Als Paul Bierman im Juli 2019 im Labor der University of Vermont durch ein Mikroskop blickte, traute er seinen Augen kaum. Der amerikanische Geologe untersuchte mit seinem Team eine Sedimentprobe – eine Mischung aus Gestein, Schlamm und Sand von der Unterseite des grönländischen Eisschildes. Was er sah, überraschte ihn: Pflanzenfossilien. Blätter, Zweige, Samen. Spuren eines einst grünen Landes, an einem Ort, der heute unter rund 1,4 Kilometern Eis verborgen ist.
«Uns war in diesem Moment sofort klar, dass sich unser Bild von Grönland grundlegend ändern würde», sagt Bierman. Bis dahin nahmen Forscher an, dass der grönländische Eisschild in den vergangenen zwei bis drei Millionen Jahren weitgehend stabil gewesen sei. Zwar habe es Schwankungen an den Rändern gegeben. Doch es fehlten eindeutige Beweise dafür, dass der Eisschild vollständig verschwunden war.
Die Sedimentprobe erzählte eine andere Geschichte. Datierungen zeigten, dass das Material zuletzt vor rund 416 000 Jahren dem Sonnenlicht ausgesetzt war. «Das war der erste eindeutige Beweis dafür, dass der Eisschild zumindest in dieser Region, im Nordwesten Grönlands, damals vollständig verschwunden war, als es warm wurde», sagt Bierman.
Doch die Sedimentprobe zeigt nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was unter Grönland verborgen liegt. Die Insel ist die grösste der Welt, mehr als fünfzigmal so gross wie die Schweiz, und über 80 Prozent ihrer Fläche sind heute von Eis bedeckt. Grönland steht derzeit wieder verstärkt im Fokus der Weltöffentlichkeit. US-Präsident Donald Trump brachte sogar den Kauf der Insel ins Spiel – aus geopolitischem Interesse und wegen möglicher Rohstoffe unter dem Eis.
Auf der arktischen Insel gibt es sogar Gold und Diamanten
Dabei gerät leicht in den Hintergrund, dass Grönland auch aus wissenschaftlicher Sicht weltweit einzigartig ist. Die Insel beherbergt nicht nur einige der ältesten Gesteine der Erde, sondern bietet auch reichlich Anschauungsmaterial für jüngere geologische Prozesse wie Gebirgsbildung, Kontinentalverschiebung und Vulkanismus.
Über Hunderte Millionen Jahre entstanden so auch die Voraussetzungen für begehrte Rohstoffe wie Gold, Grafit, seltene Erden und sogar Diamanten. Zugleich schlummert in und unter dem grönländischen Eisschild ein geologisches Archiv, das Informationen über Landschaften, Flusssysteme und Klimabedingungen über Hunderttausende von Jahren bewahrt.
In den Sedimenten, die Paul Bierman und ein grosses internationales Team untersuchten, fanden sie nicht nur Pflanzenreste, sondern auch Spuren von Insekten, deren Larven in fliessendem Süsswasser leben. Es muss dort vor 400 000 Jahren zumindest zeitweise Fliessgewässer gegeben haben.
Moose, Samen und der Nachweis von Arten wie der Polarbirke erlauben ausserdem Rückschlüsse auf Temperatur und Feuchtigkeit. Die Bedingungen waren deutlich wärmer als bislang angenommen. Zumindest dieser Teil Grönlands ähnelte einer Tundra-artigen Landschaft, wie man sie heute etwa in Teilen Nordskandinaviens findet.