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Das Tessin ist beliebt bei Rentnern

Bild: Radek Kozak

Gesellschaft Lebensräume

Nicht nur die Jungen kehren dem Florida der Schweiz den Rücken – auch immer mehr Rentner verlassen das Tessin

Der Kanton Tessin ist der sonnige Sehnsuchtsort der Rentner aus dem Norden. Praktisch ein Viertel der etwa 354 000 Einwohner des Tessins ist im Pensionsalter – ein schweizweiter Spitzenwert. Allerdings verstärkt sich ein negativer Trend: der Rückzug aus der «Sonnenstube».

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Nicht nur die Jungen kehren dem Florida der Schweiz den Rücken – auch immer mehr Rentner verlassen das Tessin

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«Grüezi, wo isch ’s Grotto?» Wer sich mit einem solchen Satz an Einheimische wendet, verstösst gegen Regel Nummer eins für Deutschsprachige. Diese besagt: Sprich mit den Tessinern Italienisch – oder wenigstens Hochdeutsch. Andernfalls bleibt die Antwort aus, da die meisten kein Schweizerdeutsch verstehen.

Ein anderer Klassiker ist das Kritisieren. «Warum machen das die Tessiner so? Wir machen es anders!» Bemerkungen über den Modus Operandi sind ein Verstoss gegen die zweite Faustregel: Vergleiche die Südschweiz nicht mit der Deutschschweiz. Auch das Tessin ist voller Swissness, aber üppig gepaart mit Italianità.

Die genannten Sprüche vernimmt man im Südkanton wieder häufiger. Denn seit dem Aufkommen der Corona-Pandemie strömen noch mehr Leute aus dem Norden ins Tessin als üblich. Und selbst die Romands haben den Schweizer Süden entdeckt.

Sonne, See, Palmen und zugleich das Gefühl von Sicherheit im eigenen Land, diese Kombination war in den letzten drei Jahren entscheidend für die Attraktivität des Tessins. Ob diese noch lange anhält, ist angesichts der schwindenden Erkrankungsraten und der wieder aufflammenden Lust auf exotische Destinationen fraglich.

Gut für den Blutdruck

Wegen Covid-Restriktionen besuchten auch sehr viel mehr junge Leute das Tessin. Daher trat, obwohl es auf den ersten Blick paradox erscheinen mag, ein altbekannter Kontrast noch deutlicher vor Augen: Der Südkanton ist voller Menschen im Rentenalter, besonders im Grossraum Locarno. Praktisch ein Viertel der etwa 354 000 Einwohner des Tessins ist im Pensionsalter – ein schweizweiter Spitzenwert. Geschuldet ist dies sicherlich dem Geburtenrückgang, aber auch dem Phänomen des Brain-Drain, der vermehrten Abwanderung junger Tessiner mit akademischer Bildung in die Deutschschweizer Ballungszentren.

Ein anderer Grund für die hohe Rentnerzahl scheinen die Lebensbedingungen zu sein. Die vielen Tessiner Sonnentage, besonders jene im Winter, spielen eine wichtige Rolle: Sonne macht gute Laune, sorgt für Seelen-Leggerezza, der Körper produziert mehr Vitamin D, und dieses stärkt das Immunsystem. Zusammen mit der südländischen Kost – dazu gehört auch ein Glas Merlot – verlängere die helvetische «Sonnenstube» das Leben, sind viele Einheimische überzeugt.

Ähnliches äusserte auch der frühere Gesundheitsminister Pascal Couchepin. Der mediterrane Lebensstil der Südschweiz wirke sich recht positiv auf den Blutdruck aus, wurde er in den nuller Jahren von der NZZ zitiert. Der Alt-Bundesrat scheint nicht Unrecht zu haben: Laut Statistik leben im Tessin nicht nur die meisten Achtzigjährigen der Schweiz, sondern auch die meisten Hundertjährigen.

Der Tessiner Seniorenpool wird auch merklich von Zugewanderten aus dem Norden gespeist. Etwa ein Zehntel der Tessiner Einwohner ist deutschsprachig – und fast die Hälfte von ihnen sind Rentner. Die meisten kommen aus der Deutschschweiz, aber auch aus Deutschland.

