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Schon ein kleines Glas Limonade enthält oft mehr als 20 Gramm Zucker.
Schon ein kleines Glas Limonade enthält oft mehr als 20 Gramm Zucker.

Schon ein kleines Glas Limonade enthält oft mehr als 20 Gramm Zucker. Bild: Imago

Produktion & Konsum

40 Kilogramm: So viel Zucker nehmen wir im Jahr zu uns. Weil das viel zu viel ist, wird in Deutschland jetzt wieder über eine Zuckersteuer debattiert.

Diese Woche brachte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther einen Vorschlag für eine Lenkungssteuer auf Getränke mit Zuckerzusatz in den deutschen Bundesrat ein. Warum Zucker ein Problem ist und was Steuern darauf bewirken.

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40 Kilogramm: So viel Zucker nehmen wir im Jahr zu uns. Weil das viel zu viel ist, wird in Deutschland jetzt wieder über eine Zuckersteuer debattiert.

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Inhaltsverzeichnis

1. Wie hoch ist der Zuckerkonsum in Deutschland und der Schweiz?

2. Was ist Zucker überhaupt?

3. Wie viel Zucker ist zu viel?

4. Was sind die gesundheitlichen Folgen von zu viel Zucker?

5. Macht Zucker süchtig?

6. Warum beschränkt sich der aktuelle Vorschlag auf Getränke mit zugesetztem Zucker?

7. Welche Modelle für eine Zuckersteuer werden diskutiert?

8. Wo gibt es überall schon Zuckersteuern?

9. Was bringt eine Zuckersteuer wirklich?

10. Weichen Hersteller und Konsumenten auf kalorienarme Süssstoffe aus?

11. Wie argumentieren die Gegner von Zuckersteuern?

12. Kann man eine Zuckersteuer auch ohne eine höhere Steuerbelastung haben?

Seit Jahren schwelt nicht nur in Deutschland die Debatte um eine Zuckersteuer. Sie soll nach Vorstellung der Befürworter dazu beitragen, den Konsum des süssen, aber in grösseren Mengen ungesunden Kohlehydrats zu reduzieren. Nachdem Daniel Günther beim CDU-Parteitag im Februar mit einem Vorschlag für eine Steuer auf Süssgetränke mit zugesetztem Zucker gescheitert ist, bringt der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins nun einen entsprechenden Antrag in den Bundesrat ein. Wie gross ist das Problem Zucker? Und wie stark könnte eine Steuer zu dessen Lösung beitragen?

Wie hoch ist der Zuckerkonsum in Deutschland und der Schweiz?

In der Schweiz und in Deutschland liegt der Konsum von industriell verarbeitetem weissem Zucker bei mehr als 30 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Hinzu kommen knapp 10 Kilogramm anderer zuckerhaltiger Süssungsmittel wie Rohzucker, Honig oder Ahornsirup. Damit liegt der gesamte Konsum sogenannten freien Zuckers pro Person bei mehr als 40 Kilogramm im Jahr. Das sind am Tag mehr als 100 Gramm oder rund 36 Stück Würfelzucker. Und damit mehr als das Doppelte der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und vielen Fachgesellschaften empfohlenen Höchstmenge. Immerhin: Der Zuckerkonsum war in beiden Ländern zuletzt leicht rückläufig.

Was ist Zucker überhaupt?

Chemisch gesehen sind Zucker eine grosse Klasse von meist ringförmig aufgebauten Kohlehydraten. Haushaltszucker wird meist aus Zuckerrohr oder -rüben gewonnen. Er besteht aus Saccharose, die sich wiederum aus den beiden Zuckerarten Glucose und Fructose zusammensetzt.

Wie viel Zucker ist zu viel?

In kleineren Mengen ist Zucker unbedenklich und ein natürlicher Bestandteil vieler gesunder Lebensmittel, etwa von Obst. Die WHO empfiehlt, weniger als 10 Prozent des täglichen Energiebedarfs durch «freien Zucker» zu decken – gemeint sind damit zugesetzter Industriezucker, aber auch natürliche Zuckerbomben wie Fruchtsäfte und Honig. Für Erwachsene entspricht das in etwa 50 Gramm Zucker am Tag; Kinder sollten entsprechend weniger Zucker zu sich nehmen. Laut der WHO markiert dieser Richtwert bereits die Obergrenze. Ideal sei es, nur die Hälfte davon zu konsumieren, also rund 25 Gramm am Tag. Wichtig ist für die Frage der individuellen Obergrenze die körperliche Aktivität: Für Leistungssportler kann Zucker eine gute Quelle schnell verfügbarer Energie sein. Alle anderen setzen ihn aber leicht in Fettpolster um.

