Wie lässt sich nachhaltige Entwicklung vorantreiben, während geopolitische Konflikte, wirtschaftliche Unsicherheiten und gesellschaftliche Polarisierungen immer mehr zunehmen? Diese Frage wird auch die Einflussreichen und Mächtigen am diesjährigen World Economic Forum (WEF) beschäftigen. In der Davoser Bergidylle rangiert Nachhaltigkeit vom 19. bis 23. Januar 2026 jedenfalls wieder weit oben auf der Agenda.
Dialog in konfliktreichen Zeiten
Im Fokus stehen globale «Dauerbrenner» wie Klimaschutz, resiliente Lieferketten, verantwortungsvolles Wachstum und Energiesicherheit. Gerade in Krisenzeiten wird deutlich, dass Nachhaltigkeit kein Luxus ist, sondern Voraussetzung für Wohlstand und langfristige Stabilität. Das WEF nächste Woche will dazu Brücken bauen – zwischen Nord und Süd, Politik und Wirtschaft, kurzfristigem Krisenmanagement und langfristigen Zielen. Allerdings müssen sich die Veranstalter auch selbst nach dem ökologischen Fussabdruck des Mega-Events fragen lassen. Immerhin versucht das WEF gegenzusteuern – mit klimaschonenden Abläufen und CO2-Kompensationsprojekten.
In Davos treffen auch in diesem Jahr wieder ganz unterschiedliche Positionen aufeinander: Während die einen auf Transformation und grünes Wachstum setzen – siehe dazu das Interview mit Thomas Vellacott, CEO des WWF Schweiz –, bremsen andere aus Angst vor disruptiven Veränderungen und möglichen gesellschaftspolitischen Folgen. Unstrittig ist jedoch: Ein Zurück in vergangene Sicherheiten gibt es nicht, Lösungen müssen zukunftstauglich sind. Dabei dürfte auch allen klar sein, dass eine nachhaltige Entwicklung nur durch Kooperation und Dialog möglich wird – gerade dann, wenn die Welt so gespalten ist wie schon lange nicht mehr.
«Dauerbrenner» trotzdem anpacken
Krieg in Europa, geopolitische Eskalationen, wirtschaftliche Unsicherheiten: Die Welt rotiert im Krisenmodus. In politischen Debatten, bei ökonomischen Entscheidungen und im Alltag vieler Menschen scheint Nachhaltigkeit dabei zunehmend in den Hintergrund zu rücken: wichtig zwar, aber nicht mehr «Prio 1».
Wo vor einem Jahr noch ambitionierte Klimaziele und ökologische Transformation im Zentrum standen, dominieren heute Begriffe wie Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit als vermeintliche Gegenpositionen. Das Rad wird zurückgedreht: Fossile Kraftwerke erleben ein Revival, Klimaschutzauflagen werden infrage gestellt, Nachhaltigkeitsberichte und -vorschriften gelten als zu aufwändig und werden abgeschwächt.
Diese Entwicklung ist wenig erstaunlich. In Krisenzeiten wächst der Druck, schnelle Lösungen für längst bekannte Herausforderungen zu liefern. Märkte und politische Systeme reagieren oft aktivistisch, um Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen: Energie muss verfügbar und bezahlbar sein, Arbeitsplätze sollen gesichert und soziale Spannungen vermieden werden. Nachhaltigkeit, die per Definition langfristig ausgerichtet ist, wird dabei oft als ein Hindernis wahrgenommen und vom Tisch gewischt.
Doch diese Gegenüberstellung greift zu kurz, wie Experten betonen. Nachhaltigkeit ist nicht das Gegenteil von Krisenbewältigung, sondern deren Voraussetzung. Die Energiekrise hat nicht gezeigt, dass Klimaschutz zu weit ging, sondern zu kurz kam, sodass die Abhängigkeit von fossilen Importen zum strukturellen Risiko wurde. Und Extremwetterereignisse machen deutlich, dass ökologische Instabilität auch ökonomische und soziale Kosten verursacht – in Milliardenhöhe.
Ein strategisch angelegtes Engagement für mehr Nachhaltigkeit wirkt daher wie eine Versicherung: Sie ist im Moment vielleicht teuer, aber im Schadensfall sehr wertvoll. Wer heute in erneuerbare Energien, resiliente Lieferketten oder ressourcenschonende Produktion investiert, verringert eine künftige Krisenanfälligkeit.
