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Thomas Vellacott, CEO des WWF Schweiz
Thomas Vellacott, CEO des WWF Schweiz

Thomas Vellacott, CEO des WWF Schweiz, sucht am Weltwirtschaftsforum in Davos den Dialog mit Unternehmen zu Klima- und Biodiversitätsrisiken. Bild: PD

Wirtschaft

«Die wichtigste Grundlage der Wirtschaft ist die Natur»

Die Umwelt bleibe oben auf der Risikoagenda, so Thomas Vellacott. Beim WEF in Davos sucht der CEO des WWF Schweiz Allianzen mit Unternehmen und Versicherern – und mahnt gleichzeitig die Organisatoren, den eigenen Fussabdruck endlich ernst zu nehmen.

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«Die wichtigste Grundlage der Wirtschaft ist die Natur»

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Das WEF präsentiert sich gern als Plattform für Lösungen der globalen Klima- und Biodiversitätskrise – ist sie das auch?

Thomas Vellacott: Keine einzelne Plattform kann die globale Klima- und Biodiversitätskrise allein lösen, das wäre ein vermessener Anspruch. Lösungen entstehen dann, wenn aus Gesprächen und Ideen konkrete Projekte werden. Wenn unterschiedliche Akteure zusammenarbeiten – von lokalen Gemeinschaften über zivilgesellschaftliche Organisationen bis hin zu Unternehmen und Staaten – und nicht zuletzt auch engagierten Einzelpersonen.

Wo sehen Sie konkret den grössten Mehrwert dieses Treffens für die Umwelt?

Der wahre Mehrwert liegt im direkten Gespräch – dort, wo Menschen einander zuhören. Nur im persönlichen Austausch entstehen Verständnis und Vertrauen. Deshalb ist auch der WWF am WEF. So wie wir in unserer täglichen Arbeit den Dialog mit Unterstützern und unterschiedlichsten Interessengruppen pflegen, suchen wir bewusst den direkten Austausch mit Entscheidungsträgern. Entscheidend ist für uns, dass aus diesen Gesprächen konkrete Initiativen entstehen. In einem Workshop mit Führungskräften wollen wir gemeinsam erarbeiten, wie Unternehmen ihre wichtigste Wirtschaftsgrundlage – die Natur – konsequenter in Entscheidungen einbeziehen können. Dieser Dialog ist für uns nicht nur ein einmaliges Treffen, sondern der Beginn einer langfristigen Zusammenarbeit.

Ein weiteres Thema, das uns in Davos beschäftigt, ist der Austausch mit der Versicherungsbranche. Sie spürt die Folgen der Klimakrise sehr direkt. Schäden durch extreme Wetterereignisse nehmen zu, die Deckungslücke wächst. Gemeinsam suchen wir Wege, diese Lücke zu schliessen. Dazu präsentieren wir am WEF einen Bericht, den wir mit führenden Expertinnen und Experten aus der Branche verfasst haben. Wir sehen in der Versichungerungsbranche einen wichtigen Verbündeten, denn diese Branche hat ein ureigenes Interesse daran, dass die Schäden aus Naturereignissen versicherbar bleiben, und das deckt sich mit unseren Zielen, die Klimakrise einzudämmen.

Und wo sehen Sie vor allem «Greenwashing»-Gefahr?

Die Gefahr von Greenwashing besteht dann, wenn Führungskräfte am WEF über Klima- und Naturthemen nur für die Öffentlichkeitswirkung sprechen, dann aber echte Taten ausbleiben. Glaubwürdig ist das Engagement von Unternehmen nur dann, wenn es nach unabhängigen Standards wie der Science-based Targets Initiative, kurz SBTi, erfolgt und regelmässig messbare Resultate kommuniziert werden.

Haben Umwelt- und Klimafragen in der Wirtschaft angesichts geopolitischer Spannungen und Konjunktursorgen an Bedeutung verloren? Braucht es ein stärkeres Regulativ? In welchen Branchen?

Die geopolitische Lage hat sicherlich dazu beigetragen, dass das Thema in den Medien etwas zurückgedrängt wurde. Wenn Sie allerdings die wichtigsten Umfragen anschauen – dazu gehört der WEF Global Risks Report oder auch das Sorgenbarometer der UBS – dann sieht man, dass Umwelt- und Klimafragen ganz weit oben rangieren. Im WEF Global Risks Report 2025 bewerteten Führungskräfte die grössten Risiken für die Wirtschaft. Fünf der Top 10 längerfristigen Risiken bezogen sich auf Klima- und Umweltthemen. Dieses Wissen um die Gefahr ist auch ein Grund dafür, weshalb immer mehr Unternehmen aktiv werden und sich wissenschaftsbasierte Klima- und Biodiversitätsziele setzen und Projekte ausserhalb ihrer Wertschöpfungsketten unterstützen. Es braucht allerdings noch ein deutlich stärkeres Engagement, damit wir bei der Bekämpfung der Klima- und Biodiversitätskrise auf Zielkurs kommen. Dazu sind sowohl freiwillige Massnahmen von Unternehmen, Gemeinschaften und Einzelpersonen nötig wie auch entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen. Man darf das eine nicht gegen das andere ausspielen.

Das WEF verursacht einen beträchtlichen ökologischen Fussabdruck. Welche verbindlichen Ziele und Massnahmen fordern Sie, damit das Treffen selbst klimaverträglich und ressourcenschonend organisiert wird?

Wichtig ist, dass sich das WEF, so wie Firmen und andere Organisationen auch, wissenschaftsbasierte Klima- und Biodiversitätsziele setzt und regelmässig über deren Umsetzung Bericht erstattet. So kann sichergestellt werden, dass das Geschäftsmodell des WEF glaubwürdig und konsequent auf Netto-Null ausgerichtet wird.

Sehen Sie hierfür genügend Effort seitens der Organisatoren und Teilnehmenden?

Umweltthemen sind sowohl am WEF selbst als auch an den Veranstaltungen in dessen Umfeld präsent. Diese Präsenz wird allerdings der hohen Wichtigkeit des Themas in Bevölkerung und Wirtschaft noch nicht gerecht und sollte dringend verstärkt und konkretisiert werden.

Wenn Sie analysieren, wer aus welchen Ländern ans WEF eingeladen ist – wer ist im Hinblick auf Nachhaltigkeit untervertreten, wer übervertreten und weshalb ist dies im Sinne der Nachhaltigkeit wichtig?

Fortschritte im Kampf gegen die Klima- und Biodiversitätskrise erzielen wir dann, wenn unterschiedlichste Akteure in konkreten Projekten zusammenarbeiten. Dazu ist erforderlich, dass nicht ein Typ Akteur die Teilnehmerschaft am WEF dominiert, sondern dass beispielsweise neben international tätigen Unternehmen auch indigene Völker und lokale Gemeinschaften aus dem Globalen Süden genügend stark vertreten sind. Das WEF hat in den letzten Jahren Schritte unternommen, um die Diversität der Teilnehmerschaft an ihren verschiedenen Anlässen zu verbessern, hat aber noch einen weiten Weg vor sich.

Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

12 - Verantwortungvoller Konsum und Produktion
13 - Massnahmen zum Klimaschutz
15 - Leben an Land

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