Warum sie in den helvetischen Süden gezogen sind, ihren nahen Sehnsuchtsort? Die Gründe sind dieselben wie bei den Touristen, nämlich die südlichen Well-being-Faktoren in Verbindung mit Schweizer Akkuratesse. Nur dass die Rentner diese Vorzüge dauerhaft geniessen: Das Tessin ist das Florida der Schweiz und wohl auch Süddeutschlands. Oder das Kalifornien der Schweiz, wie manche Deutschsprachige im Südkanton selbst sagen.

Aber man sollte das Rentnerparadies nicht mit der Idylle für berufstätige Tessin-Fans aus Zürich verwechseln. Diese geniessen vornehmlich die Rustico-Romantik in den Bergtälern, um Geist und Seele vom Arbeitsstress zu erholen. Die Senioren hingegen suchen mediterranen Lifestyle am Langen- oder Luganersee. Dies in Kombination mit modernen, komfortablen Wohnungen nahe der städtischen Zentren, idealerweise in Gehdistanz zu allen benötigten Dienstleistern.

Der Deutsch-Bubble entkommen

Einer der dringlichsten Ratschläge für Deutschsprachige im Tessin sei es, die italienische Sprache zu lernen – je schneller, desto besser. Das findet die Urner Autorin Lisbeth Eller van Ligten, die seit über zwanzig Jahren in Locarno-Muralto wohnt. Sie hat bereits zwei Bücher über die Deutschschweizer im Tessin geschrieben und zehn Gebote für das Leben im Südkanton aufgestellt. Wegen ihrer schmissigen Formulierung machen sie bis heute immer wieder die Runde.

Lago di Lugano

Quelle: Claudio Schwarz

Das Tessin ist das Kalifornien der Schweiz, wie manche Deutschsprachige im Südkanton selbst sagen.

Etwa drei Viertel der deutschsprachigen Pensionierten haderten mit dem Italienischen, ist Eller van Ligtens Eindruck. Das Erlernen von Fremdsprachen erfordere in ihren Augen im reifen Alter mehr Anstrengung – oder man sei einfach des Lernens müde geworden. Also prallen Goethes und Dantes Sprache im Tessin manchmal geräuschvoll aufeinander, und ebenso die unterschiedlichen Schweizer Volksseelen.

Gerade im amtlichen Verkehr haben Sprachmuffel keine Chance, denn hier gilt nur das Italienische. Eine staatspolitisch gerechtfertigte Sache, ist sie doch die dritte offizielle Landessprache. Und von dieser sollten die Miteidgenossen aus dem Norden zumindest eine Ahnung haben, so der Tessiner Tenor.

Einen guten Anfang stellt folgendes Gebot der Autorin Eller van Ligten dar: Bestelle im Restaurant «due espressi» und nicht «zwei Espresso». Tessiner reagieren sehr entgegenkommend auf jeden Satz auf Italienisch, egal wie unbedarft er klingen mag. Erste Türen gehen auf. Zu wenige Pensionierte aus dem Norden beherzigen diese simple Regel. Und nur eine Minderzahl nimmt die Herausforderung an, aktiv in den südlichen Kulturraum einzutauchen.

Gerade darum ist die berühmte Tessiner «Deutsch-Bubble» entstanden: Man bleibt oft, manchmal zu oft, unter sich im deutschsprachigen Freundeskreis und in den deutschsprachigen Vereinen. Von diesen haben einige im Laufe der Jahre eine beachtliche Grösse erreicht und ein veritables eigenes Kulturprogramm auf die Beine gestellt, so der Deutschschweizer Club Locarno oder der Deutsche Club Tessin.

SVP will keine Parallelwelt

Es gibt sogar eine politische Bubble: Die Tessiner SVP weist eine Untersektion auf, die eigens für Deutschsprachige gedacht ist. Ein Unikum, denn in der Romandie existiert nichts Vergleichbares. Ziel und Zweck der deutschsprachigen Tessiner SVP-Gruppe ist aber nicht nur das Politisieren, das von regionalen Themen wie Grenzgänger und Arbeitsplätze geprägt wird. Das gesellige Beisammensein mit Ausflügen, Essen und Jassen nimmt sich noch einen Hauch wichtiger aus.

