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Sascha Roesler
Sascha Roesler

Sascha Roesler erklärt im Interview, was die Schweiz von Städten wie Singapur lernen kann. Bild: Katja Jug

Lebensräume

«Wir müssen beginnen, den Aussenraum klimatisch mitzuplanen»

Sascha Roesler, Professor für Architekturtheorie und Urbanisierung spricht morgen am Sustainable Switzerland-Circle-Event. Im Interview erklärt er, welche baulichen Massnahmen Städte angesichts des Klimawandels treffen müssen, und von welchen internationalen Beispielen die Schweiz lernen kann.

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«Wir müssen beginnen, den Aussenraum klimatisch mitzuplanen»

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Was verändert sich aufgrund des Klimawandels in Schweizer Städten?

Sascha Roesler: Wir beobachten derzeit, dass viele mitteleuropäische Regionen, darunter auch die Schweiz, schrittweise in eine eher subtropische Klimazone hineinwachsen. Die Schweiz versteht sich aber noch immer als Alpenland mit Schnee und Skisaison, und viele Bauvorschriften sind historisch darauf ausgerichtet, Gebäude im Winter gut zu isolieren. Heutzutage heizen sich Quartiere, Strassen und Plätze im Sommer stark auf und kühlen nachts kaum ab – das belastet Gesundheit und Lebensqualität, besonders für Kinder und ältere Menschen. Das macht umfassende Anpassungen in Baupraxis und Regelwerken nötig.

Was bedeutet dieser Wandel für Architektur und Wohnalltag in der Stadt?

Architektur muss lernen, Innen- und Aussenräume viel stärker zusammen zu denken. Das betrifft neue thermische Standards, andere Verschattungsstrategien, Materialien und Grundrisse – bis hin zu Wohn- und Arbeitsräumen, die ganzjährig flexibel genutzt werden können, weil sie im Winter ohne Überhitzen solar aktiviert und im Sommer wirksam beschattet werden. Zentral ist, dass wir Städte mikroklimatisch planen: Strassenräume, Höfe, Plätze und Freiflächen sollten als gestaltete Mikroklimata verstanden werden, nicht mehr nur als thermisch undifferenzierte Restflächen zwischen Gebäuden.

Können Sie konkrete Beispiele für solche stadtplanerische Interventionen geben?

Die wirksamsten Hebel sind erstaunlich naheliegend: Zentral ist, dass man möglichst vor der direkten Sonneneinstrahlung geschützt wird. Das bedeutet die Verschattung der Aussenräume durch Gebäude, Pergolas und Bäume. Dazu kommen Wasser im Stadtraum, weniger versiegelte Flächen und mehr Grün auf Dächern und Fassaden. Ein einziger grosser Baum kann die gefühlte Temperatur im Schattenbereich um mehrere Grad senken, während ein dunkler Asphaltplatz sich bis weit über 50 Grad aufheizen kann. Entsiegelt man Flächen, pflanzt Bäume und kombiniert das mit Wasser, etwa einem Brunnen, Wasserspiel oder einem flachen Wasserfilm, wie auf der Place de la République in Paris, entstehen Orte, die selbst an Hitzetagen noch gerne genutzt werden. In diesem Zusammenhang liesse sich von der bewussten Schaffung von «thermischen Orten» sprechen – ein Ausdruck der amerikanischen Architektin Lisa Heschong.

Welche städtebaulichen Instrumente braucht es dafür in der Schweiz?

Wir brauchen eine breitere Palette an Regulierungen, die Mikroklima explizit adressieren, etwa Mindestanteile an Bäumen oder Begrünung, Regeln für durchlässige Beläge oder Vorgaben zu Verschattungselementen im öffentlichen Raum. Gleichzeitig müssen Planungsinstrumente Innen- und Aussenräume koppeln: Es geht nicht nur um energetische Effizienz im Gebäudeinnern, sondern auch um das angrenzende Mikroklima. Dieses umfassendere Verständnis von Klimaregulierung in Städten nennen wir «Thermal Governance».

Prof. Dr. Sascha Roesler ist Architekt und Stadtforscher. Er hält eine Professur für die Theorie der Urbanisierung und urbaner Umwelten an der Accademia di Architettura in Mendrisio (TI). Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Frage, wie Gebäude und Städte an den Klimawandel angepasst werden können, wie sich also Anpassungsmassnahmen und Urbanisierungsprozesse wechselseitig beeinflussen.

Gibt es internationale Beispiele, von denen Schweizer Städte lernen können?

Viele Städte arbeiten derzeit intensiv an Entsiegelung und Begrünung: In Paris wurden unter der Bürgermeisterin Anne Hidalgo Strassenräume und Dächer systematisch umgestaltet, um neue grüne Inseln und kühlere Stadträume zu schaffen. Singapur wiederum zeigt, wie stark gesetzliche Vorgaben etwa zu begrünten Fassaden, Dächern oder ganzen Stockwerken in Hochhäusern, die begrünter öffentlicher Raum sind, sogenannte «skyrise greenery», das Mikroklima beeinflussen können – obwohl dort der Konflikt zwischen Privateigentum und öffentlichem Interesse besonders deutlich wird. Solche Beispiele machen sichtbar, dass Mikroklima gestaltbar ist und dass Architektur, Planung und Recht gemeinsam daran arbeiten müssen.

Wo stehen Schweizer Städte mit solchen Massnahmen?

Nehmen wir Zürich als Beispiel: Stadt und Kanton experimentieren bereits mit Hitzeminderungsmassnahmen, etwa in Zürich West mit mehr Bäumen, Wasser und Entsiegelung. Solche Projekte zeigen gut, wie sich ein Quartier in wenigen Jahren verändern kann. Der Kanton und die Stadt empfehlen heute, Hitzeschutz bei Neubauten von Anfang an mitzudenken: mit begrünten Dächern, klimaangepassten Fassaden, entsiegelten Flächen und gezielter Beschattung von Wegen, Plätzen und Pausenräumen. Wichtig wäre nun, dass solche Empfehlungen schrittweise zum Standard werden, etwa indem Genossenschaften, Schulen oder öffentliche Bauten als Vorreiter vorangehen und zeigen, wie angenehme, kühle Stadträume der Zukunft aussehen können.

Was können Bewohnerinnen und Bewohner selbst beitragen?

Auch im Kleinen lässt sich viel tun: Wer einen Balkon, Innenhof oder Vorgarten hat, kann auf helle Beläge, Pflanzen und Verschattung setzen statt auf dunkle, versiegelte Flächen. Schon ein schattenspendender Baum im Hof, ein Sonnenschutz oder eine Kletterpflanze an der Fassade können das Mikroklima verbessern und machen den Aussenraum im Sommer nutzbarer. Nicht zuletzt braucht es öffentliche Diskussionen: Wenn bei Quartierplanungen oder Schulneubauten früh die Frage gestellt wird «Wo ist es hier auch an einem Hitzetag noch angenehm?», dann verändert das langfristig, wie wir Städte weiterentwickeln.

Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

11 - Nachhaltige Städte und Gemeinde

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