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Die Zuschauer tauchen unter Wasser: So deutlich war noch nie zu sehen, was in einem Grundschleppnetz geschieht.

Die Zuschauer tauchen unter Wasser: So deutlich war noch nie zu sehen, was in einem Grundschleppnetz geschieht. Bild: Imago

Lebensräume

90 Prozent Beifang: Grundschleppnetze hinterlassen eine Spur der Verwüstung am Meeresboden. Trotzdem sind sie erlaubt – sogar in vielen Schutzgebieten

Ihre negativen Auswirkungen auch auf das Klima sind noch grösser als bisher angenommen, zeigen neue Studien. Ein Film von David Attenborough liefert die Bilder dazu – aus der Fischperspektive.

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90 Prozent Beifang: Grundschleppnetze hinterlassen eine Spur der Verwüstung am Meeresboden. Trotzdem sind sie erlaubt – sogar in vielen Schutzgebieten

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Der bekannte britische Naturfilmer David Attenborough machte sich zu seinem 99. Geburtstag ein besonderes Geschenk. Er brachte am 8. Mai den Film «Ocean» heraus – eine Ode an den aus seiner Sicht wichtigsten Teil unserer Erde, das Meer. Besonders eine Sequenz des Films hinterlässt einen bleibenden Eindruck: Erstmals ist aus der Fischperspektive zu sehen, was ein Grundschleppnetz anrichtet.

Zu dramatischen Streicherklängen taucht der Zuschauer in ein grosses Netz ein, das von einem Schiff über den Meeresboden geschleift wird. In Panik versuchen Fische in alle Richtungen zu fliehen, doch es gibt kein Entkommen. Die schwere Metallkette, die das Netz am Grund hält, wirbelt Sedimente auf und knallt immer wieder gegen Felsbrocken.

«Schon früher zirkulierten verschwommene Aufnahmen vom Einsatz solcher Netze», sagt der Naturschutzbiologe Callum Roberts von der University of Exeter. «Doch erst mit diesen Bildern wird klar, welchen Schaden sie verursachen.»

Meist haben es die Fischer auf eine einzelne Art abgesehen, bis zu drei Viertel des Fangs werden wieder entsorgt – oft auch gefährdete Tiere wie Schildkröten, Haie oder Rochen. Eine verschwenderischere Weise des Fischens ist kaum vorstellbar. Zudem hinterlassen Grundschleppnetze eine Spur der Verwüstung am Meeresboden. Trotzdem sind sie erlaubt – und dies sogar in vielen Schutzgebieten.

Kurz vor dem Beginn der Uno-Meereskonferenz, die ab dem 9. Juni in Nizza stattfinden wird, fordert nun ein Bündnis von NGO, Wissenschaftern und Vertretern von Kleinfischern, diese Praxis zu ändern. Sie haben der EU eine von über 250 000 Menschen unterschriebene Petition für ein Verbot der Grundschleppnetz-Fischerei in Meeresschutzgebieten übergeben.

Schon im 14. Jahrhundert gab es Beschwerden

Ausgerechnet eine Petition ist auch einer der ältesten Belege für den Gebrauch von Grundschleppnetzen: Schon 1376 beklagten sich besorgte Bürger Südenglands beim König über einige Fischer, deren mit Eisen bestückte Netze «so schwer über den Boden fahren, dass sie dort die Blumen unter Wasser zerstören und auch den Laich von Fischen».

Doch seit dem Mittelalter hat sich die Fischerei noch einmal deutlich verändert. Heutige Grundschleppnetze sind teilweise so gross wie Kathedralen und wiegen mehrere Tonnen. Es gibt sie in verschiedenen Formen. Üblicherweise werden sie von Ketten oder Metallbalken am Boden gehalten, während am oberen Teil der Öffnung befestigte Auftriebskörper das Netz aufspannen. Die bis zu hundert Meter breiten und zwölf Meter hohen Netze werden von Schiffen gezogen.