Doch man will hier keine grosse Parallelwelt entstehen lassen. Der Sektionsvorstand ist ausdrücklich darum bemüht, den deutschsprachigen SVP-Mitgliedern die Integration in die Tessiner Gesellschaft zu erleichtern. Und er weiss, was die Grundlage ist: lerne Italienisch. Dann erfolgt ein sehr fruchtbarer Zusammenprall der nördlichen Volksseele mit der südlichen.

Ein paar Mitglieder der deutschsprachigen Tessiner SVP-Fraktion haben sogar Einlass in den Grossen Rat oder in Gemeindeexekutiven gefunden. Letzteres ist gerne in jenen Regionen der Fall, wo sich zu wenig politisierfreudige Einheimische finden. Zum Beispiel im idyllischen Malcantone bei Lugano, aber auch in einigen Gemeinden des Locarnese.

Geriatrisches Wissen

Die vielen deutschsprachigen Rentner befeuern wesentliche Teile der Tessiner Wirtschaft: Restaurationsbetriebe, Immobiliengesellschaften, Banken, Versicherungen, Notare, Anwälte, Ärzte sowie Kliniken und andere Einrichtungen, die sich auf Patienten im dritten Lebensabschnitt konzentrieren. Mittlerweile hat das Tessin ein beachtliches Know-how in der Geriatrie erworben.

Und schliesslich zeigt der wirtschaftliche Impact der deutschsprachigen Rentner auch eine umgekehrte linguistische Wirkung. Die Tessiner Dienstleister lernen möglichst gut Deutsch. Es ist längst eine Binsenwahrheit: Deutsch zu beherrschen, erweist sich als wichtiger Karrierefaktor für Tessiner. So verstärkt sich im besten Falle, zumal wenn besagte Rentner auch etwas fremdsprachlichen Ehrgeiz entwickeln, das Gefühl des nationalen Zusammenhalts.

Allerdings verstärkt sich ein negativer Trend innerhalb der Rentnergemeinschaft: der Rückzug aus der «Sonnenstube», wie die Autorin Eller van Ligten und auch das Tessiner Statistikamt festgestellt haben. Seit fast zehn Jahren reicht die Menge der deutschsprachigen Wegziehenden mitunter so stark an die Zahl der Zuzüger aus dem Norden heran, dass fast eine neutralisierende Wirkung entsteht.

Bei den Rückkehrern handelt es sich meist um Personen im höheren Alter. Sie stehen vor einer längeren Spitalbehandlung oder dem Eintritt in ein Pflegeheim. Wenn man länger krank oder pflegebedürftig sei, wolle man sich komplett in seiner Muttersprache, dem Schweizerdeutschen, ausdrücken können: So lautet die meistgehörte Begründung für den Wegzug.

Aber auch die Enkelkinder sind ein Grund. Je älter die im Tessin lebenden Grosseltern werden, desto anstrengender erscheint die Reise zu den lieben Kleinen im Norden, um sie zu hüten. Also sucht man in deren Nähe eine Bleibe. Zudem gibt es noch ein Rückkehrmotiv: Bei Ehepaaren wollte oft nur der Mann in den Südkanton, und die Frau passte sich an. Stirbt der Gatte oder erfolgt eine Trennung, zieht die Gattin in den Norden zurück.

Diese Rückzugsbewegung hat einen gut eidgenössischen Vorteil. Nicht nur die Tessiner selber, die in den Norden ziehen, repräsentieren ihren Heimatkanton. Die zurückkehrenden Deutschschweizer Senioren werden ebenso zu Botschaftern der dritten Schweiz. Und daraus können wir spontan ein letztes Gebot von staatspolitischer Tragweite ableiten: Sprechen Sie von den guten Tessin-Erfahrungen.

Peter Jankovsky, «Neue Zürcher Zeitung» (05.04.2022)

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