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Illustration Simon Tanner / NZZ
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Klima & Energie

Das Pariser Klimaabkommen ist zehn Jahre alt: (k)ein Grund zum Feiern

Die Welt wird wärmer, Emissionen steigen trotz den Klimazielen weiter an, und die fossilen Brennstoffe halten sich hartnäckig. Gleichzeitig fallen die Kosten grüner Technologien dramatisch, und die erneuerbaren Energien und Elektroautos werden immer populärer.

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Das Pariser Klimaabkommen ist zehn Jahre alt: (k)ein Grund zum Feiern

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Ohne die Zustimmung der USA und Chinas wäre das Pariser Abkommen am 12. Dezember 2015 nicht beschlossen worden. Die zwei grössten Verschmutzer der Welt hatten vor der Klimakonferenz in der französischen Hauptstadt signalisiert, dass man gemeinsam gegen den Klimawandel angehen werde.

Am Abend des 12. Dezember war es dann so weit. Schlaflose Nächte und eine diplomatische Meisterleistung der französischen Gastgeber erreichten das, was einige Jahre zuvor in Kopenhagen gescheitert war: Die knapp 200 Regierungen der Welt einigten sich darauf, die Erderwärmung zu bremsen.

Zehn Jahre später hat sich China zum ersten Mal dazu verpflichtet, Treibhausgasemissionen zu reduzieren, investiert mehr als alle anderen Länder auf der Erde in den Ausbau und die Herstellung von Solarzellen, Windturbinen, Elektroautos und Batterien und dominiert die Lieferketten und Exportmärkte für diese grünen Technologien.

Die USA dagegen sind aus dem Pariser Abkommen ausgestiegen und verfolgen unter dem Präsidenten Donald Trump eine andere Energie- und wirtschaftspolitische Strategie: Als weltgrösster Gas- und Erdölproduzent der Welt wollen die Amerikaner künftig noch mehr Erdöl und Gas verkaufen, zu Hause und im Ausland. Aus der Perspektive Washingtons ist die Zukunft weiterhin schwarz, nicht grün.

Quelle: Global Energy Monitor, Stand: Mai 2024 NZZ / ena.

Kohle, Öl und Gas dominieren nicht nur in den Entwicklungsländern. Auch die USA sind eine fossile Supermacht Zahl von Kohlekraftwerken, Öl- und Gasförderstätten

Noch geht nichts ohne Kohle, Erdöl und Gas

Die fossilen Brennstoffe haben mit den USA einen sehr mächtigen Fürsprecher – und das zu einem Zeitpunkt, zu dem ihr Anteil eigentlich zunehmend heruntergefahren werden sollte, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen.

Noch dominieren Kohle, Erdöl und Gas mit einem Anteil von knapp 80 Prozent das globale Energiesystem, die Nachfrage wächst trotz den vielen klimapolitischen Ankündigungen der vergangenen Jahre weiter. Und auch die Emissionen steigen entsprechend weiter an.

Quelle: Global Carbon Project NZZ / svt.

Die CO₂-Emissionen aus fossilen Brennstoffen nehmen zu Emissionen aus der Nutzung fossiler Brennstoffe (in Milliarden Tonnen CO₂)

Ein Ende des fossilen Zeitalters ist also auch zehn Jahre nach dem Pariser Abkommen noch nicht in Sicht, auch wenn sich Regierungen vor zwei Jahren zum ersten Mal dazu durchgerungen haben, den eventuellen Ausstieg anzukündigen. Die fossilen Brennstoffe werden noch Jahrzehnte eine wichtige Rolle spielen.

Gleichzeitig stellen sich auch immer mehr Länder die Frage, wie ein Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen langfristig gelingen könnte – nicht, ob. Denn ihr Anteil am globalen Energiemix wird gemäss Hochrechnungen und Szenarien ab den 2030er Jahren wohl langsam abnehmen.

Das war nicht nur auf der jüngsten Klimakonferenz in Brasilien eine heftig umkämpfte Frage. Auch ausserhalb der Blase der Klimaverhandlungen nimmt diese Diskussion Fahrt auf, unter anderem in Ländern wie Brasilien, dessen Wirtschaft weiterhin stark von den Einnahmen der Erdöl- und Gasindustrie abhängig ist.

Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva etwa forderte erst vor wenigen Tagen seine Regierung auf, einen Fahrplan für einen möglichen Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen zu entwickeln. Das Land hatte dabei erst vor wenigen Monaten angekündigt, seine Erdölproduktion zu erhöhen. Die Einnahmen daraus sollen laut den Plänen der Regierung künftig die Energiewende des Landes unterstützen.

Schwellenländer wollen von der Energiewende profitieren

Illustration Simon Tanner / NZZ

Brasilien versucht sich also im Spagat zwischen wachsendem Erdölproduzenten und Profiteur der Energiewende. Die Umstellung auf saubere Energiequellen stellt laut Lula langfristig Energiesicherheit und Wachstum für die eigene Bevölkerung sicher. Aber die Energiewende müsse fair erfolgen – gerade für Entwicklungsländer, wo es an der notwendigen Infrastruktur, an Investitionen und dem Zugang zu internationalen Finanzquellen fehle.

Brasilien ist mit dieser Haltung nicht das einzige Schwellenland, das die Energiewende aus strategischen und wirtschaftlichen Gründen verfolgt. Zehn Jahre nach Paris sind es längst nicht mehr nur europäische Regierungen, die erneuerbare Energien oder Elektroautos pushen.

Im Gegenteil, deren Popularität steigt gemäss den Daten besonders in den Entwicklungs- und Schwellenländern. China ist in dieser Entwicklung allen anderen Ländern voraus, aber auch andere asiatische Staaten wie Indonesien oder Vietnam investieren zunehmend in den Ausbau grüner Technologien.

Quelle: Global Energy Monitor, 2025 NZZ / oro.

Kein anderes Land baut mehr Solar- und Windanlagen als China Anteil an prospektiven, grossen Solar- und Windanlagen im Bau, in Prozent

Indien hat schon in diesem Jahr sein Ziel für 2030 erreicht, 50 Prozent des Stromanteils aus sauberen Energiequellen zu liefern. Dabei ist vor allem der Stromanteil von Solarenergie während der vergangenen Jahre stark gewachsen. Auch afrikanische Regierungen sehen die Energiewende als eine Chance, um ihrer Bevölkerung den Zugang zu Energiequellen zu sichern, neue Industriezweige aufzubauen und Wachstum zu fördern.

Die Energiewende werde «durch die existenzielle Bedrohung durch den Klimawandel, die gemeinsame Erkenntnis, dass Energiesicherheit gleichbedeutend mit nationaler Sicherheit ist, und das Verständnis vorangetrieben, dass saubere Energie der Weg zu Energiesicherheit und Wachstum für die Bürger ist», hielten Lula und zwölf andere Staatschefs aus Lateinamerika, Afrika, dem Nahen Osten und Asien in einem offenen Brief im Oktober fest.

Das Klimaziel des Pariser Abkommens ist vorerst tot

Illustration Pauline Martinet / NZZ

Um solares Geoengineering im grossen Massstab zu betreiben, müssten pro Tag Hunderte bis Tausende Flugzeuge starten und Partikel in einer hohen Atmosphärenschicht freisetzen.

Die Bedrohung durch den Klimawandel ist derweil ein Treiber nicht nur der Energiewende, sondern auch von Überlegungen, künftig künstlich die Temperaturen zu senken. Seit Jahren köchelt die Debatte über das sogenannte Geoengineering – und die Risiken, die mit einem gezielten Eingriff ins Klima einhergehen könnten. Aber die Debatte hat in den vergangenen Monaten einen kräftigen Schub bekommen.

Im Herbst hat die Uno offiziell zugegeben, dass das 1,5-Grad-Ziel des Klimaabkommens vorerst nicht mehr erreicht werde. Stattdessen sprechen nun auch Uno-Klimadiplomaten sowohl von einem «overshoot» – also der Tatsache, dass die 1,5-Grad-Marke gerissen werden wird – wie von der Notwendigkeit, diese Erwärmung in Zukunft wieder rückgängig zu machen.

