Sven Erni hat eine Erfolgsgeschichte aus Plastik geschrieben. Seine Firma Impact Acoustic stellt Schallschlucker aus rezyklierten PET-Flaschen her. Die Deckenverkleidungen, Raumtrenner und Kabinen machen das Arbeiten in Grossraumbüros halbwegs erträglich.
Ernis Firma hat Niederlassungen in Manila und San Diego. Sechs Jahre nach der Gründung beträgt der Umsatz 35 Millionen Franken. Das amerikanische Magazin «Time» kürte einen schallschluckenden Lampenschirm von Impact Acoustic zu den besten Erfindungen des Jahres 2025.
Getränkemultis werden nicht beliefert
Die wichtigsten Kunden sind Tech-Konzerne wie Microsoft oder Amazon. Für den Bezos-Konzern staffierte Impact Acoustic sämtliche Büros in der Region Europa, Nahost und Afrika mit schallschluckenden Deckenelementen aus. Nun hoffen die Luzerner, Amazon bald auch im Rest der Welt zu beliefern.
Die Tech-Riesen lieben rezyklierte Baustoffe, weil sie damit ihre Umweltversprechen besser umsetzen können als mit herkömmlichen Glasfaserprodukten. Das macht sich gut in den Geschäftsberichten.
Aus demselben Grund zeigen auch die grossen Getränkekonzerne Interesse an den Öko-Schallschluckern. Wegen ihres immensen Plastikverbrauchs stehen sie vonseiten der Aktionäre unter Druck. Mit der Verwendung von rezykliertem PET in ihren Gebäuden könnten sie demonstrieren, dass sie Teil der Kreislaufwirtschaft sind.
Doch Impact Acoustic beliefert sie nicht: Die Firma beschloss 2021 einen Boykott gegen Coca-Cola, Pepsico, Nestlé, Danone und Suntory.
«Bei dieser Sorte von Greenwashing machen wir nicht mit», sagt Erni. Er ist ebenso Unternehmer wie Umweltaktivist. In einem Firmenvideo werfen er und sein Geschäftspartner den Getränkemultis Täuschung und falsche Marketingversprechen vor. Von den jährlich über 500 Milliarden verbrauchten PET-Flaschen würden nur 16 Prozent gesammelt, sagt Erni im Video. «Der Rest wird verbrannt, vergraben oder in arme Länder exportiert.»
Was seine Firma für die Herstellung von Schalldämpfern wiederverwende, ändere nichts an der miserablen Ökobilanz von PET. Erni möchte den wichtigsten Rohstoff seiner Firma deshalb am liebsten verbieten lassen. «Die einzige nachhaltige Lösung ist ein weltweites Verbot von PET-Flaschen», sagt er.
Mit einer Sammelquote von 84 Prozent übertrifft die Schweiz zwar den EU-Durchschnitt von 60 Prozent. Länder mit einem Flaschenpfand schneiden aber deutlich besser ab. So werden in Deutschland 98 Prozent der Flaschen zurückgegeben und wiederverwertet.
120 Flaschen mit Sendern ausgestattet
Doch Erni traut auch den ausgewiesenen Schweizer Zahlen nicht. Wenn er sehe, wie wenige PET-Sammelstellen es jenseits der Bahnhöfe gebe und wie viele Flaschen bei Veranstaltungen wie der Street Parade in den Müll geworfen würden, zweifle er an den offiziellen Sammelquoten.
Deshalb wollte es Erni genauer wissen. Seine Firma beauftragte im letzten Sommer einen Praktikanten mit einem Feldversuch: 120 leere PET-Flaschen wurden mit Sendern ausgestattet und über das Land verteilt in die blau-gelben PET-Sammelstellen geworfen. Verwendet wurden Airtags von Apple, die Bluetooth-Signale senden. So konnte Impact Acoustic die weitere Reise der Flaschen verfolgen.
Das Resultat: 55 Prozent der Flaschen erreichten eine Sortier- oder Recyclinganlage. 28 Prozent endeten hingegen in Kehrichtverbrennungsanlagen und Zementwerken oder wurden ins Ausland exportiert. 13 Prozent befinden sich noch immer gepresst zu Ballen in Lagern und harren ihrer weiteren Verwendung.
