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Landschaft mit tropischem Bergregenwald, Hügel und Baumkronen, Bwindi Impenetrable Forest
Landschaft mit tropischem Bergregenwald, Hügel und Baumkronen, Bwindi Impenetrable Forest

Bild: Imago

Lebensräume

Schlummert das Virus, das die nächste Pandemie auslöst, in diesem Wald?

Die nächste Pandemie ist nur eine Frage der Zeit. Ihr möglicher Ground Zero: der Bwindi-Wald in Uganda. Forscher jagten das Virus – bis Donald Trump das Geld strich.

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Schlummert das Virus, das die nächste Pandemie auslöst, in diesem Wald?

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1. Im Wald: Die Gorillas und das gefährliche Paradies

Vielleicht steckt das Virus, das die nächste Pandemie auslösen wird, in diesem Haufen, den der Gorilla gerade abgesetzt hat. Nelson Bukamba bückt sich. Er hat Handschuhe übergestülpt, stochert nun mit einem Stäbchen im Kot. «Weich und wässrig», sagt er. Sein Verdacht ist bestätigt. Dieser Gorilla mit den merkwürdig gesträubten Fellhaaren ist ein Sicherheitsrisiko. Er muss überwacht werden.

Eigentlich hatte alles gut ausgesehen. Nelson Bukamba und Benard Ssebide, beide Veterinäre und Forscher, waren zwei Stunden lang durch den Wald gestapft, den sie in Uganda den «dunklen» Wald nennen, weil er so undurchdringlich ist, und von dem es heisst, er sei einer der ältesten Wälder der Welt. Sie waren einen steilen, rutschigen Hang hinuntergestiegen. Dann einen Hang hinaufgestiegen. Über ihnen surrten Insekten. Schmetterlinge segelten vorbei. Vögel pfiffen. Dann, endlich, trafen sie auf die 21 Gorillas, die sie suchten an diesem Morgen.

Ein Junges, wenige Tage alt nur, wackelte mit dem Kopf, suchte die Brust der Mutter. Andere Affen sassen im Dickicht, zupften Blätter von Büschen, grunzten zufrieden. Der Silberrücken stapfte vorbei wie ein Pfadfinderführer, ein paar Junge im Schlepptau.

«Fell schwarz und glänzend, Fressverhalten normal», kommentierte Nelson Bukamba. Er hielt seine Kamera vors Gesicht, knipste. Dokumentierte eine gesunde Gorillagruppe.

Der Forscher Nelson Bukamba beobachtete eine gesunde Gorillagruppe, unter anderem eine Mutter mit Baby – doch dann kam der Problemaffe angewankt. Bild: Imago

Nelson Bukamba ist 31 Jahre alt. Er beschloss als Kind, Tierarzt zu werden, nachdem sein Hund überfahren worden war und niemand hatte helfen können. Benard Ssebide ist 48. Er schaute als Kind «Daktari», eine Fernsehserie über einen Tierarzt in Ostafrika, der verletzte Wildtiere heilte und Wilderer bekämpfte. So wollte auch Ssebide sein Leben verbringen.

Der heutige Kontrollgang hätte ein Morgenspaziergang sein können für zwei Männer, die sich ihren Berufstraum erfüllt haben.

Doch dann kam der Problemgorilla angewankt.

Die Suche nach Virus X

Nelson Bukamba liest Kot wie andere Leute Zeitung. Um sich darüber zu informieren, was der Welt drohen könnte. Er streicht nun ein wenig Exkrement in ein Röhrchen. Verschliesst es. Übergibt es an Benard Ssebide, der einen Koffer trägt mit all den Proben, die sie ins Labor bringen.

Bukamba und Ssebide sind nicht nur Tierärzte und nicht einfach hier, um das Wohlbefinden der Gorillas zu prüfen. Sie jagen Viren.

Es gibt ein paar Orte auf der Welt, von denen es heisst, sie könnten das nächste tödliche Virus hervorbringen. Dieser Wald im Süden von Uganda ist einer von ihnen.

Der Wald heisst Bwindi Forest. Er ist ein Paradies, das vor Fruchtbarkeit explodiert. Er beherbergt mehr als 160 Baumarten, Hunderte von Farnarten. Die Pflanzen umschlingen einander, verknoten sich, strecken sich zum Licht, das kaum durchdringt, weil der Wald so dicht ist. In den mindestens 25 000 Jahren, die er besteht, konnte sich hier eine Biodiversität entwickeln, wie es sie fast nirgendwo sonst auf der Welt gibt.

