Was verändert sich aufgrund des Klimawandels in Schweizer Städten?
Sascha Roesler: Wir beobachten derzeit, dass viele mitteleuropäische Regionen, darunter auch die Schweiz, schrittweise in eine eher subtropische Klimazone hineinwachsen. Die Schweiz versteht sich aber noch immer als Alpenland mit Schnee und Skisaison, und viele Bauvorschriften sind historisch darauf ausgerichtet, Gebäude im Winter gut zu isolieren. Heutzutage heizen sich Quartiere, Strassen und Plätze im Sommer stark auf und kühlen nachts kaum ab – das belastet Gesundheit und Lebensqualität, besonders für Kinder und ältere Menschen. Das macht umfassende Anpassungen in Baupraxis und Regelwerken nötig.
Was bedeutet dieser Wandel für Architektur und Wohnalltag in der Stadt?
Architektur muss lernen, Innen- und Aussenräume viel stärker zusammen zu denken. Das betrifft neue thermische Standards, andere Verschattungsstrategien, Materialien und Grundrisse – bis hin zu Wohn- und Arbeitsräumen, die ganzjährig flexibel genutzt werden können, weil sie im Winter ohne Überhitzen solar aktiviert und im Sommer wirksam beschattet werden. Zentral ist, dass wir Städte mikroklimatisch planen: Strassenräume, Höfe, Plätze und Freiflächen sollten als gestaltete Mikroklimata verstanden werden, nicht mehr nur als thermisch undifferenzierte Restflächen zwischen Gebäuden.
Können Sie konkrete Beispiele für solche stadtplanerische Interventionen geben?
Die wirksamsten Hebel sind erstaunlich naheliegend: Zentral ist, dass man möglichst vor der direkten Sonneneinstrahlung geschützt wird. Das bedeutet die Verschattung der Aussenräume durch Gebäude, Pergolas und Bäume. Dazu kommen Wasser im Stadtraum, weniger versiegelte Flächen und mehr Grün auf Dächern und Fassaden. Ein einziger grosser Baum kann die gefühlte Temperatur im Schattenbereich um mehrere Grad senken, während ein dunkler Asphaltplatz sich bis weit über 50 Grad aufheizen kann. Entsiegelt man Flächen, pflanzt Bäume und kombiniert das mit Wasser, etwa einem Brunnen, Wasserspiel oder einem flachen Wasserfilm, wie auf der Place de la République in Paris, entstehen Orte, die selbst an Hitzetagen noch gerne genutzt werden. In diesem Zusammenhang liesse sich von der bewussten Schaffung von «thermischen Orten» sprechen – ein Ausdruck der amerikanischen Architektin Lisa Heschong.
Welche städtebaulichen Instrumente braucht es dafür in der Schweiz?
Wir brauchen eine breitere Palette an Regulierungen, die Mikroklima explizit adressieren, etwa Mindestanteile an Bäumen oder Begrünung, Regeln für durchlässige Beläge oder Vorgaben zu Verschattungselementen im öffentlichen Raum. Gleichzeitig müssen Planungsinstrumente Innen- und Aussenräume koppeln: Es geht nicht nur um energetische Effizienz im Gebäudeinnern, sondern auch um das angrenzende Mikroklima. Dieses umfassendere Verständnis von Klimaregulierung in Städten nennen wir «Thermal Governance».