Was sind die gesundheitlichen Folgen von zu viel Zucker?

In den bei uns üblichen grossen Mengen trägt Zucker vor allem zu Übergewicht und damit zu Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten bei. Zudem gibt es zahlreiche Hinweise, dass ein Zuviel an Zucker auch direkt Krebs fördern und Organe wie Gehirn und Leber sowie das Immunsystem schädigen kann. Das genaue Ausmass wird zwar noch erforscht. Aber unter Fachleuten gibt es kaum Zweifel, dass der hohe Zuckerkonsum in Industrieländern zu erheblichen Gesundheitsschäden führt.

Macht Zucker süchtig?

Viele Menschen befällt regelmässig ein regelrechter Heisshunger auf Süsses. Und ist das erste Stück Schokolade erst im Mund, gibt es oft kein Halten, und der ganze Rest der Tafel muss daran glauben. Wie viele als angenehm empfundene Reize führt auch Süsses zur Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin im Gehirn und signalisiert ihm damit: «Das war gut, das solltest du wieder machen!» Ob das schon reicht, um von einer Zuckersucht zu sprechen, ist umstritten.

Allerdings verstärkt ein hoher Zuckerkonsum im Gehirn auf Dauer die Schwelle dafür, was wir als angemessen süss empfinden. Wer von früh an auf Süsses geprägt wird, tut sich deshalb später umso schwerer mit Selbstkontrolle und Eigenverantwortung.

Warum beschränkt sich der aktuelle Vorschlag auf Getränke mit zugesetztem Zucker?

Getränke mit Zuckerzusatz machen rund ein Drittel des gesamten Zuckerkonsums aus. Limonaden, Eistees oder Energydrinks enthalten oft enorme Mengen Zucker, die vielen Konsumenten gar nicht bewusst sind: Eine 330-Milliliter-Dose des Klassikers Coca-Cola enthält etwa 11 bis 12 Stück Würfelzucker. Dabei tragen solche Süssgetränke kaum zur Sättigung bei, werden also zusätzlich zu den Mahlzeiten konsumiert. Deshalb gelten sie als effektives und vergleichsweise einfach umzusetzendes Ziel für Zuckersteuern.

Welche Modelle für eine Zuckersteuer werden diskutiert?

Die einfachste Möglichkeit ist eine Erhöhung des Steuertarifs für die Hersteller und Importeure. Die Mehrkosten werden dann unterschiedlich stark an die Kunden weitergegeben. Dieser Ansatz zielt über höhere Kosten vor allem auf den individuellen Konsum ab. Die von Ministerpräsident Günther favorisierte zweite Variante sind abgestufte Steuern. Sie greifen, wenn der Zuckergehalt eines Produkts bestimmte Grenzen überschreitet. Das soll die Hersteller dazu motivieren, ihre Rezepturen entsprechend anzupassen, und schlägt sich weniger auf den Verkaufspreis nieder.

Wo gibt es überall schon Zuckersteuern?

Was bringt eine Zuckersteuer wirklich?

Um die Wirkung einer Zuckersteuer abzuschätzen, lohnt sich zunächst ein Blick auf die Erfahrungen anderer Länder. Die britische gestaffelte «Soft Drinks Industry Levy» etwa gilt als Erfolgsbeispiel. Getränke mit mehr als 5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter erhalten dort seit 2018 einen Steueraufschlag von 18 Pence pro Liter; bei mehr als 8 Gramm werden 24 Pence fällig. Viele Hersteller reduzierten daraufhin den Zuckergehalt ihrer Produkte. Nicht so der Marktführer Coca-Cola: Hier wurden nur die Flaschen kleiner. Und teurer.

