Die direkte Demokratie der Schweiz verlangt von Bürgerinnen und Bürgern, Verantwortung für die Gestaltung ihrer Städte zu übernehmen. Wenn eine Änderung der Tramlinie eine Reihe jahrhundertealter Platanen bedroht oder eine Strassenumgestaltung jene Parkplätze entfernt, um die herum Anwohner ihren Alltag organisiert haben, wird Politik plötzlich sehr persönlich. Die Vorteile hingegen sind oft schwer vorstellbar: warum eine schmalere Strasse den Verkehr beruhigen kann oder weshalb wasserdurchlässiger «Schwammbelag» Überschwemmungen und Hitzestress reduziert. Diese Effekte sind manchmal indirekt und kontraintuitiv. Dennoch erwartet die klassische Planungskommunikation, dass Bürgerinnen und Bürger solche Zusammenhänge anhand einer städtischen Website und einiger Visualisierungen erfassen. Innerhalb weniger Minuten sollen sie die komplexe räumliche Logik verstehen, an der Planerinnen, Architekten und Ingenieure monatelang gearbeitet haben – und diese auf ihren eigenen Alltag und ihr Quartier beziehen.
An der ETH Zürich wollten Forschende herausfinden, ob digitale Immersion Bürgerinnen und Bürger dabei unterstützen kann, Nachhaltigkeitsprojekte besser zu verstehen und fundierter darüber zu diskutieren. Gemeinsam mit einer fotorealistischen 3D-Visualisierung des Place de la Cathédrale in Lausanne, bereitgestellt von Uzufly, wurde die geplante Umgestaltung der nahegelegenen Avenue d’Echallens integriert: mehr Bäume, Velowege, Verkehrsberuhigung, wasserdurchlässige Beläge – und den Wegfall einer Reihe von Parkplätzen. Unter den 195 Teilnehmenden war gerade die Abschaffung der Parkplätze der unpopulärste Aspekt. Genau deshalb eignete sich das Projekt besonders gut als Testfall.
Eine Strasse im Kopf entstehen lassen
Die Hälfte der Teilnehmenden – die Kontrollgruppe – begegnete dem Projekt so, wie es heute meist geschieht: über eine Website mit Texten und Bildern. Die andere Hälfte absolvierte einen zehnminütigen virtuellen Spaziergang aus der Ich-Perspektive entlang von sechs Stationen der neugestalteten Strasse. Soundeffekte und ein Erzähler wiesen auf Details hin: den Velostreifen am Strassenrand, Menschen vor einer Crêperie oder den wasserdurchlässigen Belag unter den Füssen.
Der Rundgang basierte auf gut erforschten Erkenntnissen der Gedächtnispsychologie: Informationen bleiben besser in Erinnerung, wenn sie mit konkreten Orten verbunden und in einzelne Episoden gegliedert werden. Viele kennen dieses Phänomen aus dem Alltag – etwa wenn man sich an einen Podcast erinnert, sobald man wieder an derselben Strassenecke vorbeikommt.
Wichtig ist: Der sachliche Inhalt war für beide Gruppen identisch. Nur die Art der Vermittlung war unterschiedlich.
Wenn Bilder Wissen verankern
Das erste Ergebnis war eindeutig: Teilnehmende des virtuellen Rundgangs erinnerten sich besser an das Projekt. Sie schrieben längere Antworten, verwendeten häufiger die Fachbegriffe des Projekts und konnten sich deutlich öfter an konkrete Zahlen und die dazugehörigen Bilder und Metaphern erinnern.
Das deutlichste Beispiel betraf den porösen Belag, den der Erzähler als geeignet beschrieb, um mehrere tausend Liter Regenwasser zu speichern – «etwa zehn Badewannen voll». Genau dieses Bild blieb vielen Teilnehmenden im Gedächtnis.
Das klingt zunächst wenig überraschend. Bilder und Videos wirken unmittelbarer als Text. Überraschend war vielmehr, wofür diese zusätzliche Erinnerung genutzt wurde.
Derselbe Chatbot, unterschiedliche Gespräche
Nachdem die Teilnehmenden das Projekt kennengelernt hatten, begegneten sie zwei KI-Begleitern, beide basierend auf ChatGPT.
Die erste, Flo, war eine faktengebundene Assistentin. Sie durfte ausschliesslich Informationen verwenden, die in den offiziellen Planungsunterlagen enthalten waren. Fragte jemand etwa, ob die Umgestaltung die Steuern erhöhen würde, und die Dokumente enthielten dazu keine Angaben, antwortete Flo genau das.
Der zweite, Gustavo, war hingegen ein deliberativer Gesprächspartner. Er stellte strukturierte Rückfragen, um Teilnehmende dazu anzuregen, ihre eigenen Argumente zu reflektieren, Zielkonflikte abzuwägen und andere Perspektiven einzubeziehen. Wie Flo durfte auch er keine Fakten erfinden oder eigene Meinungen äussern. Überraschend war, wie unterschiedlich Gustavo je nach vorheriger Projekterfahrung genutzt wurde.