Logo image

Sustainable Switzerland Forum

21. Oktober 2026, THE HALL

Thinking ahead – am SSF26

Seien Sie dabei.

Jetzt Ticket sichern
Versunkenes Haus in Blatten, im neuen See, der unmittelbar dem Bergsturz entstand.Keystone/Laurent Gillieron
Versunkenes Haus in Blatten, im neuen See, der unmittelbar dem Bergsturz entstand.Keystone/Laurent Gillieron

Nach dem Berg kam das Wasser: Versunkenes Haus in Blatten, im neuen See der unmittelbar nach dem Bergsturz vom 28. Mai 2025 entstand. Bild: Keystone

Lebensräume

Ein Jahr nach Blatten. Wer zahlt für den Millionenschaden?

Am 28. Mai 2025 begrub ein Felssturz das Walliser Dorf Blatten unter sich - es entstand ein Schaden von rund 320 Millionen Franken. Wie reagieren Versicherungen auf steigende Schäden durch Naturkatastrophen? Und welche Verantwortung liegt beim Bund und beim Einzelnen?

0

Teilen
Hören
Logo image

Ein Jahr nach Blatten. Wer zahlt für den Millionenschaden?

Teilen
Hören

6 Min.  •   • 

Die Bewohnerinnen und Bewohner von Blatten hatten vor einem Jahr Glück: das Frühwarnsystem hatte funktioniert, sie wurden rechtzeitig evakuiert. Was blieb, war der Schaden. Und der war so enorm, dass selbst gestandene Versicherungsleute schluckten.

Das Prinzip der doppelten Solidarität

Dies, obwohl die Schweiz über ein vorbildliches, international gelobtes Versicherungsmodell verfügt. Der sogenannte Elementarschadenpool, 1936 gegründet, ist ein Zusammenschluss der zwölf grössten privaten Versicherungsgesellschaften in der Schweiz, die Elementarschadenversicherungen anbieten. Diese Versicherungen verhalten sich untereinander solidarisch: Wenn irgendwo in der Schweiz eine grosse Naturkatastrophe geschieht, trägt nicht nur der Versicherer dieser Region den Schaden, sondern alle Mitglieder des Elementarschadenpools, proportional zu ihrem Marktanteil.

Doppelt nennt sich diese Solidarität, weil nicht nur Versicherer untereinander solidarisch sind, sondern auch die Versicherten untereinander. Das Schweizer Gesetz verbietet es sogar ausdrücklich, in besonders gefährdeten Gebieten höhere Prämien zu verlangen. So zahlen alle dieselbe Versicherungsprämie, ob ihr Haus nun an einem rutschenden Hang steht, in einem Überschwemmungsgebiet oder auf einem Hügel im «sicheren» Mittelland.

Im Fall von Blatten kam aber auch der Elementarschadenpool an seine Grenzen. Der Felssturz allein übertraf die gesamte jährliche Durchschnittssumme des Pools. Eduard Held, Geschäftsführer des Elementarschadenpools, sprach von einem Ereignis, «für das es in der Schadenhistorie der Privatversicherer seit über 70 Jahren kaum Vergleiche gibt».

Das weltweit einzigartige Schweizer Versicherungssystem fusst auf Solidarität und macht uns resilient für den Wiederaufbau nach Katastrophen – hier in Blatten im September 2025. Bild: Keystone/Laurent Gillieron

Ein System, das hält – noch

Und diese Ereignisse nehmen statistisch gesehen zu: Helvetia Schweiz hat kürzlich ausgewertet, wie sich Naturschäden zwischen 1990 und 2024 entwickelt haben. Das Ergebnis: Die Zahl der gemeldeten Schadenfälle stieg in den letzten zehn Jahren im Vergleich zur ersten Dekade der Messreihe um 126 Prozent. Adrian Kollegger, Mitglied der Geschäftsleitung von Helvetia Schweiz, sagte dazu in einer Medienmitteilung vom 26. Juni 2025: «Wir erwarten, dass die Schadensummen infolge des Klimawandels künftig weiter ansteigen werden.» Neben wegen der Erwärmung häufigeren und intensiveren Stürmen sieht er vor allem das Abschmelzen des Permafrosts im Alpenraum als grundlegendes Problem, das die Bedrohungslage in vielen Gebieten verschärft.

Die Zahlen der letzten Jahre sprechen eine deutliche Sprache: Der Elementarschadenpool benötigte 2023 rund 470 Millionen Franken – das teuerste Jahr seit 2005. 2024 folgten 300 Millionen, ausgelöst hauptsächlich durch schwere Überschwemmungen in Wallis und Tessin. Und 2025 überholte Blatten mit 320 Millionen Franken alleine schon die jährliche Durchschnittssumme. Dies ist eine Serie, kein Ausreisser.