Der Bwindi Forest beherbergt eine Biodiversität, wie es sie fast nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Bild: Imago

Aber der Wald ist ein gefährliches Paradies. Es gibt hier Pockenviren, Gelbfieberviren und Lymphocryptoviren. Chikungunyaviren, Zikaviren und Marburgviren. Coronaviren. Ebolaviren.

Und vielleicht auch das Virus, das Bukamba und Ssebide schlicht X nennen. Ein noch unbekanntes Virus, das die nächste Pandemie auslösen kann. Es ist dieser Erreger, nach dem sie suchen. Der im Kot des Gorillas mit dem seltsam gesträubten Fell stecken könnte.

«Die Frage ist nicht, ob eine nächste Pandemie kommt», sagt Benard Ssebide, während er durch den Wald stapft. «Die Frage ist, wann.» Wenn das nächste tödliche Virus auftaucht, wird es sich zuerst in einem Wirt einnisten. Das kann eine Ratte sein. Ein Stachelschwein. Eine Fledermaus. Ein Gorilla. «Anything», sagt Ssebide.

Die Aufgabe von ihm und Bukamba ist es, das X-Virus zu finden, bevor es auf den Menschen überspringt.

Doch es gibt ein Problem. Es hat mit Donald Trump zu tun. Dieser hat nach seinem Amtsantritt im Januar 2025 die amerikanische Entwicklungshilfebehörde USAID zerschlagen. Kaum ein Land wurde davon so hart getroffen wie Uganda. Hunderte Millionen Dollar flossen bis dahin in ugandische Forschung. Ugandische Kliniken. Ugandische Laboratorien.

Doch nun werden Forscher entlassen. Spitäler schliessen. Laboratorien können Proben nicht mehr testen, weil die Test-Kits fehlen.

Es könnte nun sein, dass Benard Ssebide und Nelson Bukamba das Virus X zwar in einer Probe sammeln, aber diese nie analysiert wird. Die Welt nie erfährt, dass das Virus unterwegs ist, es bald nach Europa, in die USA, nach Asien geschafft hat. Und Ssebide und Bukamba schliesslich aus den Nachrichten vom Ausbruch der Pandemie erfahren. Ja, was, wenn die nächste Pandemie kurz bevorsteht?

Gefährliches Paradies: Eingang zum Bwindi-Nationalpark. Bild: Imago

2. Im Spital: Die Zeitbombe

Vielleicht verbirgt sich das Virus, das die nächste Pandemie auslösen wird, bereits in diesem Spital, das vom Wald fast verschlungen wird. Von ihrem kleinen Eckbüro aus blickt Charlotte Aguti, die Spitaldirektorin, auf die steilen grünen Hügel, in denen die Gorillas umherstreifen. Auf Agutis Pult klebt ein Sticker von USAID, daneben steht eine grosse Flasche Desinfektionsmittel.

Charlotte Aguti sagt: «Ich frage mich, ob wir hier auf einer Zeitbombe sitzen.»

Das Bwindi Community Hospital ist ein Vorposten der Gesundheitsversorgung und der Forschung. Es behandelt jährlich Zehntausende von Patientinnen und Patienten. Es ist das einzige gute Spital in dieser abgelegenen Gegend. Im Labor lagert es Proben, die Benard Ssebide und Nelson Bukamba im Wald sammeln. Das Spital zieht Forscher aus vielen Ländern an. Sie wollen verstehen, wie das nächste tödliche Virus ausschauen könnte.

Man sieht dem Spital die Bedeutung nicht an. Es besteht aus einem Dutzend unscheinbarer ein- und zweistöckiger Gebäude. Charlotte Agutis Direktorinnenbüro ist schuhschachtelgross.

Aguti muss das Büro gar nicht verlassen, um zu beobachten, was Bwindi besonders macht. «Jeden Tag sehe ich Insekten, Schmetterlinge, Raupen. Auch Affen. Jeden Tag. Sie hinterlassen Kot.» Neulich haben ihr die Affen wieder die Bananen aus dem Büro gestohlen.

Aguti ist in der Stadt aufgewachsen, nicht im Dschungel. Dieser machte sie nervös. Sie versucht nun, sich zu entspannen. Sie lässt die Schlangen bei ihrem Haus nicht mehr jagen. «Wenn ich in Bwindi bin, sehe ich Leben», sagt sie. Aber so ganz wohl ist ihr nicht dabei.

