In der Schweiz wird der Wohnraum immer knapper. Das Angebot an freien Wohnungen sinkt seit Jahren, die Mietzinse steigen. Im Juni 2025 wurden in der ganzen Schweiz nicht einmal 50 000 Leerwohnungen gezählt. Das entspricht rund 1 Prozent des Gesamtbestands, Einfamilienhäuser mitgerechnet. Noch vor fünf Jahren lag dieser Wert bei 1,7 Prozent.
Für den Schweizer Mieterinnen- und Mieterverband (MV) sind das politisch fruchtbare Zeiten. Je stärker der Wohnungsmarkt unter Druck ist, desto grösser ist das Interesse am Thema. Das zeigte auch das Medieninteresse am Dienstag in Bern. Vor vollen Rängen hat der MV sein «Mietbarometer 2026» präsentiert, eine Sotomo-Umfrage zur Wohnsituation in der Schweiz.
Die Resultate sind auf den ersten Blick tatsächlich beunruhigend. So gaben fast 40 Prozent der Befragten an, dass sie mehr als 30 Prozent ihres Haushaltseinkommens für die Miete ausgeben. Jede zwanzigste Person wendet sogar mehr als die Hälfte ihres Budgets für die Wohnkosten auf. Rund 70 Prozent der Mieter berichten zudem von Konflikten mit den Vermietern. Dabei gehe es häufig um Mängel im Unterhalt, Nebenkosten oder steigende Mieten.
10 Milliarden Franken an «missbräuchlich hohen Mieten»
Diese Resultate seien alarmierend, sagte Larissa Steiner, Mitglied der Geschäftsleitung des Mieterinnen- und Mieterverbands Zürich. Wohnen sei für viele zu einer «finanziellen Belastungsprobe» geworden. Die Situation sei nicht nur in den Städten angespannt, sondern in der ganzen Schweiz. Es gebe kaum mehr Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Gebieten oder zwischen den Sprachregionen. Das führe dazu, dass viele Menschen gar nicht mehr umzögen, obwohl sie eigentlich wollten.
Für den Mieterinnen- und Mieterverband ist klar, wo das Problem liegt. «Egal, ob der Referenzzinssatz sinkt oder steigt, ob die Leerwohnungsziffer sinkt oder steigt, die Mieten kennen nur eine Richtung: nach oben», sagte Michael Töngi, Vizepräsident des Schweizerischen Mieterinnen- und Mieterverbandes und Nationalrat (Grüne). Würden sich die Mieten wie im Gesetz vorgeschrieben entlang der Kosten der Vermieter entwickeln, so müssten diese heute bedeutend tiefer sein.
Ein Miethaushalt bezahle heute im Schnitt rund 360 Franken pro Monat an «missbräuchlich hoher Miete», sagte Töngi und verwies auf eine Studie des Beratungsbüros Bass, die von einer Gesamtsumme von 10 Milliarden Franken jährlich an überhöhten Mieten ausgeht. «Diese enorme Summe bedeutet eine massive Umverteilung von den Miethaushalten zu den Vermietern.»
Schuld an der Misere sind aus Sicht des Mieterinnen- und Mieterverbands aber nicht nur die Vermieter, sondern auch das Mietrecht, das Parlament und der Bundesrat. Das Mietrecht bevorzuge nach wie vor die Vermieter, sagte der MV-Präsident und SP-Ständerat Carlo Sommaruga. Das Parlament zeige kein Interesse daran, dies zu ändern. Dies habe sich in der Frühlingssession gezeigt, als die bürgerlich dominierte Mehrheit zwei Motionen zur Eindämmung von «missbräuchlichen Mieten» abgelehnt habe. Zudem sei die «Immobilienlobby» im Parlament überrepräsentiert. Auch der Bundesrat bleibe untätig. Wirtschaftsminister Guy Parmelin habe es bis jetzt nicht geschafft, griffige Massnahmen gegen die Wohnungsnot zu präsentieren.
Der Verband sieht das Heil unter anderem in der im Sommer 2025 lancierten «Mietpreisinitiative». Die Initiative fordert eine Deckelung der Rendite sowie eine periodische Kontrolle der Mieten durch die Behörden. Der Grundsatz der Kostenmiete soll zudem in der Bundesverfassung verankert werden.
Schweigen aus ideologischen Gründen?
Die Studie des Mieterinnen- und Mieterverbands hat allerdings nur begrenzte Aussagekraft. Ende 2024 gab es in der Schweiz 2,4 Millionen Haushalte in einer Miet- oder Genossenschaftswohnung. Das Beratungsbüro Sotomo, das die Studie im Auftrag des Mieterinnen- und Mieterverbands durchführte, befragte zwar 340 000 Personen, unter ihnen 240 000 MV-Mitglieder und 100 000 Nichtmitglieder. Effektiv ausgewertet wurden letztlich 34 000 Rückmeldungen, was nur rund 1,4 Prozent aller Miethaushalte in der Schweiz entspricht.
Hinzu kommt, dass die Studie zwar nach Geschlecht und Alter differenziert, aber nicht nach Haushaltseinkommen und -struktur. Dabei ist es ein wesentlicher Unterschied, ob eine vierköpfige Familie mit 6000 Franken Einkommen einen Drittel für die Miete aufwendet oder ein kinderloses Doppelverdienerpaar mit doppelt so hohem Einkommen.
Auffällig ist auch, wie der Mieterinnen- und Mieterverband in seiner Problemanalyse ein Thema komplett ausblendet: Die Wirkung der Zuwanderung auf das Wohnungsangebot wird nicht erwähnt. Naheliegend ist, dass der Verband unter keinen Umständen zum Steigbügelhalter für die SVP und ihre Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» werden will, die im Juni an die Urne kommt.
Die SVP sieht die Zuwanderung als Haupttreiber für die Wohnungsknappheit und die steigenden Mietzinse. Als die Partei vor Wochenfrist den Abstimmungskampf mit einer Medienkonferenz offiziell eröffnete, erwähnte das Komitee die «Wohnungsnot» und die steigenden Mieten als erstes Argument – noch vor den klassischen SVP-Themen wie Kriminalität, Sicherheit oder Kulturlandverlust. Die SVP wirft dem Mieterinnen- und Mieterverband denn auch vor, dies aus ideologischen Gründen zu verschweigen.
Keine weitere Verschärfung, aber auch keine Entspannung
Beiden Lagern dürfte klar sein, dass das Problem komplexer ist. Weder die Zuwanderung noch die angebliche Renditegier der Immobilienbranche sind alleinige Treiber für die Wohnungsknappheit. Einen Einfluss haben auch kleinere Haushalte, knapper werdendes Bauland, steigende Baukosten, komplexere Bewilligungsverfahren und weitere Faktoren.
Einen Lichtblick zeigt die jüngste Analyse des Immobilienberaters Wüest Partner. Demnach gibt es Hinweise, dass sich das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zumindest nicht weiter verschärft. Gründe seien das geringere Beschäftigungswachstum, die nachlassende Zuwanderung sowie die sinkende Erschwinglichkeit. Von einer Entspannung könne zwar noch keine Rede sein, doch die Entwicklung weise zumindest in Richtung einer Stabilisierung. Politisch dürften solche Verschiebungen allerdings keine Wirkung entfalten – der Ton in der Wohnungsdebatte wird auf beiden Seiten scharf bleiben.