Die dritte Schutzschicht unter Druck

Die Versicherungen zahlen diesen Elementarschadenpool nicht aus der eigenen Portokasse. Hinter den beteiligten Erstversicherern wie Zürich, Helvetia, Mobiliar, AXA und Co. steht ein drittes System: die Rückversicherung, also die Versicherung der Versicherer. Rückversicherungen übernehmen einen Teil der Katastrophenrisiken, damit eine grössere Katastrophe wie der Felssturz von Blatten die Erstversicherer nicht in die Knie zwingt.

Einer der grössten Akteure weltweit in diesem Feld ist die Swiss Re mit Hauptsitz in Zürich. Wenn irgendwo auf der Welt ein Hurrikan ein Dorf verwüstet oder ein Erdbeben eine Stadt erschüttert, wird die Swiss Re mit hoher Wahrscheinlichkeit aktiv.

Was in der Schweiz im Elementarschadenpool offensichtlich wird, verzeichnet auch die Swiss Re: Der Rückversicherungsriese rechnet gemäss sienem hauseigenen aktuellen Sigma-Bericht Institute vom März 2026 langfristig mit einem Anstieg der weltweit versicherten Naturkatastrophenschäden von fünf bis sieben Prozent pro Jahr.

Die Folge sind Preisanpassungen wegen der steigenden Schadenssummen. In den vergangenen Jahren sind die Rückversicherungsprämien kräftig gestiegen. Für die Erstversicherer wie Mobiliar, Zürich, Helvetia oder Axa bedeutet das höhere Kosten. Und diese Kosten müssen irgendwoher gedeckt werden.

Grossgeschriebenes Solidaritätsprinzip: Nach dem Unwetter vom 21. Juni 2024 im Misox halfen rund 150 Freiwillige bei der Räumung von Trümmern auf Wiesen und Feldern. Bild: Keystone/Ti-Press/Samuel Golay

Was beim Normalbürger ankommt

Für Hausbesitzerinnen und Mieter in der Schweiz sind diese Kosten bisher nur moderat spürbar. Das Solidaritätsmodell federt steigende Schäden ab, ohne dass Bewohnerinnen exponierter Lagen plötzlich unerschwingliche Prämien bezahlen müssen. Dass die Versicherungsprämien im Sachversicherungsbereich – also bei Versicherungen für Gebäude, Hausrat und Fahrzeuge – im Jahr 2025 überdurchschnittlich um 4.4 Prozent stiegen, liegt schlicht daran, dass Bauen und Renovieren teurer geworden ist. Das gestiegene Risiko für Naturkatastrophen ist also in den Prämien noch gar nicht abgebildet.

Hinzu kommen Lücken im System, die wenig bekannt sind. Für Erdbebenschäden etwa steht ein gesamtschweizerischer Fonds von lediglich zwei Milliarden Franken zur Verfügung, und der Selbstbehalt im Schadensfall beträgt jeweils mindestens 50 000 Franken für die Betroffenen. Ausserdem ist der Boden grundsätzlich nicht versichert. In Blatten liegt dort, wo heute der Schuttkegel ruht, Land, das niemand versichert hatte und für das niemand entschädigen wird.

Stefan Mäder, Präsident des Schweizerischen Versicherungsverbands und ehemaliges Mitglied des Verwaltungsrats der Mobiliar, brachte es im November 2025 in einem SRF-Interview auf den Punkt: «An manchen Orten werden Versicherungen natürlich auch keine Versicherung mehr anbieten können.» Es ist ein Satz, der selten so direkt ausgesprochen wird, der aber klar benennt, was in der Branche längst ein offenes Geheimnis ist: Die Versicherbarkeit hat Grenzen, und der Klimawandel verschiebt diese Grenzen.

Prävention als einzige nachhaltige Antwort

Was tun also Versicherer, um dem entgegenzuwirken? Die Branche setzt zunehmend auf Prävention. Die Mobiliar etwa finanziert das Mobiliar Lab für Naturrisiken an der Universität Bern, das untersucht, wie sich Hochwasser- und Erdrutschrisiken besser modellieren und kommunizieren lassen. Der Grundgedanke: Statt nur Schäden zu bezahlen, soll verhindert werden, dass sie entstehen. Daneben unterstützt die Mobiliar sogenannte Schwammstadtprojekte, also Massnahmen in Städten und Gemeinden, die bei Starkregen dafür sorgen, dass Wasser langsamer abfliesst und nicht unkontrolliert in Keller und Strassen eindringt.

Auch der Schweizerische Versicherungsverband arbeitet mit dem Bundesamt für Umwelt an Gefahrenkarten für Oberflächenabflüsse nach Starkniederschlägen. Das Ziel ist es, Risiken bereits sichtbar zu machen, bevor sie zu Schäden werden. Denn je besser gefährliche Lagen kartiert sind, desto gezielter können Raumplanung, Bauvorschriften und Schutzbauten auf Risiken reagieren.

