Was beim Normalbürger ankommt
Für Hausbesitzerinnen und Mieter in der Schweiz sind diese Kosten bisher nur moderat spürbar. Das Solidaritätsmodell federt steigende Schäden ab, ohne dass Bewohnerinnen exponierter Lagen plötzlich unerschwingliche Prämien bezahlen müssen. Dass die Versicherungsprämien im Sachversicherungsbereich – also bei Versicherungen für Gebäude, Hausrat und Fahrzeuge – im Jahr 2025 überdurchschnittlich um 4.4 Prozent stiegen, liegt schlicht daran, dass Bauen und Renovieren teurer geworden ist. Das gestiegene Risiko für Naturkatastrophen ist also in den Prämien noch gar nicht abgebildet.
Hinzu kommen Lücken im System, die wenig bekannt sind. Für Erdbebenschäden etwa steht ein gesamtschweizerischer Fonds von lediglich zwei Milliarden Franken zur Verfügung, und der Selbstbehalt im Schadensfall beträgt jeweils mindestens 50 000 Franken für die Betroffenen. Ausserdem ist der Boden grundsätzlich nicht versichert. In Blatten liegt dort, wo heute der Schuttkegel ruht, Land, das niemand versichert hatte und für das niemand entschädigen wird.
Stefan Mäder, Präsident des Schweizerischen Versicherungsverbands und ehemaliges Mitglied des Verwaltungsrats der Mobiliar, brachte es im November 2025 in einem SRF-Interview auf den Punkt: «An manchen Orten werden Versicherungen natürlich auch keine Versicherung mehr anbieten können.» Es ist ein Satz, der selten so direkt ausgesprochen wird, der aber klar benennt, was in der Branche längst ein offenes Geheimnis ist: Die Versicherbarkeit hat Grenzen, und der Klimawandel verschiebt diese Grenzen.
Prävention als einzige nachhaltige Antwort
Was tun also Versicherer, um dem entgegenzuwirken? Die Branche setzt zunehmend auf Prävention. Die Mobiliar etwa finanziert das Mobiliar Lab für Naturrisiken an der Universität Bern, das untersucht, wie sich Hochwasser- und Erdrutschrisiken besser modellieren und kommunizieren lassen. Der Grundgedanke: Statt nur Schäden zu bezahlen, soll verhindert werden, dass sie entstehen. Daneben unterstützt die Mobiliar sogenannte Schwammstadtprojekte, also Massnahmen in Städten und Gemeinden, die bei Starkregen dafür sorgen, dass Wasser langsamer abfliesst und nicht unkontrolliert in Keller und Strassen eindringt.
Auch der Schweizerische Versicherungsverband arbeitet mit dem Bundesamt für Umwelt an Gefahrenkarten für Oberflächenabflüsse nach Starkniederschlägen. Das Ziel ist es, Risiken bereits sichtbar zu machen, bevor sie zu Schäden werden. Denn je besser gefährliche Lagen kartiert sind, desto gezielter können Raumplanung, Bauvorschriften und Schutzbauten auf Risiken reagieren.
Eugenia Cacciatori, Professorin an der Bayes Business School in London, sieht im Schweizer Modell genau deshalb einen besonderen Anreiz: Weil Versicherer die Prämien nicht je nach Risikolage erhöhen dürfen, haben sie ein starkes Eigeninteresse daran, in Prävention zu investieren, denn weniger Schaden bedeutet weniger Kosten, auch für sie. In Ländern, wo Hochrisikolagen schlicht teurer versichert werden können, fällt dieser Anreiz weg.
Wie zukunftsträchtig ist das Schweizer Modell?
Im internationalen Vergleich steht die Schweiz also gut da: Nur rund ein Viertel der Schäden durch Naturkatastrophen sind hierzulande nicht versichert. Dies ist einer der niedrigsten Werte weltweit; global gesehen bleiben im Schnitt 43 Prozent solcher Schäden ungedeckt. Doch die Versicherer stehen unter Druck. Und das solidarische System funktioniert nur so lange, wie auch internationale Konzerne wie AXA, Zurich oder Allianz sich am Elementarschadenpool beteiligen.
Was muss also geschehen, damit das Modell hält? Die Antwort liegt nicht allein bei den Versicherungen. Der wirksamste Hebel ist laut dem Bundesamt für Umwelt BAFU die Raumplanung: das konsequente Meiden gefährlicher Lagen, bevor dort gebaut wird. Die Schweiz verfügt dafür über sogenannte Gefahrenkarten, die für jede Gemeinde ausweisen, wo Hochwasser, Erdrutsche oder Felsstürze drohen. In der roten Zone, also bei erheblicher Gefährdung, dürfen keine neuen Bauzonen ausgeschieden werden, und neue Gebäude sollen dort grundsätzlich nicht erstellt werden. Das Problem: Rund 20 bis 25 Prozent der bestehenden Bauzonen in der Schweiz befinden sich bereits in Gefahrengebieten. Zudem verschiebt die Klimaerwärmung die Gefahrenzonen laufend.
Aber nicht nur der Bund, auch die Gemeinden sind in der Pflicht: Die Gefahrenkarten müssen laut dem Bundesrat aktualisiert und in der Raumplanung flächendeckend berücksichtigt werden. Geschieht dies nicht konsequent, etwa weil politischer Druck besteht, bestehende Siedlungen nicht umzuzonen, landen die Folgekosten letztlich beim Versicherungssystem, das die Kosten schliesslich auf die Prämien für alle überwälzt.
Eine weitere Rolle spielt die Eigenverantwortung der Hausbesitzerinnen und -besitzer. Etwa zwei Drittel aller Gebäude in der Schweiz sind potenziell von oberflächig abfliessenden Starkniederschlägen betroffen, also von Regenwasser, das bei extremen Gewittern in Keller und Erdgeschosse fliesst. Einfache bauliche Massnahmen wie abgedichtete Lichtschächte, Rückstauklappen in Abwasserleitungen oder erhöhte Eingangsschwellen können solche Schäden erheblich reduzieren – und kosten wenig im Vergleich zu dem, was ein Wasserschaden im Keller anrichtet.
Das Schweizer Modell ist zwar robust. Aber seine Robustheit hängt nicht nur von Versicherungsverträgen ab. Sie hängt auch davon ab, ob Bund, Kantone, Gemeinden und Einzelpersonen die Risiken ernst nehmen bevor der nächste Berg ein Dorf begräbt.