Als Mittel wurden in der Regel vor allem Technologien diskutiert, die grosse Mengen CO2 aus der Atmosphäre entziehen. Diese Techniken hatten es lange in der klimapolitischen Debatte schwer und wurden insbesondere von Aktivisten als gefährliche Ablenkung abgetan. Erst in den vergangenen fünf Jahren haben sie angefangen, sich in Europa neben den benötigten Emissionsminderungen als ein weiteres notwendiges Instrument der Klimapolitik durchzusetzen.

Das Tabuthema Geoengineering wurde derweil von vielen Politikern und Forschern in der öffentlichen Debatte lange aussen vor gelassen – auch weil Umweltaktivisten Kampagnen fahren, um die Technologie im Keim zu ersticken. Und das, obwohl viele Diplomaten und Forscher seit Jahren die Sorge umtreibt, dass die wachsenden Gefahren durch den Klimawandel Regierungen oder private Unternehmen zu Eingriffen ins Klima treiben könnten.

Dabei geht es hauptsächlich um die Idee, in den oberen Schichten der Atmosphäre mithilfe von Flugzeugen oder Ballonen Sulfatpartikel zu versprühen. Das soll einen künstlichen Sonnenschirm schaffen, der zur Abkühlung der Luft führt.

Künstliche Eingriffe ins Klima werden Realität

Zehn Jahre nachdem das Pariser Abkommen beschlossen worden ist, sind diese Ängste nicht mehr nur Hirngespinste, sondern begründet. Im Oktober wurde bekannt, dass das israelisch-amerikanische Startup Stardust 60 Millionen Dollar an Finanzierung eingesammelt hat, um einen künstlichen Sonnenschirm zu entwickeln und die Temperatur zu senken. Unter den Geldgebern sind laut Medienberichten auch europäische Investoren, unter anderem der Investitionsarm der Industriellenfamilie Agnelli, Besitzer von Fiat.

Das Geld werde für kontrollierte Tests im Freien verwendet werden, sagte Yanai Yedvab, einer der Gründer, dem Politikmagazin «Politico» im Oktober. Bereits im April plant das Unternehmen reflektierende Partikel mit einem modifizierten Flugzeug über dem Meeresspiegel freizusetzen. Während Aktivisten also noch für ein Verbot jeglichen Versuchs und jeglicher Anwendung dieser Technologien werben, machen private Unternehmer schon weiter – und das ungehemmt von internationalen Regeln und Vorgaben.

Genau davor warnt der ehemalige hochrangige Uno-Diplomat Janos Pasztor seit Jahren. Schon kurz nachdem das Pariser Abkommen beschlossen worden war, setzte er sich mit den Anwendungsmöglichkeiten und Risiken von solarem Geoengineering auseinander – und forderte Regierungen und jeden, der zuhören wollte, auf, sich damit zu beschäftigen.

Lange verrichtete er seine Arbeit in den politischen Hinterzimmern. Im vergangenen Jahr verfasste er im Auftrag von Stardust einen Bericht über die Risiken der Technologie und die Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit. Die Veröffentlichung schlug damals keine grossen Wellen. Jetzt, wo die technischen Visionen des Unternehmens Wirklichkeit werden könnten, ist die Aufregung gross.

Damals wie heute steht für ihn fest: Regierungen und die Allgemeinheit müssten aufwachen und solche Aktivitäten entweder verbieten oder Rahmenbedingungen für ihre Anwendung schaffen. Untätigkeit, sagt Pasztor, «ist riskant, unverantwortlich und daher keine Option».

Zehn Jahre nach Paris sind nicht nur die gefährlichen Auswüchse des Klimawandels für viele Länder bittere Realität, sondern auch Motor einer Entwicklung, die viele jahrelang als Science-Fiction abgetan haben – und nie wahrhaben wollten. Die kommenden zehn Jahre werden wohl zeigen, ob die Realität am Ende schräger sein wird als jede Fiktion.

Kalina Oroschakoff, «Neue Zürcher Zeitung» (12.12.2025)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

7 - Bezahlbare und saubere Energie
9 - Industrie, Innovation und Infrastruktur
13 - Massnahmen zum Klimaschutz

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