Mit feiner Crema, einem Schuss Milch oder tiefschwarz – Kaffee ist beliebt. Als Genussmittel und Treibstoff für den Alltag trinkt jeder Schweizer im Schnitt mehr als 1000 Tassen pro Jahr. Nur in wenigen Ländern ist der Pro-Kopf-Konsum grösser, darunter in Deutschland und Norwegen.
Das Vergnügen wird immer teurer, vor allem schlechtes Wetter in den Anbauregionen treibt die Preise für Rohkaffee nach oben, was nun an die Kunden weitergegeben wird. Manche von ihnen plagt auch ein schlechtes Gewissen: Für den Anbau der Kaffeepflanzen wird oft Wald gerodet, bewässert, werden Pestizide eingesetzt, und die Bauern erhalten wenig Geld. Der weite Transport schadet zusätzlich dem Klima. Besserung ist kaum in Sicht, denn der weltweite Bedarf nach Kaffee steigt, vor allem in Asien. Zugleich drohen grosse Anbauflächen durch den Klimawandel zu verschwinden, was nur teilweise durch andere Regionen aufgefangen werden kann.
Eine nachhaltige Alternative könnte Kaffee aus dem Bioreaktor sein. Ohne Störung durch Wetterkapriolen reift der Rohstoff in Edelstahltanks, wie man es vom Bierbrauen kennt. Er muss nicht länger um die halbe Welt geschifft werden, sondern entsteht nah bei den Kunden. Ob er von ihnen angenommen wird, ist eine andere Frage. Massgeblich wird unter anderem sein, dass er in Geschmack und Preis dem natürlichen Kaffee zumindest ähnlich ist.
Geschmacksstoffe aus Blattzellen
Das ist bis jetzt nicht der Fall, doch in Laboren arbeiten Forscher daran, möglichst rasch aufzuholen. Einer von ihnen ist Heiko Rischer vom VTT Technical Research Centre of Finland. Er und seine Kollegen haben 2023 im «Journal of Agricultural and Food Chemistry» beschrieben, was es für den sogenannten zellbasierten Kaffee braucht. Das Getränk geht zurück auf Pflanzenzellen, die kultiviert und verarbeitet werden.
«Um den typischen Kaffeegeschmack zu erzielen, braucht es bestimmte Geschmacksstoffe beziehungsweise Vorstufen davon, die sich dann – etwa durch die Röstung – weiterentwickeln», erläutert Rischer. Diese Stoffe werden in den Kaffeekirschen gebildet, aus denen traditionell die Samen, besser gesagt: die Bohnen, gewonnen werden. Sie sind aber teilweise ebenso in Blattzellen enthalten. Wenn es gelingt, geeignete Zellen zu identifizieren, können auch diese darauf getrimmt werden, die gewünschten Moleküle zu produzieren, die dem Kaffee dann wahlweise einen nussigen oder schokoladigen Geschmack, Bitterkeit oder Säure verleihen.
Genau das tun die VTT-Fachleute. Ist das chemische Profil der Zellen vielversprechend, isolieren sie diese und geben sie in eine Nährlösung. Darin sind neben Wasser vor allem Zucker enthalten, als Energielieferant, sowie Salze und Wachstumsregulatoren, wie sie auch Pflanzen natürlicherweise bilden. Sie sorgen dafür, dass sich die Zellen immer wieder teilen und vermehren.
Mit dem Wachsen und Werden in einem südamerikanischen Regenwald hat das wenig gemein. Die Zellen treiben in dunklen Stahltanks, werden nach einem strengen Plan gewärmt und umgerührt und bei guter Vermehrung in den nächstgrösseren Tank umgepumpt. Die Mitarbeiter tragen Hygienekleidung, um jegliche Verunreinigung zu vermeiden.
Variierte Bedingungen im Stahltank
Die Biotechnologen können beeinflussen, welche Inhaltsstoffe die Zellen bevorzugt produzieren, um den späteren Kaffeegenuss zu ermöglichen. Das geschieht einerseits über die Wachstumsregulatoren, die auch den Stoffwechsel steuern. Andererseits variieren Rischer und sein Team die Umweltbedingungen im Stahltank wie Temperatur oder pH-Wert. Zudem fügen sie Substanzen hinzu, die Abwehrmechanismen auslösen, wie sie eine Pflanze gegen Schädlingsbefall starten würde. «Elicitieren» nennen das die Fachleute, mit dieser Methode wird beispielsweise der Koffeingehalt gesteigert.
Schliesslich wird die nasse Zellmasse gefiltert, getrocknet und geröstet. Der Geruch im Labor erinnert an das natürliche Vorbild. Heraus kommt ein dunkles Pulver, ähnlich gemahlenem konventionellem Kaffee. Nun folgen chemische Analysen, das Pulver wird wie gewohnt gebrüht und geschulten Testern vorgesetzt. Sie wissen nicht, welchen Ursprungs die Probe ist, und bewerten Geschmack, Bitterkeit, Farbe und Geruch nach festgelegten Kriterien.
Die Farbe stimme und der Geschmack sei zumindest ähnlich dem gewohnten Kaffee, sagt Rischer. «Es ist noch kein optimiertes Produkt wie aus dem Supermarkt, sondern eine Ausgangsbasis, um daraus etwas zu entwickeln.» Bei manchen Parametern gehe es in die richtige Richtung, bei anderen sei noch viel zu tun.