Ihr Gefühl trügt sie ja eigentlich nicht. Es ist das viele Leben in Bwindi, das die Gegend zur Gefahrenzone macht. Wo es viele Tiere gibt, gibt es viele Viren, die in ihnen schlummern. Die durch die vielen Mücken und Zecken von einer Art auf die andere übertragen werden können. Von einer Art, deren Immunsystem das Virus kennt und kontrollieren kann – zu einer Art, die das Virus nicht kennt.

Zum Beispiel vom Gorilla auf den Menschen.

800 000 Viren, die eine Pandemie auslösen können

Forscher schätzen, dass es 1,6 Millionen unentdeckte Viren allein bei Säugetieren geben könnte. Die Hälfte davon könnte potenziell auf den Menschen überspringen. Das sind 800 000 unbekannte Viren, die eine nächste Pandemie auslösen könnten. Die in Bwindi beginnen könnte. Wo Patient null dann im Bwindi Community Hospital von Charlotte Aguti eingewiesen würde.

«Wir sehen hier immer wieder Krankheiten, die wir nicht verstehen», sagt Aguti. Sie sieht auch Krankheiten, die sie kennt und die gefährlich sind. Im vergangenen Jahr behandelten sie mehrere Fälle von Mpox. Sie haben hier Malaria, Typhus, Tuberkulose, Schweinegrippe. Es gab jüngst einen Ausbruch von Milzbrand bei Büffeln und Nilpferden – für Menschen kann die Krankheit tödlich sein.

Charlotte Aguti begrüsst ständig Forscherinnen und Forscher, die Bwindi als Frontlinie der Pandemiebekämpfung sehen. Zum Beispiel von der University of California, die grosse Forschungsprojekte in Bwindi durchgeführt hat. Die Forscherinnen durchkämmten zusammen mit Benard Ssebide und Nelson Bukamba den Wald. Sie stiegen in Fledermaushöhlen. Besuchten Dörfer am Waldrand. Prüften Blutproben im Spital auf Antikörper. Schrieben Aufsätze mit Titeln wie: «Nachweis von Viren unter Verwendung von Pflanzenresten aus dem Fressverhalten wilder Berggorillas und Goldmeerkatzen».

Forschende der University of California besuchten für Projekte zur Pandemiebekämpfung Dörfer am Waldrand. Bild: Imago

Ihr Ziel: Virus X nicht erst dann zu finden, wenn es in einer grossen Stadt angekommen ist. Sondern schon dort, wo es auf den Menschen überspringt – in Bwindi, im dortigen Spital.

Doch dann suchte im 12 000 Kilometer entfernten Washington ein Präsident nach Möglichkeiten, das Geld seiner Bürger vermeintlich klüger einzusetzen. Wenige Stunden nach seinem Amtsantritt fror Donald Trump Millionen an Hilfsgeldern ein, die unter anderem Forschung in Bwindi finanzierten. Allein 2023 hatte die amerikanische Regierung mehr als 20 Milliarden Dollar ausgegeben, um Gesundheitsprogramme im Ausland zu finanzieren. Für die USA war das ein Bruchteil ihres gigantischen Staatsbudgets von 7 Billionen Dollar. Für die Welt war es ein Drittel aller Entwicklungshilfe im Gesundheitsbereich. Kein anderer Geber kam auch nur in die Nähe davon.

Kurz darauf unterbrachen Forscher in Uganda Langzeitstudien. Doktoranden verloren ihre Stipendien. Forschungsnetzwerke wurden zerstört. Die renommierteste Universität des Landes, die Makerere University, entliess zweihundert Mitarbeiter, die mit amerikanischem Geld finanziert worden waren.

Die Forschung in Bwindi half nicht einfach den Ugandern. Sie diente dazu, neue Viren früh zu identifizieren, damit sich die Welt auf sie vorbereiten konnte. Die Proben von Benard Ssebide ermöglichten es, Wirkstoffe zu identifizieren und Medikamente zu entwickeln, vor ein paar Jahren waren sie Teil einer Task-Force, die untersuchte, wie das Ebolavirus auf den Menschen übertragen wurde. Ssebide sagt: «Verbreitet sich ein neues Virus und muss man bei null anfangen, dauert es ewig, Impfungen und Medikamente zu entwickeln.»

