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Bild: Gerald Schömbs / Unsplash

Lebensräume

Weisse Haie im Mittelmeer: Vom vermeintlichen Monster zur Ikone des modernen Artenschutzes?

Blutrünstiger Killer und gnadenlose Fressmaschine, Monster: Steven Spielbergs «Der Weisse Hai» hat die Reputation der Raubfische nachhaltig ruiniert. Dabei sind viele Haie und verwandte Arten weltweit und gerade auch im Mittelmeer stark gefährdet. Weil die Zeit drängt, wird die Forschung kreativ – und will uns alle auf Haisuche schicken.

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Weisse Haie im Mittelmeer: Vom vermeintlichen Monster zur Ikone des modernen Artenschutzes?

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Ein Zucken, ein Schlagen, einfach jede Bewegung, die sich vom Hintergrundrauschen unter Wasser abhebt. Oder besser noch Blut, das eine verlockende Duftspur im Meer hinterlässt. Kaum ein Signal entgeht dem Weissen Hai. So fürchten und auch bewundern wir diese Tiere – oder glauben zumindest sie zu kennen. Der US-Autor Peter Benchley brachte vor 50 Jahren Jaws, auf Deutsch «Der Weisse Hai», auf den Markt. Der millionenfache Bestseller basierte auf echten Haiattacken und doch war die Story extrem überspitzt. Ein Jahr später folgte Steven Spielbergs gleichnamige Verfilmung, die den Weissen Hai endgültig als blutrünstige Fressmaschine ins kollektive Angstbewusstsein brannte.

Längst ist klar: Komplett zu Unrecht. Weisse Haie sind grandiose Jäger und mit maximal gut sieben Metern Länge die grössten Raubfische der Welt. Sie halten sich als marine «Müllentsorger» aber vor allem an kranke und tote Tiere, ziehen ansonsten meistens so elegant wie diskret durch die Meere. Auch Bullen- oder Tigerhaie sind nicht gezielt hinter Menschen her. Wie die Zahlen zeigen, sterben im Schnitt sechs Menschen pro Jahr an Haiattacken. 2023 gab es nach der International Shark Attack File, einer Datenbank der University of Florida, insgesamt zehn Opfer.

Ein Phantom im Mittelmeer

Dabei springen und planschen wir nur allzu gern und millionenfach in ihrem Lebensraum – dem Ozean. Sogar das Mittelmeer ist ein Hai-Hotspot: Für kleinere Arten der Knorpelfisch-Klasse wie für grosse. Selbst Weisse Haie leben hier. Bislang sind sie im Mittelmeer allerdings mehr ein Phantom. «Die Population im Mittelmeer ist einzigartig, aber wenig bekannt», sagt Jeremy Jenrette von der US-amerikanischen Universität Virginia Tech, der sich mit der Spezies in seiner Doktorarbeit beschäftigt. Gerade weil sie eben nicht als mordlustige Monster durchs Wasser ziehen, sondern lieber unbemerkt bleiben. Zum Leidwesen der Forschung, die für ihre Arbeit bislang auf seltene Sichtungen angewiesen waren.

Wo halten sich die Tiere auf? Wo sind ihre Kinderstuben? Wie viele Weisse Haie leben überhaupt noch im Mittelmeer? Sind sie genetisch von den Artgenossen im Atlantik abgeschottet? All diese offenen Fragen will Jenrette nun endlich und so schnell wie möglich beantworten. Denn die Population im Mittelmeer ist in Gefahr. 2020 erschien die bisher umfassendste Studie, die alle verfügbaren und bis ins Jahr 1860 zurückreichenden Berichte über den Weissen Hai auswertete. Der Befund: Die mediterrane Population wurde allein in den letzten Jahren vermutlich um rund 60 Prozent dezimiert, steht mittlerweile sogar auf der Roten Liste gefährdeter Arten als «vom Aussterben bedroht».

«Die nächsten zehn bis zwanzig Jahre sind entscheidend für ihren Erhalt», glaubt Jeremy Jenrette. Er und weitere Haiforschende haben sich unter der Leitung von Francesco Ferretti von der Virginia Tech zum White Shark Chase zusammengeschlossen. Das Team möchte die letzten verbleibenden Weissen Haie im Mittelmeer schützen. Dafür müssen sie aber so schnell wie möglich gefunden und studiert werden. Wie hilft man gefährdeten Arten, deren Status unklar ist und die man kaum aufspüren kann?

Ganz einfach: Man ahmt sie nach. Nicht nur Beutetiere hinterlassen verräterische Spuren im Wasser, auch die Jäger verbreiten eine Art «genetische Duftspur», ihre sogenannte environmental DNA (eDNA). Das ist genetisches Material, das sie mit Hautschuppen verlieren, mit Schleim absondern oder mit Kot und Urin freisetzen. Boden-, Luft- und Wasserproben enthalten diese eDNA, die isoliert und analysiert werden kann. In ihrer Gesamtheit bildet sie die Fauna am Standort ab. Eine gezielte Suche zeigt konkret, ob bestimmte Arten vor Ort vertreten sind. Diese Methode hat sich als sehr geeignet bei der Suche nach scheuen, seltenen und verborgenen Arten etabliert.