Das wirft Fragen auf: Warum landen PET-Flaschen in der Müllverbrennung? Gemäss dem Branchenverband PET-Recycling Schweiz sollte es nur zwei Verwendungen für das Sammelgut geben: Falls die Qualität genügt, werden daraus neue PET-Flaschen hergestellt. Der Rest wird zu Textilien, Kunststoffbändern oder Produkten wie den Schalldämpfern von Impact Acoustic weiterverarbeitet.
Bei PET-Recycling Schweiz sorgten die Resultate für einige Unruhe. Die Branchenorganisation kritisiert die Versuchsanlage: Mit Sendern ausgestattete Flaschen in die PET-Sammlung zu werfen, sei «grobfahrlässig und brandgefährlich», schreibt der Verband. Eine beschädigte Batterie oder ein Akku könnte beim Pressvorgang eine Temperatur von mehreren hundert Grad entwickeln und einen Brand auslösen.
Zudem tauge der Versuch nicht dazu, die Verwertungswege des Sammelgutes abzubilden. Dieses werde bei der Verarbeitung mehrfach kontrolliert, Fremdstoffe würden entfernt, Metallelemente magnetisch ausgesondert. Die Resultate seien deshalb «ohne Aussagekraft», schreibt PET-Recycling Schweiz. Auch das Bundesamt für Umwelt (Bafu) misst dem Versuch «keine belastbare Aussagekraft» zu. In der Schweiz würden jährlich deutlich mehr als eine Milliarde PET‑Flaschen gesammelt. Ein Experiment mit 120 Flaschen sei nicht repräsentativ, teilt das Bafu mit.
Dennoch bleiben Fragen offen. Impact Acoustic verfolgte die präparierten Flaschen bis in die Sortier- und Recyclinganlagen und empfing dort Signale aus nach Farben sortierten Ballen von gepressten PET-Flaschen. Offensichtlich wurden die Sender bei den Kontrollen nicht entfernt. «Wir konnten auch feststellen, dass gepresste Ballen die Deponie verliessen und in Kehrichtverbrennungsanlagen oder in Zementwerke transportiert wurden, wo wir das Signal dann verloren haben», sagt Erni.
Recycling deckt weniger als die Hälfte des PET-Bedarfs
Was der Versuch auch zeigt: Das Schweizer PET-Recycling ist weit entfernt von einem geschlossenen Kreislauf. Firmen wie Coca-Cola oder Evian werben zwar mit Recyclinganteilen von 100 Prozent bei ihren PET-Flaschen. «Before we were bottles, we were bottles», lautet ein Slogan von Coca-Cola HBC Schweiz, dem mit Abstand grössten PET-Verarbeiter in der Schweiz.
Gelogen ist das nicht, aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit. Laut Angaben der Industrie lassen sich mit dem in der Schweiz rezyklierten PET 46 Prozent der neuen Flaschen herstellen. Um die Recyclingbilanz aufzupolieren, kaufen die Verarbeiter Rezyklat aus dem Ausland hinzu. Dadurch steigt der Anteil von wiederverwertetem PET auf rund 55 Prozent. Die übrigen 45 Prozent sind neues PET, das aus Erdöl produziert wird.
Die Recyclinganteile der Firmen variieren dabei stark. Coca-Cola und Evian kaufen rezykliertes PET hinzu, um auf einen Anteil von 100 Prozent zu kommen. Die Menge lassen sie sich in Zertifikaten bestätigen. Dadurch sinkt allerdings der Recyclinganteil bei anderen Herstellern. «Wir beziehen so viel rezykliertes PET-Material wie möglich lokal», teilt Coca-Cola HBC Schweiz mit. Genauere Angaben zum Importanteil des Rezyklats macht das Unternehmen nicht.
Erni überzeugt das nicht. Insgeheim hatte er sich vom Feldversuch neue Geschäfte für seine Firma erhofft. Hätten sich seine Zweifel am Recyclingsystem als unbegründet herausgestellt, hätte er den Lieferboykott gegen Getränkemultis aufheben wollen. Daraus wird nun aber nichts. «‹Bottle to bottle› ist eine Marketingbotschaft, in der Realität stimmt es nicht», sagt er.
Deshalb entwickelt Impact Acoustic nun Schalldämpfer aus Baumwolle, Kaffee, Brennnesseln und Zellulose, um den Ausstieg aus den fossilen Materialien zu schaffen. Noch ist PET aber das wichtigste Material.