Das heisst: Solange das Geld floss, war es möglich, die Explosion der Zeitbombe vorauszusagen. Sie im besten Fall zu entschärfen. Nun weiss kein Mensch, wann sie explodieren wird. Vielleicht ist Bwindi inzwischen eher ein Vulkan. Ein Vulkan hat keinen Timer – es brodelt, und niemand kann vorhersagen, wann etwas potenziell Tödliches herausgeschleudert wird.

Das Problem in Bwindi: Wenn Patient null hier im Spital eingeliefert wird, betrifft das nicht nur Uganda. Sondern die ganze Welt.

Die Direktorin Charlotte Aguti führt nach dem Gespräch über das Gelände des Spitals. Die amerikanischen Kürzungen betreffen fast jede ihrer Abteilungen. Sie kann Pflegerinnen nicht mehr bezahlen. Die HIV-Abteilung musste sie schliessen. Die infektiösen Abfälle kann sie nicht mehr abtransportieren lassen – sie werden nun verbrannt. Test-Kits treffen nicht mehr ein. Der Generator im Labor funktioniert nur noch sporadisch. Und die Kühlschränke mit den im Wald gesammelten Proben fallen öfter aus.

Überall kleben noch die Logos von NGO. Uganda liess sich einen grossen Teil seines Gesundheitssystems vom Ausland finanzieren. So wie viele afrikanische Länder. Und längst nicht nur die USA sind zahlungsmüde.

Die Zeitbombe – wie entschärft man sie? Charlotte Aguti sagt: «Wir beten.»

3. Im Dorf der Batwa: Der Mensch ist die Gefahr

Vielleicht schlummert das Virus, das die nächste Pandemie auslösen wird, schon in diesen Menschen hier, die in Dörfern am Waldrand leben – und springt von ihnen direkt in die Welt hinaus, ohne den Weg über das Bwindi Community Hospital zu nehmen. Früher nannte man die Menschen hier Pygmäen, das war die Bezeichnung, die ihnen Kolonialisten gaben. Nun heissen sie so, wie sie sich selber nennen: Batwa.

Bei den Batwa. Bild: Imago

Gerade sitzen ein Dutzend von ihnen im Dorf Byumba auf Holzbänken im Gemeindezentrum – einem offenen Raum, so gross wie ein Klassenzimmer, unter einem Blechdach. Der Wald beginnt nur einen Hügel weiter, dunkelgrün, undurchdringlich. Die Batwa sitzen da mit geraden Rücken, den Blick nach vorne gerichtet. Dort steht Pallavi Shoroff, eine 25-jährige Public-Health-Studentin von der Colorado State University.

Shoroff ist eine der Amerikanerinnen, die noch kommen. Sie ist heute ausgerückt, um den Batwa zu zeigen, wie sie verhindern können, die nächste Pandemie auszulösen.

Shoroff ist nervös. Sie ärgert sich über sich selbst, weil sie ihre Präsentation zu klein ausgedruckt hat, A4, keiner der Batwa kann lesen, was auf dem Blatt steht: «Zoonotische Erkrankungen in Bwindi».

Umso wichtiger ist es, dass sie gut erklärt. «Ihr lebt hier mit Schimpansen, Gorillas, Fledermäusen», sagt sie. «Wenn euch ein krankes Tier beisst, könnt ihr krank werden. Auch wenn Mücken Kontakt haben mit einem kranken Tier und euch stechen, könnt ihr krank werden.»

Nicken bei den Batwa im Publikum. So weit, so bekannt.

Die Vertreibung der Batwa

Es gibt 120 Säugetierarten in Bwindi. Doch es ist vor allem eine Art, die dafür sorgt, dass die Gegend ein möglicher Ground Zero wird für die nächste Pandemie: der Mensch. Dieser rückt dem Wald und den Lebewesen darin immer näher. Bwindi ist zwar eine abgelegene Gegend, doch die Bevölkerungsdichte um den Wald ist hoch. Und die Menschen werden mehr. Benötigen Holz für Feuer. Felder für Nahrung. Manchmal Fleisch.

Niemand lebt näher beim Wald als die Batwa. Einst wohnten sie im Wald. Sie jagten Vögel, Antilopen und Buschschweine. Sammelten Honig, Früchte und Wurzeln. Bis Ugandas Regierung 1992 beschloss, den Bwindi-Wald zum Naturschutzgebiet zu machen. Damit Touristen die Gorillas bestaunen können. Ohne dabei anderen Menschen zu begegnen, die dort lebten. Die Regierung vertrieb die Batwa aus dem Wald.

