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Energiekrise: Wie weiter?

Die Versorgungssicherheit ist nicht nur in diesem Winter ein Thema, sondern dürfte uns über die nächsten Jahrzehnte beschäftigen. Foto: PD

Klima & Energie Partner Inhalt: UBS

Energiekrise: Wie weiter?

Die Schweiz kommt nicht umhin, ihre eigenen Kapazitäten zur Energieproduktion auszu­bauen. Eine Aufgabe für Politik sowie Unternehmen. Wir haben mit Alessandro Bee, Ökonom bei UBS, über die Herausforderungen und langfristige Lösungen gesprochen.

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In den vergangenen Jahren haben wir uns in der Schweiz kaum Gedanken zum ­Thema Energiesicherheit gemacht. Heute sprechen wir nun plötzlich von Knappheit und Ausfallgefahr. Grund dafür ist die massive Drosselung der russischen Erdgasexporte nach Europa vor dem ­Hintergrund eines grundsätzlich gestiegenen Bedarfs an Strom und Gas. Während es in Sektoren wie Verkehr und ­Industrie darum geht, Emissionen zu ­reduzieren, muss die Energiebranche umrüsten. Denn um die Transition in ­eine CO2-arme Zukunft zu gewährleisten, ist eine Elektrifizierung des Verkehrs ­erforderlich, was einen höheren Stromverbrauch und Innovationen zur Energieeinsparung bedingt. Kann die Schweiz diese Herausforderungen meistern, wenn Russland seine Gasexporte weiter verringern und die Kernkraftwerke hierzulande abgestellt werden sollten?

Rezessionsrisiken für die Schweiz

Im bevorstehenden Winter droht eine Mangel­lage bei Erdgas und Elektrizität. Grund ist beim Erdgas die Drosselung der Exporte durch Russland. Beim Strom ­tragen mehrere Faktoren zu einem möglichen Engpass bei: so der mögliche Ausfall von französischen Atomkraftwerken und die Tatsache, dass in vielen euro­päischen Ländern aus Gas Strom produziert wird. Das Risiko einer solchen ­Mangellage hat die Gas- und Strompreise bereits in die Höhe getrieben.

Droht der Schweizer Wirtschaft bei ­einer weiteren Zuspitzung der Lage eine Rezession? Alessandro Bee, Ökonom bei UBS, erklärt die Situation folgendermassen: «Die hohen Energiepreise belasten zwar die europäischen Konsumenten, weshalb wir in der EU für diesen Winter tatsächlich eine Rezession erwarten. Die Schweizer Konsumenten geben aber ­einen kleineren Teil ihres Einkommens für Energie aus als die ­EU-Konsumenten. Deshalb sehen wir in diesem Fall in der Schweiz lediglich eine Stagnation der Wirtschaft – allenfalls eine leichte Rezession.»

Wie viel Kaufkraft der Schweizer Wirtschaft aufgrund der steigenden Energiepreise entzogen wird, darüber gibt die Handelsbilanz Auskunft. Dazu Bee: «Lag der Schweizer Netto-Energie­import vergangenes Jahr noch bei rund 6 Milliarden Franken, könnte dieser bis Ende Jahr 15 Milliarden Franken betragen. Ein noch stärkerer Preisanstieg im Falle ­eines umfassenden Gasembargos könnte in einem Wohlstandsverlust von rund 3 Prozent des ­Bruttoinlandprodukts ­resultieren.» Hier spiele uns jedoch die Pandemie in die Karten: Die Schweizer Konsumenten hätten in dieser Zeit ihre Ersparnisse um rund 4 Prozent des BIP erhöht und verfügten über ausreichend Ressourcen, um die Kaufkrafteinbusse auszugleichen.

Massnahmen für Notfälle, aber auch für langfristigen Ausbau

Bee gibt aber zu bedenken: Wenn zu den hohen Preisen auch noch eine Mangel­lage bei Strom und Erdgas hinzukäme, könnte die europäische Wirtschaft in ­eine tiefe Rezession abrutschen. Das würde auch für die Schweiz eine signi­fikante Schrumpfung der Wirtschaft ­bedeuten.

Eine Woche Stromausfall würde die Schweizer Wirtschaft knapp 100 Milliarden Franken kosten, wie der Bundesrat im Zuge der Sparkampagne berechnete. Dieser ist deshalb fieberhaft damit beschäftigt, die Versorgungssicherheit zu verbessern. Die Schweiz verfügt selber über keine Gasspeicher, sondern ist auf den Bezug aus Frankreich und Deutschland angewiesen. In den letzten Wochen wurden die Gasspeicher in diesen Ländern fast vollständig gefüllt, was es auch in der Schweiz unwahrscheinlich macht, dass grosse Teile der Versorgung mit Erdgas ausfallen. Und doch bleibt eine kleine Ungewissheit, ob die europäische Solidarität auch bei einer Unterversorgung funktioniert.

Deswegen hat der Bund für den Fall der Fälle zusätzlich einen Stufenplan ausgearbeitet. Auf Stufe eins werden Konsumenten dazu aufgerufen, Gas zu sparen. In ­einem nächsten Schritt erfolgt die Umschaltung von Gas auf Öl – wo immer ­möglich – und dann die verbindliche Beschränkung der Heiztemperatur. In einem letzten Schritt wird Gas vor allem für kommerzielle Verbraucher kontingentiert.

