Wasserstoff-Fans müssen sich gedulden
Im Jahr 2021 galt grüner Wasserstoff – der mithilfe von erneuerbarem Strom hergestellt wird – noch als einer der grossen Hoffnungsträger, um den Umstieg von schmutzigem Kerosin auf grüne Alternativen zu schaffen.
Jetzt heisst es: «Der Beitrag von wasserstoffbetriebenen Flugzeugen und der Umstellung auf Wasserstoff als Kraftstoff ist deutlich geringer» als in den letzten Jahren angenommen. Vor vier Jahren rechneten die Verbände mit einem Anteil von 20 Prozent im Jahr 2050, nun wird er auf 6 Prozent beziffert.
Der Grund dafür liegt in der Annahme, dass wasserstoffbetriebene Flugzeuge insgesamt einen viel geringeren Marktanteil erreichen werden. Auch geht die Branche davon aus, dass sich die Inbetriebnahme eines Wasserstoff-«Single-Aisle-Flugzeugs» – also eines kleineren Flugzeugs mit nur einem Kabinengang – auf 2040 anstatt 2035 verschieben werde.
Rechnet man weitere Verzögerungen ein, gäbe das den Wasserstoff-Ambitionen während der kommenden 25 Jahre einen weiteren Dämpfer: Investitionen in die Forschung und Entwicklung würden sich in dem Fall erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts auszahlen, heisst es im Bericht warnend.
Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung der überarbeiteten Branchenstudie kam die nächste schlechte Nachricht für Wasserstoff-Fans: Der europäische Flugzeughersteller Airbus werde den Zeitplan für sein Wasserstoff-Vorzeigeprojekt um bis zu zehn Jahre nach hinten verschieben, berichtete die französische Presseagentur AFP.
Dabei steht für Airbus eigentlich fest, dass «Wasserstoff eine der vielversprechendsten Technologien ist, die Luftfahrt zu dekarbonisieren». So steht es auch weiterhin auf der Website. Das Unternehmen hatte sich vorgenommen, bis 2035 ein Wasserstoff-Verkehrsflugzeug auf den Markt zu bringen. Dieser Zeitplan wird nun nicht mehr eingehalten werden können.
In einer Reaktion gegenüber AFP räumte Airbus ein, dass die Entwicklung eines kommerziellen Ökosystems rund um Wasserstoff eine grössere Herausforderung darstelle als gedacht. «Die Fortschritte bei den notwendigen Faktoren für diesen Übergang, einschliesslich der Verfügbarkeit von Wasserstoff aus erneuerbaren Quellen in grossen Mengen, gehen langsamer voran als erwartet», so Airbus.
Das bestätigt auch Markus Fischer vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt im Gespräch. Das Institut forscht seit Jahren an den Möglichkeiten von Wasserstoff in der Luftfahrt, kooperiert auch mit internationalen Partnern, unter anderem in Grossbritannien. Während der vergangenen fünf Jahre habe man festgestellt, dass der erhoffte Zeitplan, Wasserstoff-Flugzeuge auf den Markt zu bringen, «nicht so schnell zu erreichen ist, wie man dachte», so Fischer, der als Vorstandsmitglied den Bereich Luftfahrt leitet. Das gelte insbesondere für grössere Passagierflugzeuge und lange Distanzen.
«Wasserstoff als Energieträger für Passagierflugzeuge wird wahrscheinlich erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in der Breite zum Tragen kommen», sagt er. In der Zwischenzeit werde man weiter daran arbeiten, Wasserstoff in kleineren Flugzeugen zu testen, etwa für regionale Flüge, und die Anwendungsmöglichkeiten dann auf grössere Flugzeuge zu erweitern.