Seit Jahren schwelt nicht nur in Deutschland die Debatte um eine Zuckersteuer. Sie soll nach Vorstellung der Befürworter dazu beitragen, den Konsum des süssen, aber in grösseren Mengen ungesunden Kohlehydrats zu reduzieren. Nachdem Daniel Günther beim CDU-Parteitag im Februar mit einem Vorschlag für eine Steuer auf Süssgetränke mit zugesetztem Zucker gescheitert ist, bringt der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins nun einen entsprechenden Antrag in den Bundesrat ein. Wie gross ist das Problem Zucker? Und wie stark könnte eine Steuer zu dessen Lösung beitragen?
Wie hoch ist der Zuckerkonsum in Deutschland und der Schweiz?
In der Schweiz und in Deutschland liegt der Konsum von industriell verarbeitetem weissem Zucker bei mehr als 30 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Hinzu kommen knapp 10 Kilogramm anderer zuckerhaltiger Süssungsmittel wie Rohzucker, Honig oder Ahornsirup. Damit liegt der gesamte Konsum sogenannten freien Zuckers pro Person bei mehr als 40 Kilogramm im Jahr. Das sind am Tag mehr als 100 Gramm oder rund 36 Stück Würfelzucker. Und damit mehr als das Doppelte der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und vielen Fachgesellschaften empfohlenen Höchstmenge. Immerhin: Der Zuckerkonsum war in beiden Ländern zuletzt leicht rückläufig.
Chemisch gesehen sind Zucker eine grosse Klasse von meist ringförmig aufgebauten Kohlehydraten. Haushaltszucker wird meist aus Zuckerrohr oder -rüben gewonnen. Er besteht aus Saccharose, die sich wiederum aus den beiden Zuckerarten Glucose und Fructose zusammensetzt.
In kleineren Mengen ist Zucker unbedenklich und ein natürlicher Bestandteil vieler gesunder Lebensmittel, etwa von Obst. Die WHO empfiehlt, weniger als 10 Prozent des täglichen Energiebedarfs durch «freien Zucker» zu decken – gemeint sind damit zugesetzter Industriezucker, aber auch natürliche Zuckerbomben wie Fruchtsäfte und Honig. Für Erwachsene entspricht das in etwa 50 Gramm Zucker am Tag; Kinder sollten entsprechend weniger Zucker zu sich nehmen. Laut der WHO markiert dieser Richtwert bereits die Obergrenze. Ideal sei es, nur die Hälfte davon zu konsumieren, also rund 25 Gramm am Tag. Wichtig ist für die Frage der individuellen Obergrenze die körperliche Aktivität: Für Leistungssportler kann Zucker eine gute Quelle schnell verfügbarer Energie sein. Alle anderen setzen ihn aber leicht in Fettpolster um.
In den bei uns üblichen grossen Mengen trägt Zucker vor allem zu Übergewicht und damit zu Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten bei. Zudem gibt es zahlreiche Hinweise, dass ein Zuviel an Zucker auch direkt Krebs fördern und Organe wie Gehirn und Leber sowie das Immunsystem schädigen kann. Das genaue Ausmass wird zwar noch erforscht. Aber unter Fachleuten gibt es kaum Zweifel, dass der hohe Zuckerkonsum in Industrieländern zu erheblichen Gesundheitsschäden führt.
Viele Menschen befällt regelmässig ein regelrechter Heisshunger auf Süsses. Und ist das erste Stück Schokolade erst im Mund, gibt es oft kein Halten, und der ganze Rest der Tafel muss daran glauben. Wie viele als angenehm empfundene Reize führt auch Süsses zur Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin im Gehirn und signalisiert ihm damit: «Das war gut, das solltest du wieder machen!» Ob das schon reicht, um von einer Zuckersucht zu sprechen, ist umstritten.
Allerdings verstärkt ein hoher Zuckerkonsum im Gehirn auf Dauer die Schwelle dafür, was wir als angemessen süss empfinden. Wer von früh an auf Süsses geprägt wird, tut sich deshalb später umso schwerer mit Selbstkontrolle und Eigenverantwortung.
Getränke mit Zuckerzusatz machen rund ein Drittel des gesamten Zuckerkonsums aus. Limonaden, Eistees oder Energydrinks enthalten oft enorme Mengen Zucker, die vielen Konsumenten gar nicht bewusst sind: Eine 330-Milliliter-Dose des Klassikers Coca-Cola enthält etwa 11 bis 12 Stück Würfelzucker. Dabei tragen solche Süssgetränke kaum zur Sättigung bei, werden also zusätzlich zu den Mahlzeiten konsumiert. Deshalb gelten sie als effektives und vergleichsweise einfach umzusetzendes Ziel für Zuckersteuern.
Die einfachste Möglichkeit ist eine Erhöhung des Steuertarifs für die Hersteller und Importeure. Die Mehrkosten werden dann unterschiedlich stark an die Kunden weitergegeben. Dieser Ansatz zielt über höhere Kosten vor allem auf den individuellen Konsum ab. Die von Ministerpräsident Günther favorisierte zweite Variante sind abgestufte Steuern. Sie greifen, wenn der Zuckergehalt eines Produkts bestimmte Grenzen überschreitet. Das soll die Hersteller dazu motivieren, ihre Rezepturen entsprechend anzupassen, und schlägt sich weniger auf den Verkaufspreis nieder.