Drama in der Ostsee: Antworten auf die wichtigsten Fragen zum gestrandeten Wal
Die Chancen für den Buckelwal stehen schlecht, er ist krank und geschwächt.
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Als der Buckelwal vor Niendorf strandete, untersuchten ihn Helfer. Bild: Imago
Die Chancen für den Buckelwal stehen schlecht, er ist krank und geschwächt.
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5 Min. • • Stephanie Lahrtz, Martin Amrein, «Neue Zürcher Zeitung»
Das Schicksal des in der Ostsee herumirrenden Buckelwals bewegt viele Menschen. Seit Mitte März ist das Tier mehrfach auf verschiedenen Sandbänken gestrandet. Inzwischen hat er den Namen Timmy erhalten. Ist er zu krank und zu geschwächt, um wieder zurück in den Atlantik zu schwimmen? Und warum kam er überhaupt in die Ostsee? Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Warum schwamm der Wal in die Ostsee?
Vermutlich ist Timmy bei seiner Wanderung schlicht falsch abgezweigt. Denn Buckelwale bevorzugen eigentlich das offene Meer, wobei sie in allen Ozeanen weltweit vorkommen. Auf ihrem Weg in nördliche Gewässer bei Norwegen schwimmen sie auch durch die Nordsee. Hin und wieder kommt es vor, dass Buckelwale dabei in die Ostsee gelangen, etwa wenn sie Fischschwärmen folgen. Hier ist der Lebensraum durch das seichte Wasser mit niedrigem Salzgehalt für sie aber nicht ideal.
Seit Anfang März ist der Wal immer wieder an der Ostseeküste aufgetaucht. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Sicher ist: Der Wal hatte sich in einem Netz verfangen, Tierschützer haben Teile davon vom Tier entfernt. Der Wal ist also geschwächt. Manche Experten gehen davon aus, dass er deshalb bewusst das seichte Wasser aufsucht, weil er schlicht nicht mehr genug Kraft zum Schwimmen hat. Andere vermuten, dass er sich in den Untiefen der Ostsee verirrt hat.
Wie orientieren sich Buckelwale?
Buckelwale nutzen vermutlich das Magnetfeld der Erde und Meeresströmungen, um sich auf ihren Wanderungen zurechtzufinden. Damit unterscheiden sie sich von Zahnwalen wie Delfinen und den in der Ostsee heimischen Schweinswalen, die sich auf Echoortung verlassen. Forscher gehen aber davon aus, dass sich Buckelwale auch visuell orientieren: Sie achten auf den Sonnenstand und schwimmen auf Sicht. Im trüben Flachwasser der Ostsee ist das schwierig.
Ist der Wal krank?
Ja. Seine Haut ist von Pilzen besiedelt, entzündet und stellenweise aufgeplatzt. Das macht sie löchrig, so dass Viren und Bakterien aus dem Meerwasser eindringen können. Das kann zu schweren Infektionen führen. Unklar ist, ob Timmy schon mit verpilzter Haut in die Ostsee kam. Das tagelange Liegen im seichten Wasser, wo der Rücken Sonne und Wind ausgesetzt war, sowie der geringe Salzgehalt der Ostsee haben in jedem Fall den Zustand verschlimmert.
Die Haut des Wals in der Ostsee ist sichtbar geschädigt. Bild: Imago
Mittlerweile hat der Wal eine reduzierte Atemfrequenz und bewegt sich kaum noch. Zudem hängt aus seinem Maul immer noch ein Stück Seil heraus. Möglicherweise ist seine Speiseröhre verstopft und er kann deshalb nicht mehr fressen.
Welche Rettungsmöglichkeiten gibt es?
Alle zielen darauf ab, dass Timmy von selber schwimmt. Um einem gestrandeten Wal dabei zu helfen, dass er von der Sandbank oder dem Strand alleine wegschwimmen kann, graben die Retter eine Rinne. Zudem soll er durch Lärm motiviert werden, loszuschwimmen. Danach kann man das Tier in gebührendem Abstand mit Booten begleiten und ihm so den Weg weisen. Da Wale aber immer wieder abtauchen, können sie jederzeit unter den Booten abdrehen und sich eigene Wege suchen. Genau das hat der Wal in der Ostsee nach der ersten Befreiung getan.
Wale sind sehr schwer, ein gesunder Buckelwal wiegt 25 bis 30 Tonnen. Auch wenn der Wal in der Ostsee mittlerweile etwas leichter sein dürfte: Sobald er mit seinem vollen Gewicht auf einer festen Unterlage liegt, erstickt er. Man kann ihn also nicht auf Planken hieven und aus der Ostsee ziehen. Unrealistisch ist auch eine Rettung, wie sie der Orca im Film «Free Willy» erlebt hat: Ein Kran hebt das Tier in einem Tuch hoch und lässt es in ein Wasserbassin auf einem Lastwagen gleiten. Eine solche Prozedur ist sehr stressig für einen Wal – und für einen mit einer entzündeten Haut lebensgefährlich.
Eine Rettung ist belastend – sollte man das Tier sterben lassen?
Möglicherweise wäre es das Beste. Denn Rettungsaktionen sind immer mit viel Stress für das Tier verbunden. Wale sind sehr lärmempfindlich, Bagger- und Bootsgeräusche können das Gehör dauerhaft schädigen. Auch die Berührungen von Menschen sind eine Belastung. Walforscher sagen, dass solch eine aufwendige und eben stressige Rettung nur dann gerechtfertigt sei, wenn ein gestrandetes Tier jung und gesund sei.
Wie könnte man dem Tier Leid ersparen?
Ein Tier sterben zu sehen, macht uns Menschen traurig. Wir wollen helfen. Wenn wir es nicht retten können, dann wollen wir es wenigstens sanft einschläfern. Doch laut Walforschern gibt es keine verlässliche Methode für Wale. Bisherige Versuche mit Medikamenten hätten zu tagelangen und gemäss allen Anzeichen auch schmerzvollen Todeskämpfen geführt.
Kommen Strandungen von Walen häufig vor?
Zu Strandungen von Buckelwalen kommt es immer wieder. In letzter Zeit nehmen sie in der Nord- und der Ostsee sogar zu. Ein Grund dafür ist eigentlich positiv: Die Buckelwalpopulation wächst weltweit stetig, weil die Meeressäuger nicht mehr bejagt werden. Wenn es mehr Tiere gibt, steigt auch die Chance auf Sichtungen oder Strandungen an den Küsten.
Dass es zu Strandungen kommt, hat aber auch direkt mit menschlichen Tätigkeiten zu tun. Der Schiffsverkehr in der Nord- und der Ostsee hat zugenommen. Wale können sich durch Kollisionen mit Schiffen verletzen oder sich in Netzen von Fischern verheddern – und verletzte Wale stranden häufiger. Zudem stört das Brummen von Schiffsmotoren oder Baulärm das empfindliche Gehör von Buckelwalen, was sie bei der Orientierung verwirren kann.
Weltweit stranden gemäss Schätzungen jedes Jahr mehrere tausend Wale und Delfine. Neben den bereits genannten Gründen wird auch der Klimawandel diskutiert, der Meeresströmungen verändert. Auch können Sonnenstürme das Magnetfeld der Erde und damit die Orientierung mancher Walarten stören. Zu Massenstrandungen kann es kommen, wenn ein Tier verletzt oder desorientiert ist und ihm andere Wale seiner Gruppe folgen.
Stephanie Lahrtz, Martin Amrein, «Neue Zürcher Zeitung» (01.04.2026)
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