Einst wohnten die Batwa im Wald - bis sie vertrieben wurden. Bild: Imago

In den Dörfern um Bwindi kann man heute an geführten Touren teilnehmen, in denen die Batwa ihre Geschichte erzählen. Sie klingt wie die der Indianer im Wilden Westen. Edle Naturmenschen, die im Einklang lebten mit ihrer Umgebung. Dann aber daraus verjagt wurden. Gegen Ende der Tour lernen die Touristen, wie man mit Pfeil und Bogen ein Schwein aus Holz durchbohrt.

Aber die Vorstellung von der paradiesischen Harmonie zwischen Mensch und Natur stimmt nur halb. Gerade weil die Batwa so nahe am Wald wohnen, der voller namenloser Viren ist, wären sie womöglich die Ersten, die das nächste tödliche Virus trifft.

Zoonosen sind Infektionskrankheiten, die zwischen Mensch und Tier übertragen werden. Durch Bisse zum Beispiel. Oder Mückenstiche. Drei Viertel aller neu auftretenden Infektionskrankheiten sind Zoonosen. Covid-19 ist eine Zoonose. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass auch die nächste Pandemie eine Zoonose sein wird.

Das will Pallavi Shoroff den Batwa heute erklären. Doch es läuft nicht nach Plan.

Dass ein Biss oder ein Mückenstich krank machen kann, leuchtet den Batwa ein. Doch dann:

«Wenn eure Tiere krank werden, wenn sie zum Beispiel von einem Affen gebissen werden und sterben: Esst sie nicht. Esst auch keine Affen oder Fledermäuse.»

Gelächter bei den Batwa. Die Referentin Shoroff schaut irritiert.

«Wenn ihr eine kranke Kuh habt, die stirbt: Grabt ein Loch und werft sie hinein. Dann verbrennt sie.»

Mehr Lachen. Lautes Gemurmel im Publikum. Eine noch verwirrtere Shoroff.

Die Batwa lachen, weil es ihnen absurd erscheint, eine tote Kuh einfach zu verbrennen. Das Fleisch ist zu wertvoll. Auch Armut begünstigt die Verbreitung von Viren. Die Batwa lachen auch, weil manche von ihnen in den Wald schleichen, um zu wildern. Sie würden das nicht zugeben. Aber es ist ein offenes Geheimnis. Wenn die Batwa über Tiere sprechen, sprechen sie nicht von Brüdern und Schwestern. Sie sprechen von Fleisch.

Auch Affen sind Fleisch. Die Batwa sagen: «Wir essen kein Affenfleisch. Das machen vielleicht die Kongolesen auf der anderen Seite der Grenze. Aber nicht wir.» Selbst wenn das stimmen würde: Die Grenze liegt nur ein paar Hügel weiter. Und Viren kennen keine Grenze.

Das nächste Virus könnte zuerst auf einen Gorilla überspringen. Bild: Imago

Heute hier, 36 Stunden später in New York

Es gibt in den Batwa-Dörfern am Waldrand Gesundheitsverantwortliche. Diese dienen als Beraterinnen für die Dorfbewohner. Und als Alarmsystem. Sie sollen melden, wenn sie ungewöhnliche Krankheiten beobachten. Nachdem Pallavi Shoroff ihren Vortrag beendet hat, sagt die Gesundheitsverantwortliche des Dorfes: Vor einigen Monaten sei eine Frau krank geworden, nachdem sie Affenfleisch gegessen habe. Auf ihrer Haut habe sich ein starker Ausschlag gebildet. Sie musste ins Spital gebracht werden. Nach einem Monat kehrte sie zurück.

Die Frau war ein potenzieller Patient null. Wie viele Batwa.

Die Forscherinnen und Forscher, die nach Bwindi reisten, sprechen von «one health». Das heisst: Die Gesundheit von Tieren und von Menschen sind untrennbar miteinander verknüpft. Nicht nur, weil Tiere Menschen infizieren können. Sondern auch umgekehrt. Vor der Covid-Pandemie steckten verschnupfte Touristen regelmässig Gorillas an. Was für diese lebensgefährlich sein konnte. Seit Covid-19 tragen die Touristen Masken und stecken die Gorillas nicht mehr an.

