Die Schweiz als Netto-Positiv-Land: Ein Plan, kein Wunsch
Warum die Swiss Impact and Prosperity Initiative (SIPI) aus Davos heraus eine neue Art von Zusammenarbeit starten will.
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Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft arbeiten während des SIPI-Workshops an einer gemeinsamen Roadmap für eine «netto-positive» Schweiz. Bild: PD
Warum die Swiss Impact and Prosperity Initiative (SIPI) aus Davos heraus eine neue Art von Zusammenarbeit starten will.
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4 Min. • • B Lab Schweiz
Während sich das Weltwirtschaftsforum (WEF) unter dem Motto «Collaboration for the Intelligent Age» inszeniert, entfaltet sich eine gegenteilige Realität: Die Architektur globaler Zusammenarbeit bröckelt. Genau in diesem Widerspruch liegt der Ausgangspunkt von SIPI. Wirtschaftsführerinnen und Wirtschaftsführeri stehen vor der Wahl zu schweigen, während das System der Interdependenz zerfällt, oder selbst zu Architekten einer neuen, resilienten Zusammenarbeit zu werden, argumentiert Jonathan Normand, CEO von B Lab Switzerland.
Der Schweizer Kontext
Die Schweiz ist ein Land der Verflechtung: Lieferketten, Finanzplätze, Forschung, Berufsbildung, internationale Organisationen - alles hängt zusammen. Gleichzeitig ist die Transformationslandschaft zersplittert. Viele exzellente Initiativen sind vorhanden, spielen sich jedoch nebeneinander ab. Das Jahr 2026 wird zusätzlich entscheidend aufgrund zahlreicher wichtiger Abstimmungen. Diese werden die Fragen zum Klimaschutz, zur Rolle der Medien und Migration noch weiter aufladen. André Hoffmann rief in Davos dazu auf, das «Wir» zu stärken. SIPI nimmt diesen Satz wörtlich: Das «Wir» muss eine Infrastruktur bekommen, sonst bleibt es Rhetorik.
Was SIPI anders macht
SIPI will nicht das nächste Projekt sein, sondern ein Betriebssystem für regenerativen Wohlstand mit gemeinsamen Begriffen, gemeinsamen Daten und gemeinsamen Prioritäten. Weg vom reflexhaften Blick auf BIP und Quartalszahlen, hin zu Multi-Kapital-Zielen. Dazu gehören das finanzielle, menschliche, soziale und natürliche Kapital - wohlgemerkt innerhalb planetarer Grenzen. Der Mehrwert liegt darin, dass SIPI vorhandene Stärken sichtbar macht, Lücken benennt und Kollaboration so organisiert, dass Skalierung zur Regel wird.
Seit einem Jahr baut SIPI die Grundlagen in Konsultationen mit Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft, dies in Form von Workshops in Davos, Bern und Genf. Entstanden sind eine gemeinsame Sprache, ein Rahmenwerk und vor allem Vertrauen. 2026 markiert den Übergang zur Umsetzung, weniger Debatte über Einzelmassnahmen, mehr Orchestrierung dessen, was schon da ist, dem Schliessen der Lücken sowie dem Überwinden der Hürden, die Skalierung blockieren.
Ein zentrales Davos-Learning ist, dass Daten das Rückgrat sind, aber vielen Akteurinnen und Akteure ist der Wert ihrer Daten nicht bewusst. SIPI will Data Commons fördern, damit Teilen zum Normalfall wird. Und SIPI will Geschichten, die tragen: evidenzbasiert, nah am Alltag, erzählt über Publikationen, Dokus, künstlerische Formate, unterstützt durch ethische KI.
Die Davoser Diagnose: Wir sind gut, aber zu vorsichtig
Am 19. Januar 2026, beim Symposium «Rewiring Switzerland for a Net-Positive Future», wurde der Befund klar. Die Schweiz kann viel, aber sie ist bescheiden. Martina Hirayama sagte: «In der Schweiz fehlt es uns an Ambitionen.» Ihre Botschaft: Innovation ist kein Selbstzweck, sie muss in langfristige, resiliente Geschäftsmodelle übersetzt werden.
Die Frage nach dem Geld und dem Zeithorizont stellte Vincent Kaufmann (Ethos) und beschrieb den Knoten: Kapitalmärkte sind kurzatmig, die Risiken unserer Zeit sind langfristig. Wer nur den nächsten Berichtstermin optimiert, lässt «stille Stakeholder» zahlen, dazu gehören die kommenden Generationen und die Umwelt. Corinne Grässle (Clima Now) geht darüber hinaus: «Der Klimaschutz ist keine Wohltätigkeitsaktion, er ist eine Investition in unsere Zukunft.» Und Gilles Marchand (Universität Genf) erinnerte daran, dass gesellschaftliche Orientierung ohne Fakten nicht überlebt: «Wir müssen den investigativen Journalismus am Leben erhalten.»
Der PROSPER Kompass: Navigation statt Nebel
Damit Netto-Positivität mehr ist als ein Etikett, braucht es eine gemeinsame Mess- und Lernlogik. Der PROSPER Kompass ist diese Übersetzung: eine Scorecard, die Fortschritt über mehrere Kapitalformen sichtbar und Entscheide vergleichbar macht, dies für Unternehmen, Politik und Investitionen. In Davos wurde klar, dass der Kompass auf bestehenden Ansätzen aufbauen und durch Datenstandards und Trainings so praktisch werden soll, dass er Strategie, Steuerung und Zusammenarbeit tatsächlich verändert.
Der PROSPER Kompass zeigt auf, wie sich die Schweiz jenseits des BIP Richtung «netto-positiv» entwickeln kann. Bild: PD
Drei Leuchtturm-Missionen, ein System
SIPI setzt den Scheinwerfer auf drei Missionen, weil Systemwandel Fokus braucht:
Aus den Vertiefungsworkshops ist eine «Landkarte der Interdependenzen» entstanden: Welche Initiativen ergänzen sich, wo fehlen Bausteine, welche Daten und Regeln braucht es? Daraus entwickelt SIPI die Roadmap 2026–2027, priorisiert Hebel je Mission und startet Pilotprojekte für den PROSPER Kompass. Der SIPI Think Tank sorgt dafür, dass das Ganze wissenschaftlich belastbar bleibt und in Geschichten übersetzt wird, die Menschen erreichen, statt sie zu überfordern.
Die Einladung ist simpel: Nicht länger über Wirkung reden, sondern sie gemeinsam liefern, damit die Schweiz nicht nur resilient bleibt, sondern auch netto-positiv wird.
Über B Lab Schweiz
B Lab Schweiz ist eine gemeinnützige Stiftung, die sich der Entwicklung und Unterstützung von Organisationen widmet, die sich einem inklusiven und nachhaltigen Wirtschaftsmodell verschreiben. B Lab bietet Schulungen an und stellt kostenlose Management-Tools wie etwa das B Impact Assessment zur Verfügung, die den Weg hin zur B Corp-Zertifizierung vereinfachen können. Zudem leitet B Lab Projekte wie das Programm Swiss Triple Impact, die Swiss Impact & Prosperity Initiative und das Swiss Impact Forum, das jährlich über 500 Akteurinnen und Akteure zusammenbringt. Mehr als 700 Organisationen aus 85 verschiedenen Branchen beteiligen sich an dem B Lab-Ökosystem durch die Messung ihres Impacts.
Deklaration: Dieser Inhalt wurde von B Lab Schweiz im Rahmen der Partnerschaft mit Sustainable Switzerland selbst erstellt.
Dieser Artikel behandelt folgende SDGs
Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.
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