Eugenia Cacciatori, Professorin an der Bayes Business School in London, sieht im Schweizer Modell genau deshalb einen besonderen Anreiz: Weil Versicherer die Prämien nicht je nach Risikolage erhöhen dürfen, haben sie ein starkes Eigeninteresse daran, in Prävention zu investieren, denn weniger Schaden bedeutet weniger Kosten, auch für sie. In Ländern, wo Hochrisikolagen schlicht teurer versichert werden können, fällt dieser Anreiz weg.

Wie zukunftsträchtig ist das Schweizer Modell?

Im internationalen Vergleich steht die Schweiz also gut da: Nur rund ein Viertel der Schäden durch Naturkatastrophen sind hierzulande nicht versichert. Dies ist einer der niedrigsten Werte weltweit; global gesehen bleiben im Schnitt 43 Prozent solcher Schäden ungedeckt. Doch die Versicherer stehen unter Druck. Und das solidarische System funktioniert nur so lange, wie auch internationale Konzerne wie AXA, Zurich oder Allianz sich am Elementarschadenpool beteiligen.

Was muss also geschehen, damit das Modell hält? Die Antwort liegt nicht allein bei den Versicherungen. Der wirksamste Hebel ist laut dem Bundesamt für Umwelt BAFU die Raumplanung: das konsequente Meiden gefährlicher Lagen, bevor dort gebaut wird. Die Schweiz verfügt dafür über sogenannte Gefahrenkarten, die für jede Gemeinde ausweisen, wo Hochwasser, Erdrutsche oder Felsstürze drohen. In der roten Zone, also bei erheblicher Gefährdung, dürfen keine neuen Bauzonen ausgeschieden werden, und neue Gebäude sollen dort grundsätzlich nicht erstellt werden. Das Problem: Rund 20 bis 25 Prozent der bestehenden Bauzonen in der Schweiz befinden sich bereits in Gefahrengebieten. Zudem verschiebt die Klimaerwärmung die Gefahrenzonen laufend.

Aber nicht nur der Bund, auch die Gemeinden sind in der Pflicht: Die Gefahrenkarten müssen laut dem Bundesrat aktualisiert und in der Raumplanung flächendeckend berücksichtigt werden. Geschieht dies nicht konsequent, etwa weil politischer Druck besteht, bestehende Siedlungen nicht umzuzonen, landen die Folgekosten letztlich beim Versicherungssystem, das die Kosten schliesslich auf die Prämien für alle überwälzt.

Eine weitere Rolle spielt die Eigenverantwortung der Hausbesitzerinnen und -besitzer. Etwa zwei Drittel aller Gebäude in der Schweiz sind potenziell von oberflächig abfliessenden Starkniederschlägen betroffen, also von Regenwasser, das bei extremen Gewittern in Keller und Erdgeschosse fliesst. Einfache bauliche Massnahmen wie abgedichtete Lichtschächte, Rückstauklappen in Abwasserleitungen oder erhöhte Eingangsschwellen können solche Schäden erheblich reduzieren – und kosten wenig im Vergleich zu dem, was ein Wasserschaden im Keller anrichtet.

Das Schweizer Modell ist zwar robust. Aber seine Robustheit hängt nicht nur von Versicherungsverträgen ab. Sie hängt auch davon ab, ob Bund, Kantone, Gemeinden und Einzelpersonen die Risiken ernst nehmen bevor der nächste Berg ein Dorf begräbt.

Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

11 - Nachhaltige Städte und Gemeinde

Werbung

Beliebteste Artikel

Empfohlene Artikel für Sie

Flutkatastrophe in Bad Neuenahr-Ahrweiler
Klima & Energie

Wetterkatastrophen richten immer teurere Schäden an – der Klimawandel ist dafür aber nicht die Hauptsache

Foto: Adobe Stock
Wirtschaft

Katalysatoren der Klimawende

Versicherer sind der Nachhaltigkeit verpflichtet
Wirtschaft

Versicherer sind der Nachhaltigkeit verpflichtet

Ähnliche Artikel

Versunkenes Haus in Blatten, im neuen See, der unmittelbar dem Bergsturz entstand.Keystone/Laurent Gillieron
Lebensräume

Ein Jahr nach Blatten. Wer zahlt für den Millionenschaden?

Schadenexperten der Mobiliar beim Rechnen nach einer Lawine bei Melchtal, Februar 1942.
Gesellschaft

200 Jahre engagiert: Gemeinsinn als Prinzip

Unter 28 OECD-Staaten liegt die Schweiz im ESG-Ranking auf Platz acht.
Wirtschaft

Schweiz auf Kurs im ESG-Gegenwind