Stühle, die die Zeit aussitzen
Das Schweizer Möbel-Traditionsunternehmen Horgenglarus stellt Stühle und Tische für die Fast-Ewigkeit her. CEO Josef Kaiser erklärt, wie das Unternehmen konsequent auf Nachhaltigkeit setzt.
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Josef Kaiser führt Horgenglarus mit dem Anspruch, Möbel nicht für Jahre, sondern für Generationen zu bauen. Bild: PD
Das Schweizer Möbel-Traditionsunternehmen Horgenglarus stellt Stühle und Tische für die Fast-Ewigkeit her. CEO Josef Kaiser erklärt, wie das Unternehmen konsequent auf Nachhaltigkeit setzt.
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4 Min. • • Silvia Tschui
Herr Kaiser, Horgenglarus ist eine Ikone des Schweizer Möbeldesigns, das auf Nachhaltigkeit setzt. Können Sie erklären, wie?
Josef Kaiser, CEO von Horgenglarus: Zuallererst beginnt Nachhaltigkeit bei uns ganz banal mit der Frage: Wie lange hält ein Stuhl wirklich? Unser Anspruch ist, dass ein Modell, das wir neu ins Sortiment nehmen, rund 80 Jahre im Einsatz bleiben und somit von Generation zu Generation übergeben werden kann. Langlebigkeit ist für uns aber nicht nur ein technisches Thema, sondern auch eine Frage der Gestaltung: Ein Stuhl soll in ganz unterschiedlichen Räumen, Stilen und Generationen funktionieren, ohne modisch zu wirken.
Wie übersetzen Sie diese Ansprüche in die konkrete Produktentwicklung?
In der Konstruktion entscheiden wir uns konsequent für Reparierbarkeit statt für versteckte, verklebte Lösungen. Wir dimensionieren Bauteile lieber einen Millimeter stärker, als an die unterste Grenze zu gehen und damit Lebensdauer zu riskieren. Gleichzeitig testen wir Prototypen heute digital und physisch so, dass sie die Belastung vieler Jahrzehnte simulieren. Das ist aufwendiger, zahlt sich aber aus, weil wir Modelle bauen, die sich über Generationen bewähren.
Sie sprechen von Kreislaufwirtschaft – was heisst das im Alltag eines Stuhlherstellers?
Historisch hatten wir immer einen ersten Kreislauf: Wir produzieren in Glarus, reparieren aber bei Bedarf unsere Stühle auch und schicken sie zurück an die Kundinnen und Kunden – ein klassischer Reparaturkreislauf, den wir etwa mit den Stühlen im Bundeshaus seit Jahrzehnten pflegen. Heute bauen wir unter anderem mit dem Generationenpass systematisch einen zweiten Kreislauf auf.
Reparatur statt Ersatz: In der Werkstatt verlängert Horgenglarus den Lebenszyklus seiner Möbel ganz bewusst. Bild: PD
Was steckt hinter diesem Konzept?
Der Generationenpass ist unser Weg, Kundinnen und Kunden aktiv in den Lebenszyklus ihrer Möbel einzubeziehen. Wer seinen Stuhl registriert, erhält eine verlängerte Garantie von zehn Jahren und einen direkten Draht zu uns für Ersatzteile oder Reparaturen. Parallel verknüpfen wir Seriennummern mit Produktions- und Holzdaten. In Zukunft möchten wir zu jedem Stuhl sagen können, in welchem Wald sein Baum gewachsen ist – ein Baustein für den künftigen digitalen Produktepass, aber auch ein emotionaler Bezug für die Besitzerinnen und Besitzer. Und wenn jemand eines Tages seine Stühle nicht mehr braucht, erleichtert der Generationenpass den Einstieg in den zweiten Kreislauf.
Können Sie diesen zweiten Kreislauf genauer erklären?
