- und Forschungsförderung. Hier geht es darum, Projekte von Frauen für Frauen stärker zu unterstützen. Dahinter steht die Überlegung, dass man nicht die eine Hälfte der Bevölkerung aus dem Blick verliert.

Seit über einem Jahr sind Sie Präsidentin des Spitalverbands H+, des nationalen Spitzenverbands der öffentlichen und privaten Schweizer Spitäler, Kliniken und Pflegeinstitutionen. Im Interview mit der NZZ sagten Sie, dass die Spitäler, die Einrichtungen des Gesundheitswesens und die FDP das gleiche Ziel hätten, nämlich die Kosten zu senken. Ohne Qualitätseinbusse natürlich. Inwiefern konnte dieses Ziel bereits umgesetzt werden? Dies so rasch umsetzen zu können wäre ein hoher Anspruch. Aber wir haben die richtige Stossrichtung. Auch die Spitäler tragen die Forderung nach einer grossräumigeren überregionalen Gesundheitsversorgung mit. Zu denken ist an Versorgungsnetzwerke, welche es auch bereits gibt. Zudem beginnen die Spitäler, auch neue Modelle wie etwa «Hospital at Home» zu testen – eine Erweiterung der gängigen Pflege zu Hause: Patientinnen und Patienten werden nach einer Behandlung, die üblicherweise eine Hospitalisation erfordert, im häuslichen Umfeld therapiert. Auf diesem Gebiet hat die Schweiz, im Vergleich mit anderen Ländern, durchaus Nachholbedarf. Die Spitäler haben erkannt, dass es neue Wege für die Zukunft braucht.

Neuerungen verursachen meist auch Kosten. Greift die Politik den Gesundheitseinrichtungen dafür unter die Arme? Bietet sie Anreize, neue Wege zu beschreiten? Klar ist für mich: Spitäler, die wirtschaftlich arbeiten und ihre Leistungen in der geforderten Qualität erbringen, müssen adäquat finanziert werden. Das ist leider aktuell nicht gegeben – ein Problem, das sich in den finanziellen Schwierigkeiten vieler Spitäler im Moment zeigt. Die Tarife, die wir heute haben, sind nicht kostendeckend, das muss sich ändern, und es braucht eine neue Tarifstruktur. Ansonsten kommt es zu einer willkürlichen Entwicklung der Spitallandschaft. Einzelne Spitäler werden subventioniert, andere nicht. Es sollte stattdessen eine Entwicklung der Spitallandschaft geben, die sich am Bedarf, an Qualität und Wirtschaftlichkeit orientiert.

Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

3 - Gesundheit und Wohlergehen
5 - Geschlechtergleichheit
9 - Industrie, Innovation und Infrastruktur

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