Mehrere kleine Netze kommen dagegen beim Garnelenfang zum Einsatz. Ihre Maschen sind so eng gestrickt, dass kaum Lebewesen entkommen: Bis zu 90 Prozent der Ausbeute besteht aus Beifang. Besonders tief in den Boden graben sich sogenannte Dredgen – Schleppnetze, an deren Unterseite sich eine pflugartige Stahlkonstruktion befindet, um Austern oder Jakobsmuscheln aus dem Sediment zu heben.

In der Seine-Bucht vor Frankreich öffnet ein Fischer eine Dredge voller Jakobsmuscheln. Bild: Pascal Rossignol / Reuters

Wie viel Schaden die Schleppnetze verursachen, hängt stark vom Untergrund ab. Am dramatischsten sei es, wenn sie Riffe durchquerten, erklärt Callum Roberts: «Dort schneiden sie wie ein Rasenmäher alle Lebensformen ab, die nach oben wachsen.» Es dauert Jahrzehnte, bis sich die zerstörten Lebensräume, die für viele Arten wichtig sind, wieder erholen.

Laut Roberts gibt es kaum einen Teil der Kontinentalschelfe, der vom Meer bedeckten Bereiche entlang der Kontinente, der noch nicht von Grundschleppnetzen oder Dredgen erfasst worden ist. Mit entsprechenden Folgen: «In Europa gab es einst Austernriffe von Norwegen bis zum Mittelmeer», sagt der Biologe. «Wegen unserer destruktiven Art zu fischen, sind sie nun alle weg.»

Halb so viel CO2-Ausstoss wie der globale Flugverkehr

Immer deutlicher wird auch, dass Grundschleppnetze noch für ein ganz anderes Problem sorgen: Sie treiben den Klimawandel an. Weil in den Ozeanen stetig organisches Material zu Boden sinkt und dort vergraben wird, ist der Meeresboden einer der grössten Kohlenstoffspeicher der Erde. Wühlen Schleppnetze den Boden um, verwandelt sich ein Teil davon zu CO2 und gelangt in die Atmosphäre.

Erst kürzlich haben amerikanische Forscher ermittelt, dass Grundschleppnetze für eine Freisetzung von bis zu 370 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr sorgen. Das ist etwa doppelt so viel wie die Emissionen aus den Motoren aller Fischereischiffe weltweit und etwa halb so viel wie der Ausstoss des globalen Flugverkehrs.

Sogar aus dem All sichtbar: Bilder aus dem Film «Ocean» zeigen, wie Grundschleppnetze den Meeresboden aufwühlen. Bild: Silverback Films and Open Planet

Diese neuen Erkenntnisse dürften auch bei der bald beginnenden Uno-Meereskonferenz ein Thema sein. Denn die Uno wie auch die EU haben sich zum Ziel gesetzt, 30 Prozent der Meeresgebiete bis 2030 unter Schutz zu stellen, was der Biodiversität und explizit auch dem Klima zugutekommen soll.

Einige europäische Länder wie Deutschland, Belgien oder Frankreich haben dieses Ziel bereits erreicht. Nur wird, wie die jetzt eingereichte Petition vorrechnet, in fast zwei Dritteln der bestehenden Meeresschutzgebiete Europas noch immer mit Grundschleppnetzen gefischt.

Laut Roberts gilt es diese Fangmethode dort konsequent zu verbieten. Die Uno-Meereskonferenz sei ein guter Ort für Ankündigungen. «Ich hoffe, dass die Bilder des neuen Attenborough-Films etwas bewirken und die Länder jetzt beginnen, statt ‹Fake-Schutzgebieten› richtige Schutzzonen einzurichten», sagt er.

Der Naturfilmer David Attenborough setzt sich auch mit 99 Jahren noch immer vehement gegen Umweltzerstörung ein. Bild: Silverback Films And Open Planet

Der Biologe Gerd Kraus, Leiter des Thünen-Instituts für Seefischerei in Bremerhaven, sieht das etwas anders. «Für jedes dieser Schutzgebiete sind bestimmte Schutzziele definiert», erklärt er. Sie seien gar nicht dafür errichtet worden, um jegliche menschliche Aktivität darin zu verhindern. In der Nordsee gibt es etwa Zonen, die zum Schutz von Schweinswalen dienen. Dort dürfen keine Stellnetze stehen, in denen sich die Meeressäuger verfangen können. Grundschleppnetze sind dagegen zum Teil erlaubt.

