Das rosafarbene Mesa Laboratory ist eine Ikone der Architekturgeschichte, gebaut nach Entwürfen des chinesisch-amerikanischen Architekten I. M. Pei in den Jahren 1964 bis 1967. Die auf einem Hügel über Boulder in Colorado thronenden Gebäude beherbergen das Herzstück eines renommierten Forschungszentrums – des National Center for Atmospheric Research, kurz NCAR. Es gilt als Mekka der amerikanischen Atmosphärenforschung.
Vergangene Woche kündigte der Budgetdirektor der amerikanischen Regierung Russ Vought überraschend an, das NCAR aufzulösen. Das Zentrum sei eine der grössten Quellen für Klimaalarmismus im Land, schrieb er im sozialen Netzwerk X. Eine umfassende Überprüfung sei im Gange. Unentbehrliche Tätigkeiten wie die Wetterforschung würden an einen anderen Ort oder in eine andere Organisation verlagert.
Wissenschafter in den USA und im Ausland reagierten bestürzt. Ein massiver Rückbau oder gar eine Schliessung des NCAR wäre eine Katastrophe für die Klimaforschung weltweit, sagte etwa der deutsche Klimaforscher Gerrit Lohmann gegenüber dem Science Media Center Germany. Er arbeitet am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, das auf Polar- und Meeresforschung spezialisiert ist.
Viele der Leistungen des NCAR würden gemeinschaftlich genutzt und seien nicht kurzfristig durch andere Institute ersetzbar, sagte Lohmann. Eine vollständige Abpufferung durch die internationale Forschungsgemeinschaft sei weder realistisch noch effizient, da Expertise, Infrastruktur und Langzeitdaten am NCAR in einzigartiger Weise gebündelt seien.
Am NCAR werden alle Facetten der Atmosphäre erforscht
«Fast jeder, der in den Bereichen Klima, Atmosphärenforschung und Wetterforschung tätig ist – nicht nur in den USA, sondern weltweit –, hat diese Einrichtung besucht und von ihren unglaublichen Ressourcen profitiert», schrieb die kanadische Klimaforscherin Katharine Hayhoe, die an der Texas Tech University tätig ist, auf Linkedin. Sie bezeichnete das NCAR gar als das «globale Mutterschiff» dieser Forschungsgebiete.
Am NCAR, das im Jahr 1960 gegründet wurde, arbeiten derzeit ungefähr 800 Personen. Erforscht werden alle möglichen Details der Atmosphäre. Fachleute entwickeln zum Beispiel Modelle zur Wetter- und Klimavorhersage, untersuchen den Einfluss der Sonne auf die Erde und erkunden Veränderungen der Luftchemie. Auch entwickelt das Zentrum Warnsysteme für Wetterrisiken in der Luftfahrt.
Finanziert wird das NCAR zum grössten Teil von der National Science Foundation, der amerikanischen Bundesbehörde zur Förderung von Wissenschaft und Technik. Im Jahr 2025 steuerte sie etwas mehr als 120 Millionen Dollar zum Budget bei. Verwaltet wird das NCAR von einem Konsortium aus 130 Universitäten und Colleges im Land, der sogenannten University Corporation for Atmospheric Research.
Und das ist eben der Clou: Allen beteiligten Hochschulen stellt das NCAR Infrastruktur und Software zur Verfügung, welche sich diese sonst nicht leisten könnten. Dazu zählen zum Beispiel Forschungsflugzeuge, ein Supercomputer oder frei verfügbare Modelle zur Wetter- und Klimavorhersage.
Gerade wegen dieses Nutzens für die Allgemeinheit ist der Aufschrei jetzt sehr gross. Konsterniert von der angekündigten Auflösung des Forschungszentrums, äussern sich sogar Beobachter, die sonst zu den Ersten zählen, die Fehlentwicklungen in der Klimaforschung anprangern.
«Ich kritisiere die politisierte Klimawissenschaft ständig», schrieb der amerikanische Politikwissenschafter Roger Pielke, der derzeit für die konservative Denkfabrik American Enterprise Institute arbeitet, in seinem Blog. Das NCAR zähle aber nicht zu dieser Kategorie. Die angekündigte Schliessung folge keiner erkennbaren Strategie, entspreche keinem offiziell erklärten nationalen Bedarf und werde der wissenschaftlichen Gemeinschaft der USA irreparablen Schaden zufügen, schrieb Pielke.
Kampf gegen Klimawahnsinn oder innenpolitische Rache
Bis jetzt ist nur wenig über die Motive für die geplante Auflösung des NCAR bekannt. Amerikanische Medien zitieren einen hochrangigen Mitarbeiter des Weissen Hauses, der sich anonym äusserte: Das Zentrum diene als «wichtigste Forschungshochburg für den linken Klimawahnsinn». Die National Science Foundation werde nun aber die Forschungsaktivitäten im Rahmen des «grünen neuen Schwindels» einstellen.
Falls dies die wahren Motive sind, reiht sich die Massnahme in eine Reihe von Entscheidungen der vergangenen Monate ein, die auf den Abbau der Klimaforschung in den USA zielten. Es gibt allerdings auch Spekulationen, wonach die angekündigte NCAR-Zerschlagung als Racheaktion gegenüber dem Gliedstaat Colorado interpretiert werden kann.
Derzeit verbüsst die ehemalige Verwaltungsbeamtin Tina Peters eine neunjährige Haftstrafe, weil sie auf der Suche nach Beweisen für Betrug bei den Präsidentschaftswahlen von 2020 einen Verstoss gegen das Wahlsystem ihres Bezirks Mesa County inszeniert hat. Trump hat Vergeltungsmassnahmen gegen Colorado angekündigt, sollte die Republikanerin Peters nicht freigelassen werden.
Schon jetzt geben die Spekulationen um die Zukunft des Forschungszentrums genug Stoff für einen Kinofilm her. Dabei existiert er längst: 1973 drehte Woody Allen am NCAR mehrere Szenen für seine Science-Fiction-Parodie «Der Schläfer». Dabei seilte er sich an einem der Gebäude des Mesa Laboratory ab.
Der Protest gegen die angekündigte Zerschlagung des Zentrums verlief bisher weniger spektakulär. Am vergangenen Samstag versammelten sich in Boulder lediglich mehrere hundert Demonstranten.
Noch ist die Zerschlagung des NCAR nicht entschieden; es handelt sich bloss um eine Ankündigung. Und im Prinzip hat der Kongress ein Wörtchen mitzureden, wenn es um die Zukunft des Zentrums geht.
Die National Science Foundation hat bereits angekündigt, eine mögliche Restrukturierung des NCAR zu prüfen. Es ist allerdings zu erwarten, dass die zahlreichen Partnerhochschulen des NCAR in der amerikanischen Provinz und ihre politischen Fürsprecher in den beiden grossen Parteien nicht kampflos das Feld räumen werden, wenn diese Restrukturierung Gestalt annehmen sollte.