Zwischen Anpassung und Rückzug
Die Herausforderung annehmen oder eher den Rückzug antreten? In der Wirtschaft zeichnet sich dieses Spannungsfeld deutlich ab. Investitionen in klimafreundliche Technologien oder soziale Standards werden kritischer geprüft, wenn Margen schrumpfen und Absatzmärkte unsicher sind. Gleichzeitig wächst die Skepsis gegenüber ESG-Anforderungen, die teils als zu bürokratisch, zu teuer, als uneinheitlich oder schwer realisierbar wahrgenommen werden.
Andere Unternehmen gehen den entgegengesetzten Weg: Sie engagieren sich aktiv, begreifen Nachhaltigkeit als Innovationsmotor, als Mittel zur Risikominimierung und setzen auf Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft und transparente Lieferketten als handfeste Wettbewerbsfaktoren.
In der Gesellschaft zeigt sich ein ähnlich zwiespältiges Bild. Umfragen belegen zwar eine hohe grundsätzliche Zustimmung zu Umwelt- und Klimaschutz. Doch im Alltag kollidieren diese Werte zunehmend mit steigenden Lebenshaltungskosten. Bio-Produkte, nachhaltige Mobilität oder energieeffizientes Wohnen sind nun für viele zu kostspielig. Die Bereitschaft, persönliche Einschränkungen hinzunehmen, sinkt, wenn wirtschaftliche Sorgen wachsen.
«Nachhaltigkeit ist kein Luxusproblem, wird aber oft so wahrgenommen», sagt die Transformationsforscherin Maja Göpel. «Wenn Menschen das Gefühl haben, dass sie die Kosten tragen, während andere profitieren, verliert das Thema an gesellschaftlicher Akzeptanz.» Entscheidend sei, ökologische Ziele mit sozialer Fairness zu verbinden.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Lage klarer als die öffentliche Debatte. Die Evidenz für den menschengemachten Klimawandel ist laut ETH-Klimaforscher Reto Knutti völlig unstrittig. «Was sich verändert hat, ist nicht der Wissensstand, sondern die politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit.»
Regulationen zeigen Wirkung
Und doch wäre es verfehlt, von einem grundsätzlichen Bedeutungsverlust zu sprechen. Vielmehr hat Nachhaltigkeit «ihre Unschuld verloren», wie es in manchen Kommentaren heisst. Sie wird nicht mehr nur als «moralisch unangreifbares Leitbild» betrachtet, sondern als komplexes Transformationsprojekt mit realen Zielkonflikten. Genau darin liegt auch eine Chance: weg von wohlklingenden Versprechen, hin zu wirksamen Massnahmen, die einem klaren Plan folgen. Tatsächlich zeigt sich bereits, dass nationale wie internationale Regulationen und Verpflichtungen Wirkung zeigen.
Nachhaltigkeit müsse sich heute im Alltag von Politik und Unternehmen bewähren – unter Budgetdruck, im globalen Wettbewerb und angesichts widerstreitender Interessen, so der Wirtschaftsethiker Karl Homann. Das mache sie unbequemer, aber auch glaubwürdiger.
Gerade die aktuellen Krisen legen offen, warum Nachhaltigkeit nicht bloss nice to have ist. Der Klimawandel verstärkt Dürren, Migration und Konflikte. Die Abhängigkeit von fossilen Energien erweist sich als geopolitisches Risiko. Und fragile Lieferketten offenbaren die Verwundbarkeit der globalen Wirtschaft.
Die entscheidende Frage lautet daher weniger, ob Nachhaltigkeit noch wichtig ist, sondern wie sie umgesetzt wird. Wird sie aufgeschoben oder verwässert, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die heutigen Krisen am Ende nur die Vorboten noch grösserer Krisen sind.
Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber hat es auf den Punkt gebracht: «Die Physik verhandelt nicht. Ob wir uns gerade andere Sorgen machen oder nicht, ist dem Klimasystem egal. Jede Verzögerung erhöht die Risiken – ökologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich.» Nachhaltigkeit sei daher keine Option, sondern schlicht eine Überlebensfrage moderner Gesellschaften.