Überhaupt, der Tourist – es gibt kaum ein gefährlicheres Tier. Er reist nach Bwindi. Stapft ein paar Stunden durch den Wald. Bestaunt dort die Gorillas. Reist am nächsten Tag wieder ab. Landet bald darauf in London, Tokio, Mexiko-Stadt.

Benard Ssebide, der auf seinen Gorilla-Check-ups regelmässig mit Touristengruppen durch den Wald wandert, sagt: «Ein Virus kann heute hier sein. 36 Stunden später schon in New York.»

Der Grund dafür sind nicht die Batwa. Der Grund sind die Touristen, die anreisen, um ein angeblich unberührtes Paradies zu sehen. Und dann womöglich mit sich tragen, was auch hier in der Natur schlummert: das Virus.

4. Im Labor: Namenlose Viren

Vielleicht liegt Virus X schon in einer der grössten Städte Ostafrikas. Im Uganda Virus Research Institute, kurz UVRI, 600 Kilometer nördlich von Bwindi in Entebbe auf einer Anhöhe über dem Victoriasee. Das Institut ist die letzte Barriere, bevor die Viren die Landesgrenze überschreiten. Oder war.

Hier wird womöglich die Probe landen, die Nelson Bukamba vom Gorilla mit dem seltsam gesträubten Haar genommen hat. Hierher schickt auch das Bwindi Community Hospital verdächtige Spezimina. Tausende Proben von Menschen mit verdächtigen Krankheiten lagern hier – Krankheiten, wie sie bei den Batwa zuerst auftreten können.

In seinen Kühlschränken schlummern auch Hunderttausende Samples, die nun nicht mehr analysiert werden, weil das Geld fehlt.

Das Institut wurde 1936 gegründet, in der Kolonialzeit. Schon damals bezahlten Amerikaner: Die Rockefeller Foundation wollte das Gelbfiebervirus erforschen. Dieses kam damals in Westafrika vor, aber nicht hier, weiter im Osten. Aber die Amerikaner wollten vorbereitet sein.

Tatsächlich identifizierte man drei Jahre nach der Gründung die ersten Gelbfieberfälle in Uganda. Forscher des Instituts reisten durchs Land. Sie fanden heraus, dass Affen als Reservoir für das Virus dienten. Dass Mücken es auf den Menschen übertrugen, wenn diese in die Wälder vordrangen. Die Arbeit der Forscher half, zu verhindern, dass sich das Gelbfiebervirus unkontrolliert verbreitete.

Seither dient das Institut als Kommandozentrale, die die Wälder Ugandas ebenso im Blick hat wie die weite Welt. Während der Covid-Pandemie identifizierte das UVRI Varianten des Coronavirus, die in Afrika zuerst auftraten. Europäische Epidemiologen, amerikanische Public-Health-Spezialisten, WHO-Mitarbeiter kamen hierher, um zu erfahren, wie sie die nächste Pandemie verhindern können.

Sie kamen zum Beispiel zu Julius Lutwama, dem Leiter der Abteilung für Arbovirologie. Von seinem Bürofenster aus blickt er auf den See, die Szenerie könnte kaum friedlicher sein. Lutwama hat die gelassene Autorität eines Silberrückens – und das zu Recht: Er ist eine Virologen-Legende. Er arbeitet seit mehr als vierzig Jahren am UVRI, hat in dieser Zeit mehrere neue Viren identifiziert. Eine Variante von Ebola zum Beispiel. Aber seine Lieblingsviren sind Gelbfieber und Zika. Über Gelbfieber schrieb er einst seine Dissertation. Zum Zikavirus sammelte er später viele Proben im Wald, in dem das Virus entdeckt wurde. Er liegt nur wenige Kilometer vom Institut entfernt.

Julius Lutwama, Leiter der Abteilung für Arbovirologie am UVRI. Bild: NZZ

Doch mit der Gelassenheit des Julius Lutwama ist es gerade vorbei. Denn im vergangenen Jahr hat er viel Geld und viele seiner Mitarbeiter verloren.

Lutwama sagt: «Ich weiss nicht, wie wir weitermachen.»

Fast 80 Prozent seines Jahresbudgets kamen aus den USA. In den Monaten nach dem Hilfestopp musste er 20 der 100 Mitarbeiter in seiner Abteilung entlassen. Wer von den Kürzungen verschont blieb, schaut sich nun nach anderen Stellen um.

