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Die planetaren Grenzen als Leitgrössen für unsere Wirtschaft

Waldbrände auf Sumatra, Indonesien im September 2023. Bild: Getty Images

Klima & Energie

Klimakrise: Ohne Vermeiden geht es nicht

Ein Sommer voller verheerender Naturkatastrophen hat die Frage nach unserer Verantwortung für den Klimawandel deutlich akzentuiert. Die steigenden Schadensmeldungen der Versicherungen und die Diskussion über Anpassungsmassnahmen werfen jedoch die Frage auf: Reicht es, wenn wir uns lediglich «anpassen»? Ein Kommentar.

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Klimakrise: Ohne Vermeiden geht es nicht

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Waldbrände in Griechenland und Kanada, Hochwasserkatastrophen in Slowenien, Spanien und Libyen, Wirbelstürme in den USA. Ein Sommer mit scheinbar rekordverdächtig vielen und folgenreichen Naturkatastrophen liegt hinter uns. Sie reiht sich ein in eine Entwicklung, die sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten akzentuiert hat. Das zeigen unter anderem die immer höheren Schadenssummen durch Naturkatastrophen, die die Versicherungen melden. In den letzten drei Jahrzehnten sind die versicherten Schäden um rund 5 bis 7 Prozent jährlich gestiegen, unterdessen werden Schadenssummen von mehr als 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr erreicht.

Der Mensch trägt Schuld

Wobei «Naturkatastrophe» selbstredend das falsche Wort ist: Wir Menschen sind mitschuldig an diesen Ereignissen, direkt und indirekt. In vielen Fällen lösen wir die Brände aus, fahrlässig oder willentlich; wir bauen unsere Häuser und Infrastrukturen in Gebiete, von denen wir wissen, dass sie überschwemmt werden können. Und die menschgemachte Erhöhung der Erdtemperatur führt dazu, dass mehr Wasser und Energie in der Atmosphäre gespeichert wird, was zu stärkeren Regenfällen und heftigeren Stürmen führt.

Die zunehmenden Extremereignisse haben auch die Politik auf den Plan gerufen: Kürzlich forderten Schweizer Parlamentarier mehr Geld für Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel. Anpassen scheint das neue Lieblingswort zu sein, jetzt, wo allen klar wird, dass der Klimawandel da ist. Lasst uns mehr Dämme gegen Murgänge und Hochwasser bauen! Lasst uns mehr Bewässerungsanlagen für die Landwirtschaft erstellen! Plötzlich sprudeln die Ideen, von links bis rechts. Was dabei viele Volksvertreter denken, aber nur wenige offen sagen: Verzichten wir doch auf die Reduktion von Treibhausgasen. Das ist mühsam. Das braucht Einschränkungen und Verbote. Das akzeptieren die Menschen ohnehin nicht, also versuchen wir es doch erst gar nicht.

Die Hoffnung dahinter: Wir kommen aus der Sache raus, ohne unangenehme Entscheide fällen zu müssen, ohne auf Liebgewohntes verzichten zu müssen. Wer so denkt, der ignoriert nicht nur die ökologischen Fakten, sondern auch die ökonomischen Konsequenzen der Klimakrise.

Anpassen ist richtig und wichtig. Ohne geht es nicht, weil die Veränderungen schon zu weit fortgeschritten sind. Trotzdem bleibt der Ausstieg aus fossilen Energien ein Gebot der Stunde. Der Mensch kann nicht beliebig heisse Temperaturen ertragen. Schon während der heutigen Hitzesommer sterben mehr Menschen als üblich. Bei einer Luftfeuchtigkeit von 50 bis 70 Prozent können bereits Temperaturen ab 40 Grad lebensbedrohlich sein. Die Verdunstung durch die menschliche Haut, die für die Regulierung der Körpertemperatur notwendig ist, funktioniert nicht mehr richtig. In Indien könnten schon bald riesige Landstriche – insbesondere die grossen Städte – unbewohnbar werden, wenn die Temperaturen weiter steigen.

Uns bleiben nur wenige Jahre

In der Diskussion über die Notwendigkeit, Massnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen, wird oft argumentiert: «Früher gab es doch auch Klimaschwankungen und Perioden, in denen es lokal heisser war als heute, und der Mensch hat trotzdem überlebt». Das mag stimmen, aber zwischen diesen Perioden lagen zehntausende bis hunderttausende Jahre. Die Menschen und ihre Vorgänger hatten genügend Zeit, in Gegenden zu ziehen, die noch unbewohnt und in denen die Temperaturen erträglich waren.

Heute bleiben uns nur wenige Jahrzehnte, in denen, je nach Schätzung, mehrere hundert Millionen Menschen auf ein neues Zuhause angewiesen sein könnten. Wo sollen sie hin? Die Regionen mit gemässigtem Klima sind bereits dicht besiedelt und Neuankömmlinge in dieser hohen Zahl sind bekanntlich unerwünscht.

Auch ökonomisch spricht alles dagegen, allein auf Anpassungsstrategien zu setzen. Erinnern wir uns an den britischen Ökonomen Nicholas Stern. Er führte 2006 der Weltöffentlichkeit die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Ökonomie erstmals richtig vor Augen. Eine seiner Kernaussagen lautete: Die wirtschaftlichen Kosten des Klimawandels – Anpassen von Infrastrukturen, Schäden beheben, Einbussen durch verschlechterte Rahmenbedingungen – sind viel höher als die Kosten, die durch eine schnelle Reduktion der Treibhausgasemissionen entstehen.

In den letzten Jahren haben viele Studien diese Aussagen immer wieder bestätigt, so auch der im Frühjahr veröffentlichte Synthesebericht des Weltklimarats IPCC. Da ist es doch viel sinnvoller, heute in Massnahmen zur Vermeidung eines weiteren Temperaturanstiegs zu investieren, statt das Geld später zur Behebung von Schäden aufwenden zu müssen.

Unsere mit Diesel oder Benzin betriebenen Fahrzeuge stilllegen, Häuser isolieren und mit erneuerbaren Energien heizen – wir wissen sehr genau, was zu tun ist, um den Temperaturanstieg zu bremsen. Das Beruhigende dabei: Die dazu notwendigen Technologien und Ersatzlösungen stehen längst bereit.

Ion Karagounis

Ion Karagounis ist beim WWF Schweiz verantwortlich für neue Wirtschaftsmodelle und Präsident von Go for Impact. Kürzlich ist sein neuer Roman «Was wir hinterlassen» erschienen.

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