Wir reparieren nicht nur, sondern wir kaufen Stühle zurück, um sie neu aufzubereiten. Besitzer und Besitzerinnen können sich bei uns melden, wir beurteilen Zustand und Alter des Stuhls oder der Stühle, machen ein Rückkaufangebot und entscheiden, welche Arbeiten nötig sind, damit wir die Stühle mit einer neuen Garantie erneut in den Markt bringen können. In der Gastronomie etwa spielt es keine Rolle, ob ein Stuhl schon ein erstes Leben hinter sich hat – wichtig ist, dass er funktioniert und schön aussieht. Genau dort sehen wir grosses Potenzial für sorgfältig aufgearbeitete Stücke. So verhindern wir, dass hochwertige Möbel vorschnell im Container landen und nur noch als Brennstoff dienen – was aufgrund unserer hervorragenden Holzqualität wirklich schade wäre.
Seriennummer und Marke machen den Stuhl eindeutig identifizierbar – eine Grundlage für Rückverfolgbarkeit, Service und ein zweites Leben. Bild: PD
Woher kommt denn das Holz, das Sie verwenden?
Der grösste Teil unseres Holzes kommt aus Laubwäldern im Kanton Jura. Dort arbeiten wir seit etwa 100 Jahren mit derselben Familiensägerei zusammen, die eng mit den lokalen Förstern kooperiert. Es werden nicht ganze Flächen «geerntet», sondern einzelne Bäume ausgewählt, damit Licht für neue Bäume entsteht und der Wald insgesamt gesund bleibt. Die Hölzer sind selbstverständlich FSC‑zertifiziert, aber für mich ist wichtiger, dass ich jeden Baum in einem echten Wald sehen kann– und nicht in einer Plantage.
Der Klimawandel setzt europäischen Wäldern zu. Spüren Sie das in der Qualität Ihres Holzes?
Im Jura haben wir grosses Glück: Die Böden sind sandig, das Terrain ist relativ flach, die Stämme wachsen langsam und sehr gerade. Dadurch entstehen enge Jahresringe und wenig innere Spannungen – genau das brauchen wir für gebogene, hochbelastete Bauteile. Bislang zeigt sich dort die Klimaerwärmung weniger dramatisch als in schnell wachsenden Beständen. Aber natürlich beobachten wir die Entwicklung sehr genau; unser Ziel ist, dass wir auch in 50 Jahren noch aus diesen Wäldern verantwortungsvoll Holz beziehen können.
Zwischen Lager und Fertigung zeigt sich das Prinzip von Horgenglarus: präzise Produktion, reparierbare Teile und kurze Wege im Lebenszyklus eines Möbels. Bild: PD
Ihre Produktion selbst – wie klimafreundlich ist sie?
Wir setzen konsequent auf erneuerbare Energie. Am Standort Glarus nutzen wir bereits Photovoltaik und verwerten Holzreste, um Wärme zu erzeugen. Mit dem geplanten neuen Werk kombinieren wir Wasserenergie mit zusätzlicher Solarproduktion und werden so etwa das Dreifache unseres eigenen Energiebedarfs erzeugen. Unser Ziel ist, Produktion und Heizung vollständig mit eigener erneuerbarer Energie zu decken.
Nachhaltigkeit ist in aller Munde, aber am Ende zählt oft doch der tiefste Preis. Wie erleben Sie diesen Widerspruch im Markt?
Das ist wahrscheinlich unsere grösste gesellschaftliche Herausforderung. Viele Menschen – und auch öffentliche Institutionen – sprechen sehr engagiert über Klima und Ressourcenschonung. Wenn es dann um den Kaufentscheid geht, gewinnt aber zu oft das günstigste Angebot, auch wenn es weder langlebig noch regional produziert ist. Wir wünschen uns mehr Ehrlichkeit: Wer ernsthaft von Nachhaltigkeit spricht, muss bereit sein, Qualität, Reparierbarkeit und Herkunft höher zu gewichten als den niedrigsten Anschaffungspreis.
Dieser Artikel behandelt folgende SDGs
Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.
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