Es ist unheimlich still in den Fluren vor Lutwamas Bürotür. An einer Wand hängt eine Karte von Uganda, auf der die Fundorte neuer Viren eingezeichnet sind. Und in den vielen Kühlschränken, die hinter Türen liegen, die sich nur mit Zahlencodes und mit Fingerabdrücken öffnen lassen, schlummern Tausende von Viren bei minus 80 Grad Celsius. Viele von ihnen haben keine Namen.

Julius Lutwama würde sie gerne erforschen. Ihre Genome entschlüsseln. Er möchte Doktoranden losschicken in die Wälder, um zu verstehen, was sich dort abspielt in den Körpern von Gorillas und Fledermäusen. Er möchte überwachen – so wie es eigentlich seine Aufgabe wäre.

Doch das Geld ist weg. Und Lutwama hat viel Zeit, sich Sorgen zu machen über die nächste Pandemie.

«Das X, über das wir alle nachdenken», sagt er, fast mehr zu sich selber. Er glaubt, dass es ein Arbovirus sein wird – ein Virus, das durch Mücken oder Zecken übertragen wird.

Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass es keine zehn Jahre dauere bis zur nächsten Pandemie, sagt er. Und gut möglich, dass die Pandemie in Uganda ihren Anfang nimmt – Lutwama aber nichts ausrichten kann, weil er nicht überwachen konnte, es deshalb keine Impfstoffe und Medikamente gibt.

Hunderttausende von Proben liegen in diesem Institut. Ein UVRI-Mitarbeiter öffnet einen der Kühlschränke. Bild: Uganda Virus Research Institute

«Ich hoffe, es passiert nicht hier», sagt Lutwama. Denn hier sind sie nicht vorbereitet.

Aber wenn sie in Uganda nicht vorbereitet sind, sind sie auch nirgendwo sonst vorbereitet.

Die Zeitbombe tickt weiter

Irgendwann könnte die Probe vom Gorilla mit dem gesträubten Fell hier eintreffen. Möglich, dass dann noch jemand hier arbeitet. Die Gates-Stiftung hat versprochen, in den nächsten Jahren zusätzliche Milliarden in die globale Entwicklungshilfe im Gesundheitssektor zu stecken. Auch die Weltbank will Lücken füllen.

Und sogar die amerikanische Regierung hat erkannt, dass sie mit ihrem Hilfestopp die eigene Bevölkerung gefährdet. Sie hat Abkommen mit afrikanischen Regierungen ausgehandelt. Uganda soll in den nächsten fünf Jahren 1,7 Milliarden Dollar erhalten. Für den Gesundheitsbereich.

Klingt nach viel Geld. Aber es ist weniger als zuvor. Und in fünf Jahren soll Uganda alles selber bezahlen – so gut wie unmöglich für das arme Land.

Virus X wird das amerikanische Geld sowieso kaum verhindern. Im Abkommen steht fast nichts von Pandemiebekämpfung. Stattdessen geht es um Krankheiten, die schon grassieren: Aids, Tuberkulose, Malaria.

Deswegen sorgt sich Julius Lutwama weiter. Er sagt: «Ich habe keine Ahnung, ob Geld zum Institut fliessen wird.» Die Sorge ist berechtigt. Auch weil das Geld nicht wie früher direkt von USAID zu den Projekten fliessen soll, sondern zuerst in Ugandas Staatskasse, wo schon viele Millionen versickert sind wegen eines sehr menschlichen Virus – der Korruption.

Julius Lutwama sagt, selbst wenn das Geld zum Institut gelange – «wir hatten Programme, die Millionen kosteten. Dieses Level werden wir nicht mehr erreichen.»

Im Bwindi-Wald hatte Benard Ssebide gesagt, die nächste Pandemie sei unvermeidbar. Die Frage sei nur, wann sie ausbreche.

Die Zeitbombe tickt. Sie wird explodieren. Das Wissen darüber, was in ihr schlummert, könnte Leben retten. Aber momentan bleibt sogar das verborgen.

Möglich, dass Virus X schon in einem der Kühlschränke mit den nicht analysierten Proben wartet, die im UVRI hinter den Türen mit den Fingerabdrucklesern stehen.

Julius Lutwama tut, was er kann. Auf seinem Pult steht eine grosse Dose Mückenspray. Und den Kühlschrank in seinem Büro hat er mit Klebeband umwickelt.

Was, wenn die nächste Pandemie kurz bevorsteht? Bild: Imago

Samuel Misteli, «Neue Zürcher Zeitung» (07.03.2026)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

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