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Die Züge in der Schweiz sind sehr pünktlich. Das ist bei Auslandsverbindungen teilweise anders.  Bild: Imago

Die Züge in der Schweiz sind sehr pünktlich. Das ist bei Auslandsverbindungen teilweise anders. Bild: Imago

Klima & Energie

Bahnfahren schont das Klima. Aber werden die Verbindungen ins Ausland schnell genug besser?

Die Schweiz und ihre Nachbarländer bauen grenzüberschreitende Bahnverbindungen aus. Aber an mehreren Stellen hapert es noch.

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Bahnfahren schont das Klima. Aber werden die Verbindungen ins Ausland schnell genug besser?

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Wer beim Reisen etwas für den Klimaschutz tun will, nimmt die Bahn und nicht das Auto oder den Flieger. Die gute Nachricht: In Europa werden immer mehr grenzüberschreitende Verbindungen ausgebaut oder neu eingerichtet. Auch über Nacht. Doch an manchen Stellen hapert es noch, etwa an der Pünktlichkeit.

Seit kurzem stünden die Zeiger der Schweizerischen Bundesbahnen auf Grün, hiess es in einer Medienmitteilung des Unternehmens. Bis 2030 wollen die SBB ihre Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 2018 halbieren. Mit über 200 Projekten soll dafür gesorgt werden, dass die Bahn «das klimafreundlichste Verkehrsmittel» bleibt. Grüne Sekundenzeiger an einzelnen Bahnhofsuhren in Bellinzona, Lausanne und Zürich stehen für das neue Motto «einen Tick grüner».

Als naheliegende Lösung gilt: die Bahn möglichst komplett zu elektrifizieren, damit sie mit einem grünen Strommix auf netto null Emissionen kommt. Das versprechen jetzt auch andere Bahnbetreiber wie die Österreichischen Bundesbahnen und die Deutsche Bahn.

Sogar den Tunnelbau beziehen die SBB in ihre Emissionsberechnungen ein, die sie nach der Methode der Science-based Targets-Initiative (SBTi) vornimmt. Forscher stellten fest, dass beim Tunnelbau wegen des hohen Material- und Energieverbrauchs rund 27-mal so viel Treibhausgase pro Kilometer emittiert werden wie beim Bau auf ebener Strecke.

Bis 2030 wollen die SBB die Emissionen um 30 Prozent in der Emissionskategorie verringern, zu der auch der Tunnelbau gehört. Möglich ist das wohl, weil der Bund den Ausbau bereits bestehender Tunnel priorisiert. Zum Beispiel will er den Lötschberg-Basistunnel ausbauen, um neue Kapazitäten zu schaffen – der Durchstich für die Strecke Morges–Perroy soll eine Ausnahme bleiben.

Umsteigen – wie und warum?

Warum aber steigen nicht sehr viel mehr Menschen auf die Bahn um, wenn sie doch so grün und nachhaltig ist? Und in der Schweiz so pünktlich? Warum nutzen nicht viel mehr Menschen die Bahn für lange Strecken?

Die SBB sagen selbstbewusst: «Der Zug ist komfortabel. Der Zug ist schnell. Der Zug ist preiswert.» Ein Ticket in der 2. Klasse koste von Zürich nach Mailand mit einem Halbtaxabo immer gleich viel, nämlich 56 Franken pro Weg für das Streckenbillett.

Für den Weltklimarat IPCC, der in seinem jüngsten Sachstandsbericht (Arbeitsgruppe III) die wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammengetragen hat, ist klar: Um ambitionierte Klimaziele zu erreichen, sollte sich der Verkehr deutlich verlagern: Vom Auto auf Bus und Zug, vom Flugzeug auf den Hochgeschwindigkeitszug.

Die Nachtzüge erleben einen Boom

Die jüngste Entwicklung stimmt hoffnungsvoll. Nach einem deutlichen Einbruch während der Corona-Pandemie steigen die Passagierzahlen für Fernverkehrsstrecken in Europa wieder. Ganz vorne dabei: die bereits abgeschriebenen Nachtzüge. Zum einen ist das Fliegen seit Corona nicht mehr so günstig, zum anderen setzen immer mehr Menschen auch bei längeren Strecken auf klimafreundliches Reisen.

