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Frauen am Ufer des Zürichsees

Bild: Goran Basic / NZZ

Lebensräume Klima & Energie

Der April macht nicht mehr, was er will. Die Folgen bekommen wir im Sommer zu spüren

Wechselhaft, unbeständig und mit kalten Rückschlägen. So kannte man den April. In den vergangenen zwanzig Jahren ist der Monat aber wärmer und trockener geworden.

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Es ist nicht lange her, da war der April noch ein Exzentriker: launischer als die anderen Monate, unberechenbarer, immer für eine Überraschung gut. Schnee, Sturm und Frost gehörten zu seinem Repertoire, natürlich auch Wärme und Sonnenschein, aber dann tauchte schon die nächste dunkle Wolke am Horizont auf.

Graupelschauer und blauer Himmel, dazwischen ein Regenbogen – so kannte man die Übergangszeit, niemand wunderte sich über kalte Rückschläge. Der April macht, was er will, das lernte man im Kindergarten. Der Monat bot das gesamte Himmelsorchester auf. Aber das ist vorbei.

Heute erscheint der April als Langweiler. Er ist stabiler und ausgeglichener, immer seltener zeigt er seine kalte und unbeherrschte Seite. Ein Monat, wie geschaffen für den achtsamen Zeitgeist, in dem gute Laune Programm ist und auch die Natur nach und nach entschärft wird. Und so bietet der April seit einigen Jahren kaum noch Pauken und Trompeten auf: Er ist sonniger, trockener und vor allem wärmer geworden, häufiger dominieren kräftige Hochdruckgebiete auf der Wetterkarte. Sie sorgen für Beständigkeit und frühsommerliche Wärme, in manchen Jahren kann man morgens Ski fahren und nachmittags im Freibad liegen.

Eisige Polarluft stösst immer seltener nach Mitteleuropa vor

Diese Beschreibung ist nicht einfach ein Gefühl, sie lässt sich belegen. Seit Beginn des neuen Jahrhunderts zeigt der April ein neues Gesicht, wie Meteorologen bestätigen. Polarluftvorstösse sind seltener geworden, Hochdruckgebiete über Mitteleuropa riegeln den Atlantik häufiger ab. Dadurch fehlt eine wichtige Zutat für typisches Aprilwetter: eisige Polarluft bis in hohe Stockwerke der Atmosphäre. Denn dringt diese zu dieser Jahreszeit bis zu den Alpen vor, schiesst sie in der warmen Aprilsonne sofort empor. Dadurch bilden sich jene Schauer- und Gewittertürme, die dem April seinen Charakter verleihen.

Doch etwa seit dem Jahr 2000 ziehen im April immer seltener dicke Wolken auf. Deshalb kommt in Mitteleuropa weniger Regen vom Himmel, besonders in Deutschland. Hier fallen in einem durchschnittlichen April nur noch 42 Liter auf den Quadratmeter, das sind fast dreissig Prozent weniger als in den Jahren 1961 bis 1990.

Und der Trend zur Trockenheit verschärft sich: Seit exakt dreizehn Jahren regnet es im April konsequent zu wenig, bundesweit fehlt ein Drittel der üblichen Mengen. Am gravierendsten ist die Lage in Sachsen, wo seit einem Vierteljahrhundert nur ein einziges Jahr zu nass ausfiel. Und auch in grossen Teilen Osteuropas bleibt im April häufiger der Regen aus.

In der Schweiz ist das Regendefizit mit 14 Prozent weniger gravierend, aber auch hier gab es in den vergangenen zwanzig Jahren auffällig trockene Aprilmonate. Diese brachten im Schnitt weniger als die Hälfte des üblichen Niederschlags, vor allem auf der Alpennordseite. Staubtrocken fielen landesweit 2007, 2011 und 2018 aus, richtig nass war nur der April 2008. «Die Niederschläge zeigen episodisch tiefe Werte», bestätigt Stephan Bader, Klimatologe von Meteo Schweiz. Ähnlich trockene Episoden gab es in den 1940er Jahren und um das Jahr 1980. Im Langzeittrend erkennt er jedoch nur einen leichten Rückgang der Niederschläge.