So auch im Nationalpark Wattenmeer, der sich von den Niederlanden über Deutschland bis nach Dänemark erstreckt. Ein Verbot von Grundschleppnetzen im Wattenmeer würde laut Kraus übers Ziel hinausschiessen, es würde das Ende der deutschen Krabbenfischerei bedeuten. «Wo der Untergrund sandig ist und durch starke Gezeitenströmungen sowieso ständig Sediment aufgewirbelt wird, ist die bodenführende Fischerei vertretbar», sagt er.

Andernorts gilt es aber laut Kraus unbedingt darauf zu verzichten: «Bei Seegraswiesen oder Kaltwasserkorallenriffen, wie sie auch in Europa vorkommen, sorgen Grundschleppnetze für grosse Schäden.»

Der Biologe plädiert deshalb für eine gezielte Strategie: Statt die Schleppnetze in den bereits bestehenden Gebieten mit teilweisem Schutz pauschal zu verbieten, gelte es, die wirklich vulnerablen Zonen unter strengen Schutz zu stellen und die Natur dort ganz sich selbst zu überlassen. Bis jetzt haben erst wenige Prozent der europäischen Meeresgebiete diesen strengen Schutzstatus, dabei peilt die EU 10 Prozent an. «Hier besteht dringender Handlungsbedarf», sagt Kraus.

Welche Fischprodukte aus Grundschleppnetzen stammen

Doch es liegt nicht nur an der Politik. «Auch die Konsumenten haben es in der Hand», sagt die Meereswissenschafterin Isabel Jimenez von WWF Schweiz. Zumal ein grosser Teil der Fischprodukte in unseren Supermärkten und Restaurants aus Grundschleppnetz-Fischerei stamme. Dazu gehören unter anderem Kabeljau, Seehecht, Seelachs und verschiedene Garnelen. «Wir empfehlen, die Deklarationen zu lesen oder nachzufragen und dann auf solche Produkte zu verzichten», erklärt Jimenez.

Wobei das nicht immer einfach ist. Oft steht als Fangmethode nur die sehr weit gefasste Kategorie «Schleppnetz» auf der Packung. Und selbst Fische mit dem MSC-Label können aus einem Grundschleppnetz stammen. Gutes Management und modifizierte Fanggeräte sind laut Jimenez in der Lage, die Auswirkungen der Grundschleppnetz-Fischerei zu mindern. Aber es sei am besten, Fisch zu wählen, der mit selektiven Methoden wie Handleinen oder Angeln gefangen worden sei.

Wer sich umweltbewusst ernähren will, soll Fische und Meeresfrüchte eher für besondere Anlässe aufsparen und sich für Arten entscheiden, die mit geringeren ökologischen Folgen produziert werden können, etwa Karpfen, Welse und Muscheln aus Zucht oder Wildfische wie Sardinen und Sardellen.

Meeresgebiet unter strengem Schutz: Wird die Natur sich selbst überlassen, blüht sie wieder auf. Bild: Silverback Films And Open Planet

Auch Jimenez ist der Meinung, dass es mehr Ozeangebiete braucht, die unter rigorosem Schutz stehen. Was in solchen Regionen geschieht, wenn der Mensch nicht mehr eingreift, ist im Film «Ocean» ebenfalls zu sehen. Bei den kalifornischen Kanalinseln und in einer Zone vor Südfrankreich ist die Üppigkeit des Lebens in all seinen Formen ins Meer zurückgekehrt.

Noch eindrücklicher ist die Entwicklung im weltweit grössten Schutzgebiet, dem hawaiianischen Papahanaumokuakea: Dort können sich die Gelbflossen-Thunfische wieder so gut vermehren, dass deren Zahl selbst in den Nachbargebieten um 54 Prozent zugenommen hat. Und das freut auch die dortigen Fischer.

Martin Amrein, «NZZ am Sonntag» (03.06.2025)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

14 - Leben unter Wasser

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