Die SBB haben auf den neuen Reisetrend reagiert: Sie haben Doppelstock-TGV-Züge nach Frankreich eingeführt, und auch nach Italien gibt es mehr Züge, unter anderem neue Direktverbindungen nach Genua und Bologna. Die selbst betriebenen Nachtzugverbindungen haben die SBB im Jahr 2009 allerdings eingestellt – sie lohnten sich nicht mehr. Dafür wurden in Kooperation mit den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) neue Linien eröffnet.

  • Der Nightjet fährt von Zürich und Basel nach Amsterdam und Berlin sowie über Bremen nach Hamburg.
  • Ausschliesslich ab Zürich fährt ein Nightjet nach Wien und Graz.
  • Mit weiteren Partnerbahnen geht es mit dem Euronight auf zwei verschiedenen Routen nach Prag.
  • Weitere Routen führen nach Budapest, über Leipzig nach Dresden sowie über Ljubljana nach Zagreb.

Die Angebote kommen gut an: Vor allem an den Wochenenden sind die Liege- und Schlafwagen schon Wochen, wenn nicht gar Monate vorher ausgebucht.

Die angekündigten Nachtstrecken nach Rom und Barcelona lassen allerdings noch auf sich warten. Zunächst einmal starten die ÖBB im September 2024 die neue Linie München–Rom. Doch die Strecken lassen sich auch kombinieren, wenn man sich etwas Zeit nimmt und den Tag am Zwischenhalt verbringen will.

Im vergangenen Jahr wurde die neuste Generation der österreichischen Nachtzüge präsentiert. Bild: Imago

Im vergangenen Jahr wurde die neuste Generation der österreichischen Nachtzüge präsentiert. Bild: Imago

Die ständig aktualisierte Online-Karte von Back-on-Track.eu zeigt das europäische Liniennetz für Nachtzüge mit den regelmässig bedienten Zielen und wichtigen Bahnhöfen. Beispielsweise kann man von Wien aus einen weiteren Nachtzug nach Mailand, Venedig oder Rom buchen, um dann eine Nacht später nach Sizilien zu fahren – inklusive Fähre.

Die ÖBB bauen das Geschäft mit den Nightjet-Linien kräftig aus. Auch die Staatsbahnen in Schweden und Norwegen richten neue Nachtzugflotten ein. Seit 2000 verbindet die acht Kilometer lange Öresund-Brücke Dänemark mit Schweden: Hier fahren gleich drei Nachtzug-Linien. Eine Nachtzug-Verbindung zwischen Schweden und Norwegen oder Schweden und Finnland gibt es allerdings noch nicht.

Es kommt auch auf die Pünktlichkeit an

Sollten Kurzstreckenflüge durch Zugverbindungen abgelöst werden, spielt neben Ticketpreis und Verfügbarkeit die Pünktlichkeit eine wichtige Rolle. Denn gerade an langen Wochenenden wollen Reisende nicht wertvolle Zeit mit verpassten Umstiegen oder Verspätungen vergeuden.

Nicht zuletzt deshalb wird auf der Strecke Basel–Amsterdam der Nachtzug Zürich–Basel–Amsterdam bald die beste Option sein: Ab Juli 2024 wird der Tageszug wegen Sanierungsarbeiten zwischen Frankfurt und Mannheim vorerst eingestellt – Reisende müssen dann einmal in Frankfurt oder Köln umsteigen.

Für alle Strecken lag im März 2024 die sogenannte Reisendenpünktlichkeit im Fernverkehr der Deutschen Bahn (DB) bei 70,5 Prozent – die betriebliche Pünktlichkeit bei 67,6 Prozent. «Reisendenpünktlichkeit» im Jargon der DB heisst: Bei verpassten Anschlüssen können die Reisenden mit alternativen Umstiegen noch etwas Zeit herausfahren. Wer allerdings eine Strecke über den Dauerbaustellen-Bahnhof Stuttgart und die Rheinstrecke nach Köln wählt, sollte verlässlich Verspätungen einplanen.

