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Beim Klima wie bei Covid-19: Zeit, die bittere Pille zu schlucken

Prof. Dr. Martin Vetterli ist Präsident der EPFL, der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne. Foto: PD

Klima & Energie Partner Inhalt: EPFL

Beim Klima wie bei Covid-19: Zeit, die bittere Pille zu schlucken

Die vergangenen Jahre haben uns gelehrt, wie die Menschheit mit globalen Krisen umgeht. Während Probleme und technische Lösungen relativ schnell gefunden werden, bleibt der letzte, entscheidende Schritt oft aus – die Umsetzung und die Akzeptanz in der Gesellschaft.

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Beim Klima wie bei Covid-19: Zeit, die bittere Pille zu schlucken

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Wenn ich über das Klima nachdenke, kommt mir immer Jules Verne mit seiner Geschichte «In 80 Tagen um die Welt» in den Sinn. Auf der letzten Etappe dieser abenteuerlichen Reise befindet sich der Held, Phileas Fogg, inmitten des Atlantiks auf einem Schiff. Dort befiehlt er dem Kapitän, das gesamte Holz des Schiffs zu verbrennen, bloss um schneller zu fahren und am Ende die eingegangene Wette zu gewinnen.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir uns auf Phileas Foggs Schiff befinden. Auf dem Planeten Erde durchfahren wir kleinen Lebewesen nämlich das grosse Weltall und missbrauchen die natürlichen Ressourcen unseres Raumschiffes ebenfalls zunehmend schneller. Auch ohne jegliche Rücksicht auf Nachhaltigkeit und langfristige Verluste. Bloss um an das Ziel zu kommen. Bloss um unsere hemmungslose Wette um Wachstum und Konsum zu gewinnen. Dabei wissen wir alle nur allzu gut, wie das enden wird. Warum fahren wir dann nicht langsamer? Warum leben wir nicht nachhaltiger? Woran hapert es?

Die Evidenz häuft sich

Die aktuelle Situation des Klimawandels kann meines Erachtens mit einem bekannten Problem in der Medizin verglichen werden. Eine neue Krankheit tritt auf (zum Beispiel Covid-19), das Problem wird erkannt (das Virus Sars-CoV-2) und eine Lösung wird innerhalb von neun Monaten entwickelt (die Impfstoffe). Doch, und hier kommt das Hauptproblem, ein beachtlicher Teil der Bevölkerung lässt sich nicht impfen.

Das Gleiche gilt für den Klimawandel. Die Wissenschaft hat das Problem schon vor über einem Jahrhundert erkannt – früher hiess es noch klimatische oder globale Erwärmung. In der Tat hat die US-amerikanische Wissenschaftlerin Eunice Newton Foote bereits 1856 festgestellt, dass sich bestimmte Gase erwärmen, wenn sie dem Sonnenlicht ausgesetzt sind. Und als Folge dieser Entdeckung schlug sie vor, dass ein steigender Kohlendioxidgehalt die Temperatur der Atmosphäre verändern würde, und somit das Klima. Das war im 19. Jahrhundert und fand damals noch kein Gehör. Und auch heute wird Eunice Foote leider nicht oft genug erwähnt.

Seitdem häufen sich die Beweise unaufhörlich, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Wir haben eindeutige und langfristige Messungen des Anstiegs des Kohlendioxids, präziser und zuverlässiger als je zuvor. Wir kennen den Anstieg der Temperaturen und das Schmelzen des Eises – und beobachten, wie beide in noch nie dagewesener Geschwindigkeit zunehmen. Und seit ein paar Jahren sehen wir auch erste sichtbare Auswirkungen, die fast alle von der Existenz des Klimawandels überzeugen: extremes Wetter, Dürreperioden, Überschwemmungen und vieles mehr.

Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Ergebnisse sammeln sich an, schon seit 1856 und desto sicherer werden die Aussagen. Das ist wahrscheinlich der beängstigendste Teil an der Geschichte. Aufgrund der gesammelten Daten liegt die Wahrscheinlichkeit, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht ist, immer näher bei 100 Prozent. Mit anderen Worten: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Satz «Vielleicht gibt es ja gar keinen Klimawandel» wahr ist, wird seit Jahrzehnten jeden Tag unwahrscheinlicher.

Neue Impulse gefragt

Wie im Fall von Covid-19 wurde das Problem also erkannt (Kohlendioxid). Aber haben wir auch Lösungen, so wie bei den Impfungen gegen Covid-19? Ich denke schon. Forschende auf der ganzen Welt arbeiten seit Jahrzehnten daran. Sie schlagen auch schon länger neue Technologien vor, nämlich neue Energiequellen wie Windkraft oder Photovoltaik. Und weitere Energiequellen werden in den nächsten Jahren vermutlich hinzukommen, so wie die Gewinnung und Speicherung von Energie aus Wasserstoff.