Die Sonne scheint länger vom Himmel

Beispiellos ist hingegen die Erwärmung: In nur dreissig Jahren stieg der Durchschnittswert in der Nordschweiz um 1,7 Grad und in Deutschland um 1,6 Grad. In der Bundesrepublik hat sich kein anderer Monat derart stark erwärmt, der April tanzt regelrecht aus der Reihe.

Der Temperaturanstieg ist eine klare Folge des Klimawandels, hängt aber auch damit zusammen, dass der April freundlicher geworden ist. Die Sonne zeigt sich heute häufiger und kann den Landflächen dadurch verstärkt einheizen – sie hat Ende April schon die Kraft von Mitte August. Seit dem Jahrhundertwechsel scheint sie in der Schweiz rund zwanzig Stunden länger vom Himmel, in Deutschland sogar fast vierzig Stunden. Das ist ein ganzes Drittel.

Diese fatale Kombination aus frühsommerlicher Wärme und viel Sonnenschein ist der Grund, warum Mitteleuropa seit einigen Jahren verstärkt unter Frühjahrstrockenheit leidet. Starke Einstrahlung und hohe Temperaturen entziehen Böden und Gewässern sehr viel Wasser, die Verdunstung liegt europaweit über dem üblichen Mass für diese Jahreszeit. Zudem ziehen die Pflanzen nun mit Beginn der Vegetationsperiode mehr Wasser aus dem Boden, als von oben nachkommen kann. Und selbst durchschnittliche Regenmengen reichen nicht mehr aus, um den Bedarf zu decken. Hydrologisch wird die Lage dadurch immer prekärer: Die Bodenfeuchte sinkt, Grundwasser kann sich nicht neu bilden – und in Extremjahren wie 2018 schmilzt sogar der Schnee nicht mehr allmählich, sondern verdampft direkt in die Atmosphäre.

Im April werden die Weichen für eine Sommerdürre gestellt

Wie stark die Bodenfeuchte im Sommerhalbjahr abnimmt, beobachtet die Klimaforscherin Sonia Seneviratne von der ETH Zürich minuziös. Seit mehr als zehn Jahren leitet sie das Swiss Soil Moisture Experiment, ein Messnetz zur Untersuchung der Bodenfeuchte. Sie war weltweit eine der Ersten, die davor warnten, den Einfluss der Verdunstung zu unterschätzen. Immerhin hängt von ausreichend Wasser im Boden die Vegetation und damit die Nahrungsmittelproduktion ab. Die vergangenen Jahre haben ihr recht gegeben: Nur mit weniger Regen kann man die Bilder der verdorrten Landschaften in ganz Europa jedenfalls nicht erklären.

Der April ist für das Sommerhalbjahr dabei ein Schlüsselmonat: So werden die Weichen für eine Sommerdürre schon in diesem Monat gestellt, wie die Hydrologin Monica Ionita vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven vor zwei Jahren im Fachblatt «Climate and Atmospheric Science» darlegte. Der Grund ist das Feuchtedefizit im Boden: Ist die Krume also schon im April staubtrocken, wirkt sich das bis zum Sommer aus, weil das Defizit nur schwer ausgeglichen werden kann. «Ein trockener April kann den Sommer beeinflussen», sagt auch Sonia Seneviratne. Und einzig ein nasser Mai könne das Defizit noch kompensieren.

Dass der April auch in diesem Jahr eine neue Sommerdürre einleitet, ist zunächst eher unwahrscheinlich. Die Wettermodelle deuten für das erste Monatsdrittel einen Winterrückfall an, von Skandinavien wird eisige Polarluft Mitteleuropa fluten. Ausgerechnet zum Monatsstart scheint der April damit doch wieder in alte Gewohnheiten zurückzufallen. Regen, Sturm und Schnee könnten länger vorherrschen, als vielen lieb ist. Das Sauwetter wird vor allem diejenigen verärgern, die stabiles, fast frühsommerliches Wetter im zweiten Frühlingsmonat mittlerweile für normal halten. Ihnen wird der April in diesem Jahr eine Lektion erteilen: April, April, er macht halt doch noch, was er will.

Andreas Frey, «Neue Zürcher Zeitung» (01.04.2022)

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