Der erst im Dezember 2023 eingeführte Zweistundentakt nach München funktioniert zwar noch nicht richtig, doch trotz Verspätungen und Ausfällen boomt die Strecke. 2023 stieg laut Angaben der Deutschen Bahn die Anzahl der Passagiere um 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Da die Strecke auf der deutschen Seite abschnittsweise einspurig ist, ist die Kapazität begrenzt. Die SBB wollen sie auf Stundentakt ausbauen. Auf deutscher Seite ist die Entscheidung dafür noch nicht gefallen. Daher wollen die SBB noch in diesem Jahr einen weiteren Früh- und einen weiteren Spätzug einrichten.

Die Verbindungen nach Frankreich oder Italien sind anders als die nach Deutschland weitgehend problemfrei, was die Pünktlichkeit anbelangt. Streiks führen ab und zu zu Ausfällen. Als einwandfrei gilt generell die TGV-Strecke nach Paris. Anders als auf ICE-Strecken in Deutschland etwa nach Berlin unterbrechen nur wenige Halte die Fahrt in die Hauptstadt, was die Fahrtzeit verkürzt.

Die Liberalisierungspläne der EU setzen die SBB unter Druck

Was den Ausbau von grenzüberschreitenden Verbindungen angeht, spielen auch die laufenden Verhandlungen zu einem neuen EU-Rahmenabkommen eine wichtige Rolle. Denn das Abkommen würde eine Marktöffnung für den internationalen Personenverkehr bedeuten. Der Flixtrain München–Zürich gehört zu den zehn Pilotprojekten, die die EU-Kommission Anfang 2023 vorstellte.

Zu dem Pilotprojekt München–Zürich gebe es «sehr gute Gespräche mit Behörden und der EU-Kommission», bestätigt ein Flixtrain-Sprecher. Ein genaues Startdatum gebe es allerdings noch nicht. Gesucht wird noch ein Partnerunternehmen in der Schweiz. Die SBB sollen es nicht sein.

Das französische Startup Midnight Trains steckt in den Vorbereitungen für das zweite EU-Projekt, das die Schweiz tangiert: Ab Ende 2025 soll es einen Nachtzug auf der Traumstrecke Paris–Mailand–Venedig geben. Die Schweiz werde er ohne Halt durchqueren, teilt der Mitgründer Romain Payet mit, «da wir angenehme Abfahrts- und Ankunftszeiten anstreben». Vorgesehen ist nur ein technischer Halt an der französisch-schweizerischen Grenze für den Lokwechsel. So weit die Planung – das Fundraising läuft noch.

Grün, grüner am grünsten?

Die Zeiger bei der SBB stehen auf Grün – und es soll noch grüner werden. Unbestritten ist: Die Bahn schneidet in Sachen Klima im Vergleich mit anderen Verkehrsträgern bestens ab: Laut einer Untersuchung in Grossbritannien glänzt nur das Tramfahren mit noch geringeren CO2-Emissionen. Ein Inlandsflug hingegen produziert siebenmal so hohe Mengen von dem Treibhausgas.

So gut die Zahlen für die Bahn selbst sind: Es reicht nicht für die Verkehrswende, die zum Erreichen ambitionierter Klimaziele notwendig wäre. Die anderen Verkehrsträger müssen dekarbonisiert werden. Für «netto null» ist eine nahezu vollständige Elektrifizierung der Schiene und eine Verlagerung von Luft- und LKW-Fracht auf die Schiene nötig.

Die Internationale Energie-Agentur IEA setzt für ihren Netto-Null-Fahrplan bis 2050 voraus, dass sich Regionalflüge auf Hochgeschwindigkeitsstrecken der Bahn verlagern – was nur mit einer deutlichen Verhaltensänderung möglich sei. Die optimale Distanz liegt laut IPCC zwischen 400 und 800 Kilometern, in China geht es bis zu 1000 Kilometer.

Das liegt daran, dass China inzwischen mit einem umfassenden Netz mit Knotenpunktbahnhöfen, höheren Durchschnittsgeschwindigkeiten und einem integrierten Inlandsmarkt mit starkem Kundenverkehr punktet.

Für Europa ist das zweifellos eine Steilvorlage.

Christiane Schulzki-Haddouti, «Neue Zürcher Zeitung» (10.05.2024)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

7 - Bezahlbare und saubere Energie
11 - Nachhaltige Städte und Gemeinde
13 - Massnahmen zum Klimaschutz

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