Anders gesagt: Jenrette muss keinen Weissen Hai zu Gesicht bekommen, um ihn im Mittelmeer nachzuweisen. Ein paar Tropfen Wasser genügen. Er und sein Team beschlossen, die Suche in der Strasse von Sizilien zu starten, weil hier des Öfteren Jungtiere gesichtet werden. Das lässt vermuten, dass die Gegend eine Kinderstube für Weisse Haie ist, hier also erwachsene Tiere zur Paarung zusammenkommen und dann der Nachwuchs aufwächst. Wenn irgendwo auf einen schnellen Nachweis Weisser Haie zu hoffen ist, dann wahrscheinlich in dieser Region.

Gesagt, getan. Das Team hatte Glück und bekam über das Programm Yachts for Science Zugang zu einer Luxusjacht. Auf einer ausgedehnten Cruise vor Ort konnten sie neben anderen Ansätzen auch an mehreren Standorten von der Oberfläche bis zu einer Tiefe von 100 Metern Wasserproben nehmen. In den darin enthaltenen DNA-Spuren suchten sie dann nach einem spezifischen Genfragment, das nur bei Weissen Haien vorkommt. Und tatsächlich: Vier der 69 Proben waren positiv. Mindestens ein oder auch mehrere Weisse Haie müssen sich in der Zeit vor der Probenentnahme dort oder im Umkreis getummelt haben.

Expedition vor der Küste Zyperns

Auch jenseits der Ikone «Weisser Hai» interessieren sich Forschende aktuell für die Mittelmeer-Haie und ihre Verwandten aus der Familie der Knorpelfische. Ein internationales Team unter der Leitung britischer Forschenden von der Universität von Exeter beispielsweise kartierte zwischen 2018 und 2022 für eine Studie das Vorkommen von Knorpelfischen als Beifang vor der Nordküste Zyperns. Nicht im Alleingang, sondern zusammen mit den zuständigen Ämtern sowie mit lokalen Expertinnen und Experten aus dem Naturschutz – und mit kleineren Fischereien. Letzteres war entscheidend für den Erfolg, weil die Forschenden auf dem Weg zwar nicht auf Luxusjachten landeten, aber immer wieder von den Fischern in deren Holzbooten mit aufs Meer genommen wurden.

Zumindest in Stichproben konnte das Team so mit eigenen Augen verfolgen, welche Knorpelfischarten wo als Beifang ins Netz gehen. Wichtige Daten, die die Forschenden mit weiteren Beobachtungen vor Ort, von Alleingängen der Fischer sowie mit Berichten über Knorpelfische aus lokalen und sozialen Medien ergänzten. Im Ergebnis kamen insgesamt 36 Knorpelfischarten im Beifang vor, von denen 61 % global und die Hälfte regional im Mittelmeer als bedroht gelten.

Die Studie unterstrich einmal mehr, wie gross unsere Wissenslücken über Haie sind. Von 24 der gefundenen Arten war bis dahin nicht bekannt gewesen, dass sie in dieser Region überhaupt vorkommen. Eine weitere wichtige Erkenntnis: «Wir haben Jungtiere von verschiedenen Knorpelfischen gefunden», sagt der auf Zypern lebende Brite Robin Snape, einer der verantwortlichen Autoren der Arbeit. «Die Küstenbereiche im Norden Zyperns sind also möglicherweise wichtige Kinderstuben für die betreffenden Spezies.»

Die Artenvielfalt und die mögliche Bedeutung der Region für ihre Fortpflanzung beeindruckten auch die zuständigen Behörden. Prompt wurde im Mai 2023 ein Gesetz beschlossen, das den Handel und Fang bestimmter Knorpelfischarten reguliert und zum Teil auch verbietet – unter Berufung auf die Daten der Studie.

Revolution für den Schutz der Weissen Haie

Auch Jeremy Jenrette und sein Team des White Shark Chase haben beschlossen, sich Helfer ausserhalb der Wissenschaftsszene zu suchen. Denn allein können sie nicht das ganze Mittelmeer absuchen. Viele Hände können aber viele Daten produzieren und nicht immer braucht es für wissenschaftliche Arbeit umfassende Vorkenntnisse. White Shark Chase zählt daher auf die Unterstützung von Cititzen Scientists, sogenannten Bürgerwissenschaftlern. Sie könnten im Mittelmeer eigene Wasserproben nehmen, aus denen die eDNA dann von Profis ausgewertet werden. Dafür soll es bald ein benutzerfreundliches Kit geben. «Alle können dann mitmachen, auch Surfer, Kajaker, Segler und Fischer, die ohnehin auf dem Meer unterwegs sind», betont Jenrette.

Doch damit nicht genug. Die eDNA-Kits sollen auch an Menschen verschickt werden, die in anderen Regionen der Welt mit Weissen Haien leben. Der globale Ansatz könnte helfen, die Daten aus dem Mittelmeer einzuordnen. Und er könnte helfen, die überall bedrohten Weissen Haie aufzuspüren, um national und international effektive Schutzmassnahmen zu entwickeln. Bestenfalls schreiben die eDNA-Kits und andere innovative Ansätze ein neues Kapitel für die lange Geschichte, in der Weisse Haie unsere Imagination beschäftigen. Nicht mehr als vermeintliches Monster, sondern als Ikone des modernen Artenschutzes.

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