In der Grundlagenforschung wird zudem versucht, weitere Komponenten des Klimawandels zu identifizieren. Denn Kohlendioxid ist zwar die Hauptursache, aber nicht das einzige Problem. Auch das Gas Methan trägt massgeblich zum Klimawandel bei. Immer bessere Materialien werden entwickelt, um solche Gase und Chemikalien aus der Luft herauszufiltern. Diese können im Idealfall dann sogar wiederverwendet werden, um so den Kreislauf zu schliessen. Auch wird geforscht, wie sich der Klimawandel auf welche Länder und Regionen auswirken wird, und wann das jeweils der Fall sein dürfte. Die Forschenden versuchen auch zu verstehen, bis wann wir wie reagieren müssen, um reale Effekte zu erzielen.

Sogar die Wirtschaftsforschung schlägt neue Ideen und Regulierungen vor. Denn die ökonomischen Modelle müssen sich an den Klimawandel anpassen, wenn wir unter guten Bedingungen weiterleben wollen. Das neue Zentrum Enterprise for Society (E4S) der EPFL in Zusammenarbeit mit der Universität Lausanne und dem IMD befasst sich zum Beispiel mit der Entwicklung neuer Wirtschaftsmodelle, die den Menschen und dem Planeten zugute kommen sollen. Und es bringt auch eine neue Generation von Klimawissenschaftlern und Managern hervor. Da fragt man sich: Warum sind Flüge immer noch so billig? Und warum gibt es immer noch so viele benzinbetriebene Autos, warum die Staus vor dem Gotthard? Welche Mechanismen sind also notwendig, um den Klimawandel zu drosseln?

Die unsichtbare Hand

Die Antwort ist einfach und traurig zugleich: Es gibt immer noch zu viele Skeptiker und Fatalisten. Und sogar Klimaleugner. Sie säen Zweifel, ähnlich wie die Impfgegner, und bremsen die Akzeptanz und den Handlungswillen in der Bevölkerung. Und ihre Argumente spielen auch der berühmten «unsichtbaren Hand» in die Hand, die den Markt zum Wohle der Gesellschaft selbst regeln sollte. Ich muss aber leider zugeben, dass die «sichtbaren Auswirkungen» dieser «unsichtbaren Hand» mich an diesem vermeintlich magischen Mechanismus zweifeln lassen. Und Fakt ist, dass in diesem Zweifel der Sachlage und mit dem Glauben einer magischen Hand niemand handeln wird.

Es ist wie in der globalen Tabakindustrie vor Jahrzehnten. Die schädlichen Auswirkungen des Rauchens auf die Gesundheit waren schon lange bekannt. Aber aufgrund von Lobbys und bezahlten Wissenschaftlern, die falsche Berichte erstellten, wurden in der Bevölkerung Zweifel gesät. Das war tragisch, denn es verlangsamte den Handlungswillen und die Regulierung um Jahrzehnte. Und kostete Hunderte von Millionen von Menschen das Leben.

Die gute Nachricht ist jedoch, dass ich jeden Tag mehr Menschen höre, die vom Klimawandel überzeugt sind. Und das nimmt zu, denn die Beweise werden weiter wachsen und für uns alle immer sichtbarer. Als Forschende müssen wir also nach wie vor erklären und aufzeigen, dass das Problem real ist. Das kann nicht oft genug gesagt werden. Aber wir müssen auch weiter an Lösungen arbeiten. Lösungen, die umgesetzt werden können. Denn das ist alles, was die Wissenschaft und Technik liefern kann: die Erkennung des Problems und die technischen Lösungen. Für den Rest sind wir als Gesellschaft alle zuständig.

Ich hoffe sehr, dass die Menschheit langsam aufwacht. Und dass wir für einmal nicht rücksichtslos das ganze Holz unseres Planeten verbrennen, bloss um unsere Wetten zu gewinnen wie Phileas Fogg. Klar ist jedenfalls: Wir haben nur eine Gelegenheit, um dieses Experiment erfolgreich durchzuführen.

Zum Autor

Prof. Dr. Martin Vetterli (65) ist seit 2017 Präsident der EPFL, der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne. Er wurde in Solothurn geboren, studierte Elektrotechnik an der ETH Zürich und erwarb einen Abschluss der Universität Stanford. Nach seiner Doktorarbeit an der EPFL ging Martin Vetterli an die Columbia University in New York und wurde dort Assistenzprofessor. 1993 wurde er zum ausserordentlichen Professor an die University of California in Berkeley berufen. Zwei Jahre später folgte er einem Ruf zurück an die EPFL.

Mit Forschenden aus über 120 Ländern ist die EPFL eine der internationalsten und innovativsten Hochschulen der Welt und betreibt Spitzenforschung in Bereichen wie erneuerbare Energien, Medizintechnik, Neurotechnologien, Materialwissenschaften und Informationstechnologien.

Martin Vetterli selbst hat mehr als 180 Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht, ist Co-Autor von drei Standardwerken und hat rund 50 Patente verfasst, die die Gründung mehrerer Start-ups ermöglichten.

Deklaration: Dieser Inhalt wurde vom Sustainable Switzerland Editorial Team im Auftrag von EPFL erstellt.

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