Gemäss einer Studie der Universität Cambridge sank im Vereinigten Königreich der durchschnittliche tägliche Zuckerkonsum innerhalb eines Jahres nach Einführung der Steuer bei Kindern um 3 Gramm und um gut 5 Gramm bei Erwachsenen. Das ist nicht viel. Doch es macht einen merklichen Unterschied. So kommt eine weitere Studie zu dem Schluss, dass der Anteil von stark übergewichtigen, also adipösen Sechstklässlerinnen infolge der Steuer um 8 Prozent zurückging – das entspricht allein unter Mädchen dieses Alters gut 5000 Adipositasfällen weniger.

Ähnliche Studien gibt es auch aus vielen anderen der 116 Länder weltweit, die laut der WHO Steuern auf gesüsste Getränke erheben. Sie zeigen: Die Steuern haben den gewünschten Effekt auf den Zuckerkonsum. Allerdings erlauben solche Vorher-Nachher-Vergleiche nur bedingt Aussagen über langfristige Effekte auf die zuckerbedingte Krankheitslast und Sterblichkeit.

Dafür sind Modellierungsstudien geeigneter, die auf Basis realer Daten mögliche zukünftige Effekte hochrechnen. 2023 legte ein Münchner Forscherteam eine solche Berechnung für Deutschland vor. Sie kommen für eine gestaffelte Steuer nach britischem Vorbild auf einen um gut 2,3 Gramm reduzierten täglichen Pro-Kopf-Konsum. Auf lange Sicht fördere schon diese kleine Einsparung die Gesundheit der Bevölkerung erheblich. Und die Gesellschaft spare dadurch rund 16 Milliarden Euro Folgekosten ein, so das Rechenmodell der Forscher.

Weichen Hersteller und Konsumenten auf kalorienarme Süssstoffe aus?

Ja. In Grossbritannien gab es sowohl in den Rezepturen als auch im Kaufverhalten eine Verschiebung zugunsten von Diät-Süssstoffen. Ob damit gesundheitlich viel gewonnen wird, ist wissenschaftlich umstritten. Kurzfristig können solche Süssstoffe helfen, weniger Kalorien aufzunehmen. Doch möglicherweise verstärken sie auch das Hungergefühl und führen so indirekt zu einer höheren Kalorienaufnahme. Langfristig helfen sie jedenfalls nicht, eine Prägung auf «süss = gut» loszuwerden. Allerdings zeigen die Erfahrungen aus Ländern mit Limonadensteuer auch: Ein Teil der Konsumverschiebung geht eben auch zugunsten des gesündesten aller Getränke: Wasser.

Wie argumentieren die Gegner von Zuckersteuern?

Gegner sehen eine Steuer als überzogenen Eingriff des Staates in das private Konsumverhalten. Sie setzen auf Aufklärung und freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie. So auch in der Schweiz. Hier werden mögliche Zuckersteuern ebenfalls immer wieder debattiert, scheiterten bisher jedoch in der Bundesversammlung. Vor gut zehn Jahren verpflichteten sich hier zahlreiche Hersteller und Händler auf Reduktionsziele für Zucker in Lebensmitteln aller Art. Die Bilanz des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen im vergangenen Jahr fiel positiv aus: Der Zuckergehalt vieler Produkte sei seither deutlich zurückgegangen, bei Erfrischungsgetränken um 13 Prozent.

Kritisiert wird auch oft die überproportionale Belastung von Geringverdienern durch eine Steuer. Allerdings sehen Befürworter darin gerade eine Stärke. Denn statistisch gesehen ist diese Bevölkerungsgruppe auch überproportional von Übergewicht und den damit verbundenen Zivilisationskrankheiten betroffen.

Kann man eine Zuckersteuer auch ohne eine höhere Steuerbelastung haben?

Kein Problem, sagen die Autoren einer letztes Jahr erschienenen Modellierungsstudie aus Schweden: Erhöhte Steuern auf ungesunde Lebensmittel wie zuckrige Getränke sollten demnach durch eine reduzierte Mehrwertsteuer auf gesunde Lebensmittel ausgeglichen werden. Unter dem Strich würden Konsumenten so nicht mehr ausgeben, aber gesünder leben. Die Hochrechnung der Forscher kommt für die gut zehn Millionen Schweden auf rund 700 verhinderte vorzeitige Todesfälle pro Jahr.

Georg Rüschemeyer, «Neue Zürcher Zeitung» (28.03.2026)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

12 - Verantwortungvoller Konsum und Produktion

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