Bei der Elektrizität versucht der Bund mit Anreizen, die Kraftwerkbetreiber ­dazu zu bewegen, in Speicherseen Wasserreserven bis zum Ende des Winters zu halten und so die Versorgung in dieser kritischen Periode zu unterstützen. Gleichzeitig soll die Inbetriebnahme von gas- und ölbetriebenen Reservekraftwerken einen Strom-Blackout verhindern. Weil der Bund befürchtet, dass Turbulenzen an den Energiemärkten systemkritische Stromunternehmen in Schwierigkeiten bringen könnten und so die Versorgungssicherheit gefährden, schuf er einen Rettungsschirm für diese Unternehmen. Doch wird das reichen?

Um die Versorgungssicherheit langfristig zu garantieren, gilt es, die Infrastruktur an erneuerbaren Energieträgern rechtzeitig und nachfragegerecht auszubauen, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie der Boston Consulting Group (BCG) zeigt. Eine solche Mehrinvestition in den Energiesektor würde sich auf rund 50 Milliarden Franken belaufen.

Damit würde auch die nationale Versorgung gefördert werden, denn aktuell importiert die Schweiz Erdöl und Erdgas, also rund 75 Prozent der Energie­träger. Den restlichen Anteil decken wir durch selbst produzierte Elektrizität ab, die durch Wasser- und Kernkraft ge­wonnen wird. Um die Eigenleistung zu steigern, wäre laut Studie ein Ausbau der Wind- und Wasserkraft dringend vonnöten. ­Allerdings ist das Potenzial bei der Wasserkraft schon stark ausgereizt, und die Schweiz ist eher ein windarmes Land. ­Eine Alternative stellt Solarkraft dar. Die Herausforderungen sind aber enorm. Um die Elektrifizierung der Wirtschaft zu ­gewährleisten und die Abschaltung der Atomkraftwerke ­auszugleichen, müsste das Solarkraftpotenzial von heute 2 auf deutlich über 30 Terawattstunden aus­gebaut werden, wie der UBS Outlook «Lichterlöschen? Energiesicherheit in der Schweiz» berechnet hat.

Kapazitäten nicht nur sichern, sondern ausbauen

Die Versorgungssicherheit ist nicht nur in diesem und möglicherweise im nächsten Winter ein Thema, sondern dürfte uns über die nächsten Jahrzehnte beschäftigen. Bee erklärt die Situation. «Hierzulande sehen wir derzeit drei wesentliche Herausforderungen, mit denen die Energiepolitik konfrontiert ist: Kurzfristig geht die grösste Gefahr von einer Lieferunterbrechung von russischen Energieträgern aus», so Bee. «Mittelfristig stellen die neuen EU-Strommarktregeln unser Land vor weitere Herausforderungen. Und langfristig dürfte auch das Erreichen des Netto-Null-Ziels für Treibhausgas­emissionen eine gewaltige Aufgabe für Wirtschaft, Politik sowie Gesellschaft ­werden.»

Mit dem «Clean Energy Package» versucht die EU, den europäischen Strommarkt zusammenwachsen zu lassen. Durch das Regulierungspaket würde der Stromaustausch in der EU optimiert und Preisunterschiede zwischen den Ländern reduziert werden. Nach dem Scheitern der Verhandlungen über das Rahmenab­kommen ist der Abschluss eines Strom­abkommens mit der EU, das die Schweiz in den europäischen Strommarkt einbinden würde, in den Hintergrund gerückt. Hier steht die Schweizer Europapolitik vor ­einer gewissen Gratwanderung.

Selbst wenn der Ausbau der erneuerbaren Energien gelingen sollte, müssten wir hierzulande im Winterhalbjahr signifikante Mengen an Strom importieren, um die Nachfrage decken zu können. Das vor dem Hintergrund einer europäischen Energiewende, die Strom vermutlich in ganz Europa zum knappen Gut macht und damit den Spielraum für Importe verkleinert. Gelingt es nicht, die Kapazitäten zeitnah der Nachfrage anzupassen, könnte der Schweiz daraus ein Wett­bewerbsnachteil erwachsen. Denn in ­einer digitalen Gesellschaft ist gerade die Wirtschaft auf eine zuverlässige Stromversorgung angewiesen.

Lohnende Investitionen in die Zukunft

An diesem Punkt weist Bee auf Alterna­tiven hin: «Die Versorgungssicherheit kann nicht nur durch einen Ausbau der Kapazität verbessert werden, sondern auch durch eine Reduktion des Verbrauchs, das Energiesparen.» Deswegen bedürfe es gerade jetzt Investitionen zur Steigerung der Energieeffizienz, wie ­etwa umweltfreundliches Sanieren von Immobilien. «Durch die Dämmung von Fassaden, Dächern und Fenstern können deutlich Energie und Kosten eingespart werden, aber auch der Einbau von Solaranlagen kann langfristig ein lohnendes Investment sein», sagt Bee.

Deklaration: Dieser Inhalt wurde vom Sustainable Switzerland Editorial Team im Auftrag von UBS erstellt.

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